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Berlin, Marzahn-Hellersdorf,
Wohnhaus von Mailin Zhou, Parkplatz,
Samstag, 2. August, 11:51 Uhr
S
abine Yao konnte nicht glauben, was die Kameras aufgezeichnet hatten. Immer wieder und wieder hatte sie mit Abel und Moewig die Aufnahmen auf dem Handy angeschaut.
Nun, auf dem Parkplatz vor dem Wohnblock ihrer Schwester, sah sie sich die Bilder noch ein letztes Mal an. Dann sagte sie zu ihren beiden Begleitern, die vorn in Moewigs Wagen saßen: »Ja, der eine von den beiden ist der Mann, der mir vor drei Tagen im Hausflur vor Mailins Wohnung begegnet ist. Der irgendwie ertappt wirkte, als er aus dem Aufzug stieg und plötzlich vor mir stand.«
»Dann müssen wir jetzt selbst überprüfen, was dort oben vor sich geht«, sagte Abel entschlossen.
Sie entschieden, dass nicht Sabine Yao, sondern Moewig im Auto warten und den Eingang zu dem riesigen Wohnblock im Auge behalten sollte. Sie kannte sich in der Wohnung ihrer Schwester im Gegensatz zu Moewig aus, was ihnen bei der Untersuchung einen nicht zu unterschätzenden Vorteil verschaffen würde.
Sabine Yao und Abel stiegen aus. Vorsichtig sahen sie sich um. Doch bis auf ein paar lärmende Kinder auf einem benachbarten Spielplatz und eine alte Dame, die einen offensichtlich steinalten Yorkshireterrier mehr an der Leine hinter sich herzerrte, als ihn zu führen, war niemand in der flirrenden Vormittagshitze zu sehen.
Nach einem letzten Blick zu Moewig, der ihnen durch Hochhalten
seines Handys und Daumen-hoch-Geste signalisierte, dass er telefonisch mit Sara Wittstock in Verbindung stand, betraten sie das Wohnhaus, das der Hitze der Stadt in seinem Inneren wegen der unverputzten Betonwände spürbar nichts entgegensetzen konnte.
Die beiden Rechtsmediziner fuhren mit dem Fahrstuhl in die zwölfte Etage.
Sabine Yao wirkte nervös. Vor Mailins Wohnung angekommen, griff Abel in eine seiner hinteren Jeanstaschen und zog ein Paar hellblaue Latexhandschuhe heraus, die er sich überstreifte. »Vorsichtshalber«, sagte er mit einem Schulterzucken.
»Und du meinst wirklich, es ist niemand in der Wohnung?«, fragte Sabine Yao flüsternd und deutete auf die Wohnungstür. »Es ist ganz schön unheimlich, dass Sara und ich völlig ahnungslos da drin waren, während im Schrank ein Mann lauerte …«
»Nach allem, was wir dank Sara Wittstock wissen, hat seit gestern Abend 22:21 Uhr niemand mehr die Wohnung betreten. Ich kann zwar nicht ausschließen, dass noch weitere Personen im Schrank hocken, halte das aber eigentlich für ausgeschlossen, wenn du mich fragst«, raunte Abel. »Und sollte doch jemand die Schranktür von innen zuhalten, wenn wir nachschauen wollen …« Abel nestelte an einer seiner vorderen Jeanstaschen herum und präsentierte Sabine Yao mit einem flüchtigen Lächeln ein kleines Schweizer Taschenmesser. »Dann mache ich den Schrank hiermit auf! MacGyver lässt grüßen.«
Doch anscheinend konnten Abels Worte ihr die Nervosität nicht nehmen. Als mit einem kurzen Piepton eine neue Textnachricht auf Abels Blackberry, das er die ganze Zeit in der Hand hielt, eintrudelte, zuckte seine Kollegin zusammen. Er überflog die Nachricht und reichte das Gerät an Yao weiter.
SMS SARA WITTSTOCK (IT)
Habe euch beide im Blick.
Fred, du trägst ja dieselben Klamotten wie gestern!
Wohnung dürfte frei sein.
Keine Bewegung mehr seit heute Nacht.
Sabine Yao, die den Wohnungsschlüssel die ganze Zeit – offenbar unbewusst – wie eine Stichwaffe vor sich gehalten hatte, warf Abel einen vielsagenden Blick zu. Nahezu geräuschlos öffnete sie die Wohnungstür, und beide traten ein.
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