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Berlin,
Treptowers, BKA-Einheit »Extremdelikte«, Büro Dr. Fred Abel,
Montag, 4. August, 9:22 Uhr
A ls Sabine Yao sein Büro nicht einmal eine Minute später, ohne anzuklopfen, betrat, winkte Abel sie direkt zu sich hinter seinen Schreibtisch.
»Superprojektion 2.0. 3-D-Rekonstruktion. Das ist der Ring von Abdelkarim Saad. Und das ist die Verletzung deiner kleinen Nichte. Hinter ihrem rechten Ohr.«
Abel zeigte auf den Monitor, auf dem sie am Freitag gemeinsam den Livestream der Pressekonferenz der Generalstaatsanwaltschaft zum Tod von Amir Saad verfolgt hatten.
Sabine Yao schluckte. Viele Gedanken gingen ihr gerade gleichzeitig durch den Kopf. Mailin ist unschuldig. Fred hat mit seiner Vermutung, dass das geheime Drogendepot der Saads mit den Verletzungen von Siara zusammenhängen könnte, recht . Es fühlte sich für sie an, als habe ihr Kollege so lange gekämpft, bis er etwas zwischen ihnen wieder reparieren konnte.
»Ich werde jetzt Markwitz informieren, denn die Saads sind Sache des LKA 4, Organisierte Kriminalität, und er soll mit dem LKA 1, die ja eigentlich für versuchte Tötungsdelikte zuständig sind, koordinieren, welche Kollegen sich jetzt um Siaras Fall und damit um Abdelkarim Saad kümmern werden«, sagte Abel. »Abgesehen von meiner 3-D-Rekonstruktion haben wir Sara Wittstocks Aufnahmen, die ihn am Tatort, wo deine Nichte schwer verletzt wurde, zeigen. Auch wenn die Zeiten unterschiedlich sind, beweisen die Aufnahmen, dass er offensichtlich freien Zugang zum Tatort hatte«, stellte Abel fest und lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück.
Sabine Yao, die immer noch neben ihm stand und nach wie vor gebannt auf die 3-D-Rekonstruktion auf seinem Monitor starrte, atmete seufzend aus. »Fred, ich weiß gar nicht, wie ich dir …«
»Später«, unterbrach Abel sie und griff nach dem Hörer seines Bürotelefons.
»Ich weiß, dass du nicht auf Lob und Anerkennung oder großartige Dankesreden stehst. Aber das werde ich dir nie vergessen. Ehe du Markwitz anrufst und es hier gleich drunter und drüber geht, lass mich kurz berichten, was meine Recherchen zu Thanhs Tod ergeben haben. Ich habe mir alles noch einmal angeschaut – Sektionsprotokoll, Toxikologie, Ermittlungsakte. Um das gleich vorwegzunehmen: Die Tox ist negativ, keine Drogen bei Thanh. Aber da ist eine Sache, die mir zu denken gibt. Thanhs Kollegen, die nach dem Unglück vernommen wurden, können sich keinen Reim darauf machen, was er zum Zeitpunkt des Unglücks an dieser gefährlichen Stelle im Cargo-Bereich zwischen den Containern gemacht hat.«
»Gearbeitet, nehme ich an«, unterbrach Abel sie ungeduldig.
»Ja, vielleicht. Aber es kommt ziemlich eindeutig heraus, dass er dort nichts zu suchen hatte. Schon gar nicht ohne Absprache. Was für einen Grund gab es also, dass er sich da aufhielt?«
»Wir können das jetzt nicht vertiefen, Sabine. Wir müssen Markwitz umgehend über unsere Erkenntnisse informieren. Das alles sollte in Verbindung mit der Tatsache, dass Abdelkarim Saad offensichtlich freien Zugang zu der Wohnung hatte, in der Siara bis zum Zeitpunkt ihrer schweren Verletzungen lebte, wohl für einen Haftbefehl ausreichen.«
Sabine Yao nickte stumm.
»Aber ehe ich Markwitz anrufe, doch noch ein paar Sätze zu Thanh – ohne Wertung, nur als Idee«, fuhr Abel fort. »Dein Schwager war an der Entladung von Frachtmaschinen auf dem Flughafenvorfeld beteiligt. Er war also einer derjenigen, der an die Container kommt, bevor es irgendjemand anderem möglich ist. Richtig?«
»Ja, so hat er das immer erzählt.«
»Also auch, bevor der Zoll die Container überprüft?«
Sabine Yao entgegnete nichts. Schließlich räusperte sie sich und sagte mit einer Stimme, die ihr selbst viel zu dünn und schwach vorkam: »Ich werde die Polizei bitten, dem nachzugehen, wenn alles auf dem Tisch ist. Wenn dort bekannt ist, dass Mailins und Thanhs Wohnung dem Saad-Clan als Drogenversteck diente, muss auch sein Tod und seine Rolle in dem Spiel der Saads neu beleuchtet werden.«
Abel nickte, wählte die Handynummer von Kriminalhauptkommissar Horst Markwitz und schaltete den Apparat auf Lautsprecher, sodass Sabine Yao mithören konnte.
