91
Berlin,
Treptowers, BKA-Einheit »Extremdelikte«, Büro Dr. Sabine Yao,
Montag, 4. August, 8:49 Uhr
S abine Yao öffnete den verschlüsselten Ordner mit dem zugemailten Passwort, das Renate Hübner ihr im Anhang derselben Mail geschickt hatte. Ihr Kopf dröhnte, in ihren Schläfen hämmerte es dumpf. Ob die sowohl physisch als auch psychisch fordernden Ereignisse der letzten Tage oder der angekündigte Wetterumschwung in Form eines für den späten Nachmittag angesagten heftigen Gewitters dafür verantwortlich war, wusste sie nicht. Sie massierte sich die Schläfen und starrte auf ihren Bildschirm. Der elektronische Ordner enthielt zwei Dateien: das Sektionsprotokoll von Thanh aus dem Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin nebst dem dort erstellten toxikologischen Gutachten sowie die polizeiliche Ermittlungsakte.
Sabine Yao wandte sich zunächst dem Obduktionsbericht zu und öffnete das vierzehnseitige PDF-Dokument. Ihr Schwager war am 14. Januar während der Frühschicht im Cargo-Bereich des Flughafens Berlin-Schönefeld von einem tonnenschweren Container erschlagen und noch vor Ort von einem Notarzt für tot erklärt worden. Nachdem sie die Vorgeschichte überflogen hatte, scrollte sie direkt bis zum Ende des Schriftstückes, bis zur Sektionsdiagnose, herunter.
Sektionsdiagnose Zhou, Thanh
Leichnam eines sechsunddreißig Jahre alt gewordenen Mannes mit Zeichen eines schwersten Polytraumas:
Fraktur des Felsenbeins, des härtesten Knochens im menschlichen Körper … Und kaum ein Organ, das nicht massiv verletzt wurde. Er muss auf der Stelle tot gewesen sein. Davon, dass ihn der Container erschlagen hat, hat Thanh nichts mehr mitbekommen, ging es Sabine Yao durch den Kopf. Wenn es sich um den eigenen Schwager handelt, über dessen Verletzungen man in einem Sektionsprotokoll liest, ist das schockierend und belastet einen sehr. Ich bin emotional viel zu nah dran. Sie wandte den Blick kurz von dem Computermonitor ab, atmete tief durch und suchte in ihrer Schreibtischschublade nach einer Kopfschmerztablette, die sie in einem Glas Wasser auflöste.
Dann gab sie sich einen Ruck und scrollte in dem Dokument wieder nach oben, zur äußeren Besichtigung der Leiche. Sie las die Befunde der Leichenschau Zeile für Zeile aufmerksam durch, konnte aber keinerlei Verletzungen oder andere Auffälligkeiten am Körper ihres Schwagers feststellen, die nicht mit dem Arbeitsunfall in Zusammenhang standen.
Auch das toxikologische Gutachten der Kollegen vom Landesinstitut hielt keine Überraschung bereit. Thanh hatte zum Zeitpunkt des Unglücks nicht unter dem Einfluss von Alkohol, Medikamenten oder Betäubungsmitteln gestanden. Und auch das Ergebnis der Haaranalyse war unauffällig. Er hatte zum Zeitpunkt seines Todes bis zu zehn Zentimeter lange Kopfhaare gehabt. In den letzten zehn Monaten vor seinem Tod – die Zeit, die die Toxikologen, wie bei einem Zeitschreiber, bei einem Haarwachstum von etwa einem Zentimeter pro Monat chronologisch zurückverfolgen konnten – hatte ihr Schwager keinen Kontakt zu illegalen Rauschmitteln gehabt. Weder aktiv als Drogenkonsument noch passiv als jemand, der in irgendeiner Form Umgang mit Drogen gehabt hatte, da weder Stoffwechselprodukte noch die Reinsubstanz irgendwelcher illegaler Betäubungsmittel in seinen Haaren nachgewiesen werden konnten.
Sackgasse, ging es Sabine Yao durch den Kopf. Mal sehen, was die Ermittlungsakte hergibt.
Nach Abschluss der polizeilichen Untersuchungen und Einstellung des staatsanwaltlichen Ermittlungsverfahrens war man zu dem Ergebnis gekommen, dass der Tod von Thanh Zhou ein Arbeitsunfall gewesen war, wobei das berufsgenossenschaftliche Verfahren zur Feststellung der Ansprüche der Hinterbliebenen, Mailin und ihre Zwillinge, noch immer nicht abgeschlossen war.
Das Interesse der Rechtsmedizinerin wurde schließlich durch zwei Zeugenaussagen, die ebenfalls Bestandteil der Ermittlungsakte waren, geweckt. Zwei Arbeitskollegen von Thanh waren von der Polizei befragt worden.
»Ich habe mit Thanh Zhou meine Schicht begonnen, wir teilen uns da immer sehr gut auf. Wir bewegen hier viel Material. ULD heißen die Container. Vom Flugzeug nach draußen. Wie Koffer, nur richtig groß. Und schwer. Je nachdem, wie hoch das Volumen ist, geht es auch mal schnell. Aber ich hätte die Maschine nicht weiterlaufen lassen, wenn ich gesehen hätte, dass er dazwischen ist. Ich weiß nicht, warum Thanh nach der fertigen Ausladung noch einmal an die Maschine ist. Wir waren eigentlich fertig. Das passt so gar nicht zu ihm und unseren Abläufen. Ich habe dann aber den Lärm gehört. Ein stürzender Container macht Krach. Dann bin ich natürlich sofort hin. Und habe gleich gesehen, was passiert ist.«
gezeichnet Marcel Büssmann, Facharbeiter Verladetechnik, Cargo-Entladung, Flughafen Berlin-Schönefeld
»Thanh war seit Jahren einer unserer besten Arbeiter. Nie zu spät, immer pünktlich. Das muss ja auch gesagt werden. Mir ist völlig schleierhaft, was da geschehen ist. Wir haben erst gar nicht begriffen, dass er unter der Fracht war. In diesen Bereich gehen wir nur im Notfall. Mit Ankündigung. Und mit Absicherung durch einen Kollegen. Damit so etwas eben nicht passiert. Wir haben sofort die Flughafenfeuerwehr informiert. Es dauerte keine zwei Minuten, bis die da waren. Wir sind aber nicht an ihn rangekommen. Erst mit schwerem Gerät konnten die Kollegen von der Feuerwehr den Container bewegen. Ich weiß nicht, ob er überhaupt noch gelebt hat, als die Retter da waren. Das sah gar nicht gut aus.«
gezeichnet Eray Kırmaz, Schichtleiter, Cargo–Entladung, Flughafen Berlin-Schönefeld
Zwei Kollegen von Thanh sagen aus, dass ihnen nicht klar ist, was er eigentlich zum Zeitpunkt des Unglücks zwischen den Containern gemacht hat. Das ist schon merkwürdig. Thanh war ein umsichtiger, zuverlässiger Kollege. Das sagen beide, aber wie passt das dann zusammen?, fragte sich Sabine Yao. In diesem Moment klingelte das Bürotelefon auf ihrem Schreibtisch, das sie jäh aus ihren Gedanken riss.
»Sabine, kannst du zu mir ins Büro kommen? Ich muss dir etwas zeigen«, hörte sie Abel am anderen Ende der Leitung mit aufgeregter Stimme sagen.
☠ ☠ ☠