Kapitel 4
Das Elend kultivieren

Und das mehrmals zerstörte Babylon, 
Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern 
Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?

– Bertolt Brecht, »Fragen eines lesenden Arbeiters«, 19351

Die Armen in diesen Gemeinden könnten mit Recht sagen: Das Parlament mag der Hüter des Eigentums sein, doch ich weiß nur, dass ich eine Kuh hatte, und durch ein Gesetz des Parlaments wurde sie mir weggenommen.

– Arthur Young, An Inquiry into the Propriety of Applying Wastes to the Better Maintenance and Support of the Poor, 18012

Von dem italienischen Gelehrten und Dichter Francesco Petrarca stammt das berühmte Urteil, die Ära nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reichs im Jahr 476 sei eine Zeit von »Dunkelheit und dichter Finsternis« gewesen. Petrarca bezog sich auf die dürftigen Fortschritte in Poesie und Kunst, aber seine Aussage sollte das Bild prägen, das sich Generationen von Historikern und Gesellschaftswissenschaftlern von den acht Jahrhunderten machten, die auf das Ende des ruhmreichen Imperium Romanum folgten. Die herkömmliche Auffassung war lange Zeit, dass es in jener Zeit im Grunde überhaupt keinen Fortschritt und damit auch keine technologische Weiterentwicklung gab, bis die Renaissance im 14. Jahrhundert eine Wende einleitete.3

Mittlerweile wissen wir, dass dies eine Fehleinschätzung war. Im mittelalterlichen Europa gab es bedeutsame technologische Veränderungen und Fortschritte in der wirtschaftlichen Produktion. Zu den praktischen Neuerungen zählten:4

Doch diese Zeit hatte tatsächlich auch etwas Dunkles an sich. Die Lebensbedingungen der Menschen, welche die Felder bestellten, blieben schwierig, und in Teilen Europas sank der Lebensstandard der Bauern sogar. Die Weiterentwicklung von Technologie und Wirtschaft schadete dem Großteil der Bevölkerung.

Die vielleicht prägende Technologie des Mittelalters war die Mühle. Ihre wachsende Bedeutung veranschaulicht das Beispiel der Entwicklung Englands nach der normannischen Eroberung im Jahr 1066. Ende des 11. Jahrhunderts gab es in England etwa 6 000 mit Wasserkraft angetriebene Mühlen, das heißt, eine pro 350 Einwohner. In den folgenden 200 Jahren verdoppelte sich die Zahl der Wassermühlen, und ihre Produktivität erhöhte sich deutlich.5

In den frühesten Wassermühlen drehte sich ein kleines Rad auf horizontaler Ebene unter einem Mahlstein, mit dem es durch eine vertikale Achse verbundenen war. In späteren, effizienteren Aufbauten wurde außerhalb der Mühle ein größeres vertikales Rad ergänzt, das über ein Getriebe mit dem Mahlmechanismus verbunden war. Es waren verblüffende Verbesserungen. Sogar ein kleines vertikales Wasserrad, das von fünf bis zehn Personen bedient wurde, konnte zwei oder drei Pferdestärken erzeugen, was der Arbeitsleistung von 30 bis 60 Menschen entsprach; die Produktivität stieg also um mehr als das Dreifache. Im Spätmittelalter erhöhten größere vertikale Mühlen die Produktion pro Arbeiter auf das Zwanzigfache der Menge, die von Hand erzeugt werden konnte.6

Doch Wasserräder funktionierten nicht überall: Sie brauchten einen ausreichend starken Wasserstrom über ein ausreichend steiles Gefälle. Ab dem 12. Jahrhundert vergrößerten Windmühlen das Einsatzgebiet der mechanischen Energie. Die Menge an gemahlenem oder geschrotetem Getreide für Brot und Bier sowie an Walkstoffen stieg deutlich. Die Windmühlen regten die wirtschaftliche Aktivität in flachen Regionen mit fruchtbaren Böden, etwa in Ostanglien (East Anglia), erheblich an.

Zwischen den Jahren 1000 und 1300 verdoppelten Wasser- und Windmühlen und weitere Verbesserungen der landwirtschaftlichen Technologie die Erträge pro Hektar. Die Neuerungen brachten auch die englische Textilproduktion in Gang, die später eine tragende Rolle in der Industrialisierung spielen sollte. Eine genaue Berechnung ist schwierig, aber es wird geschätzt, dass die Pro-Kopf-Produktivität in der Landwirtschaft zwischen 1100 und 1300 um 15 Prozentstieg.7

Man sollte meinen, diese technischen Verbesserungen und der Anstieg der Produktivität hätten zu höheren Realeinkommen geführt. Doch die Sogwirkung der Produktivität – Produktivitätszuwächse ziehen einen Anstieg von Löhnen und Lebensstandard nach sich – blieb in der mittelalterlichen Wirtschaft aus. Sieht man von den Angehörigen einer kleinen Elite ab, so stieg der Lebensstandard nicht nachhaltig, und in einigen Phasen sank er sogar. Stattdessen vertiefte die Verbesserung der landwirtschaftlichen Technologie im Mittelalter die Armut der meisten Menschen.

Die ländliche Bevölkerung Englands führte zu Beginn des 11. Jahrhunderts kein angenehmes Leben. Die Bauern arbeiteten hart und konnten kaum mehr konsumieren, als für das nackte Überleben nötig war. Und die verfügbaren Daten zeigen, dass diese Menschen in den folgenden zwei Jahrhunderten noch erbarmungsloser ausgepresst wurden. Die Normannen organisierten die Landwirtschaft neu, stärkten das Feudalsystem und erhöhten die verdeckten und offenen Steuern. Die Bauern mussten einen größeren Teil ihrer Ernte an ihre Grundherren abtreten und verbrachten in einigen Landesteilen jedes Jahr doppelt so viel Zeit auf den Feldern ihrer Herren wie vor der normannischen Eroberung.8

Obwohl die Nahrungsproduktion stieg und die Bauern schwerer arbeiteten, verschlimmerte sich die Unterernährung, und der Konsum fiel unter die Subsistenzgrenze. Die Lebenserwartung blieb gering und sank vermutlich auf durchschnittlich 25 Jahre.

Im 14. Jahrhundert wurde alles noch schlimmer. Europa wurde von mehreren Hungersnöten heimgesucht, und Mitte des Jahrhunderts löschte eine Pestepidemie zwischen einem Drittel und der Hälfte der englischen Bevölkerung aus. Die Beulenpest hätte in jedem Fall viele Menschen getötet, doch die schockierend hohe Opferzahl war auf eine Kombination der bakteriellen Infektion mit chronischer Mangelernährung zurückzuführen.

Wenn die zusätzliche Produktion dank Wasser- und Windmühlen, Hufeisen, Webstuhl, Schubkarre und metallurgischen Verbesserungen nicht der Bauernschaft zugutekam, wer profitierte dann von all diesen Fortschritten? Ein Teil wurde gebraucht, um mehr Mäuler zu füttern. Die Bevölkerung Englands wuchs zwischen 1100 und 1300 von etwa 2,2 Millionen auf rund 5 Millionen Menschen. Doch mit der Bevölkerung wuchsen auch die Zahl der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft und die Agrarproduktion.9

Insgesamt führten die höhere Produktivität und der geringere Konsum der Bevölkerungsmehrheit zu einem gewaltigen Anstieg der »Überschussproduktion«, das heißt der Menge an Nahrungsmitteln, Holz und Textilien, die über die für Überleben und Fortpflanzung der Bevölkerung erforderliche Produktion hinausging. Diesen Überschuss schöpfte eine kleine Elite ab. Selbst wenn man diese Elite sehr umfassend definiert und ihr den Hofstaat, den Adel und den höheren Klerus zurechnet, machte sie nicht mehr als 5 Prozent der Bevölkerung aus. Doch so klein diese kleine Gruppe war, sicherte sie sich im mittelalterlichen England dennoch den Großteil der landwirtschaftlichen Produktionsüberschüsse.

Ein Teil des Nahrungsüberschusses floss in die Ernährung der aufstrebenden städtischen Zentren, deren Bevölkerung zwischen 1100 und 1300 von 200 000 auf etwa eine Million Menschen stieg. Im Gegensatz zur Entwicklung in den ländlichen Gebieten stieg der Lebensstandard in den Städten. Ihre Einwohner erhielten Zugang zu einer größeren Vielfalt von Erzeugnissen, darunter Luxusgüter. Das Wachstum Londons gibt Aufschluss über den zunehmenden Wohlstand: Seine Bevölkerung wuchs in diesem Zeitraum um mehr als das Dreifache auf etwa 80 000 Menschen.

Der Großteil der Überschussproduktion wurde nicht von den städtischen Zentren, sondern von der großen kirchlichen Hierarchie aufgezehrt, die den Bau von Kathedralen, Klöstern und Kirchen in Auftrag gab. Schätzungen nach besaßen Bischöfe, Äbte und andere Kleriker im Jahr 1300 ein Drittel der landwirtschaftlichen Nutzflächen.10

Der sakrale Bauboom war wahrhaftig spektakulär. Nach 1100 entstanden nicht weniger als 8 000 Kirchen, und es wurde in 26 englischen Städten mit dem Bau von Kathedralen begonnen. Einige Bauvorhaben waren gewaltig. Zu einer Zeit, als die meisten Menschen in wackeligen Behausungen lebten, wurden massive Kathedralen aus Stein gebaut. Die meisten wurden von herausragenden Baumeistern errichtet, und manche Bauprojekte zogen sich über mehrere Jahrhunderte hin. Es kamen Hunderte Arbeiter zum Einsatz, darunter kunstfertige Steinmetze ebenso wie zahlreiche Hilfskräfte, die in den Steinbrüchen schufteten und das Baumaterial beförderten.11

Die Bauarbeiten waren teuer. Die jährlichen Kosten beliefen sich auf 500 bis 1 000 Pfund, was etwa dem 500-Fachen des Jahreseinkommens eines Hilfsarbeiters entsprach. Ein Teil dieses Geldes stammte aus freiwilligen Schenkungen, aber ein beträchtlicher Teil wurde durch Abgaben und Steuern eingetrieben, die der ländlichen Bevölkerung auferlegt wurden.

Im 13. Jahrhundert wetteiferten die Gemeinden miteinander darum, wer die höchste Kirche bauen konnte. Abt Suger von Saint-Denis – in Frankreich schossen ebenfalls überall Kathedralen aus dem Boden – brachte die vorherrschende Meinung auf den Punkt, als er erklärte, diese prachtvollen Gebäude sollten mit allem erdenklichen Schmuck versehen werden, nach Möglichkeit in Gold:

Jene, die uns kritisieren […], wenden ein, daß es zum Feiern des Abendmahls allein einer reinen Seele, eines reinen Geistes und eines frommen Glaubens bedarf. Und auch wir sind der Ansicht, daß das wirklich das Allerwichtigste ist. Aber wir meinen, daß man Gott auch durch den äußeren Schmuck heiliger Gefäße dienen muß, und das ist bei keiner Sache so wichtig wie bei der Austeilung des heiligen Opfers, voll innerer Reinheit und äußerer Erhabenheit.12

Es wird geschätzt, dass in Frankreich zwischen 1100 und 1250 nicht weniger als 20 Prozent der Gesamtproduktion für Sakralbauten aufgewandt wurden.13 Sollte dieser extrem hohe Wert korrekt sein, so wäre praktisch die gesamte nicht für die Ernährung der Bevölkerung benötigte Produktion in den Kirchenbau geflossen.

Auch die Zahl der Klöster nahm deutlich zu. Im Jahr 1535 gab es in England und Wales zwischen 810 und 820 »große und kleine« Ordenshäuser. Fast alle von ihnen wurden nach dem Jahr 940 gegründet, die Mehrheit wurde zwischen 1100 und 1272 erstmals erwähnt. Eines dieser Klöster besaß fast 3 000 Hektar Ackerland, ein anderes mehr als 13 000 Schafe. Dreißig als Klostergemeinden (monastic boroughs) bezeichnete Ortschaften wurden von Mönchsorden kontrolliert, was bedeutet, dass die Kirchenhierarchie auch von den Einnahmen dieser Orte lebte.

Die Klöster waren unersättlich. Errichtung und Betrieb dieser Einrichtungen waren kostspielig. Die Westminster Abbey erzielte Ende des 13. Jahrhunderts jährliche Einnahmen von 1 200 Pfund, vor allem aus der Landwirtschaft. Es entstanden einige große Agrarimperien. Eines der reichsten, das Kloster von Bury Saint Edmunds, hatte Anspruch auf das Einkommen von mehr als 65 Kirchen.14

Obendrein waren die Klöster von allen Steuern befreit. Als ihr Grundbesitz und ihre Kontrolle über die wirtschaftlichen Ressourcen wuchsen, blieben weniger Einnahmen für den König und den Adel übrig. Im Jahr 1086 besaß die Kirche ein Drittel der landwirtschaftlichen Nutzflächen, während der englische König (gemessen am Wert) ein Sechstel des Landes kontrollierte. Aber im Jahr 1300 flossen dem Monarchen nur noch 2 Prozent des gesamten Einkommens aus der Land- und Forstwirtschaft zu.

Einige Könige versuchten, dieses Ungleichgewicht zu beheben. Um ein Steuerschlupfloch zu schließen, erließ Eduard I. im Jahr 1279 das Statute of Mortmain, das die Schenkung weiteren Lands an kirchliche Einrichtungen ohne königliche Genehmigung verbot. Doch derartige Maßnahmen blieben unwirksam, weil die geistlichen Gerichte, die unter der Kontrolle von Bischöfen und Äbten standen, dabei halfen, Wege zur Umgehung rechtlicher Einschränkungen zu finden. Die Monarchen waren nicht stark genug, um der mittelalterlichen Kirche Einnahmen zu entziehen.

