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Berlin, Charlottenburg-Westend,
Wohnhaus von Dr. Michael Heumann,
Samstag, 2. August, 11:42 Uhr
A ls Kommissar Okyar und Hauptkommissar Markwitz das Wohnzimmer der Heumanns betraten, lag Dr. Michael Heumann auf einer großen, einladenden Couchkombination aus beigefarbenem Leinenstoff, die u-förmig um einen mit Marmor verkleideten Kamin stand. Der hinzugerufene Notarzt, der mittlerweile schon zu seinem nächsten Einsatz aufgebrochen war, hatte Heumann nach dessen Schwächeanfall einen venösen Zugang am Handrücken gelegt. Daran befand sich ein Infusionsbeutel, aus dem wässriger Inhalt in ein kleines Plastikreservoir tropfte, der von dort wiederum über einen Schlauch in Heumanns Körper gelangte.
Eine Frau von Mitte oder Ende dreißig mit langen blonden Haaren – Heumanns Frau, wie Okyar mutmaßte – stand vor einer breiten Panoramafensterfront mit Blick in den Garten und musterte die beiden Ermittler bei ihrem Eintreffen stumm. Sie trug ein Mädchen, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, auf der Hüfte, das sich an sie klammerte und sich immer wieder verängstigt umschaute.
Zwei uniformierte Polizeibeamte standen etwas ratlos neben der Szenerie und schienen sichtlich erleichtert, als die beiden Kriminalbeamten das Wohnzimmer betraten.
»Guten Tag, Herr Heumann«, sagte Okyar in Richtung des Arztes.
Heumann warf ihm einen erschöpften Blick zu und hauchte zur Begrüßung nur: »Hallo, Herr Okyar.«
»Frau Heumann, nehme ich an?«, wandte sich Okyar an die Frau, die seine Frage mit einem langsamen Kopfnicken bejahte. »Mein Name ist Okyar, LKA Berlin. Und das ist der Kollege Markwitz. Wir sind über das, was sich hier vor etwa anderthalb Stunden zugetragen hat, im Bilde. Ehe wir uns mit Ihnen über das weitere Vorgehen aus polizeilicher Sicht unterhalten, müssen wir uns zunächst einen Überblick über die Örtlichkeiten und Gegebenheiten verschaffen.«
»Ein- und Ausgänge, Art der Tür- und Fenstersicherungen«, fiel Markwitz dem jüngeren Kollegen jetzt ins Wort. »Um potenzielle Schwachpunkte auszumachen. Wären Sie, Frau Heumann, so gut und würden mich herumführen? Ich weiß, der Zeitpunkt ist nicht ideal, aber es hilft nun mal nichts. Je schneller wir das hinter uns gebracht haben, desto schneller können wir Maßnahmen zu Ihrer Sicherheit planen und umsetzen. Können wir?«
»Ja, natürlich«, sagte die blonde Frau und platzierte das kleine Mädchen auf ihrer anderen Hüfte. »Kommen Sie, ich werde Ihnen alles zeigen.«
Als Markwitz, Frau Heumann und das Kind, das sich an seine Mutter wie ein Koalabär an einen Eukalyptusbaum klammerte, das Wohnzimmer verließen, wandte sich Okyar an die beiden Streifenpolizisten.
»Ab jetzt übernehmen wir, danke, Kollegen. Bestreifung und eventuellen Personenschutz ordern wir über das Lagezentrum. Also, falls wir uns heute nicht mehr sehen, angenehmen Dienst noch und schönes Restwochenende.«
Die beiden Beamten verabschiedeten sich kurz und verließen den Raum.
Als Okyar und Heumann schließlich allein im Wohnzimmer waren, atmete der Chirurg schnaufend aus.
»Scheiße, was ist hier los«, flüsterte er.
»Wie geht es Ihnen?«, wollte Okyar wissen. Die Antwort kannte er schon. Es war ihm mit dieser Floskel lediglich daran gelegen, etwas Zutrauen von Heumann zu gewinnen, da er dem Arzt bei seiner Vernehmung vor fünf Tagen im LKA in der Keithstraße ziemlich zu Leibe gerückt war und er wohl kaum von einem Vertrauensvorschuss gegenüber seiner polizeilichen Ermittlungsarbeit ausgehen konnte. Jetzt aber hatte er Heumann als Bürger, der selbst Opfer einer Straftat, namentlich Bedrohung, geworden war, in einer gänzlich anderen Situation vor sich. Und dieser Situation musste der Ermittler gerecht werden.
»Beschissen wäre wohl noch geprahlt«, erwiderte Heumann kraftlos und richtete sich langsam auf. »Wie geht es jetzt weiter?«
Wie ein Häufchen Elend saß er vor ihm. Okyar sah die Verzweiflung und die Angst in seinen Augen. Und der Ermittler wusste, dass der Hundewelpe, die schriftliche Drohung und der Zusammenbruch Heumanns sehr wahrscheinlich erst der Anfang waren. Der Arzt hatte vielleicht eine vage Ahnung davon, in was er da hineingeraten war. Okyar war sich aber sicher, dass er nicht annähernd wusste, an was für Schwerkriminelle er durch seine Operation des angeschossenen und noch auf dem OP-Tisch verstorbenen Amir Saad geraten war und welche Dimensionen und Dramatik das Geschehen möglicherweise noch annehmen würde.
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