Nach zwei Freizeichen nahm Markwitz mit einem gequält klingenden »Herr Doktor?« das Gespräch entgegen. Im Hintergrund hörte Abel gedämpften Verkehrslärm und Motorengeräusche, offensichtlich war Markwitz gerade in einem Fahrzeug unterwegs.
»Ganz schlechter Zeitpunkt«, sagte der Hauptkommissar in gehetztem Tonfall. »Ich bin unterwegs zu Fournier. Er erwartet mich. Kann ich Sie später …«
»Nein!«, bellte Abel in den Hörer, weitaus heftiger, als er es beabsichtigt hatte. »Die paar Minuten müssen Sie sich jetzt nehmen, Herr Markwitz. Frau Dr. Yao sitzt neben mir und hört mit. Es geht um ein Drogenversteck der Saads, um Videobeweismaterial und um ein versuchtes Tötungsdelikt an einem noch nicht einmal zwei Jahre alten Mädchen, verübt von Abdelkarim Saad.«
Am anderen Ende vernahm Abel zunächst nichts, dann hörte er die immer hektischer und schneller werdenden Pieptöne des Parkassistenten. Markwitz war offensichtlich an seinem Ziel angekommen und parkte gerade ein. Dann war ein Schnaufen, eigentlich mehr ein Grunzen zu vernehmen, das Abel als stillschweigendes Einverständnis von Markwitz wertete, ihm jetzt Gehör zu schenken.
»Ich hoffe, Sie sitzen immer noch, Herr Markwitz. Hier die Kurzversion: Die Schwester meiner Kollegin Frau Dr. Yao wohnt in Marzahn«, begann Abel. Als er seinen Bericht beendet hatte, meldete sich die tiefe Stimme des Ermittlers, der die ganze Zeit schweigend zugehört hatte.
»Okay. Das muss ich erst mal einen Moment sacken lassen. Aber Abdelkarim Saad zum jetzigen Zeitpunkt hochzunehmen ist leider nicht möglich. Das mag für Sie gerade nicht nachvollziehbar sein …«
»Das ist es in der Tat nicht«, sagte Abel.
»Ich sehe schon, ich muss mir die Zeit nehmen, Ihnen ein kurzes Update darüber zu geben, was in der Zwischenzeit passiert ist, ehe ich zu Fournier reingehe. Bei uns überschlagen sich gerade die Ereignisse.«
»Ich bin gespannt.«
»Sie können sich nicht vorstellen, was bei uns in der Abteilung und im Stab des LKA los ist. Heute Morgen spazierte Shania Saad, die Frau von Abadi Saad, dem zweitältesten der vier Saad-Brüder und seines Zeichens rechte Hand des Löwen, mit ihrer Tochter in unsere Dienststelle mit der Bitte, ihr Personenschutz zu geben. Sie hat uns berichtet, dass Dr. Heumann ganz oben auf der Todesliste der Saads steht. Diese Information ist nicht unbedingt neu für uns, aber Frau Saad hat uns ziemlich konkrete Hinweise zu dem geplanten Mordanschlag geliefert.«
»Und Sie glauben ihr? Warum sollte sie das tun?«, unterbrach Abel den Hauptkommissar und warf dabei Sabine Yao einen fragenden Blick zu, den sie mit einem Schulterzucken erwiderte.
»Ich meine, warum sollte die Frau eines der Saad-Brüder zum Landeskriminalamt rennen und auspacken? Das kommt doch ihrem eigenen Todesurteil gleich …«
»Weil sie von Abadi über Jahre körperlich misshandelt wurde und sie Angst um ihre kleine Tochter hat«, erklärte Markwitz. »Und es gibt noch einen anderen, sehr guten Grund.« Der Hauptkommissar machte eine Pause, fast so, als wolle er seinen Worten mehr Gewicht verleihen. Dann sprach er weiter: »Als ein Onkel von Shania Saad vor zwei Jahren auf einem Wochenmarkt in Charlottenburg einen allergischen Schock erlitt – hat Dr. Heumann ihm das Leben gerettet.«
»Sabine Yao hier, Herr Markwitz. Was war denn da los?«
»Ein Wespenstich irgendwo im Mund des Onkels. Es war ein Samstag. Heumann war zufällig auch auf dem Wochenmarkt, hat das mitbekommen und mit einem Messer von irgendeinem Obststand einen Luftröhrenschnitt bei dem Mann vorgenommen. Nur dadurch überlebte er. Sehr beherztes Eingreifen von Heumann. Wir haben das überprüft. Ging damals auch durch die Presse.«
»Und das hält die Saads nicht davon ab, ihn jetzt töten zu wollen?«, fragte Abel.
