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Berlin,
JVA Plötzensee, Vorraum zum Vernehmungszimmer,
Dienstag, 5. August, 10:34 Uhr
U
nter massiven Sicherheitsvorkehrungen war Abdelkarim Saad in den frühen Morgenstunden aus dem LKA-Gebäude in der Keithstraße in die deutlich besser gesicherte Justizvollzugsanstalt Plötzensee überführt worden. Denn niemand beim LKA oder der Generalstaatsanwaltschaft konnte oder wollte einen Befreiungsversuch durch den Clan ausschließen.
Markwitz sah auf den Monitor, der das Kamerabild aus dem Vernehmungszimmer in den Vorraum übertrug. Abdelkarim Saad wirkte wie der letzte Soldat einer Einheit, deren Mitglieder den Eid abgelegt hatten, sich niemals zu ergeben. Er erinnerte Markwitz mit seinem stolz erhobenen Kopf und dem arroganten Blick an einen Elitekämpfer. Allerdings an einen ramponierten Elitekämpfer, denn auf seiner Stirn klebte ein großflächiger, blutverkrusteter Pflasterverband, auf seinem Nasenrücken befand sich ein weiteres Pflaster, und seine rechte Gesichtshälfte war rötlich blau verfärbt. Zudem trug er einen weißen Ganzkörperanzug der Spurensicherung, da seine eigene Kleidung ihm für die Beweissicherung zur kriminaltechnischen Untersuchung abgenommen worden war.
Markwitz schaute auf seine Uhr. Okyar musste eigentlich jeden Augenblick eintreffen, ebenso wie der Anwalt von Abdelkarim Saad, der sich vor einer knappen Stunde telefonisch angekündigt hatte. Er hatte ausdrücklich darauf hingewiesen, dass jegliche Gespräche mit
seinem Mandanten nur in seinem Beisein stattzufinden hatten – was dessen gutes Recht war.
Markwitz war in der Zwischenzeit kurz zu Hause gewesen, hatte geduscht, sich frische Sachen angezogen. Für Ruhe oder gar Schlaf war allerdings auch diesmal keine Zeit gewesen. Unter seinen Augen hatten sich dunkle Schatten gebildet, und seine Gesichtshaut hatte eine ungesunde, gräuliche Farbe angenommen, wie er beim Blick in den Spiegel festgestellt hatte.
Nur er steckte als leitender Beamter inhaltlich tief genug in den Verstrickungen des Saad-Clans, und sehr wahrscheinlich war auch nur er es, der die richtigen Fragen stellen konnte. Allerdings war das alles wohl kaum Fourniers wirklicher Beweggrund gewesen, gerade ihn mit der Vernehmung von Abdelkarim Saad zu beauftragen. Markwitz wusste genau, dass er nach der Ermordung Heumanns, für dessen Schutz er als Leiter des Einsatzes verantwortlich gewesen war, Fourniers Bauernopfer wäre, wenn innerhalb der nächsten Stunden nicht noch ein Wunder geschah und der Mörder von Heumann gefasst wurde.
Es zeichnete sich ab, dass dies ein weiterer richtig beschissener Tag werden würde.
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