Warum ertrugen die Bauern ihr Los? Warum fanden sie sich mit einem geringeren Konsum, längeren Arbeitszeiten und schlechteren gesundheitlichen Bedingungen ab, während die Wirtschaft produktiver wurde? Ein Teil der Erklärung ist natürlich, dass der Adel gelernt hatte, Zwangsmittel einzusetzen, wenn es erforderlich war.15

Aber dem Einsatz von Zwang waren Grenzen gesetzt. Wie der Bauernaufstand von 1381 zeigte, war es nicht leicht, die Bevölkerung in Schach zu halten, wenn sie in Wut geriet. Die Erhebung, die durch Versuche zur Eintreibung von Kopfsteuern ausgelöst wurde, breitete sich rasch über den Südosten Englands aus, und die Aufständischen forderten Steuersenkungen, eine Abschaffung der Knechtschaft und eine Reform der Gerichtsbarkeit, von der sie beharrlich benachteiligt wurden. Der zeitgenössische Chronist Thomas Walsingham berichtete: »Scharen von ihnen versammelten sich und begannen, Freiheit zu fordern. Sie wollten auf einer Stufe mit ihren Herren stehen und nicht länger durch die Knechtschaft an einen Herrn gebunden sein.«16 Henry Knighton, ein weiterer Zeitgenosse, fasste die Geschehnisse zusammen: »Sie beschränkten sich nicht länger auf ihre ursprüngliche Klage [über die Kopfsteuer und die Art der Eintreibung] und begnügten sich nicht mehr mit kleinen Verbrechen, sondern planten radikalere und gnadenlosere Übeltaten: Sie beschlossen, nicht nachzugeben, bis alle Adligen und Magnaten des Königreichs vollkommen zerstört wären.«17

Die Aufständischen griffen London an und drangen in den Tower ein, wo König Richard II. Zuflucht gefunden hatte. Die Erhebung endete, weil der König einwilligte, den Forderungen der Aufständischen nachzugeben und die Knechtschaft abzuschaffen. Nachdem der König eine sehr viel größere Streitmacht gesammelt hatte, widerrief er seine Zusagen und besiegte das Heer der Aufständischen. 1 500 von ihnen wurden zur Strecke gebracht und viele von ihnen brutal hingerichtet – sie wurden etwa an ein Pferd gebunden zum Richtplatz geschleift und dort gevierteilt.

Doch zumeist kochte die Unzufriedenheit nicht über, sondern es gelang, die Bauern dazu zu bewegen, sich mit ihrem Schicksal abzufinden. Die mittelalterliche Gesellschaft wird oft als »Ständegesellschaft« bezeichnet, unterteilt in jene, die kämpften, jene, die beteten, und jene, die arbeiteten. Jene, die beteten, hatten die Aufgabe, jene, die arbeiteten, davon zu überzeugen, dass diese Dreiteilung gottgegeben war.

Unsere moderne Gesellschaft macht sich ein nostalgisches Bild von den Klöstern. Den Mönchsorden wird zugutegehalten, dass sie zahlreiche Werke der griechischen und römischen Antike, darunter die Schriften von Aristoteles, für die Nachwelt bewahrten. Vielen gelten die Ordensgemeinschaften sogar als Retter der abendländischen Zivilisation. Sie werden mit verschiedenen produktiven Aktivitäten assoziiert, und heute verkaufen Klöster Produkte von scharfen Saucen über Hundekekse und Honig bis zu Druckertinte (bis vor Kurzem). Belgische Klöster sind für ihr Bier berühmt (darunter Westvleteren 12, das nach Meinung mancher Leute beste Bier der Welt, das im Trappistenkloster Sankt Sixtus gebraut wird). Der Zisterzienserorden ist bekannt dafür, dass er Land urbar machte, Wolle exportierte und es zumindest anfangs ablehnte, die Arbeitskraft anderer auszubeuten. Andere Orden schrieben ihren Mitgliedern ein Leben in Armut vor.

Doch in den meisten mittelalterlichen Klöstern widmeten sich die Mönche nicht der Produktion oder dem Kampf gegen die Armut, sondern dem Gebet. In jenen turbulenten Zeiten war das Gebet eng mit der Fähigkeit verbunden, eine tiefreligiöse Bevölkerung von einem bestimmten Weg zu überzeugen. Priester und Orden berieten die Menschen und rechtfertigten die bestehende Hierarchie, und vor allem verbreiteten sie eine Vision von der erstrebenswerten Organisation von Gesellschaft und Produktion.

Erhöht wurde die Überzeugungskraft der Geistlichen durch ihre Autorität als Abgesandte Gottes. Die Lehren der Kirche konnten nicht in Zweifel gezogen werden. Jegliche öffentliche Bekundung von Skepsis konnte die umgehende Exkommunizierung nach sich ziehen. Auch das Gesetz bevorzugte die Kirche und die weltliche Elite und gab den von Feudalherren geleiteten örtlichen Gerichtshöfen große Macht.

Die Frage, ob die kirchliche Autorität Vorrang vor der weltlichen haben sollte, blieb während des gesamten Mittelalters umstritten. Im 12. Jahrhundert ließ sich Thomas Becket, der Erzbischof von Canterbury, auf einen Streit mit König Heinrich II. ein, der verlangte, schwere Gesetzesverstöße von Klerikern müssten vor den königlichen Gerichten verhandelt werden. »Das wird gewiss nicht geschehen«, erklärte Becket, »denn Laien können sich nicht zu Richtern über Kirchenmänner aufschwingen, und über jegliche Verbrechen von Angehörigen des Klerus müssen die kirchlichen Gerichte urteilen.«18 Becket war Lordkanzler und ein Vertrauter Heinrichs gewesen und betrachtete sich als Verteidiger der Freiheit – oder einer Form von Freiheit – gegen die Tyrannei. Der König sah in seinem Verhalten einen Verrat und ließ den Erzbischof brutal ermorden.

Aber die königliche Gewaltanwendung erwies sich als kontraproduktiv, denn sie erhöhte lediglich die Überzeugungskraft der Kirche und ihre Fähigkeit, dem König die Stirn zu bieten. Becket wurde als Märtyrer gefeiert, und Heinrich musste an seinem Grab öffentlich Buße tun. Das Grabmal blieb ein wichtiger Schrein, bis sich Heinrich VIII. im Jahr 1534 von der katholischen Kirche abwandte, weil ihm der Papst die Annullierung seiner Ehe verweigerte und auf diese Art den Weg zu einer neuen Heirat versperrte, und seine eigene Kirche, die anglikanische, gründete.

Die ungleichmäßige Verteilung der gesellschaftlichen Macht im mittelalterlichen Europa erklärt, warum die Elite ein angenehmes Leben führen konnte, während die Bauernschaft im Elend lebte. Aber wie und warum trugen die neuen Technologien zur weiteren Verarmung großer Teile der Bevölkerung bei?19

Die Antwort auf diese Frage ist eng mit der unausgewogenen gesellschaftlichen Wirkung der Technologie verknüpft. Wie Technologie eingesetzt wird, hängt stets von der Vision und den Interessen derer ab, die Macht besitzen.

Nach der normannischen Eroberung wurde die Produktion im mittelalterlichen England neu organisiert. Die Normannen stärkten die Vormachtstellung der Grundherren gegenüber den Bauern, was sich auf die Löhne, die Natur der landwirtschaftlichen Aktivität und die Anwendung neuer Technologien auswirkte. Der Bau von Mühlen erforderte beträchtliche Investitionen, und in einer Volkswirtschaft, in der die Grundherren ihren Besitz vergrößert und ihren politischen Einfluss erhöht hatten, lag es nahe, dass sie diejenigen waren, die diese Investitionen vornahmen. Und sie taten es auf eine Art, die ihre Position gegenüber den Bauern weiter festigte.

Die Feudalherren nutzten große Landflächen selbst und übten eine weitgehende Kontrolle über ihre Pächter und alle anderen Menschen aus, die auf ihren Gütern lebten. Diese Kontrolle war unverzichtbar, weil die Bauern unbezahlte Arbeitsdienste auf den Ländereien des Grundherrn verrichten mussten. Die genauen Bedingungen dieser Frondienste, bei denen es sich im Grunde um Zwangsarbeit handelte – wie viel Zeit die Bauern auf den Feldern des Grundherrn arbeiten und welchen Teil der Erntezeit sie dort verbringen mussten –, wurden oft ausgehandelt, aber bei Meinungsverschiedenheiten lag die Entscheidung bei den von den Grundherren kontrollierten örtlichen Gerichten.

Mühlen, Pferde und Dünger erhöhten die Produktivität, so dass mit derselben Menge an Arbeit und Land jetzt mehr produziert werden konnte. Aber von einer Sogwirkung der Produktivitätszuwächse war nichts zu spüren. Um zu verstehen, warum sie ausblieb, müssen wir uns erneut der in Kapitel 1 behandelten Funktionsweise des Produktivitätssogs zuwenden.

Mühlen verringern den Arbeitsaufwand in verschiedenen Produktionsschritten wie dem Getreidemahlen, aber sie erhöhen auch die Grenzproduktivität der Arbeitskräfte. Das Prinzip der Sogwirkung besagt, dass die Arbeitgeber in diesem Fall zusätzliche Arbeiter einstellen sollten und dass der Wettbewerb der Mühlen um Arbeitskräfte die Löhne in die Höhe treiben sollte. Aber wie wir gesehen haben, wirkt sich auch der institutionelle Kontext aus. Eine erhöhte Nachfrage nach Arbeitskräften führt nur zu einem Anstieg der Löhne, wenn sich die Arbeitgeber auf einem gut funktionierenden Arbeitsmarkt, auf dem kein Zwang angewandt werden kann, einen Wettbewerb um Arbeitskräfte liefern.

Im mittelalterlichen Europa gab es jedoch keinen solchen Arbeitsmarkt, und der Wettbewerb zwischen den Mühlen war gering. Die Folge war, dass Löhne und Verpflichtungen oft davon abhingen, wie weit die Grundherren gehen konnten (oder wollten). Sie entschieden auch, wie viel die Bauern für den Zugang zu den Mühlen bezahlen mussten, und setzten einige der Steuern und Abgaben fest, die den Bauern auferlegt wurden. Dank ihrer größeren gesellschaftlichen Macht im normannischen Feudalismus konnten die Grundherren erheblichen Druck auf die Bauernschaft ausüben.

Aber warum führten die Nutzung neuer Maschinen und der daraus resultierende Produktivitätsanstieg dazu, dass die Bauern noch mehr ausgepresst wurden und dass ihr Lebensstandard weiter sank? Stellen wir uns eine Situation vor, in der neue Technologien die Produktivität erhöhen, aber die Grundherren keine zusätzlichen Arbeiter einstellen können (oder wollen). Dennoch möchten sie, dass mehr Arbeitsstunden geleistet werden, um die produktivere Technologie zu nutzen. Wie können sie das erreichen? Eine in den herkömmlichen Darstellungen oft außer Acht gelassene Möglichkeit besteht darin, den Zwang zu verstärken und aus den vorhandenen Arbeitskräften mehr Leistung herauszupressen. Gelingt dies, so profitieren die Grundbesitzer, während die Arbeiter Nachteile erleiden, da sie nun sowohl stärkerem Zwang ausgesetzt sind als auch länger arbeiten müssen (und möglicherweise obendrein Lohneinbußen erleiden).

Genau das geschah nach der Verbesserung der Mühlen im mittelalterlichen England. Während die Produktivität dank des Einsatzes neuer Maschinen stieg, beuteten die Feudalherren die Bauernschaft intensiver aus. Die Arbeitszeit der Feldarbeiter stieg, so dass ihnen weniger Zeit blieb, ihre eigenen Felder zu bestellen, und Realeinkommen sowie Haushaltskonsum sanken.

Die Verteilung der gesellschaftlichen Macht und die vorherrschende Vision bestimmten auch, wie neue Technologien entwickelt und eingesetzt wurden. Zu den wichtigen Entscheidungen zählten jene über die Standorte neuer Mühlen und darüber, wer diese kontrollieren würde. In der englischen Ständegesellschaft wurde es als gerecht und naturgegeben betrachtet, dass Grundherren und Klöster die Mühlen betrieben. Dieselben Gruppen besaßen auch die Autorität und Macht, um dafür zu sorgen, dass keine Konkurrenz auftauchte. So konnte die Mühle des Grundherrn das gesamte Getreide verarbeiten und sämtliche Textilien produzieren, die in der lokalen Wirtschaft zu Preisen verkauft wurden, die vom Grundherrn festgesetzt wurden. Manchmal gelang es den Feudalherren sogar, die Bauern daran zu hindern, daheim Mehl zu mahlen. Diese Art der Technologieanwendung verstärkte die wirtschaftliche Ungleichheit und das Machtungleichgewicht.

Die dominante Vision der mittelalterlichen Gesellschaft, die unter Einsatz der Zwangsmacht der geistlichen und weltlichen Eliten verwirklicht wurde, lenkte die Einführung neuer Technologien in eine bestimmte Richtung. Wie das funktionierte, sehen wir am Beispiel des Versuchs eines gewissen Herbert the Dean, im Jahr 1191 eine Windmühle zu bauen. Dem Abt von Bury Saint Edmunds, einem der reichsten und einflussreichsten Klöster Englands, missfiel diese unternehmerische Initiative, weil sie den Mühlen seines Klosters Konkurrenz machen würde. Er verlangte, die Windmühle unverzüglich abzureißen. Jocelin of Brakelond, der in Diensten des Abtes stand, berichtete: »Als er das hörte, kam der Dekan und sagte, er habe das Recht, dies auf seinem freien Lehnsgut zu tun, und keinem Mann solle das Recht vorenthalten werden, den freien Wind zu nutzen; er sagte, er wolle dort auch sein eigenes Korn mahlen, nicht jedoch das anderer, damit niemand denke, er tue dies zum Schaden der benachbarten Mühlen.«20

Der Abt reagierte erbost: »Ich danke euch, so wie ich euch danken würde, wenn ihr mir beide Füße abgeschnitten hättet. Ich schwöre bei Gott, dass ich kein Brot mehr essen werde, bis dieses Gebäude abgerissen wird.« Der Abt interpretierte das Gewohnheitsrecht so, dass er, sobald eine neue Mühle gebaut wurde, die Nachbarn des Dekans nicht daran hindern konnte, sie zu nutzen, womit die Mühlen des Klosters Konkurrenz bekämen. Doch diese Interpretation bedeutete auch, dass der Dekan kein Recht hatte, ohne Erlaubnis des Abtes eine Windmühle zu bauen.

