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Berlin-Neukölln,
Boddinstraße,
Dienstag, 5. August, 9:27 Uhr
M
oewig hatte die Neuköllner Dar-as-Salam-Moschee passiert, war dann von der Flughafenstraße in die Mainzer Straße abgebogen und hatte sofort wieder die nächste Querstraße, die Boddinstraße, genommen. Hier wohnte der drittälteste der Saad-Brüder, Abadi Saad. Moewig war gemächlich mit seinem klapprigen Lada die mit Kopfsteinbelag gepflasterte und von Schatten spendenden Rosskastanien gesäumte Wohnstraße entlanggefahren. Für unbeteiligte Beobachter war er allem Anschein nach auf der Suche nach einem Parkplatz. Dann hatte er den Wagen etwa fünfzig Meter entfernt von dem Haus, in dem die Wohnung von Abadi Saad lag, in einer freien Parklücke abgestellt, direkt vor einem kleinen arabischen Backshop. Dort hatte er sich Baklava, Namura und Maamul gekauft und in eine Papiertüte packen lassen.
Nun schlenderte er in Richtung des fünfgeschossigen Wohnhauses, in dem Abadi Saad lebte – bis gestern noch mit Frau und Tochter.
Moewig entdeckte die beiden Zivilpolizisten in ihrem Passat sofort. Sie fuhren in Schritttempo an ihm vorbei. Moewig war klar, dass es hier in Neukölln für die Beamten des LKA 6 oder gar eines Mobilen Einsatzkommandos unmöglich war, in irgendwelchen Nachbarhäusern Quartier zu beziehen und von dort aus Abadi Saads Wohnumfeld zu observieren. Das war vielleicht im gutbürgerlichen Westend in Charlottenburg möglich, hier in diesem multinationalen,
dabei aber vorwiegend arabisch geprägten Kiez, dem Epizentrum des Einflussbereiches der Saads, war ein solches Unterfangen hingegen völlig ausgeschlossen.
Seine Tarnung, die raschelnde Papiertüte mit den arabischen Backwaren, trug der Privatermittler gut sichtbar vor sich her. Häufig war man unsichtbarer, wenn man sich auffällig und überhaupt nicht leise verhielt, das wusste Moewig nur zu gut.
An diesem Morgen hatte ihn Abel bereits kurz vor 6 Uhr angerufen und über den Mord an Dr. Michael Heumann unterrichtet. »Wenn Markwitz auf einen der noch verbliebenen Saads setzen müsste, der jetzt nicht die Füße stillhält, sondern irgendwelchen Aktionismus zeigt und vielleicht eine Dummheit begeht, dann ist das Abadi Saad. Und Markwitz muss es wissen, er kennt die Szene wie kein Zweiter«, hatte Abel gesagt.
Amir Saad – tot.
Abdelkarim Saad – zurzeit in Haft.
Asad Saad, der Löwe – zu umsichtig, zu überlegt. Niemand konnte einschätzen, wie die beiden verbliebenen Saads auf die Festnahme ihres Bruders, fünf Tage nach dem Tod ihres jüngsten Bruders, reagieren würden. Aber bei Abadi Saad war die Wahrscheinlichkeit größer, dass er sich zu einer unüberlegten Aktion hinreißen lassen würde, als bei dem Chef des Clans. Denn die Flucht seiner Frau mit der gemeinsamen Tochter kam einem absoluten Gesichtsverlust gleich – nicht nur innerhalb des Clans, sondern auch vor den anderen kriminellen arabischen Großfamilien in der Stadt. Und nicht nur Abadi Saad, auch alle anderen waren gewiss zu der Erkenntnis gelangt, dass es nur Abadi Saads Frau gewesen sein konnte, die für die Observation von Heumanns Haus, die hohe Polizeipräsenz vor Ort und die daraus resultierende Festnahme von Abdelkarim Saad verantwortlich gewesen war. Sie musste es gewesen sein, die die wichtigste Regel, die unantastbare Maxime der Familie, gebrochen hatte: Niemand spricht
mit der Polizei!
Lars Moewig schlenderte gemächlich weiter, ließ seine Blicke möglichst unauffällig schweifen. Dann tauchte der Wagen der Zivilbeamten erneut auf. Moewig war jetzt auf Höhe von Abadi Saads Haus. Die Rollläden im Erdgeschoss und im ersten Stock waren heruntergelassen. Nichts deutete darauf hin, dass jemand zu Hause war. Moewig verlangsamte seinen Schritt noch weiter. Die beiden Zivilbeamten in ihrem Passat waren jetzt auf seiner Höhe, blickten kurz zu ihm herüber, als sie im Schritttempo an ihm vorbeifuhren.
Nicht stehen bleiben, nicht auffallen,
dachte Moewig und griff in die Papiertüte vor seiner Brust, holte ein mit Mandeln gefülltes Baklava heraus und biss herzhaft hinein. Nachdem er das Haus passiert hatte, ging er die etwa zwanzig Meter bis zur nächsten Querstraße und bog dann dort ab. Nach wenigen Augenblicken entdeckte Moewig, was er gesucht hatte. Er blieb stehen, sah sich erneut unauffällig um. Aber kein Mensch war in der morgendlichen Hitze auf den Gehsteigen zu sehen. Auch von dem Zivilfahrzeug keine Spur. Das silberne Mercedes GLC Coupé mit dem Berliner Kennzeichen, das Sara Wittstock ihm vor einer Stunde durchgegeben hatte, stand in dem Hinterhof, der direkt an den rückwärtigen Teil von Abadi Saads Wohnhaus grenzte.
Moewig machte auf dem Absatz kehrt und trottete betont lässig zurück zu seinem Lada. Schließlich waren es gleich zwei Parteien, die ihn nicht bemerken sollten: die Polizei und Abadi Saad oder dessen Gefolgsleute.
An seinem Wagen angekommen, versicherte sich Moewig ein weiteres Mal, dass ihn niemand beobachtete, und stieg wieder in sein Fahrzeug. Er startete den Motor, fuhr aus der Parklücke und dorthin zurück, wo die Querstraße von der Boddinstraße abging und der Wagen von Abadi Saad im Hinterhof stand. Dort parkte er den Lada im Schatten einer Rosskastanie. Von hier aus hatte er den perfekten Überblick. Egal, ob Abadi Saad im Hinterhof in sein Mercedes Coupé
stieg oder an der Vorderseite seines Wohnhauses von jemandem abgeholt wurde und in ein anderes Fahrzeug stieg – Moewig würde es mitbekommen. Wenn der Mistkerl überhaupt zu Hause ist. Aber den Versuch ist es wert.
Und während Moewig in der immer stärker werdenden Hitze des Vormittags in seinem Lada saß, schwor er sich, zukünftig keine Alleingänge mehr zu unternehmen. Doch dieses eine Mal musste es noch sein. Ein allerletztes Mal.
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