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Berlin, Charlottenburg-Westend,
Wohnhaus von Dr. Michael Heumann, Schlafzimmer,
Montag, 4. August, 20:38 Uhr
M
arkwitz’ Puls hatte sich merklich erhöht. Nicht dass ihn dies beunruhigte, es war vielmehr eine Reaktion, die er aus zahlreichen Situationen kannte. Eine Maschine in ihm war angesprungen. Eine Maschine, die ihn in die Lage versetzte, in kritischen Lagen seinen Verstand im Hintergrund arbeiten zu lassen und intuitiv die richtigen Entscheidungen zu treffen. Und damit war er schon in einigen brenzligen Situationen seiner über dreißigjährigen Polizeikarriere gut gefahren.
Er hatte sich auf der anderen Seite von Römer seitlich am Schlafzimmerfenster positioniert. Obwohl es merklich abgekühlt hatte, lief ihm der Schweiß unter der schusssicheren Weste weiter den Rücken hinunter.
Schweigsam beobachteten die beiden Männer aus ihrer Deckung heraus die durch die Gewitterfront in Dunkelheit gehüllte Wohnstraße. Die Lichter, die aus Heumanns Wohnhaus und von den erleuchteten Fenstern der gegenüberliegenden Häuser auf die Straße fielen, spiegelten sich in den Pfützen. Und es regnete unvermindert weiter.
Dann tauchte der Wagen mit Abdelkarim Saad am Steuer auf: B – XX 6914. Schritttempo. Wie ein Raubtier aus Metall, das sich dem Beutetier näherte. Langsam. Lauernd.
»Da sind sie«, raunte Römer in das Mikrofon seines Funkgerätes. »Wie weit müssen wir für deinen Generalstaatsanwalt gehen? Reicht
es, dass sie aus dem Wagen vor dem Haus aussteigen? Oder …«
Es waren keine zwanzig Meter mehr, bis der Mercedes vor dem Haus der Heumanns angelangt wäre.
Markwitz sah aus den Augenwinkeln, dass Römer den Finger weiter am Mikrofon hatte, um den Zugriff sofort freigeben zu können.
»Lass sie anhalten. Aussteigen«, presste Markwitz hervor, und seine Stimme hörte sich heiser und seltsam fremd an. Er spürte, wie sich sein Puls noch weiter beschleunigte. »Lass sie einen Fuß auf Heumanns Grundstück setzen.«
Römer hob fast unmerklich eine Augenbraue, betätigte die kleine Taste seines Mikrofons. »Warten, bis sie angehalten haben und ausgestiegen sind. Wir brauchen sie auf dem Grundstück. Keiner unternimmt etwas, bis ich den Zugriff freigebe.«
Der dunkelblaue Mercedes fuhr gemächlich weiter, war jetzt auf Höhe von Heumanns Haus. Und – fuhr vorbei.
»Was machen die Penner denn da, kriegen die Schiss?«, stieß Römer hervor und beugte sich noch ein Stück weiter nach vorn. »Was ist da unten los?«, bellte er in sein Funkgerät.
Doch dann verlangsamte der Wagen sein Tempo, schien jetzt auszurollen. Die Bremslichter am Heck leuchteten rot auf, und etwa zehn Meter von Heumanns Haus entfernt stoppte der Mercedes.
Die Zeit schien stillzustehen, Sekundenbruchteile vergingen in qualvoller Länge, dauerten eine gefühlte Ewigkeit.
Und dann ging plötzlich alles ganz schnell.
Zuerst registrierte Markwitz, wie sich die Beifahrertür des Mercedes etwa zur Hälfte öffnete, eine Hand zum Vorschein kam, die einen undefinierbaren Gegenstand, der am oberen Ende hell blitzte, mit einer lockeren, fast spöttisch anmutenden Bewegung in die Lücke zwischen zwei am Straßenrand parkende Autos warf. Fast im selben Moment gab es einen ohrenbetäubenden Knall, der die Schlafzimmerscheibe vibrieren ließ.
Römer sprang direkt vors Fenster, seine Stimme überschlug sich, als er: »Zugriff! Schussfreigabe erteilt!«, in sein Mikrofon brüllte.
Etwa fünfzehn Meter weiter die Straße hinunter öffnete sich eine Lieferwagentür, und die MEK-Beamten strömten wie große, schwarze Insekten heraus, mit ihren ballistischen Schutzwesten und den Schutzhelmen über den schwarzen Sturmmasken, teils Sturmgewehre, teils Repetierflinten in Vorhalte.
Ein weiterer Knall ertönte, diesmal noch etwas lauter. Die Schlafzimmerscheibe vibrierte erneut, und zeitgleich durchzuckte ein heller Blitz die Dunkelheit, gefolgt von einem kleinen Rauchpilz. Der grelle Lichtblitz tauchte die Szenerie vor dem Haus in ein fast unwirkliches, weiß strahlendes Licht und fror alle Bewegungen auf der Straße vor Heumanns Haus für einen Sekundenbruchteil ein. Blendgranate,
ging es Markwitz durch den Kopf. Von unseren Leuten.
Das Letzte, was Markwitz von seinem Posten aus sah, ehe er auf dem Absatz kehrtmachte und dem bereits aus dem Zimmer sprintenden Römer folgte, war, wie die maskierten und schwer bewaffneten MEK-Beamten Abdelkarim Saads Mercedes umzingelten und die Türen des Wagens aufrissen.