Obwohl diese Argumente im Prinzip angefochten werden konnten, hatte der Dekan in der Praxis keine Möglichkeit, sich zur Wehr zu setzen, denn alle Fragen, welche die Rechte des Klosters betrafen, wurden vor dem Kirchengericht entschieden, das natürlich zugunsten des mächtigen Abts urteilen würde. Also ließ Herbert seine Mühle in aller Eile abreißen, bevor die Gerichtsdiener auftauchten.

Im Laufe der Zeit festigte die Kirche ihre Kontrolle über neue Technologien. Im 13. Jahrhundert investierte das Kloster Saint Albans in Hertfordshire 100 Pfund in die Verbesserung seiner Mühlen und verlangte von den Pächtern, ihr gesamtes Getreide und alle Stoffe zu diesen Mühlen zu bringen. Obwohl die Pächter keinen Zugang zu anderen Mühlen hatten, weigerten sie sich, der Anordnung Folge zu leisten. Sie zogen es vor, ihre Stoffe daheim von Hand zu verarbeiten, anstatt die hohen Gebühren des Klosters zu bezahlen.21

Doch selbst dieses geringe Maß an Unabhängigkeit war unvereinbar mit der Bestrebung des Klosters, der einzige Nutznießer neuer Technologie zu sein. Im Jahr 1274 gab der Abt Befehl, Stoffe in den Häusern von Pächtern zu beschlagnahmen, was zu handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen Pächtern und Mönchen führte. Als die Pächter vor den königlichen Gerichtshof zogen, wurde ihre Klage erwartungsgemäß abgewiesen. Sie mussten ihre Stoffe in den Mühlen des Klosters verarbeiten lassen und die vom Kloster verlangten Gebühren zahlen.

Im Jahr 1326 kam es zu einer noch gewaltsameren Auseinandersetzung mit Saint Albans über die Frage, ob es zulässig war, dass die Pächter ihr Getreide zu Hause mit Handmühlen mahlten. Das Kloster wurde zweimal belagert, und als sich der Abt schließlich durchsetzte, ließ er alle Mühlsteine in den Häusern der Bauern beschlagnahmen und damit den Hof seines Klosters pflastern. Ein halbes Jahrhundert später stürmten die Pächter im Verlauf des Bauernaufstands das Kloster und rissen den Hof auf, den sie als »Symbol ihrer Erniedrigung« betrachteten.

In der mittelalterlichen Wirtschaft mangelte es nicht an technologischen Neuerungen und wichtigen Fortschritten in der Organisation der Produktion. Dennoch war es ein dunkles Zeitalter für die englischen Bauern, denn das normannische Feudalsystem gewährleistete, dass die erhöhte Produktivität nur dem Adel und der kirchlichen Elite zugutekam. Noch schlimmer war, dass die Neuorganisation der Landwirtschaft den Weg zu einer erhöhten Überschussextraktion und größeren Belastungen der Bauernschaft ebnete, deren Lebensstandard weiter sank. Neue Technologien verschafften der Elite zusätzliche Vorteile, während sie das Elend der Bauern vertieften.

Diese schwierige Zeit für die gewöhnlichen Menschen hatte ihren Ursprung darin, dass die kirchliche und aristokratische Elite die Technologie und die wirtschaftlichen Abläufe so strukturierte, dass es für den Großteil der Bevölkerung schwierig wurde, Wohlstand zu erwerben. Die alltägliche Kontrolle über die Bevölkerung unter Einsatz der Überzeugungskraft stützte sich auf fest verwurzelte religiöse Glaubenssätze, die durch Eingriffe der Gerichte sowie durch Zwang ergänzt wurden.

Eine alternative Erklärung für die Stagnation des Lebensstandards im Mittelalter beruht auf der Theorie von Thomas Malthus, die dieser Ende des 18. Jahrhunderts verfasste. Der Ökonom hielt die Armen für nutzlos. Gebe man ihnen genug Land, damit sie eine Kuh halten könnten, so würden sie lediglich mehr Kinder in die Welt setzen. »Die Bevölkerung wächst, wenn keine Hemmnisse auftreten, in geometrischer Reihe an. Die Unterhaltsmittel nehmen nur in arithmetischer Reihe zu. Schon einige wenige Zahlen werden ausreichen, um die Übermächtigkeit der ersten Kraft im Vergleich zu der zweiten vor Augen zu führen.«22 Da das nutzbare Land begrenzt sei, werde ein Anstieg der Bevölkerung die landwirtschaftliche Produktion in geringerem Maß erhöhen, was zur Folge habe, dass jede Verbesserung des Lebensstandards der Armen nicht von Dauer wäre und rasch von der zusätzlichen Bevölkerung aufgezehrt würde.

Diese unbarmherzige Interpretation, die den Armen die Schuld an ihrem Elend gibt, deckt sich nicht mit den Fakten. Wenn es eine malthusianische »Falle« gibt, so besteht sie in der Vorstellung, es existiere ein unabänderliches Gesetz der malthusianischen Dynamik.

Die Armut der Bauern können wir nur verstehen, wenn wir uns ansehen, wie Zwang auf sie ausgeübt wurde – und wie die politische und gesellschaftliche Macht bestimmte, wer von der Ausrichtung des Fortschritts profitierte. Technologie und Produktivität stagnierten keineswegs in dem Jahrtausend vor der Industriellen Revolution, obwohl sie nicht so schnell und stetig wuchsen wie ab der Mitte des 18. Jahrhunderts.

Wer von der Einführung neuer Technologien und von Produktivitätszuwächsen profitierte, hing von den institutionellen Gegebenheiten und von der Art der Technologie ab. In vielen entscheidenden Epochen wie den in diesem Kapitel behandelten folgte die technologische Entwicklung der Vision einer mächtigen Elite, und ein Anstieg der Produktivität zog keine nennenswerte Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerungsmehrheit nach sich.

Aber die Kontrolle der Elite über die Wirtschaft war nicht stabil, und sie konnte nicht alle Produktivitätszuwächse direkt für sich nutzen wie im Fall der neuen Mühlen. Wenn die Ernteerträge auf den von den Bauern bestellten Feldern stiegen und die Grundherren keine ausreichend stabile Vormachtstellung genossen, um sich die Überschussproduktion aneignen zu können, verbesserten sich die Lebensbedingungen der Armen.

Beispielsweise versuchten nach der Pestepidemie viele englische Grundherren, deren Felder aufgrund des Arbeitskräftemangels unbestellt blieben, mehr Arbeit aus ihren Fronbauern herauszuholen, ohne ihnen jedoch mehr zu bezahlen.23 König Eduard III. und seine Berater reagierten alarmiert auf die Forderungen der Arbeiter nach höheren Löhnen und erließen Gesetze, um die Lohnforderungen einzuschränken.24 Im Statute of Labourers von 1351 hieß es: »Da ein großer Teil des Volkes und insbesondere die Arbeiter und Knechte in der Pestilenz gestorben sind, sind einige angesichts der Notlage der Herren und des Mangels an Knechten nicht bereit, ihren Dienst zu tun, sofern sie keine übermäßigen Löhne erhalten.« Das Gesetz sah schwere Strafen einschließlich Kerkerhaft für jene Arbeiter vor, die aus ihrem Dienst ausschieden. Um zu verhindern, dass Grundherren in dem Bemühen, Arbeiter von den Feldern ihrer Standesgenossen wegzulocken, höhere Löhne anboten, hieß es in dem Gesetz: »Erlaubt außerdem niemandem, jemandem einen höheren als den gebräuchlichen Lohn […] zu zahlen […].«25

Doch die königlichen Anordnungen und Gesetze blieben wirkungslos. Der Arbeitskräftemangel ließ das Pendel zugunsten der Bauern ausschlagen, welche die Forderungen ihrer Grundherren ablehnten, höhere Löhne forderten, die Zahlung von Bußgeldern verweigerten und wenn nötig abwandern konnten, um sich auf anderen Gütern zu verdingen oder in den Städten Arbeit zu suchen. Die Landarbeiter waren »so hochmütig und halsstarrig«, schrieb Knighton, »dass sie dem Befehl des Königs nicht gehorchten, und wenn jemand sie haben wollte, musste er ihnen geben, was sie verlangten«.26

Das Ergebnis war ein Lohnanstieg, wie der zeitgenössische Dichter John Gower berichtete: »[W]elches auch immer die Arbeit sein mag, der Arbeiter ist so teuer, dass jeder, der möchte, dass etwas erledigt wird, fünf oder sechs Schillinge für das bezahlen muss, was früher zwei kostete.«27

In einer Bittschrift an das House of Commons wurde die missliche Lage der Grundherren auf die Tatsache zurückgeführt, dass der Arbeitskräftemangel Knechten und Landarbeitern Macht gebe, und »sobald ihre Herren sie beschuldigen, ihren Dienst schlecht zu verrichten, oder sie der Form der Statutes entsprechend für ihre Arbeit bezahlen wollen«, nähmen sie Reißaus und gäben »plötzlich ihre Beschäftigung im Bezirk auf«. Das Problem sei, dass sie »an anderen Orten sofort in den Dienst aufgenommen werden, und zwar mit so schönen Löhnen, dass allen Knechten ein Beispiel und Ermutigung gegeben wird, zu anderen Orten abzuwandern […].«28

Der Arbeitskräftemangel trieb nicht nur die Löhne in die Höhe. Überall im ländlichen England verschob sich das Machtgleichgewicht zwischen Grundherren und Bauern, und jene begannen, sich über den mangelnden Respekt ihrer Hörigen zu beklagen. Knighton bemerkte, dass sich die einfachen Leute so schöne Kleider und Ausstattung leisten konnten, »dass eine Person nicht mehr aufgrund ihres Prunks, ihrer Kleidung oder ihres Besitzes von der anderen unterschieden werden kann«.29 Gower drückte es so aus: »Die Knechte sind jetzt Herren, und die Herren sind Knechte.«30

In anderen Teilen Europas, wo die ländlichen Eliten ihre Vormachtstellung verteidigen konnten, wurden die Verpflichtungen gegenüber den Feudalherren nicht im selben Maße eingeschränkt, und es gibt keine Belege für einen vergleichbaren Lohnanstieg. Beispielsweise wurde die Bauernschaft in Ost- und Mitteleuropa noch schlechter behandelt und hatte trotz des Arbeitskräftemangels weniger Möglichkeiten, Forderungen zu erheben; außerdem gab es weniger Städte, in die Landbewohner hätten fliehen können. Die Aussichten auf einen Machtzuwachs der Bauern blieben gering.

In England hingegen schwand die Macht der lokalen Eliten in den folgenden 150 Jahren. In einem berühmten zeitgenössischen Bericht werden die Folgen beschrieben: »Der Grundherr war gezwungen, gute Bedingungen anzubieten oder zuzusehen, wie alle seine Bauern verschwanden.« Unter diesen Bedingungen stiegen die Reallöhne eine Weile.

Die Auflösung der Klöster unter Heinrich VIII. und die folgende Neuorganisation der Landwirtschaft trugen ebenfalls dazu bei, die Machtverhältnisse im ländlichen England zu verschieben. Der langsame Anstieg der Realeinkommen der englischen Bauernschaft vor Beginn des Industriezeitalters war eine Folge dieser Verschiebungen.

Insgesamt gab es im Mittelalter verschiedene Perioden, in denen höhere Ernteerträge eine höhere Fortpflanzungsrate nach sich zogen, sodass die Bevölkerung die Kapazität des Landes zur Produktion ausreichender Nahrungsmittel überstieg, was gelegentlich zu Hungersnöten und einem Bevölkerungsschwund führte. Doch Malthus irrte sich, als er annahm, dies sei das einzige mögliche Resultat. Als er seine Theorien am Ende des 18. Jahrhunderts formulierte, waren in England nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die Realeinkommen seit Jahrhunderten gewachsen, ohne dass es Hinweise auf unausweichliche Hungersnöte oder Epidemien gegeben hätte. Ähnliche Trends sind in dieser Zeit auch in anderen europäischen Ländern zu beobachten, zum Beispiel in den italienischen Stadtstaaten, in Frankreich und im Gebiet des heutigen Belgien und der Niederlande.

Noch größere Zweifel an der malthusianischen Darstellung weckt die Tatsache, dass die von neuen Technologien im Mittelalter ermöglichten Produktionsüberschüsse nicht von Armen mit übermäßig großer Nachkommenschaft aufgezehrt wurden, sondern von Adel und Klerus, die sich Luxus leisteten und prachtvolle Kathedralen bauten. Ein Teil des Überschusses floss außerdem in höhere Lebensstandards in großen Städten wie London.

Nicht nur die Fakten aus dem mittelalterlichen Europa widerlegen die Idee einer malthusianischen Bevölkerungsfalle. Das antike Griechenland, insbesondere der Athener Stadtstaat, erlebte vom 9. bis zum 4. vorchristlichen Jahrhundert einen raschen Anstieg der Pro-Kopf-Produktion und des Lebensstandards. In diesen fast 500 Jahren wurden die Häuser größer, die Raumaufteilung wurde durchdachter, die Zahl der Haushaltsgüter nahm deutlich zu, der Pro-Kopf-Konsum stieg, und verschiedene andere Indikatoren der Lebensqualität entwickelten sich positiv. Obwohl die Bevölkerung wuchs, gab es kaum Hinweise auf eine malthusianische Dynamik. Beendet wurde diese Zeit des Wirtschaftswachstums und des Wohlstands durch zunehmende politische Instabilität, innergriechische Konflikte und Invasionen.

