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Berlin, Charlottenburg-Westend,
Wohnhaus von Dr. Michael Heumann, Terrasse,
Samstag, 2. August, 10:18 Uhr
I sabell rutschte eilig näher an ihre Tochter heran.
»Süße, hast du dich verletzt? Was ist denn mit deinen Händen passiert?« Sie wollte nach den dünnen Ärmchen greifen. Doch ihre Tochter entzog sich ihr und betrachtete ihre Finger, als würde sie sie zum ersten Mal sehen.
»Das ist von Hundi. Der muss ja zum Arzt«, sagte Charlotte wie selbstverständlich.
Isabells Stimme wurde ernst. »Lotte, wo genau ist denn der Hundi?«
Charlotte beugte sich neben der Rattancouch, auf der Isabell gelegen hatte, nach unten, hob ein kleines Fellbündel auf und presste es eng an ihre Brust. Es hinterließ sofort schmierige, bräunliche Spuren auf dem Stoff ihres gelben Sommerkleidchens.
Isabell stand ruckartig auf und ging vor ihrer Tochter in die Hocke. Das helle Fell des Tieres war schmutzig und verschmiert.
Ein Welpe. Vielleicht wurde er angefahren? Könnte ein kleiner Golden Retriever sein, dachte Isabell und wollte das Tier Charlotte behutsam abnehmen, doch diese drehte sich von ihr weg, das Tier immer noch an die Brust gepresst.
»Mama, nicht anfassen. Der hat ganz doll Aua. Der kann nicht mehr laufen. Die Beine sind kaputt.«
Isabell fiel in dieser Sekunde auf, dass die kleinen Beine des Tieres tatsächlich schlaff, seltsam verdreht und kraftlos unter dem Griff ihrer Tochter herunterbaumelten.
»Lass ihn bitte runter, Lotte«, sagte Isabell, die in diesem Moment ein kaum hörbares Fiepen vernahm.
Die Augen des Welpen waren geschlossen, seine Schnauze war blutverschmiert, und lediglich das Pumpen des Atems, das den kleinen Bauch erzittern ließ, gab einen Hinweis drauf, dass das Tier überhaupt noch lebte. Isabell entdeckte ein dünnes hellblaues Halsband. Also gehört er irgendjemandem. Dann sah sie das gefaltete Stück Papier, das hinter dem Halsband auf Höhe des Nackens klemmte.
»Hast du den Zettel da hingesteckt?« Charlotte schüttelte zögerlich den Kopf.
Doch ehe sie weiter darauf eingehen konnte, näherte sich ihr Mann mit knirschenden Schritten über den Kiesweg.
»Was ist denn hier los? Streitet ihr euch?«, fragte er, während er die Stufen zur Terrasse emporkam.
Charlotte plapperte los, bevor ihre Mutter ihr zuvorkommen konnte. »Mama will mir den Babyhund wegnehmen! Aber die Ponys und ich wollen ihn behalten«, empörte sie sich und umschloss das verletzte Tier noch einmal fester mit ihren Armen.
Isabell stöhnte innerlich auf. Es war nicht das erste Mal, dass ihre Tochter Michael gegen sie auszuspielen versuchte. »Das Tier wurde angefahren, schätze ich. Ich weiß nicht, wo Lotte ihn gefunden hat«, sagte sie. »Es steckt ein Zettel unter seinem Halsband.«
Michael runzelte die Stirn.
»Also gut, zeig mal her. Wem gehört er denn? Vielleicht kennen wir die ja. Könnten Nachbarn sein.«
Dann blickte er kurz irritiert auf Charlotte. Offensichtlich hatte er bemerkt, welche Spuren das verletzte Tier auf ihr hinterlassen hatte. Ihr Kleid war im Brustbereich mit Blut verschmiert. Auch an ihrem Hals waren hellrötliche Wischspuren zu sehen.
»Komm, wir gucken ihn uns zusammen mal genauer an«, sagte Michael.
