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Berlin,
JVA Plötzensee, Vernehmungszimmer,
Dienstag, 5. August, 11:24 Uhr
A
bel betrachtete Abdelkarim Saad, der bisher die meiste Zeit über völlig reglos dagesessen hatte. Es war ein eigentümliches Gefühl für ihn, den Mann, der ihn in den letzten Tagen in Atem gehalten hatte, nur wenige Meter vor sich zu haben. Der Mann, der bei dem barbarischen Tod von Moritz Lübben seine Finger im Spiel und Lars brutal zusammengeschlagen hatte, der in der Wohnung von Mailin ein geheimes Drogendepot angelegt und von dort Rauschgift vertrieben hatte. Der Mann, der ihn bedroht hatte, nachdem er seinen Bruder, Amir Saad, obduziert und das Obduktionsergebnis nicht den Vorstellungen der Saads entsprochen hatte. Der Mann, der mutmaßlich für die Ermordung Heumanns verantwortlich war. Und bei dem, wie es schien, alle Fäden zusammenliefen.
Während Tekin Okyar weiter mit fast triumphierender Geste die durchsichtige Asservatentüte in der Luft schwenkte und Saad und sein Verteidiger die Köpfe zusammensteckten und sich flüsternd unterhielten, ließ Abel vor seinem geistigen Auge die Ereignisse der letzten Tage noch einmal Revue passieren. Die unterschiedlichen Stationen verknüpften sich miteinander. Menschen, Orte, Gespräche, Sektionen. Alles fügte sich ineinander, ergab ein schlüssiges Bild. Es war, als würde ein Film in seinem Kopf rückwärts ablaufen und dort stoppen, wo alles begonnen hatte. Bei dem Menschen,
mit dem alles begonnen hatte: Siara.
Aber dann wurde Abel aus seinen Gedanken zurück in die Realität geholt, als er Okyar sagen hörte: »Herr Saad, wir haben einen Rechtsmediziner hinzugezogen, einen Experten auf dem Gebiet der Forensik, um uns erläutern zu lassen, was es hiermit auf sich hat.«
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