Die beiden Männer hasteten ins Erdgeschoss hinunter, jeweils mehrere Stufen gleichzeitig nehmend. Am Fuß der Treppe stand Heumann mit seiner Frau, die kleine Tochter presste sich mit angstgeweiteten Augen an ihre Mutter, der Tränen über das gerötete Gesicht liefen.
»Was zur Hölle … wir haben Todesangst!«, rief Heumann und versuchte, Markwitz am Ärmel zu fassen.
Ohne die drei weiter zu beachten, stürmte Römer an ihnen vorbei Richtung Haustür.
Markwitz wandte sich im Vorbeilaufen mit bebender Stimme an die Heumanns: »Wir haben sie. Verriegeln Sie die Haustür hinter mir. Dann ab ins Wohnzimmer. Tür zu. Bleiben Sie dort. Es ist gleich
vorbei.«
Dann rannte er hinter Römer zur Haustür hinaus.
Das Geschehen auf der schmalen Wohnstraße wirkte wie die Szene aus einem Bürgerkrieg. Einige der Beamten hatten zwei Männer auf dem Boden fixiert und fesselten ihnen gerade mit Kabelbindern die Hände auf den Rücken. Kraftlos und ohne Gegenwehr lagen die beiden beleibten Araber bäuchlings in einer großen Pfütze.
Soweit Markwitz es erkennen konnte, waren ihm beide unbekannt. Zeitgleich wurde ein dritter Mann, den Markwitz sofort als Abdelkarim Saad identifizierte, aus der weit aufgerissenen Fahrertür des Mercedes gezerrt. Die am Boden liegenden Männer wurden jeweils von einem Beamten durchsucht, während ein weiterer MEKler sie zu Boden presste. Unterdessen erschien Abdelkarim Saad, flankiert von zwei Beamten, hinter dem Mercedes. Einer der Beamten hielt den rechten Arm des Clan-Mitglieds im Polizeigriff auf dessen Rücken fixiert, der andere hatte den Libanesen mit seiner behandschuhten rechten Hand im Nacken gepackt, während er mit der linken Hand eine Pistole auf ihn richtete. Auf Höhe seiner auf dem Boden liegenden Kumpane wurde Abdelkarim Saad unsanft nach vorn zu Fall gebracht, indem der Beamte, der ihn im Polizeigriff hielt, ihm kurzerhand die Füße unter dem Boden nach vorn wegtrat. Mit einem wütenden Laut stürzte Saad neben seine Gefolgsleute in die Pfütze und schlug dabei hart mit der Stirn auf dem Boden auf, sodass Regenwasser in alle Richtungen wegspritzte. Dann wurde er ebenfalls mit Kabelbindern gefesselt und durchsucht.
Ein Kopfschütteln des MEKlers signalisierte, dass die Durchsuchung wie auch bei den beiden bereits gefilzten Männern erfolglos verlaufen und er unbewaffnet war.
Markwitz blickte die Straße hinauf. Dort hatten zwei zivile Einsatzfahrzeuge die Zufahrt blockiert. Neugierige Anwohner zeigten sich hinter den Fensterscheiben der umliegenden Villen und
Einfamilienhäuser. Offenbar vermieden sie es bei dem heftigen Regenguss, die Fenster zu öffnen.
Markwitz sah Römer, der sich bis eben noch an Abdelkarim Saads Mercedes aufgehalten hatte und jetzt auf ihn zukam. »Was war die erste Explosion? Eine Handgranate?«, rief Markwitz ihm entgegen.
Römer schüttelte den Kopf. »Nein, nichts mit Wumms. Wie es aussieht, war das ein Polenböller oder irgendwas in der Art. Jedenfalls kein militärischer Sprengstoff, sagen meine Jungs. Muss die KT rausfinden. Kein Schaden an den Autos daneben, null Detonationskrater. Der Wichser hat irgendeinen Böller aus dem Wagen geworfen. Die drei sind alle unbewaffnet. Auch im Wagen alles sauber, zumindest Stand jetzt.«
Markwitz blickte zu Abdelkarim Saad, dessen Gesicht, Haare und Kleidung von dem unfreiwilligen Bad in der Pfütze und dem gnadenlos herunterprasselnden Regen völlig durchnässt waren.
Der Libanese drehte seinen Kopf leicht zur Seite, starrte mit einem stechenden Blick aus seinen fast schwarzen Augen in Markwitz’ Richtung. Blut lief aus seiner Platzwunde auf der Stirn über die Nase. Das Rinnsal wurde durch den Regen zunehmend blasser, bis es schließlich nicht mehr sichtbar war.
Es schien ihm nichts auszumachen, er wirkte völlig ungerührt. Die Blicke der beiden Männer trafen sich für einen kurzen Augenblick. Und Horst Markwitz hatte das ungute Gefühl, dass Abdelkarim auf irgendetwas zu warten, regelrecht zu lauern schien.
Verdammt, hier stimmt was nicht,
schoss es Markwitz durch den Kopf.
Er hörte das Splittern von Glas – auf der Rückseite von Heumanns Haus.
Und dann krachten zwei Schüsse.
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