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Berlin,
JVA Plötzensee, Vernehmungszimmer,
Dienstag, 5. August, 11:26 Uhr
M
arkwitz blickte gespannt auf den durchsichtigen Asservatenbeutel, in dem sich ein dicker, goldener Siegelring zu befinden schien.
»Was dieser Ring, der Ihnen gestern Abend nach Ihrer Festnahme abgenommen wurde, mit den lebensgefährlichen Verletzungen eines zweiundzwanzig Monate alten Mädchens, das seit über zwei Wochen im Koma liegt, zu tun hat, werden wir jetzt erfahren«, fuhr Okyar fort und nickte Abel kurz zu.
Markwitz, der den Ring noch nie zuvor gesehen und bis zu diesem Moment von seiner Existenz als Beweismittel auch noch nichts gewusst hatte, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, als hätte er dadurch einen besseren Überblick auf eine Bühne zu einem großen Schauspiel. Na, jetzt bin ich aber gespannt
.
»Guten Tag, Herr Saad, Sie kennen mich nicht persönlich, aber Sie kennen meinen Namen: Fred Abel. Ich bin der Rechtsmediziner, der Ihren Bruder Amir Saad obduziert hat«, stellte sich Abel vor.
Was macht Abel da, verdammt noch mal?
, fragte sich Markwitz, nicht sicher, ob es klug war, Abdelkarim Saad so bewusst zu provozieren.
»Ich bin allerdings nicht hier, um über Ihren toten Bruder zu sprechen, sondern ich möchte Ihnen etwas zeigen«, fuhr der Rechtsmediziner unbeirrt fort.
»Moment mal«, schaltete sich Saads Anwalt ein, dem zu dämmern schien, dass es gerade für seinen Mandanten in keine gute Richtung lief. »Was soll das jetzt? Was haben Sie hier eigentlich zu suchen?«
»Herr Dr. Abel ist nicht nur Rechtsmediziner, sondern auch Beamter des Bundeskriminalamtes. Seine Behörde hat heute Morgen das LKA in Bezug auf die Ermittlungen zu dem versuchten Tötungsdelikt zum Nachteil von Siara Zhou offiziell um Amtshilfe gebeten. Bitte, Herr Doktor, machen Sie weiter«, erwiderte Okyar mit Blick auf den Anwalt in ruhigem Tonfall.
Abel nahm Okyar die durchsichtige Asservatentüte ab und besah sie sich von allen Seiten, als wollte er den Wert des Materials in Augenschein nehmen.
»Schönes Stück. Echtes Gold?«, fragte er im Plauderton.
Abdelkarim Saads Körper durchfuhr ein kurzer Ruck, als habe er einen Stromschlag bekommen. Seine Hände öffneten und schlossen sich nervös auf der abgewetzten Holztischplatte, vermutlich hätte er Abel am liebsten an Ort und Stelle erwürgt. Der Libanese rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her.
Es brodelt in ihm,
dachte Markwitz.
Derweil inspizierte Abel, immer noch betont gelangweilt, den massiven, goldfarbenen Ring in dem Asservatenbeutel.
Dann konnte Abdelkarim Saad nicht mehr an sich halten. »Doktor, du machst einen Fehler. Dieser Ring wird in deinem Leben das Letzte sein, was du siehst, das schwöre ich beim Leben meiner Mutter, du dreckiger Kelb!
«
»Ruhig, Herr Saad«, mischte sich der Anwalt ein und legte seine Hand auf den Unterarm von Abdelkarim Saad, der sie allerdings sofort mit einer unwirschen Bewegung abschüttelte.
»Das kann ich mir sogar gut vorstellen«, erwiderte Abel. »Es hat nämlich schon einmal funktioniert, dass dieser Ring einen Menschen zum Schweigen gebracht hat.«
Abdelkarim Saads Gesichtszüge erstarrten.
»In der Wohnung von Thanh Zhou. Auch nach seinem Tod haben Sie und Ihre Leute das dortige Drogendepot weiter genutzt und sich immer wieder Zutritt verschafft.« Abels Stimme wurde jetzt lauter.
Du pokerst sehr hoch, Abel,
dachte Markwitz, aber ein Blick von Tekin Okyar signalisierte ihm, dass er den Rechtsmediziner gewähren lassen sollte, dass das hier Teil des Plans war.
»Du redest Bullshit, Doktor«, sagte Saad und drückte dabei seinen Oberkörper durch, sodass er kerzengerade auf seinem Stuhl saß.
»Sie müssen nichts sagen, Herr Saad«, schaltete sich sein Anwalt jetzt wieder ein. »Und ich schlage vor, dass wir eine Pause machen, mein Mandant …«
»Halt’s Maul!«, blaffte Abdelkarim Saad seinen verblüfften Verteidiger daraufhin an. »Ich will hören, was der Kuffar
zu sagen hat.«
»Sie erinnern sich mit Sicherheit an den Tag, als Sie Siara Zhou, ein nicht einmal zweijähriges Mädchen, schwer verletzt haben«, fuhr Abel unbeirrt fort. »In der Wohnung der Mutter des Kindes, der Ehefrau des zu diesem Zeitpunkt schon verstorbenen Thanh Zhou. Den Sie vielleicht aus dem Weg geschafft haben, weil er unbequem wurde? Weil er vielleicht Drogen verschwinden ließ, sich einen Teil vom Kuchen nahm? Nun, ich weiß es nicht und werde mich hier auch nicht in Spekulationen ergehen. Das zu klären ist Aufgabe der Kollegen des LKA. Was ich aber sicher weiß, ist, dass Sie ein Kleinkind ins Koma geprügelt haben.« Abel ließ seine Worte wirken, ehe er weitersprach. »Und warum weiß ich das? Weil ich Rechtsmediziner bin, weil mir Verletzungen ihre Geschichte erzählen.«
Abdelkarim Saad saß immer noch kerzengerade und wie versteinert da. Auf der Stirn seines Anwalts hatten sich unterdessen feinste Schweißperlen gebildet, die langsam zusammenflossen und immer größer werdende Tropfen bildeten.
