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Berlin,
Treptowers, BKA-Einheit »Extremdelikte«, Büro Dr. Fred Abel
Samstag, 2. August, 18:05 Uhr
E ine gute Stunde später betraten Sabine Yao und Moewig wieder Abels Büro. Sie waren von der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik unverrichteter Dinge zurückgekehrt.
»Kein Rankommen an meine Schwester. Nichts Neues«, berichtete Sabine betrübt und ließ sich auf einen der Besucherstühle fallen. »Der Stationsarzt hat mich schon im Wartebereich abgefangen mit den Worten: Ihre Schwester ist weiterhin stuporös! Jeder Kontakt könnte sie destabilisieren.« Sie äffte den Mann nach, der sie von ihrer Schwester ferngehalten hatte. »Und es wurde noch schlimmer, nachdem ich es wagte, eine Nachfrage zu stellen. Er fing an, irgendetwas von einem richterlichen Beschluss und querulatorischen Angehörigen und Hausverbot zu reden.«
Abel sah seiner Kollegin ihre Zerrissenheit an. Sie hätte nur zu gern von ihrer Schwester gehört, dass sie nichts von dem Drogenversteck in ihrer Wohnung wusste. So blieb mehr als nur Unsicherheit. Es blieb ein ungutes Gefühl zurück.
»Mailin …«, begann sie jetzt, stockte aber und suchte nach den richtigen Worten. »Ich meine, Drogen … Sie würde so etwas doch niemals mitmachen! Oder zulassen. Ihre Kinder sind doch in der Wohnung.« Sie korrigierte sich dann selbst: »Ihre Kinder waren doch in der Wohnung.«
»Der verstorbene Mann deiner Schwester … Sabine, kann es sein, dass der da möglicherweise mit drinhing?«
»Wenn Thanh etwas damit zu tun hatte, frage ich mich, wie tief er in den Drogensumpf der Saads verstrickt war, als er noch lebte.«
»Wir müssen alle Möglichkeiten durchgehen, die in Betracht kommen. Alles überprüfen und dann über das Ausschlussprinzip sehen, was übrig bleibt«, sagte Abel.
»Hat dein Schwager gedealt? War er selbst Drogenkonsument? War er vielleicht Drogenkurier? Ich meine damit, hatte er aktiven oder nur passiven Umgang mit Drogen? Wurde er vielleicht erpresst? Oder hatte er vielleicht gar keinen Kontakt zu Drogen? Wusste er womöglich gar nichts von dem Drogenversteck in seiner Wohnung?«, schaltete sich Moewig ein, der ebenfalls auf einem der Besucherstühle in Abels Büro Platz genommen hatte.
»Die Wohnung inklusive Inneneinrichtung sieht nicht nach einem Großverdiener aus«, gab Abel zu bedenken. »Hat deine Schwester eigentlich gearbeitet?«
Sabine Yao schüttelte stumm den Kopf.
»Fragen können wir deinen verstorbenen Schwager ja nicht mehr. Und deine Schwester steht uns für eine Befragung momentan auch nicht zur Verfügung«, grübelte Moewig laut.
Sabine Yao überlegte kurz, dann sagte sie: »Doch, wir können ihn fragen. Also, indirekt …«
Moewig, der nebenbei auf das Display seines Handys gestarrt hatte, blickte irritiert auf. Und auch Abel wusste anscheinend nicht, worauf seine Kollegin gerade hinauswollte.
»Wir müssen den Sektionsbericht und die Ermittlungsakte zu Thanhs Tod im Detail einsehen. Vielleicht enthalten die Unterlagen einen Hinweis auf Drogen, der bisher übersehen wurde. Er ist im Landesinstitut obduziert worden, weil es sich um einen Arbeitsunfall handelte. Ich werde gleich Montag früh Renate Hübner bitten, mir die polizeiliche Ermittlungsakte und das Sektionsprotokoll nebst toxikologischer Untersuchung zu besorgen«, fuhr Yao fort.
»Dein Schwager kam bei einem Arbeitsunfall ums Leben? Wo hat er denn gearbeitet?«, wollte Abel wissen.
Sabine Yao spürte in dem Moment, als die Worte ihren Mund verließen, dass sie sehr wahrscheinlich gerade den passenden Spielstein auf das Spielbrett warf. »Am Flughafen. Schönefeld. Internationaler Cargo-Bereich …«
Die Blicke von Sabine Yao und Abel trafen sich. Ihre Gedanken schienen sich zu verknüpfen, schossen wie durch eine unsichtbare Leitung hin und her. Sie wusste, Abel beschlich gerade dieselbe Ahnung. Und auch Moewig war anzusehen, dass er ihren Gedankengängen folgen konnte, ohne dass sie ein Wort sagten.
Ein internationaler Flughafen war der ideale Umschlagplatz für aus dem Ausland eintreffende Drogenlieferungen.
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