90
Berlin,
Treptowers, BKA-Einheit »Extremdelikte«, Büro Dr. Fred Abel,
Montag, 4. August, 8:16 Uhr
A m vergangenen Wochenende hatte die Hauptstadt wie in einen Dornröschenschlaf versetzt gewirkt. Sogar den Psychopathen und Gewalttätern war es offensichtlich in der drückenden Hitze zu heiß für irgendwelche irrsinnigen Aktionen oder Gewaltverbrechen gewesen. Und so gab es an diesem Montagmorgen in der rechtsmedizinischen Abteilung »Extremdelikte« des BKA keinerlei Sektionsfälle – was selten genug der Fall war.
Abel war sehr froh darüber, dass dieser Tag versprach, etwas ruhiger zu werden. Nach der obligatorischen Frühbesprechung, die nur wenige Minuten gedauert hatte, hatte er sich mit Sabine Yao in deren Büro getroffen. Bei ihrem etwa zwanzigminütigen Gespräch hatten die beiden Rechtsmediziner noch einmal ihre Erlebnisse der vergangenen Tage und die daraus resultierenden Fakten rekapituliert.
Es hatte laut Sara Wittstock seit dem späten Freitagabend, als ihre versteckten Kameras die beiden Männer gefilmt hatten, außer Sabines und Abels Besuch in der Wohnung keinerlei Bewegungen mehr dort gegeben. Und so waren Sabine Yao und Abel zu dem Schluss gekommen, dass der Mann, der gegen 22:14 Uhr aus der Schrankwand im Wohnzimmer gekrochen war, sich die ganze Zeit über, auch während Sara Wittstock und Sabine Yao in der Wohnung waren, in dem geheimen Raum aufgehalten hatte. Er musste so lange dort gewartet haben, bis die beiden Frauen weg waren, die Luft wieder rein und der zweite Mann, Abdelkarim Saad, in der Wohnung erschienen war. Sehr wahrscheinlich hatte der Mann gerade den Luftschacht mit den Drogenpäckchen an den Nylonschnüren bestückt und war dabei zwar von Sara Wittstock und Sabine Yao nicht überrascht, aber doch am Verlassen seines Verstecks gehindert worden. Dass die IT-Expertin ihre Kameras in der Wohnung installiert hatte – davon hatten offenbar weder er noch Abdelkarim Saad irgendetwas mitbekommen.
Sabine Yao hatte Abel dann mitgeteilt, dass sie Renate Hübner schon vor der Frühbesprechung gebeten hatte, ihr die polizeiliche Ermittlungsakte und das Sektionsprotokoll nebst toxikologischem Ergebnis ihres verstorbenen Schwagers zu besorgen. Das hatte die mit allen rechtsmedizinischen Einrichtungen und Polizeibehörden der Stadt bestens vernetzte Sekretärin der »Extremdelikte« ihr bis spätestens halb neun zugesagt. Vielleicht würden sie dann eine Antwort auf die Frage erhalten, ob der verstorbene Thanh Zhou mit dem Drogenversteck der Saads in seiner Wohnung etwas zu tun gehabt hatte.
☠ ☠ ☠
Abel saß an seinem Schreibtisch. Er hatte, um nicht gestört zu werden, die Tür geschlossen und sein Telefon auf Renate Hübner umgeleitet.
Er verband sein Blackberry über den USB-Anschluss mit dem PC und hatte nun Zugriff auf den Fotospeicher des Blackberrys und damit auf die Fotos der Verletzung hinter dem rechten Ohr von Siara, die er bei der Untersuchung des kleinen Mädchens gemacht hatte.
Abel legte auf dem Desktop seines PCs einen neuen Ordner an, kopierte die Fotos dort hinein und importierte dann die Fotonachrichten von Sara Wittstock mit den Detailaufnahmen der Hände von Abdelkarim Saad ebenfalls dorthin. Dann loggte er sich in das BKA-System ein, durchforstete einige der Harddiscs, die ihm der Explorer seines Rechners anzeigte, und wurde dann in einem Unterordner »Identifizierung – Tools« fündig. Dort klickte er auf »Superprojektion 2.0« und verknüpfte die Software mit seinem Desktop. Er öffnete das Programm, und nach wenigen Sekunden zeigte ihm ein kleines Fenster auf seinem Monitor, dass es startklar war.