»Dieser Onkel von Shania Saad, bei dem sie aufgewachsen und der wohl wie ein Vater für sie ist, hat nichts mit den kriminellen Machenschaften der Saads am Hut, so wenig wie die ganze Familie von Shania Saad, geborene Al-Asmari.«
»Klingt erst mal nachvollziehbar«, schaltete sich Sabine Yao wieder ein.
»Und nun zu dem Grund, warum ich Abdelkarim zum jetzigen Zeitpunkt nicht hochgehen lassen kann«, fuhr Markwitz fort. »Shania Saad hat uns wörtlich gesagt: ›Mein Mann, Abadi Saad, hat gemeinsam mit seinem Bruder Abdelkarim einen Mord geplant. An einem Arzt der Charité. Dr. Michael Heumann.‹ Ich weiß, es ist kompliziert, aber wenn wir Abdelkarim Saad jetzt festnehmen, ist das nur ein Teilerfolg. Wir müssen Abadi und Abdelkarim gemeinsam erwischen. Damit hätten wir dann zwei der Saad-Brüder auf einmal aus dem Verkehr gezogen. Wenn wir uns nur auf Abdelkarim Saad konzentrieren, ist das für die Saads zwar ein schmerzhafter, aber verschmerzbarer Kollateralschaden, mehr nicht. Wir müssen im Moment nicht nur das Leben von Dr. Heumann schützen, auch der Zugriff auf Abadi und Abdelkarim Saad steht unmittelbar bevor, wenn sie einen Fehler bezüglich Heumann machen. Abadi dürfte inzwischen bemerkt haben, dass seine Frau weg ist. Er wird überlegen, ob sie einfach abgehauen ist oder ob sie sich nicht vielleicht den Sicherheitsbehörden anvertraut hat. Er muss also unverzüglich das Todesurteil über Heumann, das sein älterer Bruder verhängt hat, vollstrecken, sonst verlieren die Saads ihr Gesicht vor den anderen kriminellen arabischen Großfamilien in der Stadt. Er ist genau da, wo wir ihn haben wollen, er muss den nächsten Spielzug machen. Und dann sind wir dran. Nun muss ich aber wirklich dringend zu Fournier und mit der Generalstaatsanwaltschaft abstimmen, wie wir Shania Saad noch heute im Zeugenschutzprogramm unterbringen, und die weiteren Schritte bezüglich der beiden Saad-Brüder besprechen.«
»Verstehe. Ich veranlasse, dass die IT-Kollegin vom BKA, Sara Wittstock, dem LKA 4 das gesamte Bildmaterial zum Drogendepot in der Wohnung in Marzahn zur Verfügung stellt. Frau Yao und ich stehen für Rückfragen zur Verfügung. Soll ich zum LKA 1 Kontakt aufnehmen, wer der dort zuständige Sachbearbeiter für das versuchte Tötungsdelikt an Frau Yaos Nichte ist?«
»Nein. Ich informiere den Kollegen Okyar vorab, dass da was kommt, und Sie wenden sich bitte mit Ihren Hinweisen und allem Material, was Sie von Ihrer Super… Äh …« Markwitz stockte, und Abel sprang ihm zur Seite: »Superprojektion.«
»Genau, also, alles, was Sie mit Ihrer Superprojektion zu dem mutmaßlich versuchten Tötungsdelikt an der Nichte von Frau Dr. Yao herausgefunden haben, geben Sie Okyar. Und zwar nur ihm, der Kreis der Akteure in dieser vielschichtigen Gemengelage soll überschaubar bleiben. Wir wollen verhindern, dass ein übereifriger Kollege vom LKA 1 voreilig einen Haftbefehl gegen Abdelkarim Saad beantragt, wenn dort bekannt ist, dass er für ein versuchtes Tötungsdelikt als Verdächtiger in Betracht kommt. Das würde unsere Pläne zunichtemachen. Ich informiere Tekin Okyar. Ich lege jetzt auf.«
Damit war das Telefonat beendet.
Abels Blick schweifte zu Sabine, die die letzten Minuten schweigend zugehört hatte. Ihre feinen Gesichtszüge erschienen völlig reglos, wie zu einer Porzellanmaske erstarrt. Abel fragte sich, was wohl gerade in seiner Kollegin vorging.
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