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Berlin,
JVA Plötzensee, Vernehmungszimmer,
Dienstag, 5. August, 11:02 Uhr
M
arkwitz setzte sich auf seinem Stuhl an dem quadratischen, abgenutzten Holztisch, der fest im Boden des Vernehmungsraums verschraubt war, in eine bequemere Position. Vor wenigen Minuten hatte Okyar ihn per SMS informiert, dass er gerade die Sicherheitskontrollen passierte und gleich in Begleitung von Dr. Abel bei ihm eintreffen würde.
Markwitz gegenüber saßen Abdelkarim Saad und dessen Anwalt, ein hagerer Endvierziger mit akkurat gescheiteltem hellbraunem Kopfhaar, der vor zehn Minuten eingetroffen war und sich bis eben unter vier Augen mit seinem Mandanten beraten hatte.
Der Anwalt trug einen maßgeschneiderten, hellblauen Anzug, ein weißes Oberhemd mit silbernen Manschettenknöpfen und eine lilafarbene Krawatte mit einem farblich dazu passenden Einstecktuch in der Brusttasche des Jacketts. Ein Fachanwalt für Strafrecht, der bei den Berliner Polizei- und Justizbehörden seit Jahren einen zwar zweifelhaften Ruf genoss, der aber auch für seine strafrechtlichen Raffinessen bekannt war.
Markwitz schaltete das Aufnahmegerät ein und vergewisserte sich, dass es lief.
»Es liegt nichts gegen meinen Mandanten vor. Sie haben nichts gegen ihn in der Hand. Rein gar nichts«, zog der smarte Anwalt das Gespräch sofort an sich.
»Gemach, gemach«, erwiderte Markwitz. »Gegen Herrn Saad besteht der dringende Tatverdacht der Beihilfe zum Mord an Dr. Michael Heumann. Ferner wird Ihrem Mandanten ein Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz vorgeworfen. Inwiefern sich diese Vorwürfe erhärten lassen und ausreichen, dass wir im Anschluss an diese Vernehmung einen Haftbefehl beantragen, wird sich im Laufe der Vernehmung zeigen.«
Abdelkarim Saad blickte ausdruckslos nach vorn.
»In ein paar Stunden marschiere ich mit Herrn Saad als freiem Mann hier wieder raus, das wissen Sie so gut wie ich. Im Übrigen beruft sich mein Mandant auf sein Aussageverweigerungsrecht«, konterte der Anwalt gereizt.
»Lassen Sie diese Spielchen, Herr Verteidiger. Sie wissen, wie das läuft. Ich stelle hier die Fragen. Wenn Herr Saad nichts dazu zu sagen hat, bitte. Aber dann haben wir jede Menge andere Möglichkeiten, Ihren Mandanten noch eine Weile hierzubehalten. Verdunklungsgefahr. Fluchtgefahr. Ich bin sicher, unser Staatsanwalt ist da sehr kreativ«, blaffte Markwitz zurück und erntete dafür einen bitterbösen Blick von Saads Anwalt.
»Herr Saad«, wandte sich Markwitz direkt an den Libanesen, »was hatten Sie gestern Abend vor dem Haus von Dr. Michael Heumann zu suchen?«
Der Angesprochene erwiderte nichts, sondern strafte den Hauptkommissar nur mit einem verächtlichen Blick.
»Nachdem Sie, Herr Saad, oder einer Ihrer beiden Begleiter, denen meine Kollegen in der Keithstraße gerade auf den Zahn fühlen, eine Detonation vor dem Haus von Dr. Heumann herbeigeführt haben, wurde dieser nur einen kurzen Augenblick später gezielt erschossen.«
Langsam beugte der Libanese den Kopf zur Seite und strich wortlos mit seiner rechten Hand über seinen Bart.
Markwitz tippte sich mit dem Zeigefinger gegen den Mund, als
könne er so eine Portion der richtigen Worte hervorlocken, die sein Gegenüber zum Reden bringen würden. »Unsere derzeitigen Erkenntnisse lassen den Rückschluss zu, dass der Mörder von Dr. Michael Heumann Ihrem direkten Umfeld zuzuordnen ist. Der Verdächtige heißt Bassam Darzi und ist zur Fahndung ausgeschrieben.« Markwitz konnte auch diesmal keinerlei Regung in Abdelkarim Saads Gesicht erkennen.
»Lassen Sie
die Spielchen!«, forderte der Anwalt.
Ein Lächeln umspielte daraufhin Abdelkarim Saads Mundwinkel.