Auch in der römischen Republik wuchsen Pro-Kopf-Produktion und Wohlstand ab dem 5. vorchristlichen Jahrhundert. Die Zeit des Wohlstands dauerte im ersten Jahrhundert des Kaiserreichs an und endete vermutlich ebenfalls aufgrund der politischen Instabilität und des Schadens, den autoritär herrschende Kaiser anrichteten.31

Lange Phasen des vorindustriellen Wirtschaftswachstums ohne jegliche Hinweise auf die von Malthus beschriebene Dynamik waren nicht auf Europa beschränkt. Es gibt archäologische Befunde und teilweise sogar Dokumente, aus denen hervorgeht, dass China, die präkolumbischen Zivilisationen in der Andenregion und in Mesoamerika, das Industal und Teile Afrikas ähnlich lange Wachstumsphasen erlebten.32

Die historischen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die malthusianische Falle kein Naturgesetz ist, sondern mit bestimmten politischen und wirtschaftlichen Systemen zusammenhängt. Im Fall des mittelalterlichen Europa war es die Ständegesellschaft mit ihrer Ungleichheit, ihrem Zwang und ihrer einseitigen Ausrichtung des technologischen Fortschritts, die den meisten Menschen Armut und mangelnden Fortschritt brachte.

Gesellschaftlich unausgewogene Entscheidungen über die Ausrichtung der technologischen Entwicklung waren nicht auf das mittelalterliche Europa beschränkt, sondern ein fester Bestandteil der vorindustriellen Geschichte. Solche Entscheidungen wurden schon gefällt, als die Landwirtschaft entstand – wenn nicht noch früher.

Der Mensch begann vor langer Zeit, mit der Domestizierung von Pflanzen und Tieren zu experimentieren. Bereits vor mehr als 15 000 Jahren hielten Menschen Hunde als Nutztiere, und schon die Jäger-und-Sammler-Gesellschaften förderten selektiv das Wachstum bestimmter Pflanzen und Tiere und begannen, ihren Lebensraum zu beeinflussen.

Vor etwa 12 000 Jahren entstanden erste ortsgebundene landwirtschaftliche Siedlungen, deren Bewohner die Domestikation von Pflanzen und Tieren beherrschten. Mittlerweile wissen wir mit einiger Sicherheit, dass dieser Prozess an mindestens sieben voneinander unabhängigen Orten rund um den Erdball stattfand. Je nach den lokalen Gegebenheiten standen unterschiedliche Nutzpflanzen im Mittelpunkt dieses Übergangs: zwei Arten von Weizen (Einkorn und Emmer) sowie Hafer im Fruchtbaren Halbmond im heutigen Nahen Osten, zwei Arten von Hirse (Kolben- und Sorghumhirse) in Nordchina, Reis in Südchina, Kürbis, Bohnen und Mais in Mesoamerika, Knollenfrüchte (Kartoffel und Yamswurzel) in Südamerika und eine Art von Quinoa im Osten der heutigen Vereinigten Staaten. In Afrika wurden südlich der Sahara verschiedene Pflanzen angebaut; in Äthiopien wurde die Kaffeepflanze domestiziert, was besonderes Lob verdient und vermutlich doppelt zählen sollte.33

Da es keine schriftlichen Aufzeichnungen aus jener Frühzeit gibt, weiß niemand genau, was wann geschah. Zeitlicher Ablauf und Kausalketten sind umstritten. Einige Wissenschaftler erklären, die Erderwärmung habe für Überfluss gesorgt, der wiederum die Entstehung von Siedlungen und der Landwirtschaft ermöglicht habe. Andere Experten sehen dagegen in der Not die Mutter der Innovation und glauben, Episoden der Knappheit seien die wichtigste Kraft gewesen, welche die Menschen dazu bewegt habe, die Erträge mittels Domestizierung deutlich zu erhöhen. Einige Forscher behaupten, zuerst seien ständige Siedlungen entstanden, in denen sich anschließend eine soziale Hierarchie herausgebildet habe. Andere weisen darauf hin, dass in Gräbern, die den ersten Siedlungen Tausende Jahre vorausgingen, Beigaben gefunden wurden, die auf die Existenz einer Hierarchie hindeuten. Manche schließen sich der Meinung des berühmten Archäologen Gordon Childe an, der den Begriff der »neolithischen Revolution« prägte, um diese Übergangsphase zu beschreiben, die er als Voraussetzung für den Fortschritt der Menschheit und ihrer Technologie betrachtete. Wieder andere argumentieren in Anlehnung an Jean-Jacques Rousseau, die Sesshaftigkeit und der ganzjährige Ackerbau seien die »Erbsünde« der menschlichen Gesellschaft gewesen und hätten den Weg zu Armut und sozialer Ungleichheit geebnet.34

Tatsächlich dürfte es eine beträchtliche Vielfalt gegeben haben. Die Menschen experimentierten mit verschiedenen Feldfrüchten und mit der Domestizierung verschiedener Tierarten. Zu den frühen Kulturpflanzen zählten Hülsenfrüchte (Erbsen, Wicken, Kichererbsen und verwandte Pflanzen), Yamsgewächse, Kartoffeln und verschiedene Gemüse und Obstsorten. Feigen gehörten möglicherweise ebenfalls zu den ersten Pflanzen, die angebaut wurden.

Wir wissen auch, dass sich der Ackerbau nicht rasch ausbreitete und dass sich viele Gemeinschaften weiter als Jäger und Sammler betätigten, als sich die Landwirtschaft in ihrer Umgebung bereits durchgesetzt hatte. Beispielsweise haben neuere DNA-Funde gezeigt, dass europäische Wild- und Feldbeuter Tausende Jahre auf den Ackerbau verzichteten und dass die Landwirtschaft schließlich nach Europa kam, weil Bauern aus dem Nahen Osten dorthin wanderten.35

Im Verlauf dieser gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen entstanden verschiedenartige Gesellschaften. Beispielsweise wurden auf dem Göbekli Tepe in Südostanatolien Überreste von 11 500 Jahre alten Siedlungen gefunden, deren Bewohner sich mehr als tausend Jahre lang sowohl der Landwirtschaft als auch dem Jagen und Sammeln widmeten. Überreste von Grabbeigaben und schöne Kunstgegenstände deuten auf eine ausgeprägte Hierarchie und wirtschaftliche Ungleichheit in dieser frühen Zivilisation hin.

An einem anderen Fundort, dem nur etwas mehr als 700 Kilometer westlich des Göbekli Tepe gelegenen Çatalhöyük, finden wir eine etwas spätere Zivilisation mit ganz anderen Merkmalen. Çatalhöyük, das ebenfalls mehr als tausend Jahre existierte, scheint eine einigermaßen egalitäre Gesellschaft gehabt zu haben, denn die Grabbeigaben ähneln einander, es gibt keine Hinweise auf eine klare Hierarchie, und alle Einwohner lebten in sehr ähnlichen Häusern (insbesondere auf dem östlichen Hügel, wo die Siedlung lange Zeit Bestand hatte). Die Bevölkerung ernährte sich offenbar von einer gesunden Diät, die Feldfrüchte, Wildpflanzen und Wild beinhaltete.36

Vor etwa 7 000 Jahren änderte sich überall im Fruchtbaren Halbmond das Bild: Der permanente Ackerbau, der oft auf einer einzigen Nutzpflanze beruhte, wurde zur einzigen Aktivität. Die wirtschaftliche Ungleichheit nahm zu und es bildete sich eine klare soziale Hierarchie aus. Die Eliten an der Spitze der Gesellschaft konsumierten viel und beteiligten sich nicht an der Produktion. Etwa zur selben Zeit wurden auch die historischen Belege klarer, da die Schrift auftauchte. Obwohl die Aufzeichnungen von der Elite und ihren Schreibern stammen, sind der Überfluss und ihre gewaltige Macht über die restliche Gesellschaft unübersehbar.

Die ägyptische Elite, die Pyramiden und monumentale Grabdenkmäler errichten ließ, erfreute sich anscheinend einer relativ guten Gesundheit. Ihre Angehörigen hatten zweifellos Zugang zu medizinischer Versorgung, soweit es diese gab, und zumindest bei einigen mumifizierten Körpern lässt sich nachweisen, dass diese Menschen ein langes und gesundes Leben führten. Hingegen litten die Bauern unter anderem unter Bilharziose, einer von im Wasser lebenden Saugwurmlarven verursachten Krankheit, sowie unter Tuberkulose und Hernien. Die Elite reiste bequem und arbeitete anscheinend nicht hart. Wer sich weigerte, die Steuern zu bezahlen, mit denen dieser angenehme Lebensstil finanziert wurde, wurde mit Stockschlägen gezüchtigt.

Trotz der frühen Vielfalt setzte sich an den meisten Orten, an denen der Ackerbau Wurzeln schlug, Getreide durch. Weizen, Hafer, Reis und Mais gehören alle der Familie der Gräser an, die kleine, harte, trockene Samen haben, die von den Botanikern als Karyopse bezeichnet werden. Diese üblicherweise als Getreide bezeichneten Gräser weisen einige vorteilhafte Merkmale auf. Aufgrund ihres geringen Feuchtigkeitsgehalts sind sie nach der Ernte lange haltbar, weshalb sie leicht gelagert werden können. Aber vor allem haben sie einen hohen Energiegehalt (Kalorien pro Kilogramm), weshalb sich ihr Transport lohnt, was wichtig ist, wenn man eine Bevölkerung ernähren will, die weit von den Anbauflächen entfernt lebt. Getreide kann auch in großen Mengen produziert werden, wenn es genug Arbeitskräfte für Bestellung der Felder, Aussaat und Ernte gibt. Im Gegensatz dazu sind Knollen schwieriger zu lagern, verrotten leicht und haben einen sehr viel geringeren Kaloriengehalt (etwa ein Fünftel der Kalorien von Getreide).

Wenn das Ziel darin besteht, große Mengen an Nahrungsmitteln zu produzieren und aus dem Ackerbau genug Energie für die Ernährung der Bevölkerung zu gewinnen, ist die Einführung des Getreides ein Lehrbeispiel für einen technologischen Fortschritt. Diese Feldfrüchte und Produktionsmethoden ermöglichten die Entstehung von bevölkerungsreichen Siedlungen, Städten und letzten Endes größeren Staaten. Doch auch die Anwendung dieser Technologie hatte sehr ungleichmäßige Auswirkungen auf den Wohlstand verschiedener Bevölkerungsgruppen.

Im Fruchtbaren Halbmond gab es bis vor 5 000 Jahren offenbar keine Stadt mit mehr als 8 000 Einwohnern. Doch etwa um diese Zeit stieg die Einwohnerzahl von Uruk im Süden des heutigen Irak rasant auf 45 000 Menschen. In der Folge wuchs die Bevölkerung der größten Städte: Vor 4 000 Jahren lebten sowohl in Ur (ebenfalls im heutigen Irak) als auch in Memphis (der Hauptstadt eines vereinigten Ägypten) 60 000 Menschen; vor 3 200 Jahren hatte Theben (Ägypten) etwa 80 000 Einwohner; und vor 2 500 Jahren stieg die Bevölkerung von Babylon auf 150 000 Menschen.

An all diesen Orten gibt es Belege dafür, dass die Elite eines zentralisierten Staates erheblich von neuen Technologien profitierte. Der Großteil der übrigen Gesellschaft hatte hingegen wenig davon.

Wir wissen nichts Genaues über die Lebensbedingungen der frühen Ackerbauern. Aber in diesen ersten zentralisierten Staaten mit ihrer Aufsichtsbürokratie ging es den meisten Menschen, die ganzjährig Getreide anbauten, anscheinend deutlich schlechter als ihren Vorfahren, die als Jäger und Sammler umhergestreift waren. Schätzungen zufolge arbeiteten Wild- und Feldbeuter etwa fünf Stunden am Tag, ernährten sich von verschiedensten Pflanzen und aßen viel Fleisch. Sie lebten gesund und hatten eine durchschnittliche Lebenserwartung von 21 bis 37 Jahren. Die Kindersterblichkeit war hoch, aber Menschen, die das Alter von 45 Jahren erreichten, lebten normalerweise weitere 14 bis 26 Jahre.37

Die sesshaften Ackerbauern arbeiteten wahrscheinlich mehr als zehn Stunden täglich, das heißt doppelt so lang wie die Wild- und Feldbeuter. Ihre Arbeit wurde auch sehr viel schwerer, insbesondere, als sich Getreide als wichtigste Feldfrucht durchsetzte. Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass sich die Ernährung der Ackerbauern gegenüber jener der umherziehenden Jäger und Sammler verschlechterte. Die Folge war, dass die Bauern im Durchschnitt 10 bis 12 Zentimeter kleiner waren als die Wild- und Feldbeuter, deutlich mehr Skelettschäden aufwiesen und sehr viel schlechtere Zähne hatten. Die Bauern litten auch häufiger an Infektionskrankheiten und starben jünger als die Nomaden. Ihre Lebenserwartung bei der Geburt wird auf durchschnittlich 19 Jahre geschätzt.

Die ganzjährige Feldarbeit setzte vor allem den Frauen zu: Ihre Skelette zeigen Anzeichen von Arthritis infolge der mühsamen Mahlarbeit. Die Kindersterblichkeit war in den Agrargesellschaften ebenfalls deutlich höher, und in diesen Gemeinschaften errangen die Männer eine klare Vormachtstellung.

