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Berlin, Charlottenburg-Westend,
Dienstwagen Horst Markwitz,
Samstag, 2. August, 11:34 Uhr
O
kyar saß auf dem Beifahrersitz, und trotz der immer wieder abrupten Fahrbahnwechsel und des hohen Tempos träufelte er sich Augentropfen in seine Augen.
Vor etwa dreißig Minuten hatte Hauptkommissar Markwitz ihn angerufen und ihn kurz über die aktuellen Geschehnisse in Dr. Michael Heumanns Wohnhaus informiert. Heumanns fünfjährige Tochter hatte im Garten der Familie einen schwer misshandelten Hundewelpen gefunden, unter dessen Halsband eine arabischsprachige Nachricht hinterlassen worden war – die Übersetzung stand noch aus. Man vermutete, dass es eine Todesdrohung war. Heumann war daraufhin zusammengebrochen und hatte notärztlich bei sich zu Hause im Westend versorgt werden müssen, eine Krankenhauseinweisung hatte er jedoch strikt abgelehnt.
Okyar hatte am Telefon sofort zugestimmt, seinen Kollegen vom LKA 4, der ihn vor wenigen Minuten an seiner Privatadresse in Kreuzberg aufgelesen hatte, zu den Heumanns zu begleiten. Die Brisanz der neuen Entwicklung, die neue Eskalationsstufe durch den Saad-Clan, nahmen die beiden Kriminalbeamten sehr ernst.
»Allergie?«, fragte Markwitz vom Fahrersitz aus, während er über die Schulter sah, um dann seinen dunkelblauen BMW zu beschleunigen und an einem auf seiner Fahrbahn abgestellten DHL-Wagen vorbeizuziehen.
»Ja, irgendwelche Pollen, die im Moment in der Luft rumschwirren. Kein Wunder, seit Wochen hat es kaum geregnet, alles staubtrocken.«
»Also«, wechselte Markwitz das Thema, »Heumann ist ja schon dein Kunde bei der Mordkommission. Die Ermittlungen sowohl in Richtung fahrlässiger Tötung, aber auch, was eine Körperverletzung mit Todesfolge beziehungsweise Tötung durch Unterlassen betrifft – je nachdem, was am Ende von den Vorwürfen übrig bleibt und für eine Anklage reicht –, sind das eine. Aber nach dem Tod von Amir Saad kommt es für ihn richtig dicke. Jetzt hat er nicht nur die Mordkommission, sondern auch noch den Saad-Clan am Hals.«
Okyar nickte.
»Amir Saads Familie hat dem Arzt, den sie für den Tod verantwortlich machen, eine Nachricht geschickt. Aber warum war ein Hund der Bote?«
»Entscheidend ist nicht der Welpe. Weiß Gott, wo die Saads das arme Tier herhatten. Viel wichtiger ist, was sie mit ihm gemacht haben: Sie haben ihm alle vier Beine gebrochen. Er musste noch vor Ort von einem Tierarzt eingeschläfert werden.«
»Das ist pervers, oder?«, fragte Okyar und rümpfte die Nase.
»Na ja, es soll Heumann zeigen, dass sie vor keiner Grausamkeit zurückschrecken. Und die Message ist bei unserem guten Doktor wohl auch angekommen«, antwortete Markwitz. »Ein kleiner Hund, über den sie das Todesurteil verhängt haben. Heumann ist Vater einer kleinen Tochter. Simpel – aber sehr wirksam.«
Der Wagen bog in eine von alten Kastanien gesäumte Nebenstraße ein, in der sich schmucke Gründerzeitvillen aneinanderreihten. Ein Hauch altes Berlin.
Okyar, den es noch nie in das alte Villenviertel im Westend verschlagen hatte, war beeindruckt.
»Hier stehen Buden – Wahnsinn!« Er konnte gar nicht so schnell schauen, wie die Häuser an ihm vorbeiflogen. Dann lenkte er seine
Gedanken zurück auf die Befragung, die vor ihm lag. »Im Ermittlungsbericht zu dem Überfall des Saad-Clans auf die Rettungsstelle, bei dem auch Heumann anwesend war, steht ein interessanter Name: Bassam Darzi.«
Horst Markwitz stöhnte leise auf, er musste abrupt an einer Ampel abbremsen, weil sich sein Vordermann spontan entschlossen hatte, bei Gelb eine Vollbremsung hinzulegen. »Ja, den kenne ich.«
»Ich auch«, sagte Okyar.
Markwitz verfiel in einen Behördenton, es klang, als würde ein Sprachcomputer einen Aktenauszug vorlesen. »Bassam Darzi ist Gastronom vom Ku’damm. Er betreibt zwei Steakhäuser, mehrere Spielotheken. Gehört zum nahen Umfeld der Saads.«
»Und ist mein Nachbar!«, schob Okyar dazwischen.
Markwitz schaute erstaunt zu ihm hinüber, musste sich dann jedoch wieder auf die Straße konzentrieren. »Wie bitte?«, stieß er hervor.
Doch Okyar bewunderte bereits die nächsten Prachtbauten, an denen der BMW vorbeifuhr.
»Ja, wenn du so willst, ist er einer meiner Nachbarn. Wohnt in derselben Straße. Penthouse im Dach. Aber das ist gar nicht so entscheidend. Kennst du seinen Spitznamen?«
Markwitz nickte. »Ja, man nennt ihn den Saubermann.
«
»Richtig. Er betreibt Geldwäsche in ganz großem Stil. Nicht nur ein paar Scheine, die seine Affen dann in die Spielautomaten schieben müssen. Da hat er ganz andere Tricks auf Lager. Jeden Abend werfen die Mitarbeiter seiner Restaurants viele Steaks und Beilagen in den Müll. Und für die Steuer heißt es dann: Heute war aber viel los.«
Markwitz nickte beeindruckt.
»Und? Warum, meinst du wohl, hat den noch keiner hochgehen lassen?«, fragte Markwitz neugierig.
»Wenn ich raten müsste, dann hat er Freunde, die wir nicht haben. Ich weiß nicht, welchem Schwager oder Bruder von welchem Politiker
er schon geholfen hat. Aber du wirst es mir ja vielleicht noch verraten.« Okyar grinste.
Markwitz drosselte das Tempo und versuchte, einen Blick auf die vorbeiziehenden Hausnummern zu erhaschen. Als er die Streifenwagen in etwa dreißig Meter Entfernung sah, beschleunigte er noch einmal kurz und lenkte den BMW dann auf den Fußweg vor dem Haus mit der Nummer 21.
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