95
Berlin,
Charlottenburg-Westend, Wohnhaus von Dr. Michael Heumann, Schlafzimmer,
Montag, 4. August, 18:02 Uhr
D as vom regionalen Warnlagedienst des Deutschen Wetterdienstes für den späteren Nachmittag angekündigte Tiefdruckgebiet Gisela hatte sich in den letzten Stunden zuerst durch heftige Windböen und dann durch eine bleigraue, immer dicker werdende Wolkendecke angekündigt, die den Himmel über Berlin zunehmend verdunkelte. Jetzt hatte die Gewitterfront vom östlichen Brandenburg aus die Berliner Stadtgrenze erreicht.
Diese verdammte Warterei macht einen mürbe, dachte Markwitz, nachdem er gefühlt zum hundertsten Mal auf seine Armbanduhr geschaut hatte. Er hatte bereits vor über vier Stunden mit seinem MEK-Kollegen Sven Römer, dem Einsatzleiter des Mobilen Einsatzkommandos, im Schlafzimmer der Heumanns Position bezogen.
Nachdem Markwitz das Haus der Heumanns demonstrativ gegen 13 Uhr durch den Vorderausgang verlassen hatte, war er in seinen vor der Tür geparkten Dienstwagen gestiegen und hatte den direkten Weg zur Stadtautobahn genommen. An der Abfahrt Spandauer Damm hatte er die Autobahn sofort wieder verlassen, hatte sich durch ein paar taktische Manöver davon überzeugt, dass er nicht verfolgt wurde, und war in einer Nebenstraße des Spandauer Damms in ein ziviles Fahrzeug des MEK umgestiegen. Eine Kollegin hatte ihn dann in das Villenviertel im Westend zurückgebracht.
In einer Parallelstraße zur Wohnstraße der Heumanns hatte er Kriminalhauptkommissar Römer getroffen, der ihn dort in einer Garage bereits in voller Einsatzmontur erwartete – schwarzer Overall, ballistischer Schutzhelm und Schutzweste, aus deren vorderen Taschen mehrere Magazine herausschauten, Sturmhaube und Einsatzstiefel.
Sie waren in ständigem Funkkontakt mit Römers Kollegen, die die Umgebung von Heumanns Wohnhaus in einem Umkreis von dreihundert Metern observierten und zudem die neuralgischen Einfahrtspunkte in das Wohnviertel kontrollierten.
Über den Garten eines Nachbarn, der an den der Heumanns grenzte, waren sie auf die Rückseite des Wohnhauses gelangt und von Isabell Heumann und den beiden dort positionierten Polizisten an der Terrassentür bereits erwartet worden.
Römer, ein breitschultriger Mann von Ende dreißig, mit einer rasierten Glatze und dunklen, wachen Augen, hatte seine Sturmhaube und seinen Schutzhelm neben einer Heckler-&-Koch-Maschinenpistole und seiner Dienstwaffe, einer Glock 17, auf dem Ehebett der Heumanns abgelegt. Er saß auf einem Stuhl nahe des Schlafzimmerfensters und ließ – ohne sich der Scheibe zu nähern und ohne dass Beobachter von draußen seine Gestalt hinter dem Fenster hätten entdecken können – den Blick über die Straße schweifen.
Markwitz hatte sich auf einen zwar eleganten, nach mehreren Stunden allerdings genauso unbequemen Hocker neben der Schlafzimmertür gesetzt. Er schwitzte unter der schusssicheren Weste, die Römer ihm verordnet hatte, und verfluchte die Schwüle, die den Raum aufheizte. Seine Dienstwaffe drückte unter der dicken, unflexiblen Schutzweste im Sitzen hart in seine rechte Flanke. Aus dem Schlafzimmerfenster konnte Markwitz in der Ferne die ersten grellweißen Blitze erkennen, die sich deutlich von der geschlossenen, bleigrauen Wolkendecke abhoben. In der Ferne ertönte das erste Donnergrollen.