Warum übernahmen die Menschen eine Technologie, die zermürbende Arbeit, ein ungesundes Leben, eine Einschränkung ihres Konsums und die Entstehung einer steilen gesellschaftlichen Hierarchie mit sich brachte? Warum fanden sie sich zumindest damit ab? Natürlich konnte vor 12 000 Jahren niemand voraussehen, welche Art von Gesellschaft die ortsgebundene Landwirtschaft hervorbringen würde. Doch wie im Mittelalter kamen die technologischen und organisatorischen Entscheidungen auch in den frühen Zivilisationen der Elite zugute und führten zur Verarmung der Bevölkerungsmehrheit. In der Jungsteinzeit entwickelten sich neue Technologien über einen sehr viel längeren Zeitraum – nicht wie im Mittelalter in Hunderten, sondern in Tausenden Jahren –, und die dominante Elite entstand oft langsam. Doch in beiden Fällen spielte ein politisches System, das unverhältnismäßig große Macht in die Hände der Elite legte, eine entscheidende Rolle. Der Zwang war natürlich wichtig, aber oft gab die Überzeugungskraft der religiösen und politischen Führer den Ausschlag.

Die Sklaverei war weiter verbreitet als in der Frühzeit der Landwirtschaft, und in Zivilisationen wie jener des alten Ägypten und des antiken Griechenland hatten Sklaven großen Anteil an der Produktion. Auch die übrige Bevölkerung wurde wenn nötig mit Zwangsmaßnahmen unter Kontrolle gebracht. Aber wie im Mittelalter wurden die Menschen normalerweise nicht durch Zwang kontrolliert. Dieser stand oft im Hintergrund. In erster Linie vertrauten die Eliten auf Überzeugung.

Nehmen wir die Pyramiden, ein Symbol des opulenten Lebens der Pharaonen. Der Bau einer Pyramide kann kaum als Investition in öffentliche Infrastrukturen betrachtet werden, die das materielle Wohlergehen der ägyptischen Bevölkerung erhöhen konnten, obwohl er natürlich zahlreichen Menschen Arbeit gab. Für den Bau der Cheops-Pyramide von Gizeh, die vor etwa 4 500 Jahren entstand, wurden etwa 20 Jahre lang 25 000 Arbeiter in rotierenden Schichten eingesetzt. Das Bauvorhaben hatte sehr viel größere Dimensionen als jede mittelalterliche Kathedrale. Nach Cheops versuchten mehr als 1 000 Jahre lang alle ägyptischen Herrscher und Herrscherinnen, ihre eigene Pyramide zu errichten.

Lange Zeit wurde angenommen, die Arbeiter seien von unbarmherzigen Aufsehern zu dieser zermürbenden Schinderei gezwungen worden. Mittlerweile wissen wir, dass es nicht so war. Die Menschen, die die Pyramiden bauten, erhielten einen ordentlichen Lohn und wurden gut ernährt, zum Beispiel mit Rindfleisch, dem teuersten verfügbaren Fleisch. Viele von ihnen waren sachkundige Handwerker. Höchstwahrscheinlich wurden sie mit einer Kombination von materiellen Belohnungen und Überzeugung dazu bewegt, hart zu arbeiten.

Es sind faszinierende Aufzeichnungen über einige dieser Bauvorhaben erhalten, darunter genaue Beschreibungen der Tätigkeit eines Arbeitstrupps in Gizeh, der sich als »Begleiter des Boots mit Namen ›Der Uräus des Cheops ist sein Bug‹« bezeichnete. In diesen Berichten über den Arbeitsalltag ist keine Rede von Strafen oder Zwang. Vielmehr geben die erhaltenen Fragmente Aufschluss über jene Art von Handwerkskunst und mühevoller Arbeit, die wir normalerweise mit dem Bau der mittelalterlichen Kathedralen assoziieren: Die Steine mussten von einem Steinbruch zum Nil gebracht, per Schiff weitertransportiert und anschließend vom Flussufer zur Baustelle gebracht werden.38 Ein Einsatz von Sklaven wird nicht erwähnt, obwohl einige Experten der Ansicht sind, dass gewöhnliche Arbeiter wahrscheinlich zu einem Arbeitsdienst verpflichtet waren, der Ähnlichkeit mit dem im Feudalzeitalter üblichen hatte und auch im 19. Jahrhundert von Lesseps beim Bau des Suezkanals genutzt wurde.

In pharaonischer Zeit konnten die ägyptischen Handwerker ernährt und entlohnt werden, weil ein Produktionsüberschuss aus den Landarbeitern herausgepresst wurde. Die Technologie der Getreideproduktion ermöglichte die Ernte großer Mengen an Feldfrüchten im fruchtbaren Niltal, und diese Erträge konnten in die Städte transportiert werden. Das wurde auch dadurch ermöglicht, dass die einfachen Bauern bereit waren, für einen geringen Lohn gewaltigen Arbeitsaufwand zu betreiben. Und das war möglich, weil sie nicht nur durch die Fähigkeit des Pharaos, Widerstand notfalls gewaltsam zu unterdrücken, sondern auch durch seine Autorität und seine Glorie dazu bewegt wurden.

Niemand weiß genau, was die Menschen im Altertum motivierte: Wir können nicht wissen, wie Bauern dachten, die vor 2 000 oder 7 000 Jahren lebten. Sie hinterließen keine schriftlichen Aufzeichnungen über ihre Bestrebungen oder ihre Drangsal. Wahrscheinlich half die organisierte Religion dabei, sie davon zu überzeugen, dass dies das richtige Leben oder dass ihr Schicksal unausweichlich war. Die Kosmologie zentralisierter Agrargesellschaften entwirft eine klare Hierarchie, an deren Spitze die Götter stehen. In der Mitte findet man Könige und Priester, und die Bauern bilden das Fundament. Der Lohn für den Verzicht auf Klagen ist je nach Glaubenssystem verschieden, aber im Allgemeinen wird eine Entschädigung in der Zukunft versprochen: Die Götter haben dir eine Rolle zugewiesen, also füge dich in dein Schicksal und gehe aufs Feld arbeiten.39

Im ägyptischen Glaubenssystem wurden die Menschen dazu angehalten, dem Herrscher zu einem besseren Nachleben zu verhelfen. Die Normalsterblichen durften nicht auf eine Verbesserung ihrer Lage hoffen: Knechte würden Knechte bleiben. Aber dienstfertige Menschen, die Pyramiden bauten und einen Teil ihrer Ernte abtraten, um den Herrschern zu größerem Ruhm und einem größeren Grabmonument zu verhelfen, sicherten sich das Wohlwollen der Götter. Die wirklich Unglücklichen mussten ihre Herren direkt ins Jenseits begleiten: In einigen Pyramiden wurden Belege dafür gefunden, dass Höflinge und andere Personen aus der Umgebung des Herrschers nach dessen Tod rituell ermordet wurden.

Die herrschende Elite Ägyptens lebte in Städten und bestand aus einer priesterlichen Hierarchie, die einem »Gottkönig« zur Seite stand, der eine göttliche Legitimation oder sogar eine direkte Abkunft von den Göttern für sich in Anspruch nahm. Dieses Muster ist nicht auf Ägypten beschränkt. Die meisten frühen Zivilisationen haben Tempel und andere Monumente hinterlassen, die normalerweise denselben Zweck erfüllten wie die von der mittelalterlichen Kirche errichteten Kathedralen: Sie sollten die Herrschaft der Elite legitimieren, indem sie deren Nähe zu den Göttern bezeugten und den Glauben der Bevölkerung festigten.

Weder die Getreidemonokultur noch die strikt hierarchische Gesellschaftsordnung, die eine Abschöpfung des Großteils der landwirtschaftlichen Überschussproduktion durch die Elite ermöglichte, waren vorherbestimmt oder von der Natur der Nutzpflanzen vorgegeben. Die Menschen hatten eine Wahl. Andere Gesellschaften, die oft mit ähnlichen Umweltbedingungen konfrontiert waren, spezialisierten sich auf andere Arten der Landwirtschaft, etwa auf den Anbau von Knollengewächsen und Hülsenfrüchten. In der frühen Siedlung Çatalhöyük wurde der Getreideanbau anscheinend mit der Nutzung verschiedenster Wildpflanzen und dem Konsum von Fleisch kombiniert, das von domestizierten Schafen und Ziegen sowie von Wildtieren wie Auerochsen, Füchsen, Dachsen und Hasen stammte. In Ägypten wurden vor Beginn der Getreidemonokultur Emmer und Hafer angebaut; daneben wurden Wasservögel, Antilopen, Wildschweine, Krokodile und Elefanten bejagt.

Selbst der Getreideanbau brachte nicht immer Ungleichheit und Hierarchien hervor, wie die egalitäreren Zivilisationen im Industal und in Mesoamerika zeigen.40 In Südostasien bauten weniger hierarchische Gesellschaften über Jahrtausende Reis an, und die Zunahme der sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheit fiel offenbar mit der Einführung neuer landwirtschaftlicher und militärischer Technologien in der Bronzezeit zusammen. Die Verbindung von Getreideanbau in großem Maßstab, ausgeprägter Überschussextraktion und hierarchischer Kontrolle war normalerweise das Resultat politischer und technologischer Entscheidungen der Eliten, wenn diese genug Macht besaßen und die übrige Gesellschaft von ihrem Kurs überzeugen konnten.

Was die Jungsteinzeit und die Pharaonenzeit anbelangt, so können wir nur Vermutungen dazu anstellen, wie neue Technologien ausgewählt und angewandt und mit welchen Argumenten die Menschen dazu bewegt wurden, sie zu übernehmen und die bestehenden Regelungen aufzugeben. Doch im England des 18. Jahrhunderts sehen wir deutlicher, wie sich eine neue Vision von der landwirtschaftlichen Modernisierung durchsetzte. Wir sehen, wie jene, die von dieser Modernisierung profitierten, die Oberhand gewannen, indem sie die Argumente für die von ihnen bevorzugte technologische Option mit dem Verweis auf deren vermeintlichen gesellschaftlichen Nutzen verknüpften.

Die englische Landwirtschaft hatte sich Mitte des 18. Jahrhunderts grundlegend gewandelt. Die Leibeigenschaft und die meisten Überreste des Feudalismus waren verschwunden. Die Grundherren konnten nicht mehr direkt über die lokale Wirtschaft entscheiden und die Bauern zwingen, auf ihren Feldern zu arbeiten oder Getreide in ihren Mühlen zu mahlen. Heinrich VIII. hatte in den dreißiger und vierziger Jahren des 16. Jahrhunderts die Klöster aufgelöst und ihr Land verkauft. Die ländlichen Eliten waren jetzt der Landadel. Dessen Angehörige besaßen mehrere Hundert Hektar Land und bemühten sich um eine Modernisierung der Landwirtschaft, um höhere Überschüsse zu erwirtschaften.

Die Transformation der Landwirtschaft war seit Jahrhunderten im Gange, und der verstärkte Düngemitteleinsatz und bessere Erntetechnologien hatten die Produktivität erhöht: Im Lauf von 500 Jahren war die Produktion pro Hektar, abhängig von der jeweiligen Feldfrucht, um 5 bis 45 Prozent gestiegen. Mitte des 16. Jahrhunderts beschleunigte sich der wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel. Da die Macht von Grundbesitzern und Klöstern schwand, begannen auch die Bauern vom Produktivitätszuwachs zu profitieren. Etwa ab dem Jahr 1600 stiegen die Reallöhne stetiger, wodurch sich die Ernährung und der Gesundheitszustand der Bauern geringfügig verbesserten.

Als die Bevölkerung wuchs, stieg auch die Nachfrage nach Agrarprodukten. Die steigenden landwirtschaftlichen Erträge wurden zum Thema der politischen Debatte. Teile der ländlichen Wirtschaft Englands bedurften zweifellos einer Modernisierung. Ein Großteil des Landes befand sich mittlerweile in privaten Händen und wurde vom Landadel, von dessen Pächtern und von Kleinbauern genutzt. Aber in einigen Landesteilen gehörte ein beträchtlicher Teil der Nutzflächen zur »Allmende«. Das Gewohnheitsrecht stellte es den Mitgliedern der Gemeinde frei, auf diesem Gemeinland ihre Kühe grasen zu lassen, Brennholz zu sammeln und zu jagen. Nicht eingezäunte, offene Felder wurden als Ackerflächen genutzt. Als das Land wertvoller wurde, wollte eine wachsende Zahl von Grundbesitzern diese Flächen »einhegen«, um die gewohnheitsrechtliche Nutzung durch die Bauern zu unterbinden. Durch die Einhegung (enclosure) wurde die gemeinsam genutzte Allmende in gesetzlich geschütztes Privateigentum überführt, das zumeist vorhandene Landgüter vergrößerte.

Spontane Einhegungen sind seit dem 15. Jahrhundert belegt. In vielen Landesteilen konnten die Grundbesitzer ihre Ziele erreichen, indem sie die örtliche Bevölkerung mit Geldzahlungen und anderen Entschädigungen dazu bewegten, in die Aneignung der Allmendeflächen einzuwilligen. Doch in den Augen der britischen Eliten des späten 18. Jahrhunderts war eine weitere Modernisierung unumgänglich, und diese wollten sie erreichen, indem sie ihre Ländereien vergrößerten. Etwa ein Drittel der gesamten landwirtschaftlichen Nutzflächen befand sich immer noch im Gemeinbesitz und konnte in Privateigentum umgewandelt werden.

Die Einhegungsbestrebungen wurden mit der Notwendigkeit von Produktivitätserhöhungen und dem Wohl des Landes begründet, aber die vorgeschlagene Modernisierung verlief alles andere als neutral. Den Bauern sollte der Zugang zu nutzbarem Land entzogen werden, um die kommerzielle Landwirtschaft auszuweiten. In der Vision, die sich durchsetzte, wurde das Gewohnheitsrecht landloser Bauern als ein anachronistisches Überbleibsel der Vergangenheit dargestellt, das der Modernisierung geopfert werden musste. Wenn die Bauern nicht freiwillig auf ihre vom Gewohnheitsrecht gedeckten Ansprüche verzichten wollten, mussten sie dazu gezwungen werden.

