Nachwort
Nicht überall, wo True Crime draufsteht, ist auch tatsächlich True Crime drin. In meinen Augen kann echter True Crime, die literarische Verarbeitung wahrer Kriminalfälle, nur von denjenigen geschrieben werden, die sich auch in ihrem wahren Berufsleben mit Kriminalfällen beschäftigen, wie eben Kriminalbeamte, Fallanalytiker, Entomologen oder Rechtsmediziner. Denn lediglich echte Profis, die nicht nur die Details, Abläufe, Terminologie und Zusammenhänge bei der Untersuchung von Tötungsdelikten kennen und begreifen, sondern die auch die Emotionen und Gefahren, die mit ihrem Job verbunden sind, tagtäglich leben, sind in der Lage, die Leserin und den Leser mit authentischem True Crime zu unterhalten. Der Anspruch der Realität macht eben den großen Unterschied zwischen Theorie und Praxis aus.
Ich habe mich auch in diesem Roman, dem vierten Band der Fred-Abel-Reihe, wieder von echten Kriminalfällen, an deren rechtsmedizinischer Untersuchung ich an Tatorten, im Sektionssaal, im Labor oder als Sachverständiger im Gerichtssaal beteiligt war, inspirieren lassen.
Das Erlebnis des Medizinstudenten Julius Blohm, der von der »lebenden Toten« im Leichensack im Keller der Rechtsmedizin zwar nicht zu Tode, aber doch ganz erheblich erschreckt wird, entspricht absolut den Tatsachen.
Als ich noch im Hamburger Institut für Rechtsmedizin (das zugleich Leichenhalle für den Stadtstaat Hamburg ist) arbeitete, wurde dort eine ältere Dame eingeliefert, die von einem offensichtlich wegen eines Folgeeinsatzes unter Zeitdruck stehenden Notarzt für tot erklärt worden war. Die Pforte der Hamburger Rechtsmedizin ist rund um die Uhr besetzt, damit Leichen angenommen und in der Kühlung eingelagert werden können. Während tagsüber ein hauptamtlicher Pförtner Dienst versieht, wird der Nachtdienst von Medizinstudenten ausgeübt. Als in jener Nacht der diensthabende Medizinstudent die für tot erklärte Seniorin im Eingangsbereich der Leichenhalle übernommen hatte und mit ihr mit dem Fahrstuhl in den Keller fuhr, wo sich die Leichenkühlfächer befinden, stellte er fest, dass sich der Brustkorb der Frau im Leichensack hob und senkte. Etwa sechs Minuten später kam es zu einer höchst ungewöhnlichen Szenerie vor dem Hamburger Institut für Rechtsmedizin. Dort standen nämlich zwei Notarzteinsatzfahrzeuge und ein Rettungswagen mit eingeschaltetem Blaulicht. Und im Inneren des Gebäudes kämpften zwei Notärzte und mehrere Rettungssanitäter um das Leben der Seniorin. Die Frau konnte auch zunächst stabilisiert werden, verstarb aber ein paar Tage später in der Klinik, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. In ihrem Fall war ein schwerer Kreislaufschock ursächlich für den Scheintod gewesen. Mangelhafte Sorgfalt bei der ärztlichen Todesfeststellung hatte dazu geführt, dass die alte Dame fälschlicherweise für tot erklärt worden war.
Auch der Fall Siara Zhou ist in weiten Teilen authentisch. Ich hatte, wie Abel, vor einiger Zeit in der Kinderklinik eines großen Krankenhauses der Maximalversorgung ein schwer verletztes Mädchen von knapp zwei Jahren rechtsmedizinisch zu untersuchen und ein Gutachten zu den Verletzungen zu erstellen. Und wie Abel gelangte ich zu dem Schluss, dass sich die schweren Kopfverletzungen des Mädchens nicht durch ein Sturzgeschehen im häuslichen Umfeld – durch wildes Toben, Herumklettern auf Möbeln oder einen Sturz von der Couch – erklären ließen. Das kleine Mädchen war gemeinsam mit seiner Zwillingsschwester (die unverletzt blieb) allein und unbeobachtet im Wohnzimmer, als es sich die schweren Kopfverletzungen zuzog.
