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Berlin-Schöneberg,
Generalstaatsanwaltschaft, Büro Gabriel Fournier,
Dienstag, 5. August, 8:10 Uhr
A ber Sie hätten die Rückseite des Hauses im Blick haben müssen!«, brüllte Gabriel Fournier.
Markwitz und Römer standen mit gesenkten Köpfen vor dem Schreibtisch des Generalstaatsanwalts.
»Wir hatten zwei Männer auf der Rückseite positioniert. Dass die Kollegen dann ihre Position verließen, als vor dem Haus die Hölle losbrach, das war nicht so geplant. Aber die beiden haben das in der besten Absicht getan, in der festen Überzeugung, dass sie vorn …«, setzte Römer mit belegt klingender Stimme an, wurde aber noch im selben Moment von Fournier niedergebrüllt: »Scheiße! Verdammte Idioten! Ich habe noch heute Nacht den Vorgesetzten der beiden aus dem Bett geklingelt. Ihre Suspendierung ist bereits erfolgt! Und das Disziplinarverfahren, das die beiden Herren vor sich haben, wird es in sich haben. Das schwöre ich Ihnen!«
Fourniers Gesicht hatte eine ungesund wirkende, rötliche Farbe, die an einen gekochten Shrimp erinnerte.
Markwitz war seit dem misslungenen Einsatz am Vorabend nicht zur Ruhe gekommen. Wobei misslungener Einsatz noch gelinde ausgedrückt war. Es war zur Katastrophe gekommen. Das Schlimmste war eingetreten. Heumann war tot. Der Mann, für dessen Sicherheit er verantwortlich gewesen war, den er fälschlicherweise in Sicherheit gewiegt hatte. Auch wenn es nicht seine, sondern die Idee des Generalstaatsanwalts gewesen war, die Familie nicht fortzubringen. Wir servieren Heumann den Saads auf dem Silbertablett. Er bleibt, wo er ist, in seinem Haus, das waren Fourniers Worte gewesen. Erschossen vor den Augen seiner Frau und der fünfjährigen Tochter.
Markwitz trug noch dieselbe Kleidung wie am Vortag. Er war erst in den frühen Morgenstunden nach Hause gekommen und hatte gar nicht erst den Versuch gemacht, die eine oder andere Stunde zu schlafen oder sich zu duschen und umzuziehen.
Er wusste, dass er die Bilder, die sich in seinem Kopf festgesetzt hatten, als wären sie in der Netzhaut seiner Augen eingebrannt, für lange Zeit nicht loswerden würde. Die Bilder seines eigenen Versagens. Wie Isabell Heumann im Wohnzimmer ihres Hauses auf dem Boden kniete, ihre Gesichtszüge zu einer Maske aus Schock und Schmerz erstarrt. Ihre wimmernde Tochter im Arm. Die dunkelroten Blutspritzer, die sich teils wie feine Sprenkel, teils wie dicke Farbtupfer über ihr Gesicht, ihre nackten Unterarme und ihr helles Sommerkleid zogen. Ihre von Blut verklebten Haare. Die zersplitterte Scheibe der Terrassentür. Die immer größer werdende Blutlache auf dem Fußboden. Mittendrin der Kopf von Heumann, auf dessen Stirn zwei Einschusswunden prangten, deren andreaskreuzförmiges Aussehen Markwitz sofort verraten hatte, dass der Täter aus nächster Nähe auf Heumann gefeuert haben musste.
»Die Obduktion sollte mittlerweile begonnen haben«, riss Fournier den Ermittler aus seiner Erinnerung.
»Auch wenn ich mir von dem Obduktionsergebnis keine neuen Erkenntnisse verspreche. Um 9:00 Uhr treffe ich den Polizeipräsidenten mit seinem Stab und das Justiziariat des LKA. Schadensbegrenzung. Ich werde, nein, vielmehr ich muss heute noch eine Pressekonferenz geben. Und bis dahin werden wir uns der Vernehmung von Abdelkarim Saad widmen«, sagte Fournier und musterte die beiden Kriminalbeamten mit unverhohlener Abneigung.
»Erste Ergebnisse vom Labor der KT zum Tatort erwarten wir etwa gegen 10 Uhr«, schaltete sich Römer wieder ein. Seine Stimme war immer noch belegt. »Die haben uns abgelenkt. Haben einen Polenböller gezündet. Dafür bekommt der, der ihn geworfen hat, im besten Fall eine Geldstrafe aufgebrummt. Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz. Mehr haben wir momentan nicht gegen die Saads in der Hand. Wenn wir überhaupt feststellen können, wer von den dreien das Ding gezündet hat. Ich meine …« – er stockte, räusperte sich, ehe er weitersprach – »die Kollegen sagen, dass sie Abdelkarim Saad bald wieder laufen lassen müssen. Sein Anwalt ist schon bei ihm. Wir …«
Vielleicht sollte ich Fournier jetzt mitteilen, dass wir Videobeweismaterial zu dem Drogenversteck in der Wohnung in Marzahn haben und dass Abdelkarim Saad mutmaßlich in ein versuchtes Tötungsdelikt an einem knapp zwei Jahre alten Kind involviert ist, schoss es Markwitz kurz durch den Kopf, während Römer weitersprach. Der Hauptkommissar wurde aber durch den wütenden Aufschrei »Schwachköpfe! Ich bin nur von Schwachköpfen umgeben!« von Fournier unterbrochen und verwarf den Gedanken gleich wieder.