Im Jahr 1773 verabschiedete das Parlament den Enclosure Act, der es Großgrundbesitzern erleichterte, die Reorganisation des Landes, das sie sich aneignen wollten, durchzusetzen. Die Abgeordneten stimmten dem Gesetzesvorschlag zu, weil sie glaubten oder glauben wollten, dass die Einhegung im nationalen Interesse wäre.41

Arthur Young, ein Landwirt, Agrarwissenschaftler und einflussreicher Autor, nahm beträchtlichen Einfluss auf die Diskussion. In seinen frühen Arbeiten hatte Young die Bedeutung neuer technischer Entwicklungen in der Landwirtschaft hervorgehoben und sich für einen verstärkten Düngemitteleinsatz, eine auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende Fruchtfolge und die Einführung besserer Pflüge ausgesprochen. Auf großen zusammenhängenden Nutzflächen, erklärte er, könnten diese Technologien leichter und effektiver eingesetzt werden.

Aber wie sollte man mit dem Widerstand der Bauern gegen die Einhegung umgehen? Um Youngs Haltung verstehen zu können, müssen wir uns zunächst den zeitgenössischen Kontext ansehen und uns ein Bild von der übergeordneten Vision für die technologische und landwirtschaftliche Reorganisation machen. Die britische Gesellschaft war immer noch hierarchisch organisiert. Deren demokratisches System war von der Elite ganz allein für die Elite gemacht, und weniger als 10 Prozent der erwachsenen männlichen Bevölkerung besaßen das Wahlrecht. Noch schlimmer war, dass die Elite nicht viel von ihren weniger privilegierten Landsleuten hielt.

Die Schriften von Thomas Malthus geben Aufschluss über den Zeitgeist und das Weltbild der wohlhabenden Bürger. Malthus hielt es für humaner, den Lebensstandard der Armen nicht allzu sehr zu erhöhen, denn dann würden sie mehr Kinder in die Welt setzen und am Ende doch wieder nur im Elend versinken. Er erklärte: »Ein Mann, der in eine bereits besessene Welt hineingeboren wird, hat, wenn seine Eltern ihm keinen Unterhalt gewähren, auf den er einen rechtmäßigen Anspruch hat, und die Gesellschaft seine Arbeitskraft nicht will, keinen Rechtsanspruch auf den kleinsten Anteil an Nahrung, ja er darf nicht einmal sein, wo er ist. Für ihn gibt es keinen Platz im gewaltigen Festmahl der Natur.«42

Wie viele Angehörige der Ober- und Mittelschicht hegte Young ähnliche Vorstellungen. Im Jahr 1771, fast drei Jahrzehnte, bevor Malthus seine Abhandlung veröffentlichte, schrieb Young: »Wenn wir von den Interessen der Gewerbetreibenden und Fabrikanten sprechen, weiß jeder, der kein Idiot ist, dass die unteren Klassen in Armut gehalten werden müssen, weil sie sich sonst nie anstrengen werden.«43

Diese skeptische Haltung gegenüber der Unterschicht verband Young mit der Überzeugung, dass in der Landwirtschaft unbedingt bessere Technologien eingeführt werden müssten. So wurde er zu einem entschiedenen Befürworter der Einhegungen. Als maßgeblicher Berater des Board of Agriculture verfasste er einflussreiche Berichte über den Zustand der britischen Landwirtschaft und die Möglichkeiten zu ihrer Verbesserung.

So wurde Young zu einem Sprecher des landwirtschaftlichen Establishments, der bei Ministern Gehör fand und in Parlamentsdebatten zitiert wurde. Als Experte warb er im Jahr 1767 nachdrücklich für die Einhegungen: »Ich betrachte es als erwiesen, dass die Einhegungen von allgemeinem Nutzen sind; tatsächlich liegt dies so klar auf der Hand, dass vernünftige und vorurteilsfreie Personen keinen Zweifel mehr haben können: Wer sich jetzt noch dagegen ausspricht, ist nichts anderes als ein verachtenswerter Nörgler.«44 In seinen Augen war es akzeptabel, den Armen und Ungebildeten den gewohnheitsrechtlichen Anspruch auf die Allmende zu entziehen, weil die neuen Regelungen den Einsatz moderner Technologie ermöglichen und folglich die Effizienz und die Nahrungsproduktion erhöhen würden.

Eine wachsende Zahl von Großgrundbesitzern bemühte sich um öffentliche Unterstützung und die Zustimmung des Parlaments zu ihren Vorhaben, und Young wurde ihr nützlicher Verbündeter. Er lieferte eine gewissenhafte Analyse der Eingriffe, die im nationalen Interesse vorgenommen werden mussten, und wenn das Ergebnis der Analyse war, dass die Beseitigung überkommener Rechte und Druck auf die Widerstrebenden notwendig waren, um den Fortschritt voranzutreiben, so musste die britische Gesellschaft diesen Preis eben zahlen.

Doch zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde deutlich, welche Kollateralschäden die Einhegungen verursacht hatten – zumindest wurden diese Schäden für jeden unübersehbar, der bereit war, sie zu sehen. Malthus hatte nichts dagegen einzuwenden, dass Tausende in tiefere Armut getrieben wurden. Young hingegen reagierte überraschenderweise ganz anders.

Er hatte die Vorurteile seiner Zeit verinnerlicht, aber er war auch ein eingefleischter Empiriker. Als er auf seinen Reisen mit eigenen Augen sah, wie sich die Einhegung auswirkte, waren seine Ansichten nicht länger mit seinen empirischen Beobachtungen vereinbar.

Bemerkenswerterweise änderte Young seine Haltung gegenüber der Enclosure-Bewegung. Er war weiterhin überzeugt, dass die Zusammenlegung offener Felder und Allmendeflächen Effizienzgewinne ermöglichen würden. Aber er begriff, dass sehr viel mehr als das auf dem Spiel stand. Die Beseitigung des Gemeinbesitzes hatte erhebliche Auswirkungen darauf, wer von der Weiterentwicklung der landwirtschaftlichen Technologie profitierte und wer darunter litt. Im Jahr 1800 hatte Young eine Kehrtwende vollzogen: »Was bedeutet es für den Armen, dass man ihm sagt, die Kammern des Parlaments schützten das Eigentum, während der Familienvater gezwungen ist, seine Kuh und sein Land zu verkaufen?«45

Nun erklärte er, es gebe verschiedene Möglichkeiten zur Neuorganisation der Landwirtschaft und man könne die Felder auch zusammenlegen, ohne die Rechte der gewöhnlichen Menschen mit Füßen zu treten und ihnen die für den Selbsterhalt benötigten Mittel zu entziehen. Es sei nicht notwendig, die ländliche Bevölkerung vollkommen zu enteignen. Er ging noch weiter und argumentierte, es behindere den Fortschritt nicht, den Armen auf dem Land die für den Selbsterhalt erforderlichen Mittel – etwa eine Kuh oder ein paar Ziegen – zuzugestehen. Mit diesen Mitteln könnten sie ihre Familien besser erhalten und sich besser für die Gemeinschaft einsetzen, und vielleicht würden sie sogar eher bereit sein, den Status quo anzuerkennen.

Möglicherweise verstand Young sogar eine weniger offenkundige wirtschaftliche Tatsache: Waren sie einmal enteignet, so würden arme Bauern den Grundbesitzern dauerhaft als billige Arbeitskräfte zur Verfügung stehen – was möglicherweise einer der Gründe dafür war, dass so viele Grundbesitzer auf die Beseitigung der Allmende drängten. Umgekehrt konnte das Lohnniveau in der ländlichen Wirtschaft erhöht werden, indem man die grundlegenden Vermögenswerte der armen Bauern schützte.

Als er sich für die Einhegung eingesetzt hatte, war Young ein angesehener, von den maßgeblichen Gruppen gefeierter Experte gewesen. Mit der Änderung seiner Meinung änderte sich auch das: Nun stieß er in der Öffentlichkeit auf Ablehnung, ganz gleich, was er im Namen des Board of Agriculture forderte. Sein Vorgesetzter in der Institution, ein Adliger, stellte klar, dass jemand, der die Einhegung ablehnte, in Beamtenkreisen unerwünscht sei.

Die Geschichte der Enclosure-Bewegung veranschaulicht, wie sich Überzeugungskraft und wirtschaftliches Eigeninteresse darauf auswirken, wer vom technologischen Wandel profitiert und wer nicht. Die Vorstellung der britischen Oberschicht vom Fortschritt und davon, wie er erreicht werden konnte, hatte entscheidenden Einfluss auf die Neuorganisation der Landwirtschaft. Wie üblich überschnitt sich diese Vision mit den Interessen dieser Gruppe: Den Armen ohne Gegenleistung oder mit einer geringen Entschädigung das Land wegzunehmen, war offenkundig vorteilhaft für jene, die es sich aneigneten.

Eine Vision, die sich auf ein Interesse der Allgemeinheit beruft, ist auch dann – und insbesondere dann – wirkungsvoll, wenn es bei der Einführung neuer Technologien sowohl Verlierer als auch Gewinner geben wird, weil das jene, welche die Neuorganisation und die Anwendung der Technologie vorantreiben, in die Lage versetzt, die übrige Gesellschaft von ihrem Vorhaben zu überzeugen.

Oft müssen zahlreiche Interessengruppen überzeugt werden. Im Fall der Einhegung war es schwierig, die armen Bauern zu überzeugen, die ihre gewohnheitsrechtlichen Ansprüche verloren. Die städtische Bevölkerung und die Gruppen mit politischer Macht, darunter die Parlamentarier, waren leichter für das Vorhaben zu gewinnen. Youngs wissenschaftliche Analyse der Notwendigkeit einer raschen Durchführung der Einhegung trug wesentlich zur Überzeugungsarbeit bei. Erwartungsgemäß wussten die Grundbesitzer, welche Empfehlung sie hören wollten, und feierten Young, als seine Einschätzung ihrer Meinung entsprach. Als er seine Meinung änderte, brachten sie ihn zum Schweigen.

Die Wahl der Technologie war ebenfalls wichtig. Obwohl die Einführung neuer Technologien mit der Notwendigkeit des Fortschritts und mit dem nationalen Interesse begründet wurde, waren zahlreiche komplexe Entscheidungen über die Umsetzung erforderlich, und von diesen Entscheidungen hing es ab, in welchem Maße die Elite profitieren und welche Nachteile die Bauernschaft erleiden würde. Eine Möglichkeit bestand darin, den armen Bauern ihre gewohnheitsrechtlichen Ansprüche vollkommen zu entziehen. Mittlerweile wissen wir, dass die Wahl dieser Option nicht von der unausweichlichen Notwendigkeit des Fortschritts diktiert wurde. Das Allmendeland und offene Felder hätten während der Modernisierung der britischen Landwirtschaft durchaus noch längere Zeit existieren können. Tatsächlich deuten die verfügbaren Daten darauf hin, dass diese Form des Landbesitzes keineswegs mit der Anwendung neuer Technologien und mit einer Erhöhung der Erträge unvereinbar war.

Im 17. Jahrhundert hatten Bauern, die offene Felder bestellten, zu den Pionieren des Anbaus von Erbsen und Bohnen gezählt, und im 18. Jahrhundert übernahmen sie rasch den Anbau von Klee und Rüben. Zwar wurden eingehegte Felder umfassender entwässert, aber sogar in Gebieten, in denen das die Erträge erhöhte, stieg der Ertrag pro Hektar bis 1800 lediglich um etwa 5 Prozent. Auf Nutzflächen mit leichteren Böden, die sich von allein entwässerten, und auf Weideland fielen die Erträge von Bauern, die offene Felder bestellten, nie um mehr als 10 Prozent geringer aus als jene von Bauern, die eingehegte Felder bestellten. Auch die Produktion pro Arbeitskraft war auf durch die Einhegung zusammengelegten Ackerflächen nur geringfügig höher.46

Die Neuorganisation der Landwirtschaft gab die Richtung für die wirtschaftliche Entwicklung Großbritanniens in den folgenden Jahrzehnten vor und entschied darüber, wer davon profitierte. Jene, die Grundbesitz hatten, konnten teilweise mit Unterstützung des Parlaments ihren Wohlstand vergrößern. Jene, die keinen Grundbesitz hatten, profitierten hingegen nicht.47

Die technologische Modernisierung der Landwirtschaft wurde zu einem Vorwand für die Enteignung der Armen auf dem Land. Trug diese Enteignung zur Erhöhung der Produktivität bei, die Großbritannien Ende des 18. Jahrhunderts so dringend brauchte? Diesbezüglich gehen die Meinungen auseinander: Während einige Forscher erklären, die Produktivität sei überhaupt nicht gestiegen, sind andere der Meinung, die Erträge seien deutlich erhöht worden. Außer Zweifel steht jedoch, dass die Ungleichheit zunahm und dass jene, deren zuvor frei zugängliche Felder eingehegt wurden, die Verlierer waren.

Nichts von alledem war unvermeidlich. Die Beseitigung der gewohnheitsrechtlichen Ansprüche und die Vertiefung der Armut auf dem Land beruhten auf Entscheidungen, die den Menschen im Namen des technologischen Fortschritts und des nationalen Interesses aufgezwungen wurden. Und Youngs Urteil hat weiterhin Gültigkeit: Die Produktivität hätte erhöht werden können, ohne die landlosen Bauern in noch tieferes Elend zu stürzen.

Die Geschichte der Enclosure-Bewegung zeigt deutlich, dass eine technologische Neuorganisation der Produktion selbst dann, wenn sie vorgeblich im Interesse des Fortschritts und des Gemeinwohls ist, die Lage der Machtlosen weiter verschlechtern kann. Zwei historische Episoden, die sich auf unterschiedlichen Kontinenten und in sehr verschiedenen Wirtschaftssystemen zutrugen, veranschaulichen ihre gravierenden Folgen. Sehen wir uns zunächst an, welche Auswirkungen die transformative Technologie der Baumwollentkörnungsmaschine in den Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts hatte.