Er ging vor Lotte in die Knie, die nur widerwillig das Tier auf dem Boden absetzte. Das Fiepen wurde lauter, ein dünnes Rinnsal aus Blut und Speichel lief aus dem kleinen Maul, die Atmung des Welpen pumpte jetzt noch heftiger. Er versuchte, sich auf die Beine zu stellen, doch beide Vorderbeine knickten zeitgleich ein, und er blieb erschöpft liegen. Dann hob er das Hinterteil an, doch auch die Hinterbeine versagten kraftlos ihren Dienst. Das Fiepen wurde lauter, schwoll zu einem hochtonigen Wehklagen an.
Isabell erschrak. Es steht nicht gut um den kleinen Kerl, dachte sie. »Die Beine sind gebrochen«, raunte sie ihrem Mann zu, der seine Augenbrauen zusammenzog.
Charlotte reckte neugierig den Hals.
»Der Zettel im Halsband … Vielleicht steht da wirklich der Besitzer drauf. Nun schau schon nach, Michael! Und ich denke, wir sollten sofort die Tierrettung rufen«, sagte Isabell energisch und legte ihrem Mann die Hand auf die Schulter.
Michael erwiderte nichts, sondern fasste mit spitzen Fingern nach dem zusammengefalteten Stück Papier unter dem hellblauen Halsband. Er faltete es auseinander, während Charlotte dem Welpen liebevoll den Kopf streichelte.
Als Erstes sah Isabell die plötzlich zitternden Hände ihres Mannes, dann spürte sie, wie ein leichtes Beben seinen Körper übermannte.
Die Blutschlieren auf dem weißen DIN-A5-Papier bildeten ein bizarres Muster. Isabell verstärkte den Griff ihrer Hand, die immer noch auf der Schulter ihres Mannes ruhte.
Michael zog scharf die Luft durch die Nase ein. Dann atmete er aus, und in das Geräusch der ausströmenden Luft mischte sich ein tiefes Seufzen.
»O nein! Scheiße … Ich …«, entfuhr es ihm.
»Michi, alles in Ordnung?«, fragte sie irritiert.
Doch sie erhielt keine Antwort.
»Papa? Wem gehört der Hund?«, wollte Charlotte wissen.
Ihrem Mann glitt der Zettel aus den Händen, als wäre er plötzlich hundert Kilogramm schwer, und fiel zu Boden.
»Lotte, wo hast du den Hund gefunden?«, fragte Michael jetzt leise. Er schien die Kontrolle über seinen Körper zunehmend zu verlieren. Seine Hände öffneten und schlossen sich schnell, und auf seiner Stirn bildete sich ein feucht glänzender Schweißfilm.
»Der war da hinten. In meiner Höhle, bei den Ponys«, antwortete Lotte und zeigte auf die Rhododendren.
»Was ist denn los, ist dir nicht gut? Was steht auf dem Zettel?«, fragte Isabell.
»Geht ins Haus, sofort!«, japste Michael leise und rang nach Luft.
Isabell nahm ruckartig die Hand von seiner Schulter und hob den Zettel auf. Michael schob seine Tochter bereits in Richtung der Terrassentür.
Isabells Augen sprangen über die schwarzen, mit einem dicken Filzstift geschriebenen Buchstaben. Es waren fremdländische Schriftzeichen, sehr wahrscheinlich arabische. In römischer Schrift war ausschließlich ein Name geschrieben: Amir Saad.
»Komm jetzt!«, schrie ihr Mann beinahe hysterisch.
Isabell blickte schockiert auf den fiependen, schwer verletzten Welpen vor ihr, dem jetzt die Zunge trocken aus dem Mund hing und dessen Lefzen bei jedem Atemstoß heftig zuckten.
Was geschieht hier gerade? Was geschieht denn bloß?
In diesem Moment brach ihr Mann auf der Terrasse zusammen.
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