»Wenn das alles ist …« Der Anwalt hielt mitten im Satz inne, denn in diesem Moment öffnete sich die Tür des Vernehmungsraumes, und Okyar trat ein, hinter ihm Dr. Abel. Unter dem Arm trug der Rechtsmediziner einen silberfarbenen Laptop. Sein Gang war deutlich langsamer, weniger energisch als Okyars, registrierte Markwitz. Als würde Abel wachsam und vorsichtig einen Raubtierkäfig betreten. Oder ist er das Raubtier, und Saad wird hier gleich zur Beute?
Okyar nahm neben Markwitz auf einem der beiden noch freien Stühle vor dem Holztisch Platz und bedeutete Abel, der seinen Computer gerade auf dem Tisch abgelegt hatte, sich neben ihn zu setzen.
Für einen Moment herrschte Schweigen in dem Vernehmungszimmer, während Markwitz beobachtete, wie Abdelkarim Saad und dessen Anwalt die beiden Neuankömmlinge mit neugierigen und abschätzenden Blicken musterten.
Dann ergriff Okyar das Wort. »Mein Name ist Tekin Okyar, Mordkommission LKA 1. Und das ist mein Kollege Dr. Abel vom BKA.«
Markwitz versuchte, aus Abdelkarim Saads Mimik irgendwelche Rückschlüsse darauf zu ziehen, ob der Libanese den Namen Dr. Abel mit der Obduktion seines toten Bruders in Verbindung brachte, konnte aber nichts dergleichen erkennen. Auch Saads Anwalt schien
keinen Zusammenhang herzustellen und damit auch keinerlei Einwände oder Nachfragen betreffend seiner Anwesenheit zu haben.
»Herr Saad, ich gehe mal direkt in medias res
«, ergriff Okyar jetzt wieder das Wort. »Unabhängig von dem, was sich gestern vor und im Haus von Dr. Michael Heumann abgespielt hat, haben wir neue Erkenntnisse zu kriminellen Machenschaften, in die Sie verwickelt sind. Es geht um den Handel mit illegalen Betäubungsmitteln und …«
»Diesen Unfug versuchen Sie meinem Mandanten schon seit Jahren anzuhängen«, unterbrach Saads Anwalt den Kommissar. »Immer dieselbe Leier. Und am Ende haben Sie jedes Mal rein gar nichts in der Hand.«
Abdelkarim kommentierte den Einwand seines Verteidigers mit einem hämischen Grinsen.
»Lassen Sie mich bitte ausreden! Uns liegen Videoaufnahmen des Bundeskriminalamtes vor, die zeigen, wie ein noch nicht identifizierter Mann im Beisein und mit Wissen Ihres Mandanten eine beträchtliche Menge Kokain in der Wohnung eines gewissen Thanh Zhou versteckt beziehungsweise ein dort gelegenes Drogendepot bestückt. Unsere Kollegen haben das Depot gerade hochgenommen und sichern zurzeit noch Spuren und Beweismaterial. Thanh Zhou ist im Januar dieses Jahres auf dem Cargo-Gelände des Flughafens Schönefeld ums Leben gekommen. Bei einem Unfall, der vielleicht gar keiner war, sondern kaltblütiger Mord. Das werden wir uns noch genauer ansehen. Der Mann wurde unter einem tonnenschweren Frachtcontainer begraben. Für mich hört sich das ähnlich spektakulär an wie die Geschichte eines erst kürzlich in einem Boxsack zu Tode geprügelten anderen Gefolgsmanns Ihrer Familie, oder? Unsere IT-Forensiker haben erste vielversprechende Anhaltspunkte, dass Sie, Herr Saad, mit Thanh Zhou in Verbindung standen. Dass er für Sie gearbeitet hat.«
Nicht schlecht, der Kleine,
dachte Markwitz, der sich während
Okyars Bericht zum neuesten Stand der Ermittlungen von Seiten des LKA 1, die er so noch nicht kannte, zunehmend auf seinem unbequemen Holzstuhl entspannt hatte. Vielleicht wird der heutige Tag doch nicht ganz so beschissen, wie ich es eigentlich erwartet hatte
.
Das hämische Grinsen war mittlerweile völlig aus Abdelkarim Saads Gesicht gewichen. Auch sein Anwalt, der seinen Mandanten während Okyars Ausführungen mehrfach von der Seite her fragend angesehen hatte, wirkte ziemlich perplex, denn er sagte erst einmal gar nichts.
»Aber es wird noch besser, Herr Saad. Hier …« Mit diesen Worten griff Okyar in die Innentasche seines hellgrauen Leinenjacketts und zog eine durchsichtige Asservatentüte hervor – darauf der Name Abdelkarim Saad
und darunter eine lange Ziffernfolge, gefolgt vom Datum des Vortages.
»Verpiss dich!«, schnauzte Abdelkarim Saad durch seine spröden Lippen, als er den Inhalt des Asservatenbeutels erkannte.
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