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Berlin, Marzahn-Hellersdorf,
Wohnung von Mailin Zhou, Wohnzimmer,
Samstag, 2. August, 12:15 Uhr
I m Innenraum roch es muffig, nach kaltem Beton. Abel konnte, da die Deckenhöhe im Inneren des Schrankfaches zunächst abnahm, nicht länger auf allen vieren krabbeln. Er musste robben. Nach nur einem knappen halben Meter gelangte er in eine Art Raum. Im Schein seiner Handytaschenlampe sah er, dass dieser keinen Meter hoch und etwa zwei Meter breit war. Dort, wo sich die Wand des Zimmers befand, war der Beton offensichtlich mit grobem Gerät geöffnet worden. Ein Erwachsener konnte hier drinnen höchstens gebückt sitzen. Der Innenraum des unteren Schrankteils war also in die Eingeweide des Gebäudes verlängert worden. Abraum und Schutt waren zwar beseitigt, aber überall lagen noch kleine Steinbrocken auf dem Boden, die sich in Abels Handflächen bohrten und durch seine Hosenbeine gegen seine Kniescheiben drückten. Die Enge bereitete ihm Unwohlsein, seine Hände und Knie schmerzten bei jeder kleinsten Vorwärtsbewegung auf dem harten, unebenen Untergrund.
»Hier drinnen ist nichts. Jemand hat die Wand aufgestemmt. Vielleicht ein Versteck!«, rief er hinter sich und hoffte, dass seine Kollegin ihn hören konnte und der enge Hohlraum nicht den Schall verschluckte.
»Was siehst du genau?«, hörte er ihre Stimme hinter sich.
»Moment!«, rief Abel. Er spürte einen leichten Luftzug. Kühle Luft. Und als er sich suchend zu beiden Seiten wandte, entdeckte er im Lichtkegel seiner Handytaschenlampe eine Aussparung linker Hand, die ihm zuvor nicht aufgefallen war. Auch hier war die Wand aufgebrochen worden. Dahinter – wieder Dunkelheit. Abel streckte seinen Oberkörper durch das Loch und schreckte abrupt zurück: Bodenlose Tiefe. Kälte. Schwärze.
»Ein Lüftungsschacht!«, rief Abel nach hinten, obwohl er sich nicht sicher war, dass Sabine Yao ihn immer noch hören konnte. Dann stieß seine Hand gegen einen Haken, der auf dem Boden vor ihm befestigt worden war. Er schob seinen Oberkörper vorsichtig ein kleines Stück zurück, als hätte er sich auf eine brüchige Eisfläche begeben, und besah sich die Befestigung.
Was ist das denn?
An dem Haken, einem stabilen Teil, wie sie beim Gerüstbau in die Fassaden getrieben werden, waren etwa ein Dutzend stabile Nylonschnüre verknotet.
»Was ist da?«, hörte er Sabine Yaos Stimme, die nur sehr leise zu ihm ins Innere des geheimen Raumes drang. Vorsichtig ließ Abel die Hand über die Schnüre gleiten. Etwas hing daran. Er rutschte wieder ein Stück nach vorn und leuchtete die mit einer Metallverschalung ausgekleideten Wände des Lüftungsschachtes hinab. Sein Blick folgte dem Lichtkegel nach unten. Am Ende der Nylonschnüre schienen Behältnisse zu hängen, soweit er das erkennen konnte. Darunter folgte die schier unendlich wirkende Tiefe des Schachtes und eine Dunkelheit, die alles Licht in sich aufzusaugen schien. Wo der Schacht endete, war zwar nicht ersichtlich, Abel vermutete aber, dass er das gesamte Gebäude senkrecht nach unten bis zum Keller beziehungsweise Fundament des Hauses durchzog.
»Hier hat jemand etwas in einen Schacht gehängt. Behältnisse!«, rief Abel.
Er überlegte für einen kurzen Augenblick, dann legte er sein Blackberry neben sich auf den staubigen und auch hier mit Betonbröckchen übersäten Boden – so ausgerichtet, dass die Handylampe ihn nicht blendete. Daraufhin legte er beide Handflächen um eine der stramm gespannten Nylonschnüre – und zog daran. Das Gewicht des Gegenstandes am anderen Ende schätzte er auf etwa ein Kilogramm. Ohne lange darüber nachzudenken, begann er, die stabile dünne Schnur nach oben zu ziehen.
Ich muss auf alles vorbereitet sein, machte er sich mit jedem Zentimeter klar, den er den Gegenstand am anderen Ende der Nylonschnur behutsam durch den Lüftungsschacht zu sich nach oben beförderte.
Als der Gegenstand nur noch etwa dreißig Zentimeter von ihm entfernt war, sah Abel, dass es sich um eine schwarze Plastiktüte handelte, die am oberen Ende mit Kabelbindern verschnürt war, durch die das Nylonseil, an dem er gezogen hatte, hindurchführte. Als er die Tüte am oberen Rand des Lüftungsschachtes vorsichtig ablegte und die Konturen im Inneren des Beutels betastete, ahnte er bereits, worum es sich bei dem Inhalt handeln konnte. Eine Waffe war es jedenfalls nicht. Er durchtrennte die Kabelbinder mit seinem Taschenmesser und ließ die lose Nylonschnur in den dunklen Schacht zurückfallen.
