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Berlin-Grünau,
Wohnhaus von Dr. Fred Abel und Lisa Suttner, Wohnzimmer,
Dienstag, 5. August, 12:48 Uhr
D
er Mann hatte sich als Tekin Okyar vom Landeskriminalamt Berlin vorgestellt und ihr einen vom Polizeipräsidenten ausgestellten, ungewöhnlich großen Dienstausweis im DIN-A5-Format – wie Lisa mit Verwunderung festgestellt hatte – vor die Linse ihrer Video-Gegensprechanlage gehalten. Zwar hatte er das Schriftstück nur kurz vor die Kamera gehalten, aber Lisa hatte den Namen Tekin Okyar darauf entziffern können.
Als vor einigen Jahren der Miles-&-More-Killer europaweit sein Unwesen getrieben und Fred und die rechtsmedizinische Einheit des BKA in Atem gehalten hatte, war der Name Okyar ein paarmal gefallen. Lisa hatte zwar kein besonders gutes Personen-, dafür aber ein gutes Namensgedächtnis. Und vor ein paar Tagen hatte ihr Lebensgefährte ihr erneut beiläufig von dem jungen Beamten berichtet. Im Zusammenhang mit dem Fall eines sehr wahrscheinlich vom Saad-Clan getöteten afrikanischen Drogendealers.
Seltsam, was will er hier?,
hatte Lisa gedacht, als sie die Haustür geöffnet und den freundlich lächelnden schwarzhaarigen Mann, der sich sofort für seinen unangekündigten, aber dringlichen Besuch entschuldigte, hereingebeten hatte.
Nach Freds Erzählungen hatte sie sich Okyar allerdings ganz anders vorgestellt. Der untersetzte Typ mit dem deutlichen Bauchansatz, der
etwas außer Atem an ihr vorbei ins Haus getreten war, entsprach mit seiner Jogginghose und der schwarzen Lederjacke – viel zu warm für diesen heißen Sommertag – so gar nicht ihrer Vorstellung von dem geschniegelten Mordermittler, wie Fred ihn beschrieben hatte.
»Dort entlang bitte«, hatte Lisa zu ihrem Gast gesagt und nach rechts gedeutet. »Nehmen Sie bitte Platz, ich hole Ihnen ein Glas Wasser, dann bin ich gleich wieder da.«
Auf dem Weg in die Küche hatte sie sicherheitshalber eine kurze SMS an Fred geschickt und ihm mitgeteilt, dass Okyar da war. Dann war sie mit dem Wasser in den Wohn-Essbereich zu ihrem Gast gegangen.
»Was kann ich für Sie tun? Gibt es irgendwelche Neuigkeiten?«, fragte sie jetzt.
»Ja, Frau Abel. Die gibt es wohl.«
Er hatte sich nicht hingesetzt, sondern stand vor dem gläsernen Esstisch.
Komisch, er nennt mich Frau Abel, er kennt Fred doch schon viele Jahre, er müsste doch eigentlich wissen, dass wir nicht verheiratet sind,
überlegte Lisa.
»Aber zunächst geben Sie mir bitte Ihr Handy«, verlangte der schwarzhaarige Mann.
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