103
Berlin,
JVA Plötzensee, Parkplatz,
Dienstag, 5. August, 10:41 Uhr
A
bel war eine halbe Stunde nach der Frühbesprechung – in der es fast ausschließlich um die Ermordung Heumanns und die anstehende Sektion des Arztes ging, die Herzfeld Scherz und Rath zugewiesen hatte – von Okyar angerufen worden. Der Ermittler hatte Abel gebeten, ihn um 10:00 Uhr auf dem frei zugänglichen Parkplatz vor der Justizvollzugsanstalt Plötzensee zu treffen.
Abel war deshalb zur verabredeten Zeit auf dem Parkplatz vor den hohen Waschbetonmauern des Gefängnisses zu Okyar in dessen Zivilfahrzeug, einen Opel älteren Baujahrs, gestiegen. Dort hatte er dem Kommissar auf seinem Laptop das Ergebnis seiner Superprojektion gezeigt, was dieser mehrfach mit Pfiffen durch die Zähne quittierte, die Abel wiederum als Zeichen von Anerkennung wertete. Okyar hatte Abel dann kurz berichtet, dass Beamte der Abteilung für Rauschgiftkriminalität seit über zwei Stunden die Wohnung von Mailin Zhou in Marzahn durchsuchten, dass sie das Drogendepot der Saads bereits ausgehoben hatten und zurzeit Spuren sowie weiteres Beweismaterial sicherten.
»Und noch etwas wird Sie interessieren, Doc«, sagte Okyar. »Thanh Zhou, der verstorbene Schwager Ihrer Kollegin, hat nach unseren allerneuesten Erkenntnissen tatsächlich für die Saads gearbeitet. Unsere Leute haben das gestern überprüft, nachdem die Info von Ihnen zu dem Drogenversteck in der Wohnung reinkam. Der Name
Thanh war bei uns bisher nicht bekannt. Die Kollegen haben ihn mal genau unter die Lupe genommen, seine Mobilfunkdaten und Bewegungsprofile anhand von Funkzelleneinwahl mit denen von Abdelkarim und Abadi Saad abgeglichen und – bingo! Thanh war der Missing Link
. Wir gehen momentan davon aus, dass er aufgrund seines Jobs im internationalen Cargo-Bereich von Schönefeld Drogenlieferungen, die mit Frachtmaschinen aus Südamerika und Asien kamen, für die Saads entgegengenommen und am Zoll vorbeigeschleust hat. Dann hat er die Ware bei sich in der Wohnung in Marzahn in dem geheimen Depot versteckt, bis Clan-Mitglieder es für den Straßenverkauf wieder abgeholt haben.«
»Und sein Tod? Ich meine, der erscheint doch jetzt in einem ganz anderen Licht. Ich …«
»Sind wir schon dran«, fiel Okyar ihm ins Wort. »Wird alles noch mal neu aufgerollt, aber …« – er sah auf seine Armbanduhr – »… ich muss jetzt dringend zu Markwitz, er wartet bereits auf mich. Die Vernehmung von Abdelkarim Saad. Dank Ihnen zieht sich die Schlinge um seinen Hals zu, würde ich mal sagen.«
»Kann ich mit rein?«, fragte Abel.
»Vielleicht ist das keine schlechte Idee, wenn Sie während der Vernehmung dabei sind. Wir könnten mit Ihrer Expertise gleich ein wenig die Muskeln spielen lassen, was das Ergebnis Ihrer Superprojektion anbelangt. Ich würde Sie zunächst bei Saad und seinem Rechtsbeistand als BKA-Beamten vorstellen, und wenn ich Sie während der Vernehmung hinzuziehe, lassen wir die Katze aus dem Sack, dass Sie Rechtsmediziner sind.«
»Sehr gern. Haben Sie das, worum ich Sie gebeten hatte, dabei?«, erkundigte sich Abel.
Der Kommissar nickte kurz. »Los geht’s.«
Die beiden Männer verließen Okyars Zivilfahrzeug. Okyar beugte sich noch einmal durch die geöffnete Fahrertür in das Wageninnere,
zog ein DIN-A5-Blatt unter der hochgeklappten Sonnenblende hervor und legte es gut sichtbar auf das Armaturenbrett.
»Ordnung muss sein, so ist der Parkscheinautomat überflüssig«, sagte er.
Abel warf einen kurzen Blick darauf und stellte fest, dass es sich um eine Bescheinigung des Polizeipräsidenten von Berlin handelte, die auf Okyars Namen ausgestellt war und ihn berechtigte, während der Ausübung seiner dienstlichen Tätigkeit sein Auto auch in Parkverbotszonen abzustellen.
»Lassen Sie Ihre Tasche im Wagen, Doc«, schlug Okyar vor und deutete dabei auf die ausgebeulte Laptoptasche unter Abels Arm. Neben einem Ausdruck seines rechtsmedizinischen Gutachtens betreffend Siara Zhou hatte er noch weitere Unterlagen und sein Portemonnaie darin.
»Nehmen Sie nur den Laptop mit, um Saad ein paar Fotos von Ihrer Rekonstruktion zeigen zu können. Und Ihren Dienstausweis. Den Rest lassen Sie im Auto, dann geht die Überprüfung am Eingang in der Sicherheitsschleuse schneller, ohne große Taschenkontrolle.«
Abel nickte, überprüfte durch einen Griff an die Innentasche seines Jacketts, dass er neben seinem Blackberry auch den BKA-Dienstausweis mit sich führte, und verstaute die Laptoptasche im Fußraum des Wagens hinter dem Beifahrersitz. Dann gingen die beiden Männer mit raschen Schritten an einem der riesigen Wachtürme, die in die hohen Waschbetonmauern eingelassen waren und an den Tower eines Flughafens erinnerten, vorbei in Richtung des großen Haupttores der Justizvollzugsanstalt Plötzensee.
Die beiden Gestalten, die sie schon die ganze Zeit aus einem geparkten, dunklen Geländewagen beobachteten, bemerkten der Rechtsmediziner und der Kommissar nicht.
☠ ☠ ☠