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Die schwarze Plastiktüte, die er Sabine Yao aus dem Schrank hinaus entgegengereicht hatte, lag jetzt wie ein vom Himmel gefallener Rabe vor den beiden Rechtsmedizinern. Sabine Yao hatte die Tüte ebenfalls von außen betastet. Darin musste sich ein rechteckiger Gegenstand von der Größe von drei übereinandergelegten Butterstücken befinden, so ihre Mutmaßung, die sie Abel gegenüber geäußert hatte.
»Drogen?«, fragte Yao jetzt mit brüchiger Stimme.
Abel nickte. »Das vermute ich auch. Wir sollten aber sehen, dass wir hier so schnell wie möglich …«
Abels Blackberry signalisierte eine SMS. Dann direkt danach eine weitere. Wortlos warf er einen kurzen Blick auf das Display und reichte das Gerät an Sabine Yao weiter.
SMS SARA WITTSTOCK (IT)
Ist es das, was ich denke?
Macht schon auf!
SMS LARS MOEWIG
Was ist los bei euch? Alles in Ordnung?
»Lass uns verschwinden, Sabine. Wir nehmen unseren Fund mit, fahren direkt in die Treptowers und lassen die ungeöffnete Tüte durch den Computertomografen laufen. Falls es C4 oder irgendein anderer Sprengstoff ist, würde ich es gern wissen, bevor wir die Tüte öffnen.«
Sabine Yao schüttelte ungläubig den Kopf. »Du willst einfach wieder abdampfen und nicht direkt die Kollegen vom LKA holen? Für Markwitz wäre das hier ein Fest! Wir haben alles auf Video. Das ist eine Steilvorlage für …«
»Ja, wir könnten auch direkt die Kollegen der Drogenfahndung und unser Sprengstoffkommando vom BKA verständigen, aber ich denke, dass wir damit noch etwas warten sollten«, unterbrach Abel sie.
»Warten? Warum?«
»Weil ich die vage Vermutung habe, oder vielmehr ein unbestimmtes Gefühl, dass wir hier nicht nur einem geheimen Depot der Saads – wofür auch immer – auf der Spur sind, sondern dass auch die Verletzungen deiner kleinen Nichte irgendwie damit zusammenhängen. Ich würde gern …«
»Was genau meinst du, Fred?«
»Unser Gespräch bei Herzfeld, Anfang der Woche. Als er uns beide zu sich in sein Büro zitierte, hat er gesagt, dass er möchte, dass zukünftig nichts mehr zwischen uns steht, was unsere Arbeit behindert. Du erinnerst dich?«
»Ja, ich erinnere mich natürlich, aber worauf willst du hinaus? Was hat das Gespräch mit dem geheimen Raum hinter dieser Schrankwand zu tun?«, fragte sie ungeduldig.
»In diesem Gespräch habe ich Herzfeld und dir berichtet, dass mich der Stationsarzt von der Kinderintensivstation auf eine Verletzung hinter Siaras rechtem Ohr aufmerksam gemacht hat, die für mich nur von einem Schlag, vielleicht von einer Hand mit einem Ring daran, herrühren kann. Deine Schwester trug letzten Mittwoch im Familiengericht ihren Ehering, er kommt aber nicht als Verursacher der Verletzung in Betracht. Trägt deine Schwester sonst noch andere Ringe?«
»Nein, nie«, entgegnete Sabine Yao. »Fred, ich kann irgendwie gerade nicht klar denken. Ich …« Sie kam ins Stottern bei dem Versuch, die richtigen Worte zu finden. »Ich weiß, dass deine Fakten, deine Interpretation der Verletzungen von Siara stimmen. Ich …«
»Bitte, Sabine, vertrau mir«, unterbrach Abel seine Kollegin abermals. »Gib mir etwas Zeit. Ich schließe die Schranktür jetzt wieder so, dass keiner bemerkt, dass sie zwischenzeitlich geöffnet wurde. Dass wir überhaupt da waren. Wenn die Saads und ihre Handlanger hier wieder aufkreuzen – sieht Sara alles. Sie werden feststellen, dass eine ihrer Plastiktüten aus dem Schacht fehlt. Na und? Schwund gibt es immer. Und die Polizei können sie ja wohl kaum rufen und sagen, dass sie bestohlen wurden. Ich habe eine Idee, der ich nachgehen muss. Wenn sie ins Leere läuft, benachrichtigen wir das LKA. Wenn ich mit meiner Vermutung recht habe, werden wir ebenfalls die Polizei einschalten, aber wir sind dann in einer ganz anderen Position. In diesem Fall haben wir alle Trümpfe in der Hand, und das Blatt wendet sich, was die Spekulationen und bisherigen Überlegungen zur Entstehung der Kopfverletzungen deiner kleinen Nichte anbelangt. Ich kann vielleicht beweisen, dass deine Schwester unschuldig ist, aber dafür musst du mir jetzt voll und ganz vertrauen.«
Sabine Yao nickte zögerlich.
Und Abel hoffte inständig, dass er recht behalten würde.
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