In der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte zählt Eli Whitney neben Thomas Edison zu den kreativsten technologischen Unternehmern und ebnete den Weg für umwälzende Fortschritte. Im Jahr 1793 erfand Whitney eine Maschine, mit der die Samen aus Baumwolle rasch entfernt werden konnten. Whitney beschrieb den Nutzen der Entkörnungsmaschine so: »Ein Mann und ein Pferd werden mehr bewältigen als fünfzig Männer mit den alten Maschinen.«48

Anfangs wurde in der amerikanischen Baumwollindustrie eine langstielige Art der Pflanze verwendet, die in größerer Entfernung von der Ostküste nicht gut gedieh. Eine Alternative, die Upland-Baumwolle (Gossypium hirsutum), wuchs auch in anderen, hügeligeren Umgebungen gut. Aber ihre klebrigen grünen Samen hingen fester an der Faser und konnten von den vorhandenen Entkörnungsmaschinen nur schwer entfernt werden. Whitneys Maschine war eine bahnbrechende Neuerung und ermöglichte den Anbau der Upland-Baumwollpflanze in einem sehr viel größeren Gebiet. Doch die Ausweitung der Baumwollpflanzungen zunächst auf das Hinterland von South Carolina und Georgia und später auf Alabama, Louisiana, Mississippi, Arkansas und Texas erhöhte die Nachfrage nach Sklavenarbeitern. Der Baumwollanbau wurde zur wichtigsten wirtschaftlichen Aktivität in diesen dünn besiedelten Gebieten, in denen europäische Einwanderer und indigene Bevölkerung zuvor Subsistenzwirtschaft betrieben hatten.49

Die Baumwollproduktion im Süden stieg von 1,5 Millionen Pfund im Jahr 1790 rasant auf 36,5 Millionen Pfund im Jahr 1800 und 167,5 Millionen Pfund im Jahr 1820. Um die Jahrhundertmitte lieferte der Süden drei Fünftel der amerikanischen Exportgüter, darunter vor allem Baumwolle. Zu jener Zeit wurden etwa drei Viertel der weltweit verbrauchten Baumwolle in den Südstaaten angebaut.50

Wäre es angesichts einer derart umwälzenden Veränderung, die eine spektakuläre Produktivitätserhöhung ermöglichte, möglicherweise angebracht, zu sagen, dass dieser Fortschritt im nationalen Interesse war und dem Gemeinwohl diente? Profitierten in diesem Fall möglicherweise auch die Feldarbeiter? Funktionierte die Sogwirkung der Produktivitätszuwächse?

Einmal mehr konnte keine Rede davon sein.

Während die Grundbesitzer im Süden und viele andere Einwohner der Region, die an Produktion, Verarbeitung und Vertrieb der Baumwolle beteiligt waren, beträchtlichen Wohlstand erwarben, wurden die Arbeitskräfte, die tatsächlich die Baumwolle produzierten, noch tiefer in ein Ausbeutungsverhältnis gedrängt. Noch schlimmer war, dass die erhöhte Arbeitskräftenachfrage unter Bedingungen des Zwangs nicht zu einem Lohnanstieg, sondern dazu führte, dass die Sklaven noch rücksichtsloser behandelt wurden, um alles aus ihnen herauszuholen.

Die Plantagenbesitzer führten verschiedene Neuerungen ein, um die Erträge zu erhöhen, und pflanzten neue Baumwollarten an. Aber wenn die Menschenrechte kaum oder überhaupt nicht geschützt werden wie im mittelalterlichen Europa oder auf den Plantagen im Süden der Vereinigten Staaten, können technologische Verbesserungen leicht eine intensivere Ausbeutung der Arbeitskräfte nach sich ziehen.

Im Jahr 1780, kurz nach der Unabhängigkeit von Großbritannien, gab es in den Vereinigten Staaten etwa 558 000 Sklaven. Als der Sklavenhandel am 1. Januar 1808 illegal wurde, lebten in den USA etwa 908 000 Menschen in der Sklaverei. Obwohl der Import von Sklaven aus dem Ausland fast vollkommen zum Erliegen kam, wuchs die Sklavenbevölkerung bis 1820 auf 1,5 Millionen und bis 1850 auf 3,2 Millionen Menschen. In jenem Jahr arbeiteten 1,8 Millionen Sklaven in der Baumwollproduktion.

Zwischen 1790 und 1820 wurden 250 000 Sklaven zum Umzug in den »tiefen Süden« gezwungen. Insgesamt wurden etwa eine Million Sklaven auf Plantagen gebracht, deren Produktivität durch die Entkörnungsmaschinen deutlich erhöht worden war. Die Sklavenbevölkerung Georgias verdoppelte sich zwischen 1790 und 1800. In vier Counties im Hinterland von South Carolina stieg der Bevölkerungsanteil der Sklaven von 18,4 Prozent im Jahr 1790 auf 39,5 Prozent im Jahr 1820 und auf 61,1 Prozent im Jahr 1860.

Richter Johnson aus Savannah in Georgia pries Whitneys Beitrag zu dieser Entwicklung: »Menschen, die unter Armut litten und in Untätigkeit versunken waren, haben plötzlich Wohlstand und Ansehen erlangt. Unsere Schulden sind beglichen, unser Kapital ist gewachsen, und der Wert unseres Landes hat sich verdreifacht.«51 Mit »uns« meinte der Richter natürlich nur die Weißen.

Versklavte Menschen, die in der Produktion von Tabak arbeiteten, der im 18. Jahrhundert die in Virginia vorherrschende und mit Sklavenarbeitern angebaute Nutzpflanze war, führten offenkundig kein gutes Leben. Doch die Reise in den »tiefen Süden« war ungewöhnlich brutal, und auf den Baumwollplantagen litten die Sklaven unter noch sehr viel schlechteren Lebensbedingungen. Die Baumwollplantagen waren größer als die Tabakpflanzungen, und die Arbeit war »straff organisiert und schonungslos«52. Ein Sklave erinnerte sich daran, dass er härter angetrieben wurde, wenn die Baumwollpreise stiegen: »Wenn der Baumwollpreis auf dem englischen Markt steigt, und sei es nur um einen halben Viertelpfennig das Pfund, fühlen die armen Sklaven sofort die Wirkung, denn sie werden härter angetrieben und spüren öfter die Peitsche.«53

Wie im mittelalterlichen England wirkte sich der institutionelle Kontext erheblich auf den Verlauf des Fortschritts und darauf aus, wer davon profitierte. Im amerikanischen Süden war er stets von Zwang geprägt. Gewalt und Misshandlung der Afroamerikaner nahmen zu, nachdem die Entkörnungsmaschine den Baumwollanbau in einem großen Gebiet im Süden möglich gemacht hatte. Ein ohnehin erbarmungsloses System zur Ausbeutung der Sklavenarbeit wurde noch brutaler.

Der Anstieg der Produktivität führte keineswegs dazu, dass die schwarzen Arbeiter höhere Löhne erhielten oder besser behandelt wurden. Es wurden Rechnungsbücher eingeführt, um die Arbeitsleistung der Sklaven exakt zu bestimmen und zu planen, wie eine noch höhere Produktionsmenge aus ihnen herausgepresst werden konnte.54 Brutale Züchtigung, die vielfach die Form von Folter annahm, war ebenso an der Tagesordnung wie verschiedene Gewaltakte, darunter sexuelle Nötigung und Vergewaltigung.

Wie wir in Kapitel 3 gesehen haben, wurde die Sklaverei in den Südstaaten vor allem dadurch ermöglicht, dass die weiße Bevölkerung im Norden davon überzeugt wurde, sie zu akzeptieren. Hier spielte die im späten 18. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten vorherrschende Vorstellung vom Fortschritt eine zentrale Rolle. Rassistische Ideen gab es seit Langem. Sie beruhten auf der Vorstellung von einer naturgegebenen Hierarchie, an deren Spitze die Weißen standen. Aber jetzt wurden neue Ideen hinzugefügt, um das Plantagensystem für das ganze Land akzeptabel zu machen.

Die Doktrin des »positiven Guts« wurde von James Henry Hammond, einem Kongressabgeordneten und späteren Gouverneur von South Carolina, bekannt gemacht und von John C. Calhoun, Senator und von 1825 bis 1832 Vizepräsident der Vereinigten Staaten, weiterentwickelt. Diese Doktrin war eine direkte Antwort auf den Vorwurf, die Sklaverei sei unmoralisch. In einer Rede im Repräsentantenhaus im Jahr 1836 erklärte Hammond, die Sklaverei sei nicht böse:

Im Gegenteil, ich bin überzeugt, dass sie die größte aller Segnungen ist, die eine wohlgesinnte Vorsehung unserer glorreichen Region angedeihen lässt. Denn ohne sie wären uns unser fruchtbarer Boden und unser günstiges Klima umsonst gegeben worden. Die Geschichte des kurzen Zeitraums, in dem wir die Sklaverei genossen haben, hat unserem südlichen Land seinen sprichwörtlichen Reichtum, seine Geistesgröße und seine Umgangsformen gebracht.

Er drohte unverhohlen mit Gewalt, sollte in den Vereinigten Staaten die Befreiung der Sklaven in die Wege geleitet werden:

In dem Augenblick, in dem diese Kammer ein solches Gesetz erlässt, löst sie die Union auf. Sollte es mein Schicksal sein, einen Sitz in dieser Kammer zu haben, so werde ich ihn in dem Augenblick aufgeben, in dem der erste entschlossene Schritt zur Gesetzgebung über diese Frage getan wird. Ich werde heimkehren, um die Auflösung der Union und nötigenfalls den Bürgerkrieg zu predigen und voranzutreiben. Es wird eine Revolution folgen, und diese Republik wird im Blut versinken.

Er behauptete, die Sklaven seien glücklich:

Ich wage zu behaupten, dass es auf der Erde keine glücklichere, zufriedenere Rasse gibt. Ich bin in ihrer Mitte geboren und aufgewachsen, und soweit ich weiß und in meiner Erfahrung haben sie jeden Grund, glücklich zu sein. Sie haben leichte Tätigkeiten, sind gut gekleidet und werden gut ernährt – sehr viel besser als die freien Arbeiter in jedem Land der Welt, unser eigenes und vielleicht die anderen Staaten dieser Konföderation ausgenommen –, ihr Leben und ihre Person werden vom Gesetz geschützt, alles Leid wird durch die freundlichste Fürsorge gelindert, und ihre häusliche Zuneigung wird geschätzt und – zumindest soweit ich weiß – mit gewissenhaftem Feingefühl hochgehalten.55

Hammonds Rede wurde im Lauf der Jahrzehnte immer wieder zitiert: Die Sklaverei sei eine Angelegenheit des Südens, in die sich andere nicht einmischen sollten; sie sei unverzichtbar für den Wohlstand der Weißen, insbesondere in der Baumwollindustrie; die Sklaven seien glücklich. Und sollte der Norden weiter auf die Aufhebung der Sklaverei drängen, so werde der Süden für das System kämpfen.

Auf den ersten Blick mag es den Anschein haben, als hätten die Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts und das bolschewistische Russland wenig gemein. Doch sieht man genauer hin, so entdeckt man verblüffende Parallelen.

Der Baumwollsektor in den Vereinigten Staaten gedieh dank des Einsatzes neuer Kenntnisse, darunter verbesserte Entkörnungsmaschinen und andere Neuerungen, auf Kosten der schwarzen Sklaven, die auf weitläufigen Plantagen arbeiteten. Die sowjetische Wirtschaft wuchs in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts dank des umfassenden Einsatzes von Maschinen wie Traktoren und Mähdreschern auf den Getreidefeldern. Doch dieses Wachstum ging zulasten von Millionen Kleinbauern.

Im Fall der Sowjetunion wurde der Zwang damit gerechtfertigt, dass er nötig sei, um die ideale Gesellschaft zu errichten, von der die Kommunisten träumten. Lenin fasste das Vorhaben im Jahr 1920 so zusammen: »Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes.«56

Die Führung der Kommunistischen Partei erkannte früh, dass sie viel von der industriellen Massenproduktion einschließlich der »wissenschaftlichen Betriebsführung« (scientific management) Frederick Taylors und der von Henry Ford entwickelten Fertigungsstraße lernen konnte. Anfang der dreißiger Jahre gingen rund 10 000 amerikanische Fachkräfte, darunter Ingenieure, Lehrer, Metallarbeiter, Tischler und Bergbauexperten, in die Sowjetunion, um dort bei der Installation und Anwendung von Industrietechnologie zu helfen.57

Obwohl das vorrangige Ziel der Kommunisten der Aufbau der Industrie war, zeigte die Erfahrung während der sogenannten Neuen Ökonomischen Politik (NEP) in den zwanziger Jahren, dass man ausreichend große und stabile Mengen an Getreide brauchte, um die wachsende Zahl von Fabrikarbeitern ernähren zu können. Das Getreide wurde nicht nur zur Versorgung der wachsenden städtischen Bevölkerung benötigt, sondern war auch ein wichtiges Exportgut, denn die Exporteinnahmen wurden gebraucht, um den Import ausländischer landwirtschaftlicher und Industriemaschinen zu finanzieren.

Anfang der zwanziger Jahre setzte sich Leo Trotzki für die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft ein, die er als geeignete Methode betrachtete, um die wirtschaftliche Entwicklung der Sowjetunion voranzutreiben. Nikolai Bucharin und Josef Stalin hielten dem entgegen, man könne die landwirtschaftlichen Kleinbetriebe erhalten, während man das Land industrialisiere. Nach Lenins Tod geriet Trotzki in die Defensive und wurde zunächst ins innere Exil geschickt und im Jahr 1929 des Landes verwiesen.

Nun vollzog Stalin eine Kehrtwende, drängte Bucharin an den Rand und setzte alles auf die Karte der Kollektivierung. Er bezeichnete die relativ wohlhabenden Kleinbauern, die sogenannten Kulaken, als antikommunistische Kraft. Stalin war auch sehr misstrauisch gegenüber den Ukrainern, die sich im Bürgerkrieg teilweise auf die Seite der Weißen Armee geschlagen hatten.

