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Berlin,
Treptowers, BKA-Einheit »Extremdelikte«, Büro Professor Paul Herzfeld,
Montag, 4. August, 20:34 Uhr
A
bel hatte am frühen Nachmittag zunächst mit Sara Wittstock telefoniert. Sie hatte ihm zugesagt, das gesamte Bildmaterial vom Drogendepot in der Wohnung von Mailin Zhou sowie die entscheidenden Videosequenzen und Ganzkörper- und Porträtaufnahmen der beiden Männer aus der Wohnung dem LKA 4 als Dateien weiterzuleiten. Abdelkarim Saad war zwar zweifelsfrei als einer der beiden Männer identifiziert worden, aber die Identität des zweiten Mannes aus dem Schrank war nach wie vor unklar, da es der IT-Spezialistin bisher nicht gelungen war, ihn über ihr Gesichtserkennungsprogramm und verschiedene Datenbanken zu identifizieren.
Dann hatte Abel nach mehreren vergeblichen Versuchen im Laufe des Nachmittages endlich Okyar erreicht. Er hatte dem Ermittler, der – entgegen seiner sonstigen Gewohnheit – am Telefon relativ kurz angebunden gewesen war, das Ergebnis seiner 3-D-Rekonstruktion mittels Superprojektion geschildert. Okyar hatte Abels Bericht sehr interessiert zur Kenntnis genommen und ihm, da er selbst momentan in die Observation von Abdelkarim Saad eingebunden war, vorgeschlagen, sich am nächsten Tag mit ihm zu treffen, um die Details zu erörtern und die Beweislage basierend auf der rechtsmedizinischen Rekonstruktion gemeinsam zu beurteilen.
Anschließend hatte Abel einen Anruf von Sabine Yao erhalten, die weder von ihrer Schwester noch von Siara Erfreuliches vermelden konnte. Sie hatte zunächst ihre Nichte auf der Intensivstation der Kinderklinik der Charité und anschließend ihre Schwester Mailin in der Karl-Bonhoeffer-Klinik besucht. Siara lag weiterhin im Koma, ihre Vitalparameter waren zwar unverändert, aber keiner der behandelnden Ärzte wollte zum jetzigen Zeitpunkt eine Prognose über den weiteren Verlauf abgeben. Bei Mailin waren zwischenzeitlich starke Alkoholentzugssymptome aufgetreten, die zu einem deliranten Zustand geführt hatten, und die behandelnden Ärzte waren sich einig, dass sich an Mailins Aufenthalt in der Karl-Bonhoeffer-Klinik ein mehrmonatiger Aufenthalt in einer Entzugsklinik anschließen musste, wenn es in ferner Zukunft wieder eine Zusammenführung von Mailin und ihren Kindern geben sollte.
Jetzt saß Abel mit Herzfeld in dessen Büro. Er hatte ihm in den letzten zwei Stunden ebenfalls von dem Ergebnis seiner Rekonstruktion mittels Superprojektion und den daraus resultierenden Schlussfolgerungen berichtet. Zudem hatte er Herzfeld auch das kurze Protokoll zu den Umständen der Auffindung des Drogenpäckchens und dem CT-Ergebnis übergeben, das er vor zwei Tagen angefertigt und gemeinsam mit Sabine Yao unterschrieben hatte.
»Du hast dich diverser Dienstvergehen schuldig gemacht und dich über so ziemlich alle unserer hausinternen Verfahrensanweisungen hinweggesetzt, Fred. Von den strafrechtlichen Aspekten – Verdeckung einer Straftat und Unterdrückung von Beweismaterial, um nur zwei davon zu nennen – mal abgesehen«, konstatierte Herzfeld.
Abel nickte schuldbewusst.
»Aber ich hätte es an deiner Stelle vermutlich nicht anders gemacht. Das Einzige, was ich dir vorwerfe, Fred, ist, dass du erst
heute damit zu mir kommst. Du hättest mich viel früher involvieren müssen.«
»Um dich in die Sache reinzuziehen?«, fragte Abel. »Was für einen Sinn würde es ergeben, wenn gegen uns beide – stellvertretenden Leiter und
Leiter der ›Extremdelikte‹ – wegen eines Dienstvergehens ermittelt wird und wir schlimmstenfalls beide vom Dienst freigestellt werden? Du weißt genauso wie ich, dass unsere kleine rechtsmedizinische Einheit dann höchstwahrscheinlich vor dem Aus stehen würde.«
»Strike!«, erwiderte Herzfeld und zwinkerte Abel verschwörerisch zu.
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