Als ich Monate später als Sachverständiger vor Gericht mein Gutachten vortrug – die Mutter behauptete auch in der Verhandlung nach wie vor, nicht zu wissen, wie die lebensgefährlichen Verletzungen ihrer Tochter entstanden waren, und stellte das Geschehen als Unfall dar –, wurde ich auf dem Gerichtsflur von den Angehörigen der Mutter aufs Übelste beschimpft und bedroht. Erst viele Monate nach dem erstinstanzlichen Urteil, das die Mutter der beiden Zwillingsschwestern mit ihrem Anwalt anfocht, da sie aufgrund meines Gutachtens wegen schwerer Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden war, kam die Wahrheit heraus. Ihr Liebhaber, den sie vor dem Rest der Familie geheim gehalten hatte, hatte dem kleinen Mädchen mehrfach gegen den Kopf getreten und es geschlagen, damit er ungestört Geschlechtsverkehr mit der Mutter haben konnte – die Mutter war bei der Misshandlung ihrer Tochter anwesend und sah dabei zu, ohne einzugreifen. Das kleine Mädchen blieb für immer halbseitig gelähmt und wurde von seiner Mutter in eine Pflegebetreuungseinrichtung abgeschoben. Die gesunde Zwillingsschwester hat bis heute ihre schwerbehinderte Schwester nicht wiedergesehen.
In der Episode in und um das Kickboxstudio »Drachenhöhle« von Karol Mazur konnte ich ganz spezifische Fachkenntnisse – wenn auch nicht rechtsmedizinischer Natur – einfließen lassen. Vor einiger Zeit habe ich für knapp zwei Jahre nebenbei einen Profikickboxer gemanagt, der damals Europa- und Weltmeister in seiner Gewichtsklasse im K1 wurde. Ich konnte mir einen Einblick in die Welt des Kickboxens und des damit assoziierten Milieus verschaffen, was für die authentische Darstellung von Vorteil war.
Die Geschichte um den falschen Schamanen Mantotopah ist ebenfalls authentisch und hat sich so in Berlin vor noch nicht allzu langer Zeit ereignet. Der angebliche indianische Medizinmann, ein mehrfach vorbestrafter Betrüger und Sexualstraftäter ohne jede indianische Abstammung, der auch als falscher Doktor und Professor mit wechselnden Identitäten unterwegs war, hat tatsächlich zu verantworten, dass sich zwei Frauen aus einem Fenster im vierten Stock eines Mietshauses in Berlin stürzten. Er hatte die beiden Frauen mit psychoaktiven Substanzen gefügig gemacht und dann im Rahmen sektenartiger Rituale sexuell missbraucht. Beide Frauen sprangen schließlich, durch die bewusstseinsverändernden Drogen in den Wahnsinn getrieben, aus dem Fenster in die Tiefe – vielleicht, weil sie in ihrem Wahn dachten, dass sie fliegen können. Dieser Doppeltodesfall landete dann auf meinem Sektionstisch.
Zu den beiden mumifizierten Körpern, die in Berlin in einem alten Hindutempel in der Hasenheide in Kreuzberg gefunden werden, wurde ich von vielen Fällen, die sich dergestalt in Berlin immer wieder ereignen und sich regelmäßig bei mir im Sektionssaal finden lassen – nicht nur zur Klärung der Todesursache, sondern vorrangig, um Hinweise auf die Identität der Toten zu erlangen –, inspiriert.
Mein Doktorvater, der 2001 verstorbene Professor Doktor Oskar Grüner, früherer Direktor des Institutes für Rechtsmedizin der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, war übrigens einer der Väter und Pioniere der Superprojektion, die Fred Abel nutzt, um nachzuweisen, woher die Verletzung hinter Siaras rechtem Ohr stammt.
Und zuletzt: Die Gewalt und Kriminalität, die in der deutschen Hauptstadt von Clans ausgeht – kriminelle, zumeist aus dem Libanon stammende Großfamilien, deren Mitglieder häufig staatenlos sind –, ist von beträchtlichem Ausmaß und eine große Gefahr für den Rechtsstaat.
Und tatsächlich gibt es immer wieder die unsägliche Situation, dass Clan-Mitglieder Rettungsstellen – was in anderen Bundesländern die Notaufnahmen sind – größerer Krankenhäuser in Berlin über viele Stunden vollständig lahmlegen, weil dort ein Verwandter von ihnen behandelt wird, zumeist mit Schussverletzungen. Dann werden kurzerhand die Zufahrtswege zum Eingang in die Rettungsstelle mit Autos blockiert, damit keine anderen Patienten oder Notarztwagen mit Patienten hineingelangen können und so der Clan-Spross die größtmögliche Aufmerksamkeit und bestmögliche Behandlung bekommt, es werden Scheiben eingeworfen, Mobiliar angezündet und Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegepersonal bespuckt, beschimpft, bedroht und misshandelt. Bittere Realität in der deutschen Hauptstadt. Und leider kein seltenes Phänomen mehr.
Liebe Leserin, lieber Leser, so könnte ich jetzt noch viele Seiten lang mit der Aufzählung fortfahren, welche Details und Szenen in diesem Buch auf wahren Begebenheiten beruhen, aber Sie haben sicherlich einen Eindruck bekommen, dass in diesem Thriller echter True Crime steckt. Und so viel kann ich Ihnen schon verraten: Fred Abel wird mindestens ein weiteres Mal zurückkehren.
Versprochen!
Herzlichst, Ihr
Michael Tsokos