94
Berlin,
Charlottenburg-Westend, Wohnhaus von Dr. Michael Heumann, Esszimmer,
Montag, 4. August, 11:27 Uhr
C
harlotte ist oben in ihrem Zimmer. Ich habe vor ein paar Minuten nach ihr gesehen, sie ist in ein Hörspiel vertieft, alles in Ordnung«, informierte Isabell Heumann den Kriminalhauptkommissar.
Markwitz hatte sich nach ihrem Befinden erkundigt, nachdem sie ihn ins Haus gebeten hatte. »Und uns geht es den Umständen entsprechend«, fügte sie dann auf dem Weg ins Esszimmer mit leiser Stimme hinzu.
Der Ermittler der Abteilung für Organisierte Kriminalität nahm an dem ausladenden Edelholztisch gegenüber der Eheleute Heumann Platz. An dem Esszimmertisch, den sie liebevoll mit Hortensien in hauchdünnen Vasen dekoriert hatte. Als unsere kleine Welt noch in Ordnung war.
»Wir haben eine Zeugin, die uns heute Morgen glaubhaft berichtet hat, dass die Saads es nicht bei Drohungen gegen Sie belassen werden«, erklärte der Hauptkommissar in einem Tonfall, der bemüht beiläufig klang.
Isabell schluckte trocken und blickte zu Michael, der direkt neben ihr saß. Unter ihrer Hand, die sie auf seinen Oberschenkel gelegt hatte, spürte sie, wie ein Zittern durch seinen Körper ging.
»Was heißt das genau? Wollen die uns die Scheiben einschmeißen wie in der Rettungsstelle? Noch einen weiteren sterbenden Hund über
den Zaun werfen?«, fragte Michael mit müder Stimme.
Hauptkommissar Markwitz setzte offenbar gerade zu einer Erwiderung an, als Isabell das Wort ergriff. »Michael, begreifst du denn nicht«, sagte sie. »Sie wollen dich töten.«
»Die Aussagen der Zeugin sind recht präzise. Und wir müssen das sehr ernst nehmen. Aber es besteht kein Grund zur Sorge. Wir haben die Situation unter Kontrolle, und das wird sich auch zu keinem Zeitpunkt ändern. Das versichere ich Ihnen.«
Isabells Beine kribbelten, am liebsten wäre sie aufgesprungen und ein paar Schritte gegangen, aber in diesem Moment suchte Michaels zittrige, feuchte Hand unter dem Tisch nach der ihren. Sie sah zu ihm, doch Michaels Blick ging ins Leere. Er machte einen geradezu apathischen Eindruck. Ihr sonst so selbstsicherer, zuversichtlicher Mann wirkte auf einmal so verletzlich. O Gott, wo soll das alles noch hinführen?
Es herrschte Schweigen am Tisch, dann schien ein Ruck durch ihren Mann zu gehen. Er löste seine Hand aus ihrer und sprang von seinem Stuhl auf.
»Sie müssen etwas tun. Sie müssen uns hier wegbringen. Isabell, hol Charlotte, wir fahren zu deinen Eltern!« Seine Stimme überschlug sich bei dem letzten Satz.
Michael hat sich nicht mehr im Griff, so kenne ich ihn gar nicht. So dünnhäutig. Das ist alles zu viel für ihn
.
Doch ehe sie reagieren und ihren Mann beruhigen konnte, hatte sich der Kriminalbeamte ebenfalls erhoben, war mit schnellen Schritten um den Tisch herumgegangen und hatte ihm eine Hand auf die Schulter gelegt. Als ob ein unsichtbarer Knopf in seiner Schulter gedrückt wurde, ließ sich Michael wieder auf seinen Stuhl zurücksinken.
»Beruhigen Sie sich. Bitte, Herr Dr. Heumann. Wir brauchen Sie jetzt – bei Verstand«, sagte Markwitz in ruhigem Tonfall. »Sie dürfen
nicht die Nerven verlieren. Ich weiß, dass das alles für Sie …« – er sah zu Isabell – »… und auch für Sie eine riesige Belastung ist. Aber bisher machen Sie das wirklich gut. Und es ist bald vorbei, glauben Sie mir.«
Michael starrte jetzt wieder ausdruckslos geradeaus, wie in Trance. So, als ob er überhaupt nicht Teil dieser furchtbaren, geradezu kranken Entwicklung der Ereignisse war.
»Was wird jetzt geschehen?«, fragte Isabell leise.
Hauptkommissar Markwitz räusperte sich. »Wir haben bereits Vorbereitungen getroffen. Ihr Haus wird von verdeckten Kräften einer Spezialeinheit observiert, die bereits seit einiger Zeit hier vor Ort ist.«
»Bereits vor Ort? Seit einiger Zeit? Seit wann?«, fragte sie verwundert.
»Seit dem Vorfall mit dem Hundewelpen am Samstag wird Ihr Haus von verdeckten Kräften eines Mobilen Einsatzkommandos observiert. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, die uns jetzt, angesichts der verifizierten Bedrohungslage, zum Vorteil gereicht. Die Beamten müssen nicht erst neu ihre Posten beziehen, sie sind bereits in einem Lieferwagen unweit Ihres Hauses, zusätzlich in einem Nachbarhaus, in umliegenden Garagen und an weiteren neuralgischen Punkten in Position, von denen aus sie jede Bewegung in Ihrer Straße observieren und von wo aus auch der Zugriff erfolgen wird.«
In Position … Zugriff … Meine arme Charlotte … Wir alle sind im Fadenkreuz von Verbrechern und –
Markwitz riss sie jäh aus ihren Gedanken.
»Aber ohne Sie beide geht es nicht. Sie müssen jetzt die Nerven bewahren. Ich weiß, dass es für Sie schwer ist, aber Sie schaffen das. Wir bereiten einen Zugriff vor, der so getaktet sein wird, dass wir beweisen können, dass die Saads zu allem entschlossen sind, dass sie zum Äußersten bereit sind, das heißt Sie, Herrn Heumann, zu töten. Dann können wir sie wegen Mordversuches verhaften.«
Michaels Schultern sanken nach unten, er schien immer kleiner zu werden.
»Was muss ich tun, damit es bald vorbei ist?«, fragte er mit brüchiger Stimme.
Sie atmete tief ein. Sie musste jetzt die Starke sein, durfte sich nicht anmerken lassen, was wirklich in ihr vorging.
»Sie müssen nichts weiter tun, als in Ihrem Haus zu bleiben. Alles, was geschieht, wird auf der Straße geschehen, vor
dem Haus. Im Haus sind Sie, Ihre Frau und Ihre Tochter sicher. Sobald die Saads eintreffen und Ihr Grundstück betreten, erfolgt der Zugriff. Das Vorgehen ist mit der Generalstaatsanwaltschaft abgestimmt. Im besten Falle bekommen Sie nicht einmal etwas davon mit«, erklärte Markwitz.
»Und das reicht dann, damit diese Schweine ins Gefängnis kommen?«, fragte Michael und fuhr sich verzweifelt mit der Hand durchs Haar.
Markwitz nickte.
»Wann soll das alles stattfinden? Wann wollen diese … diese Personen,
dass ich sterbe?«
In Michaels Stimme schwang etwas mit, was Isabell völlig fremd vorkam. Angst. Er hat panische Angst.
Im Raum trat für einen kurzen Moment eine unheimliche Stille ein.
»Heute Abend«, antwortete Markwitz. »Heute Abend ist alles vorbei.«
☠ ☠ ☠