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Berlin-Steglitz,
Charité – Campus Benjamin Franklin,
Rettungsstelle, Behandlungsraum 5,
Dienstag, 5. August, 13:49 Uhr
A
bel hastete durch die zweite Automatiktür in Richtung des Behandlungszimmers mit der Nummer 5, das ihm die Schwester am Empfang der Rettungsstelle genannt hatte.
Okyar, der sich große Vorwürfe machte, dass sich Abadi Saad mit seinem DIN-A5-Parkausweis Zugang zu Abels Haus verschafft hatte, hatte ihn von einem Kollegen nach Steglitz in die Charité fahren lassen.
In dem Gang der Rettungsstelle herrschte absolute Stille. Totenstille
. Es roch nach Desinfektionsmittel. Hinter den Türen fand der Kampf der Medizin gegen das Schicksal statt. Ein Kampf, dem Abel sofort nach dem Studium aus dem Weg gegangen war, indem er eine Stelle in der Rechtsmedizin angetreten hatte.
Nun war er vor Behandlungsraum 5 angekommen. Er atmete tief aus, klopfte zaghaft und hörte als Antwort eine markante männliche Stimme.
Zögernd betrat er das Zimmer. Vor ihm lag Lisa, an ihrer linken Schläfe im Bereich der behaarten Kopfhaut ein quadratischer weißer Pflasterverband. Als sie ihn erblickte, lächelte sie ihm kraftlos zu. Die Anspannung war ihr anzumerken.
Neben ihr saß ein Arzt in weißem Kittel und mit blonden Haaren, die an den Schläfen leicht ergraut waren. Er fuhr gekonnt mit einem
Ultraschallkopf über ihren Bauch und nahm immer wieder Vergrößerungen und Messungen des Ultraschallbildes auf dem Monitor vor.
Abel war erstaunt, wie sichtbar Lisas Babybauch bereits war, aber vielleicht bildete er sich das auch nur ein. Er schämte sich, diese Entwicklung nicht im Alltag schon bemerkt zu haben. Überhaupt nichts von Lisas Schwangerschaft bemerkt zu haben.
Wenn das hier gut geht, werde ich alles ändern. Es muss genug sein,
dachte er und trat an das Fußende der Liege. Während der Arzt ihm kurz zunickte, sich dann aber sofort wieder, mit seiner linken Hand an dem Gerät klickend, durch die Ultraschallbilder manövrierte, die er mit der Ultraschallsonde erzeugte, versuchte Abel, an seinem Gesicht abzulesen, wie es dem Baby ging. Aber er konnte nichts erkennen.
Schließlich nahm der Mediziner den Ultraschallkopf von Lisas Bauch, drehte sich zu Abel um und sah ihn direkt an.
Abel stockte der Atem.
Auch wenn er nicht an so etwas wie Schutzengel glaubte, wünschte er sich jedoch genau in diesem Moment zum ersten Mal in seinem Leben nichts sehnlicher als einen solchen Beistand.