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Berlin-Grünau,
Wohnhaus von Dr. Fred Abel und Lisa Suttner, Schlafzimmer,
Samstag, 2. August, 10:33 Uhr
L isa war von Stimmen im Haus geweckt worden und hochgeschreckt. Sie hatte schlecht geschlafen. Immer wieder hatte sie für eine Weile wach dagelegen. Immer wieder hatte sich der Gedankenstrudel um ihre Schwangerschaft und ob es wirklich richtig war, Fred unter den jetzigen Umständen immer noch nicht einzuweihen, in ihrem Kopf gedreht und sie am Einschlafen gehindert. Eine gefühlte Ewigkeit hatte sie sich hin und her gewälzt. Zudem war es im Schlafzimmer unerträglich warm gewesen, zumindest hatte es sich so angefühlt. In den frühen Morgenstunden war sie dann doch noch eingeschlafen.
Als sie aufwachte, hatte sie für einen kurzen Moment nicht gewusst, wo sie war. Dann war die Orientierung zurückgekehrt und mit ihr auch die Erinnerung an die akute Bedrohungslage, mit der sie sich seit dem Vortag konfrontiert sah.
Die Saads …
Sie erhob sich träge und stieg aus dem Bett. Öffnete die Schlafzimmertür und lauschte. Freddys Stimme, unverkennbar. Und da war noch eine zweite Stimme: männlich, sehr markant. Sie überlegte kurz, ob sie sich etwas über ihr dunkelgraues, knielanges und ziemlich ausgeleiertes Schlaf-T-Shirt ziehen sollte, verwarf den Gedanken aber wieder, als die Neugier darüber, was sich in der unteren Etage abspielte, Überhand gewann.
Leise trat sie ein paar Schritte vor und lugte über die Balustrade der breiten Treppe. Durch die geöffnete Tür des Wohnzimmers erspähte sie Fred und Lars, die am Glastisch saßen und sich unterhielten.
Was macht Lars am Samstagmorgen bei uns? Muss was ziemlich Wichtiges sein …
»Wie zur Hölle kommen die Saads in die Wohnung? Und was treibt der Typ bitte da im Schrank?«, fragte Moewig und stützte sich mit beiden Fäusten auf der Glasplatte ab.
Der Clan, es geht wieder um diesen verdammten Clan, schlussfolgerte Lisa und spürte augenblicklich, wie sich ihr Puls beschleunigte.
Fred antwortete seinem Freund nicht gleich. Lisa beugte sich noch etwas weiter vor. Sie war hin- und hergerissen zwischen ihrer Rolle als heimliche Zuhörerin und ihrem schlechten Gewissen, dass sie ihren Lebensgefährten belauschte.
Fred erhob sich von seinem Stuhl und ging jetzt nervös auf und ab, so wie er es immer tat, wenn er seinen Gedanken auf die Sprünge helfen wollte.
»Wenn wir eine Antwort auf deine Fragen bekommen wollen, müssen wir zunächst versuchen zu klären, ob es eine Beziehung zwischen den Saads und den Zhous gibt – so unwahrscheinlich sich das im Moment auch anhört.«
O Gott, ist Sabines Familie etwa auch noch in diesen ganzen Irrsinn, in dieses unsägliche Bedrohungsszenario involviert?, fragte sich Lisa. Sie hat doch weiß Gott schon genug Ballast mit sich herumzuschleppen. Lisa überlegte kurz und entschied sich dann, noch einen Moment zu warten, ehe sie zu den beiden nach unten ging.
»Wir müssen da hin, müssen sehen, was in diesem Schrank ist. Lass uns mit der Wittstock sprechen, sie kann doch checken, ob es gerade Bewegungen in der Wohnung gibt. Wenn wir ausschließen können, dass wir auf einen von denen treffen, gehen wir rein«, sagte Moewig jetzt.
Fred marschierte wieder ziellos durch den Raum, verschwand dann aus Lisas Blickfeld. Kurz darauf hörte sie ihn sagen: »Es ist zu gefährlich, Lars.«
»Was heißt hier gefährlich? Wir sichern uns über Wittstocks Überwachungsmaschinerie ab. Sie ist unser Back-up. Wenn die Luft rein ist, betreten wir die Wohnung. Wie früher bei den Fernspähern, wir infiltrieren unauffällig hinter die feindlichen Linien, unbemerkt rein ins Feindesland. Wir sehen uns um und sind so schnell wieder weg, wie wir gekommen sind. Fünf Minuten, vielleicht zehn, mehr nicht. Komm schon, Fred!«
»Lars, ich weiß nicht …«
»Wenn wir jetzt die Kavallerie holen, gibt es einen Mordsaufriss vor Ort. Das weißt du genauso wie ich. Dann sind die Saads weg, und wir werden vielleicht nie erfahren, was da vor sich geht. Oder vor sich ging«, insistierte Moewig weiter.
Fred war hin- und hergerissen, das spürte Lisa. Doch gleich darauf schien er einen Entschluss gefasst zu haben.
»Okay. Dann brechen wir jetzt auf. Ich fahre bei dir mit und rufe von unterwegs Sabine an, dass wir uns vor dem Wohnhaus ihrer Schwester treffen. Sie soll den Schlüssel mitbringen. Und dann kann sie den Eingangsbereich vor dem Haus von ihrem Auto aus observieren und uns anrufen, wenn sich unten etwas tut und es so aussieht, dass wir Besuch bekommen. Parallel wird Sara jeden unserer Schritte beobachten und kann uns, wenn irgendetwas schiefläuft, auf dem kurzen Dienstweg Verstärkung schicken.«
Mit einem Mal kehrte die Übelkeit zurück. Lisas Magen krampfte sich zusammen. Sie krümmte sich, verspürte Brechreiz. Verdammt, nicht jetzt!
Dann hörte sie, wie Lars geräuschvoll von seinem Stuhl aufstand, und sah, wie die beiden Männer zur Haustür gingen.
Pass auf dich auf, wir brauchen dich hier, wollte sie Abel noch hinterherrufen, aber der Würgereiz verschlug ihr die Sprache, und sie stürzte ins Badezimmer.
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