»An jenem Tag, dem 22. Juli, sind Sie, Herr Saad – vielleicht allein, vielleicht auch in Begleitung eines Ihrer Lakaien – in dem Versteck in der Wohnung in Marzahn gewesen, um dort Drogen zu deponieren oder eventuell auch abzuholen. Doch irgendetwas ist passiert, was Ihren normalen Ablauf gestört hat. Siara und ihre Zwillingsschwester haben Sie bemerkt, vielleicht sind sie Ihnen hinterhergelaufen. Vielleicht saßen Sie auch schon die ganze Zeit in der Schrankwand, wie eine Ratte in der Falle. Als Sie rauskamen, waren die Kinder im Wohnzimmer, dort sind Sie auf Siara gestoßen. Sie haben sie heftig geschubst, und als die Kleine vor Ihnen auf dem Boden lag, haben Sie ihr einen Faustschlag von seitlich oben nach schräg unten verpasst. Gegen ihren Hinterkopf. Hinter ihrem rechten Ohr haben Sie sie getroffen. Und zwar mit Ihrer rechten Hand, an der sich üblicherweise dieser Ring hier befindet. Liege ich damit richtig? War es so?« Die letzten Worte stieß Abel regelrecht hervor und deutete mit dem Zeigefinger auf Saad. »Sie sind ein Mann ohne Ehre, Abdelkarim Saad. Und Ihr Bruder, der Löwe, weiß wahrscheinlich nicht einmal davon. Weil es eine Schande für die Familie wäre, dass Sie Kinder ins Koma prügeln.«
Seine Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Abdelkarim Saad deutete jetzt seinerseits wild gestikulierend auf Abel. »Du dreckiger Bastard, ich werde dich …«, schrie er.
Markwitz spannte instinktiv seinen Körper an, bereit einzugreifen, falls sich der Libanese auf Abel stürzen würde.
Abel verharrte jedoch völlig ungerührt auf seinem Stuhl.
»War’s das jetzt?«, versuchte der Anwalt zu intervenieren. »Mein Mandant braucht eine Pause.«
»Ich bin gleich fertig«, sagte Abel, klappte den Laptop vor sich auf und aktivierte den Bildschirm. Er drehte das Gerät zu Saad und dessen Verteidiger.
Markwitz konnte nicht sehen, was die beiden Männer sahen, er
konnte sich aber anhand von Abels Worten zusammenreimen, dass es sich um die Verletzungen des Kindes handeln musste, die Saad und sein Verteidiger gerade mit zusammengekniffenen Augen auf dem Monitor betrachteten.
»Diese Verletzung, die Ihr Ring am Kopf des kleinen Mädchens hinterlassen hat, wird Sie überführen.«
Markwitz spürte förmlich, wie der Libanese ihm gegenüber innerlich mit sich rang, während Abel weitersprach. »Werden Sie als erbärmlicher Mann, der zu feige ist, zuzugeben, dass er Kinder schlägt, ins Gefängnis gehen oder als ein Saad, der Ehre im Leib hat und zu seinen Taten steht?«
Was jetzt kam, hätte Markwitz nicht für möglich gehalten. Abdelkarim Saad deutete ein Nicken an. »Ja, ich habe …«, begann er vorsichtig.
Abel, du bist einfach genial. Er gesteht!,
dachte Markwitz. Doch noch ehe er den Gedanken zu Ende denken oder Abdelkarim Saad weitersprechen konnte, durchbrach das ohrenbetäubende Schrillen der Brandmeldeanlage die Szenerie. Ein hoher, aufdringlicher Ton, der wellenartig lauter wurde und wieder abebbte, um dann wieder an Intensität zuzunehmen, erfüllte den Raum.
»Scheiße«, murmelte Markwitz.
Im selben Moment sprang Okyar von seinem Stuhl auf. »Sie bleiben alle hier, ich sehe nach, was los ist. Vielleicht nur falscher Alarm«, bedeutete er den Anwesenden und verließ den Raum.
Mist, Saad war gerade so weit. Abel hatte ihn an den Eiern oder vielmehr bei seiner Ehre gepackt
.
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Als Okyar einige Minuten später – die Markwitz wie eine gefühlte Ewigkeit vorgekommen waren – seinen Kopf zur Tür hereinsteckte, konnte er an den Gesichtszügen seines Kollegen sofort ablesen, dass
etwas nicht stimmte, dass dies kein Fehlalarm war.
Dann verstummte der ohrenbetäubende Warnton der Brandmeldeanlage.
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