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Berlin-Neukölln,
Boddinstraße, Mehrfamilienhaus,
Montag, 4. August, 5:20 Uhr
E r schlief tief und fest, sein Kopf im Kissen versunken. Die Atemluft dröhnte rasselnd durch seinen Brustkorb.
Ein Schnarchen, dann ein beschwertes Ausatmen.
Sie setzte sich im Bett neben ihm auf, blickte auf ihn hinab, hasste sogar die Luft, die aus seinem Körper herausströmte.
Sie betrachtete seine großflächige Tätowierung, die von seiner rechten Schulter als lodernde, schwarze Flammen an seinem Hals nach oben stieg. Sie kannte jede Kurve der schwarzen Linien auf seiner Haut. Am liebsten hätte sie sie herausgeschnitten, ihn gehäutet.
Heute ist endlich der Tag, dachte sie. Ich werde zum ersten Mal seit Jahren wieder frei sein.
Sie verließ leise das Bett, so, wie sie es in den vergangenen Wochen immer wieder getan hatte. Es war ihr Training in Lautlosigkeit gewesen. Ihre Kleidung hatte sie am Abend zuvor in der Waschmaschine versteckt. Dann brauchte sie jetzt nicht die Schranktür im Schlafzimmer zu bewegen. Und im Wohnzimmer oder in der Küche wäre sie ihm aufgefallen. Die Waschmaschine fasste er jedoch nicht an. Dort, im Wäscheraum, hatte sie in den Waschmittelpackungen auch das Bargeld versteckt, über lange, ihr endlos erscheinende Monate. Zwanziger, Fünfziger, sehr viele Hunderter. Er hatte ohnehin keinen Überblick über sein Bargeld. Immer wieder hatte sie Scheine aus den zusammengerollten, dicken Geldnotenbündeln in seiner Hosentasche oder der Innentasche seiner Lederjacke verschwinden lassen. Nun hatte sie genug für ihre Flucht zusammen. Fast zehntausend Euro.
Sie ging rückwärts, ohne sich umzudrehen, aus dem großen Schlafzimmer. Sie zählte die Schritte. Die Schlafzimmertür. Jetzt in den Wäscheraum am Ende des Flurs. Sie zog sich hastig an. Kurz überlegte sie, ob sie heute unverschleiert aus dem Haus gehen sollte. Ihre neue Freiheit genießen. Es ist zu gefährlich. Wenn mich jemand so sieht. Sie besann sich eines Besseren und legte den verhassten Hidschab an. Dann drehte sie sich um und ging auf den Fußballen, barfuß, in das Zimmer ihrer vierzehn Monate alten Tochter Badriyah und nahm die tief schlafende Kleine behutsam aus dem Bettchen.
Mit ihr auf dem Arm ging sie die Wendeltreppe ins Erdgeschoss ihrer sich über zwei Etagen erstreckenden Wohnung hinunter, immer noch auf Fußballen. Die Anspannung ließ ihre Waden schmerzen.
Auf der untersten Stufe der Treppe hatte sie die teure Handtasche, die er ihr erst kürzlich im KaDeWe gekauft hatte, abgestellt, darin lag ihre Kosmetiktasche, prall gefüllt mit Geld. Daneben der kleine Rucksack von Badriyah mit ihrer Puppe und dem Nötigsten an Kleidung, die sie ihr gleich im Taxi überstreifen würde.
Sie drückte das schlafende Kind mit einer Hand an ihre Brust, beugte sich nach unten und streckte die freie Hand mit den gepflegten Fingernägeln nach Handtasche und Kinderrucksack aus. Dann ging sie in Richtung Wohnungstür.
Gleich geschafft. Jetzt nicht durchdrehen. Ruhig bleiben. Er darf nicht wach werden. Das Schwein soll nichts merken.
Nur noch die Alarmanlage. Die letzte Hürde.
Sie hatte sich wochenlang den Kopf zerbrochen, wie sie an den Code kommen konnte. Ein relativ kurzer Zeitraum im Vergleich zu jenem, in dem ihr langsam dämmerte, dass das keine Alarmanlage war, die das Haus vor Eindringlingen schützen sollte. Die digitale Anlage war die Schließung ihrer Zelle gewesen. Immer wieder änderte er den Code. Das hatte er zumindest gesagt. Dann, als er sie nicht einmal mehr allein einkaufen gehen ließ, verlieh ihr die Verzweiflung Mut. Seitdem stellte sie ganz bewusst ihre Tasche unten auf der Wendeltreppe ab, die im Eingangsbereich der Wohnungstür gegenüberlag. Er hatte geflucht. »Da bricht man sich ja den Hals, mit deinem Scheiß hier!«, hatte er geschrien, mit der flachen Hand gedroht und sich an ihrer schreckhaften Reaktion erfreut. Er wusste, dass sie panische Angst vor seinen Schlägen hatte. Deshalb genoss er es, die Übergriffe mit angedeuteten Bewegungen anzukündigen. Manchmal schlug er zu. Manchmal nicht.
Doch irgendwann hatte er einfach akzeptiert, dass sie die Tasche dort abstellte. Und sie begann, ab dem frühen Abend mit der Handykamera zu filmen. Nahaufnahme. Endlose Aufnahmen. Die Linse ragte gerade eben über den Rand des Leders.
Die ersten Aufnahmen konnte sie nicht richtig deuten. Doch dann wurde sie besser. Sie übte. Und studierte ihn. Bis sie es regelmäßig schaffte, den Code der Alarmanlage von ihren Videoaufnahmen anhand seiner Handbewegungen zu entziffern und sofort auswendig zu lernen. Sie löschte die Aufnahmen sofort. Denn er kontrollierte ihr Handy.
Keine Angst, keine Panik. Er schläft tief, redete sie sich ein, als ihr Finger hastig die Zahlen, die sie sich am Abend zuvor immer und immer wieder eingeprägt und wiederholt hatte, auf dem digitalen Display der Alarmanlage drückte, als würde sie einen Notruf wählen.
Ein leises mechanisches Surren. Grünes Licht. Unscharf .
Sie öffnete die Wohnungstür. Bloß kein Geräusch, sonst bin ich tot. Jetzt nur noch die Gucci-Turnschuhe und raus. Badriyah schlief tief und fest. Die Wohnungstür lehnte sie nur an.
Es war kurz vor Sonnenaufgang, und der erste Gebetsruf des Muezzins aus der nahe gelegenen Neuköllner Dar-as-Salam-Moschee ertönte, als Shania Saad mit ihrer kleinen Tochter auf dem Arm das Haus verließ.
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