Die sogenannte Superprojektion war von deutschen Gerichtsmedizinern in den Siebzigerjahren aus dem bereits einige Jahrzehnte zuvor von sowjetischen Forensikern eingesetzten Verfahren der Fotokongruenz weiterentwickelt worden. In der Sowjetunion wurden in den Dreißiger- und Vierzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts fotografische Aufnahmen von Schädeln unbekannter Toter mit Fotografien der Gesichter vermisster Personen verglichen, indem die Negative aufeinandergelegt wurden. Die deutschen Forensiker verfeinerten das Verfahren: Sie bezogen anthropometrische Vermessungen mit Hilfslinien und Bezugspunkten an dem zu untersuchenden Schädel des unbekannten Toten sowie zahnärztliche Befunde mit ein und projizierten – unter Einsatz einer Fernsehanlage, bestehend aus zwei Fernsehkameras, einem Bildmischer und zwei Monitoren – Schädel und Gesichtsfotografie übereinander.
In Zeiten der DNA-Analyse zur Identifizierung unbekannter Toter war das Verfahren der Superprojektion fast überflüssig geworden und bei vielen Rechtsmedizinern mittlerweile völlig in Vergessenheit geraten, nicht jedoch bei Abel.
Sein Doktorvater, ein vor über zwanzig Jahren in hohem Lebensalter verstorbener Professor der Rechtsmedizin, war einer der Pioniere der Superprojektion gewesen. Er hatte Abel regelmäßig von der Zeit vorgeschwärmt, als technische Neuerungen bei der rechtsmedizinischen Identifikation unbekannter Toter Einzug hielten. Ein Ende der Neunzigerjahre von Forensikern des BKA entwickeltes computergestütztes Verfahren hatte das Prinzip der Superprojektion dann ins digitale Zeitalter überführt und stand Abel nun zur Verfügung.
Abel markierte mit der Maus die von dem Computerprogramm vorgegebenen etwa zwanzig Bezugspunkte auf den Fotos von Siaras Hautverletzung und der rechten Hand von Abdelkarim Saad, an der sich am Ringfinger ein dicker, goldfarbener Ring befand. Dieser erinnerte zwar an einen Siegelring, da er in seiner Kopfplatte eine Gravur trug – die Abel jedoch nicht im Detail erkennen konnte –, unterschied sich jedoch dadurch, dass in der Kopfplatte auch ein heller Edelstein eingefasst war. Dieser ragte plastisch aus der Gravur hervor – Abel schätzte, nicht einmal einen halben Zentimeter – und schien so eingearbeitet zu sein, dass er wie eine Intarsie ein in der Gravur dargestelltes Symbol ausfüllte. Innerhalb kürzester Zeit berechnete das Programm den Vergrößerungsmaßstab der jeweiligen Aufnahme und deren Aufnahmewinkel und fertigte daraus ein dreidimensionales Abbild. Abel beobachtete angespannt, wie die beiden 3-D-Gebilde, das mittlerweile plastisch gewordene Abbild der Oberfläche von Siaras Hautverletzung und der Ring des Libanesen, sich auf seinem Monitor langsam aufeinander zubewegten. Zunächst bewegten Siaras Hautoberfläche und der Ring sich noch einige Zeit umeinander herum – fast so, als ob sie sich vorsichtig abtasteten –, um sich dann immer näher aufeinander zuzubewegen und dann schließlich quasi zu verschmelzen.
Schließlich projizierte sich auf Abels Monitor die Kopfplatte des goldfarbenen Ringes mit dem daraus hervorragenden Edelstein exakt über dem feinen, etwa einen Zentimeter langen und drei Millimeter breiten, oberflächlich verschorften Einriss in Siaras Haut.
☠ ☠ ☠