Römers Stimme klang kratzig und rau, als hätte er stundenlang gegen einen Sturm angeschrien, als er zu Markwitz sagte: »Hast du deinen schnieken Türken auch dabei?« Der MEKler konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
»Ja, Tekin Okyar leitet die Observation des Hauses von Abdelkarim Saad. Wir haben das LKA 1 miteinbezogen. Das Team am Haus von Abadi Saad wird von einem anderen Kollegen von der OK geleitet«, antwortete Markwitz. »Ein paar schickere Klamotten würden dir übrigens auch stehen, Sven.«
Römer zuckte als Antwort nur kurz mit den Schultern. Mit einem Fingerdruck überprüfte er den Sitz seines kleinen In-Ear-Kopfhörers, mit dem er den Funkverkehr der Kollegen hörte. Das Mikrofon steckte mit einer Klemme am oberen Rand seiner schusssicheren Weste.
Markwitz sagte in sein Mikro: »So, Herrschaften, Zeit für eine erneute Statusmeldung. Alle Mann weiter in Position? Wie besprochen: Jedes Fahrzeug im näheren Umkreis sofortige Halterabfrage. Jede verdächtige Bewegung melden, und wenn es der DHL-Mann ist. Es kann nicht mehr lange dauern, bis wir hier Besuch bekommen. Stand jetzt: Beide Saad-Brüder sind in ihren Wohnungen in Neukölln. Sobald sich dort etwas tut, bekommen wir Info von den Teams vor Ort. Over and out.«
Römer grinste. »Da sorgt der schnieke Türke schon für.«
Markwitz hielt ihm wortlos den ausgestreckten Mittelfinger entgegen.
Beiden Männern blieb nichts übrig, als weiter abzuwarten. Markwitz meinte, die Anspannung im Raum förmlich zu spüren. Mittlerweile war es vor dem Haus immer dunkler geworden. Obwohl es noch früher Abend war, schien die Nacht bereits gekommen zu sein. Die ersten dicken Regentropfen – zunächst zögerlich, dann immer heftiger – prasselten gegen die Fensterscheibe.
Verdammte Warterei. Ob überhaupt etwas passiert? Ob die Zeugin wirklich wusste, was wann genau geschehen soll? Oder vielleicht haben die Saads ihren Plan, Heumann zu töten, verworfen, weil ihnen klar ist, dass Shania Saad direkt zur Polizei gerannt ist? Verdammte Unsicherheit, dachte Markwitz und lauschte darauf, wie Isabell Heumann ihre Tochter in ihr Zimmer dirigierte.
Es hatte am Vormittag viel Überzeugungsarbeit bedurft, bis Heumann akzeptiert hatte, dass es besser war, seine Frau und Tochter nicht wegzubringen.
Markwitz sah ständig zwischen dem Ziffernblatt seiner Armbanduhr und dem Display seines Handys hin und her. Auf seinen Unterarmen standen dicht an dicht kleinste Schweißperlen. Mittlerweile war es fast 20 Uhr. Und weder Okyar noch der Kollege vor Abadi Saads Wohnung hatten sich bisher gemeldet.
Römer hatte unterdessen die Füße auf das Ehebett der Heumanns gelegt, die Kampfstiefel auf seinem Schutzhelm übereinander verschränkt, und erinnerte Markwitz an einen Cowboy in einem Lehnstuhl auf der Veranda seiner Ranch.
Da spürte Markwitz den Vibrationsalarm seines Handys in der Hand. Okyar! Er nahm den Anruf sofort entgegen. »Tekin?«
Ruckartig hob Römer die Füße vom Bett, setzte sich aufrecht in seinem Stuhl hin und blickte den Kollegen erwartungsvoll an.
Markwitz hörte Tekin Okyar nur wenige Sekunden zu und beendete dann das Telefonat. Er spürte eine Anspannung durch seinen Körper gehen. Adrenalin.
»Abdelkarim Saad. Er ist gerade aus der Tiefgarage gefahren. Es geht los.«
☠ ☠ ☠