Der Generalstaatsanwalt tobte indes mit hochrotem Kopf weiter. »Die lassen uns wie Idioten aussehen! Vor dem Haus von Heumann veranstalten die Saads ein kleines Silvesterfeuerwerk, und Sie fallen alle darauf rein, während sich der Attentäter in aller Ruhe hinten Zugang ins Haus verschafft und die Schutzperson vor den Augen seiner Familie erschießt. So viel Dilettantismus ist wirklich ohne Worte! Was ist mit der Frau und dem Kind? Was haben die gesehen? Konnten sie Angaben zum Täter machen?«, wandte er sich jetzt an Markwitz.
»Das Kriseninterventionsteam ist gestern Abend direkt zu ihnen«, antwortete Markwitz. »Frau Heumann ist nur bedingt vernehmungsfähig. Sie konnte uns lediglich sagen, dass alles sehr schnell ging. Ein schwarz gekleideter, maskierter Täter – sehr wahrscheinlich trug er eine Skimaske – schlug die Scheibe an der Terrassentür ein und schoss zweimal aus nächster Nähe auf ihren Mann. Im Moment befinden sich Frau Heumann und ihre Tochter in der Trauma-Ambulanz der Charité. Sie werden dort auch weiter engmaschig betreut. Eine weitere Vernehmung lehnen die Ärzte ab, und …«
»Schon gut, schon gut«, unterbrach ihn Fournier, den das nicht wirklich zu interessieren schien.
Du mieses Arschloch, dachte Markwitz. Doch bevor er sich entscheiden konnte, ob er einfach weiterreden oder sich den Mund verbieten lassen sollte, klingelte das Telefon auf Fourniers Schreibtisch. Der Generalstaatsanwalt nahm den Anruf entgegen und hörte etwa eine Minute aufmerksam zu, ohne ein Wort zu sagen. Dann beendete er das Telefonat ohne Verabschiedung und warf den Hörer krachend zurück auf den Apparat.
»Eine erste Spur. Bewegungsprofil eines gewissen Bassam Darzi. Sein Fahrzeug soll von der Observationseinheit, die gestern Abend an Abdelkarim Saad dran war, in der Nähe des Tatorts gesehen worden sein.«
Der schwarze 7er BMW, den Tekin gemeldet hat, ging es Markwitz durch den Kopf, während Fournier weitersprach.
»Die IT-Forensiker vom LKA haben die Telefondaten von diesem Darzi ausgewertet und per Handy-Tracking sein Bewegungsprofil im Tatzeitraum rekonstruieren können. Sein Handy war zur Zeit des Mordanschlags auf den Arzt in einer Funkzelle in diesem Bereich eingeloggt. Die Fahndung nach ihm läuft bereits.« Der Generalstaatsanwalt verstummte, legte die Stirn in Falten. »Bassam Darzi – wer soll das sein? Helfen Sie mir auf die Sprünge!«, polterte er dann wieder.
Markwitz seufzte. »Bassam Darzi ist der führende Geldwäscher der Saad-Familie. Gehört zum inneren Zirkel. Betreibt für den Clan Restaurants und Spielhallen. Ist bisher nicht durch Gewalttaten aufgefallen, aber das heißt natürlich nichts. Er war es, der mit Amir Saad zum Schulzensee zu Hermann Lübben gefahren ist. Mein Kollege Okyar vom LKA 1 hat ihn gestern zufällig bei der Beschattung von Abdelkarim Saad in einem Fahrzeug entdeckt, das anscheinend dieselbe Route nahm.«
Alles in der Akte, Herr Generalstaatsanwalt, fügte Markwitz gedanklich hinzu.
»Ich will, dass der Typ gefasst wird. Alle verfügbaren Kräfte dransetzen. Das wäre eine Geschichte für die Presse, die uns wirklich guttun würde, wenn wir den Mörder schon am Abend …«
Aber da hörte Markwitz schon nicht mehr zu, denn das Bild der blutbespritzten, für immer gebrochenen Isabell Heumann neben ihrem erschossenen am Boden liegenden Mann tauchte wieder mit solch brachialer Wucht vor seinem geistigen Auge auf, dass ihm schwindelig wurde.
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