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Berlin,
Stadtautobahn/Berliner Ring, Dienstwagen Tekin Okyar,
Montag, 4. August, 20:05 Uhr
O
kyar verfluchte den immer heftiger prasselnden Regen, der, immer wieder von Windböen gepeitscht, die Berliner Straßen flutete. Das Sommergewitter brachte zwar eine Abkühlung der schwülen Abendhitze, führte aber zu suboptimalen Sichtverhältnissen. Trotzdem gelang es Okyar, der dunkelblauen S-Klasse kontinuierlich mit zwei Wagen Abstand zu folgen. Er war froh, dass Abdelkarim Saad fuhr wie ein Anfänger. Er hielt noch bei Gelb an jeder Ampel an, fuhr nicht zu schnell.
»Wir fahren Richtung Charlottenburg. Sind gerade auf dem Tempelhofer Damm«, sprach Okyar in sein Handy.
Über die Freisprecheinrichtung seines Dienstwagens hielt er per Standleitung die Einsatzzentrale in Bezug auf die Fahrtrichtung der Zielperson auf dem Laufenden.
Kurz nachdem Abdelkarim Saad die Tiefgarage eines Neubaus nahe der Hasenheide mit seinem Mercedes verlassen hatte, hatte Okyar, in Begleitung eines Kollegen vom MEK, sich an die Fersen des Clan-Mitglieds geheftet. Das war der Moment gewesen, an dem sie trotz der hektischen Bewegung der Scheibenwischer einen Blick in den Wagen von Abdelkarim Saad erhaschen konnten.
»Er hat zwei Männer dabei. Einer auf dem Beifahrersitz, einer hinten.«
Jetzt setzte Abdelkarim Saad den Blinker, um bereits nach wenigen
Kilometern die Stadtautobahn wieder zu verlassen. »Wir fahren wieder runter. Kaiserdamm«, sagte Okyar und ging vom Gas. Er ließ seinen Dienstwagen weiter zurückfallen und hielt jetzt drei Wagen Abstand zu dem Mercedes. Dann mussten sie an der Ampel Knobelsdorffstraße, dort, wo die Ausfahrt Kaiserdamm im Stadtteil Charlottenburg mündete, bei Rot warten. Beiläufig sah Okyar in den Rückspiegel. Hinter ihnen hatte sich eine Schlange von mehreren Wagen gebildet, alle mit eingeschalteten Scheinwerfern, nass glänzend von dem starken Regen. Einen Moment lang war er irritiert, verengte die Augen zu schmalen Schlitzen und tippte dann dem Beamten neben ihm auf dem Beifahrersitz auf die Schulter.
»Schnell, guck mal bitte. Hinter uns, der BMW … Ich glaube, ich habe gerade eine Erscheinung. Kannst du das Kennzeichen erkennen?«
»Was ist da los?«, fragte der Beamte in der Einsatzzentrale ungeduldig am anderen Ende der Leitung.
»Warte«, sagte Okyar hastig.
Der Beamte neben ihm – ein erfahrener MEKler, der bisher schweigsam und konzentriert dagesessen hatte – lehnte sich leicht nach rechts, um besser in den Seitenspiegel schauen zu können. Die Ampel sprang auf Gelb, dann auf Grün. Die Autos vor ihnen setzten sich wieder in Bewegung, allen voran Abdelkarim Saad in seiner S-Klasse.
»B – BA 7272«, brummte der Beamte neben ihm, der sich nicht aus der Ruhe hatte bringen lassen.
Während Okyar leicht aufs Gaspedal trat und der zivile Einsatzwagen anfuhr, beugte er sich hektisch nach vorn, als ob der Kollege in der Einsatzzentrale ihn dann besser verstehen konnte. »Hör mal, Kollege. Ich glaube, ich habe gerade was gesehen, was mir gar nicht gefällt. Hier ist noch ein Wagen …«
»Was für ein Wagen?«
»BMW, 7er. Schwarz. Kfz-Kennzeichen: B – BA 7272. Wir brauchen eine Halterfeststellung. Und Verstärkung, zweites Observationsteam, Knobelsdorffstraße Richtung Reichsstraße. Sofort!«
»Einen Moment, Römer vom MEK hört mit.«
Okyar vernahm im Hintergrund eine sehr gedämpft klingende Stimme, die offensichtlich das Kennzeichen des BMWs, das er gerade durchgegeben hatte, wiederholte. Dann hörte er eine Stimme, die er nur zu gut kannte: Horst Markwitz.
»Was gefällt dir an dem Fahrzeug oder den Insassen nicht, Tekin?«
»Der Fahrer des BMWs sieht aus wie Bassam Darzi«, sagte Okyar aufgeregt und blickte erneut in den Rückspiegel. Doch der Wagen war verschwunden.
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