Stalin wollte die Kollektivierung mit einer Mechanisierung der Landwirtschaft nach dem Vorbild der Vereinigten Staaten verbinden. Im Mittleren Westen der USA, wo die Böden und die klimatischen Bedingungen ähnlich waren wie in Teilen der Sowjetunion, ermöglichte zu jener Zeit eine rasante Mechanisierung der Landwirtschaft spektakuläre Produktivitätszuwächse. Die Sowjetunion brauchte die Einnahmen aus den Getreideexporten und betrachtete die Mechanisierung der amerikanischen Landwirtschaft als Modell für ihre eigene Umgestaltung.

Anfang der dreißiger Jahre kamen die Kollektivierung und die Zusammenlegung kleiner bäuerlicher Betriebe zu Kolchosen rasch voran und die Mechanisierung der sowjetischen Landwirtschaft nahm Fahrt auf. In den zwanziger Jahren waren 20,8 Manntage pro Hektar für den Getreideanbau gebraucht worden. Bis 1937 sank der Arbeitsaufwand in erster Linie aufgrund des Einsatzes von Traktoren und Mähdreschern auf 10,6 Manntage pro Hektar.

Aber die Kollektivierung richtete massive Schäden an und führte zu Hungersnöten und zur Vernichtung von Viehbeständen. Die für den Konsum verfügbare Produktion (die Gesamtproduktion abzüglich der für Saatgut und Tierfutter benötigten Mengen) fiel zwischen 1928 und 1932 um 21 Prozent. Danach erholte sie sich, aber die gesamte landwirtschaftliche Produktion stieg zwischen 1928 und 1940 lediglich um 10 Prozent – und ein Großteil des Zuwachses war auf die Ausweitung der Bewässerungssysteme in Zentralasien zurückzuführen, wo die Baumwollproduktion deutlich erhöht wurde.

Nach einer neueren Schätzung wäre die Gesamtproduktion der sowjetischen Landwirtschaft Ende der dreißiger Jahre ohne Kollektivierung um 29 bis 46 Prozent höher gewesen, vor allem, weil sich die Viehzucht besser entwickelt hätte. Aber der »Verkauf« von Getreide an den Staat, wie die erzwungene Erfüllung von Beschaffungsquoten euphemistisch genannt wurde, war im Jahr 1939 um 89 Prozent höher als zehn Jahre früher. Die Bauern wurden gnadenlos ausgepresst.

Die menschlichen Kosten waren schockierend. In einer Bevölkerung von rund 150 Millionen waren infolge der Kollektivierung und der erzwungenen Abtretung der Getreideernten vier bis neun Millionen »zusätzliche Tote« zu beklagen. Das schlimmste Jahr war 1933, aber auch in den Jahren davor war die Sterblichkeit deutlich erhöht. In den Städten stieg der Lebensstandard teilweise, und die Bau- und Fabrikarbeiter wurden besser ernährt. Wie im mittelalterlichen England und in den amerikanischen Südstaaten deutete nichts darauf hin, dass die Produktivitätszuwächse zu einem Anstieg der Realeinkommen oder des Lebensstandards der ländlichen Bevölkerung geführt hatten.58

Natürlich hatte Stalins Vision wenig mit der eines mittelalterlichen Abtes oder eines Plantagenbesitzers in den Südstaaten zu tun. In der Sowjetunion sollte der technologische Fortschritt nicht in den Dienst der Kirche oder der Interessen einer vermögenden Elite gestellt werden, sondern dem Wohl des Proletariats dienen, und die Kommunistische Partei wusste am besten, was das höchste Gut war.

Tatsächlich diente der technologische Fortschritt jetzt den Interessen der sowjetischen Führung, die ihre Macht ohne eine Erhöhung der Wirtschaftsleistung kaum hätte behaupten können. Doch gleichgültig, ob die Angehörigen der Elite mittelalterliche Feudalherren, amerikanische Plantagenbesitzer oder die Führungsriege der Kommunistischen Partei in der Sowjetunion waren: Die Anwendung der Technologie im Namen des Fortschritts war gesellschaftlich unausgewogen und verursachte verheerende Schäden.

Ohne verstärkten Zwang hätte die Kollektivierung nicht durchgesetzt werden können. Millionen Bauern fanden sich mit einer rücksichtslosen Ausbeutung ab, weil die Alternative eine Kugel oder die Deportation nach Sibirien gewesen wäre, wo die Lebensbedingungen noch härter waren. Während und nach der Kollektivierung der Landwirtschaft übte die Kommunistische Partei eine Terrorherrschaft aus. Allein in den Jahren 1937 und 1938 wurden etwa eine Million Menschen hingerichtet oder starben im Gefängnis. Zwischen 1930 und 1956 verschwanden 17 bis 18 Millionen Menschen in den Arbeitslagern des Archipel Gulag, und zu dieser Zahl kommen noch Zwangsumsiedlungen und von Familienangehörigen erlittene irreparable Schäden.

Aber auch in diesem Fall wurde die Kontrolle nicht ausschließlich durch Zwang ausgeübt. Sobald Stalin entschieden hatte, die Landwirtschaft zu kollektivieren, wurde die Propagandamaschine angeworfen, um diese Strategie als Fortschritt zu verkaufen. Die wichtigsten Adressaten der Propaganda waren die Parteimitglieder, die überzeugt werden mussten, damit die Parteiführung ihre Macht festigen und ihre Pläne umsetzen konnte. Stalin setzte alle verfügbaren Propagandainstrumente ein und stellte die Kollektivierung sowohl gegenüber der heimischen als auch gegenüber der Weltöffentlichkeit als Triumph dar: »Die Erfolge unserer kollektivwirtschaftlichen Politik erklären sich unter anderem daraus, dass diese Politik auf der Freiwilligkeit in der kollektivwirtschaftlichen Bewegung und auf der Berücksichtigung der Mannigfaltigkeit der Bedingungen in den verschiedenen Gebieten der UdSSR beruht. Man kann nicht mit Gewalt Kollektivwirtschaften schaffen. Das wäre dumm und reaktionär.«59

Die Kollektivierungsepisode in der Sowjetunion ist ein weiteres Beispiel für eine Anwendung der Technologie auf die Landwirtschaft, die nicht nur gesellschaftlich unausgewogen, sondern auch das Ergebnis einer bewussten Entscheidung war. Es gab viele verschiedene Möglichkeiten zur Organisation der Landwirtschaft, und die sowjetische Führung selbst hatte unter Lenin während der Neuen Ökonomischen Politik nicht ohne Erfolg mit dem Modell der Kleinbetriebe experimentiert.

Wie in den zuvor behandelten Episoden entschied auch in diesem Fall die Elite ausgehend von ihrer eigenen Zukunftsvision, wie die landwirtschaftliche Technologie eingesetzt werden sollte. Millionen Menschen bezahlten den Preis.

Wir leben in einer Zeit, die besessen ist von der Technologie und dem Fortschritt, den sie bringen soll. Wie wir gesehen haben, halten einige prominente Visionäre die Gegenwart für die beste aller Zeiten, während andere erklären, es stünden noch spektakulärere Fortschritte bevor, die uns grenzenlosen Überfluss, ein längeres Leben oder sogar die Besiedlung neuer Planeten bringen werden.

Der technologische Wandel begleitet die Menschheit seit jeher, und seit jeher entscheiden einflussreiche Menschen darüber, was von wem getan werden muss. In den vergangenen 12 000 Jahren hat sich die landwirtschaftliche Technologie teilweise rasant weiterentwickelt. Gelegentlich profitierte auch die breite Bevölkerung von einem Anstieg der Produktivität. Aber diese Verbesserungen sickerten nicht automatisch in die unteren Gesellschaftsschichten durch und kamen dem Großteil der Bevölkerung zugute. Geteilt wurden die Erträge nur, wenn die Vormachtstellung der grundbesitzenden und religiösen Eliten nicht stabil genug war, damit sie der Gesellschaft ihre Vision des Fortschritts aufzwingen konnten, um sich den gesamten dank neuer Technologien erzielten Überschuss anzueignen.

In vielen prägenden Übergangsphasen wurden die erhöhten landwirtschaftlichen Erträge in einer sehr viel kleineren Gruppe verteilt. In einigen Fällen leiteten die Eliten im Namen des Fortschritts einen raschen Transformationsprozess ein, doch der rasche Wandel diente im Normalfall nicht dem Gemeinwohl, sondern machte nur jene reicher, die bei der Einführung neuer Technologien die Führung übernahmen. Oft profitierte die übrige Gesellschaft kaum vom technologischen Wandel.

Das Gemeinwohl wurde zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich definiert. Im Mittelalter war das Ziel eine gut geordnete Gesellschaft. Im England des späten 18. Jahrhunderts musste eine wachsende Bevölkerung ernährt werden, ohne dass die Lebensmittelpreise stiegen. In der Sowjetunion diskutierte die Parteiführung in den zwanziger Jahren darüber, wie sie ihre Version des Sozialismus am besten verwirklichen konnte.

In all diesen Fällen kam die erhöhte Produktivität der Landwirtschaft in erster Linie der Elite zugute. Die Machthabenden, seien sie Grundbesitzer oder Regierungsvertreter, entschieden, welche Maschinen eingesetzt und wie Aussaat, Ernte und andere Tätigkeiten organisiert werden sollten. Trotz unübersehbarer Produktivitätszuwächse verloren die meisten Menschen den Anschluss. Die Feldarbeiter profitierten nicht von der Modernisierung der Landwirtschaft. Ihre materielle Lage besserte sich nicht. Stattdessen mussten sie länger arbeiten und größere Entbehrungen auf sich nehmen.

Anhänger der »Trickle-down-Ökonomie«, also der These, dass die Erträge von Produktivitätszuwächsen zwangsläufig von oben nach unten in die gesamte Gesellschaft durchsickern und Lohnerhöhungen und bessere Arbeitsbedingungen nach sich ziehen, können diese Vorgänge kaum erklären. Aber sobald wir begreifen, dass technologische Fortschritte den Interessen derer dienen, die Macht besitzen und die Entwicklung der Technologie in den Dienst ihrer Vision stellen können, verstehen wir, warum der technologische Fortschritt keine automatische Sogwirkung ausübt.

Die Massenproduktion von Getreide, das Monopol von Grundherren und Klöstern auf die Mühlen, die Ausweitung der Sklaverei dank der Erfindung der Baumwollentkörnungsmaschine und die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion waren Ergebnisse bestimmter Entscheidungen über die Anwendung der Technologie, die in all diesen Fällen den Interessen einer dominanten Elite diente. Wie nicht anders zu erwarten, kam es keineswegs zu einer Sogwirkung der Produktivitätszuwächse: Als die Produktivität stieg, konnten mächtige Gruppen größere Anstrengungen aus den Arbeitskräften herauspressen, indem sie diese zwangen, länger zu arbeiten und einen größeren Teil ihrer Produktion abzutreten. Dieses Muster ist sowohl im mittelalterlichen England als auch in den amerikanischen Südstaaten und in der Sowjetunion zu beobachten. Im Fall der Enclosure-Bewegung im Großbritannien des 18. Jahrhunderts war die Situation ein wenig anders, aber auch hier blieb die notleidende Landbevölkerung auf der Strecke – diesmal, weil diesen Menschen ihr Gewohnheitsrecht genommen wurde, sodass sie nicht mehr in der Lage waren, auf Allmendeland Brennholz zu sammeln, zu jagen und ihre Tiere grasen zu lassen.

Wir wissen weniger über die Entwicklungen in den ersten Jahrtausenden nach der neolithischen Revolution. Aber zu der Zeit, als Gesellschaften sesshafter Ackerbauern entstanden, bildete sich ein Muster heraus, das große Ähnlichkeit mit dem hat, was wir in der jüngeren Geschichte beobachten. In allen bekannten frühen Zivilisationen, deren Wirtschaft auf der Getreideproduktion beruhte, lebten die meisten Menschen anscheinend unter schlechteren Bedingungen als ihre Vorfahren, die als Jäger und Sammler umhergezogen waren. Hingegen genossen jene, die in den frühen Agrargesellschaften die Richtung vorgaben, einen höheren Lebensstandard.

Die hier beschriebenen Entwicklungen können nicht als unausweichliche Konsequenz des Fortschritts betrachtet werden. Es entstanden keineswegs überall zentralisierte, despotische Staaten, und das Funktionieren der Landwirtschaft hing nicht zwangsläufig davon ab, dass eine Elite Zwang und religiöse Überzeugungskraft einsetzte, um den Großteil der Überschussproduktion abzuschöpfen. Es war nicht notwendig, dass örtliche Eliten ein unanfechtbares Monopol auf neue Technologien wie Mühlen hatten. Und es war keine unabdingbare Voraussetzung für die Modernisierung der Landwirtschaft, dass ohnehin armen Bauern der Zugang zum Allmendeland verwehrt wurde. In fast all diesen Fällen hätte ein anderer Weg beschritten werden können, und tatsächlich gab es Gesellschaften, die eine andere Wahl trafen.

Trotz der Existenz von Alternativen sehen wir in der langen Geschichte der landwirtschaftlichen Technologie eine klare Bevorzugung der Eliten, vor allem, wenn sie die Möglichkeit hatten, Zwang mit religiöser Überzeugung zu kombinieren. Die Geschichte lehrt uns, dass wir die Vorstellungen davon, was als Fortschritt zu betrachten ist und was nicht, stets sorgfältig prüfen sollten – insbesondere, wenn mächtige Personen bemüht sind, uns für eine bestimmte Vision zu gewinnen.

Selbstverständlich gibt es große Unterschiede zwischen Landwirtschaft und Industrie, und die Produktion materieller Güter unterscheidet sich von den digitalen Technologien oder der potenziellen Zukunft der künstlichen Intelligenz. Besteht heute also größere Hoffnung? Sind die Technologien unserer Zeit inhärent inklusiver? Dürfen wir hoffen, dass die Personen, die heute das Sagen haben, aufgeklärter sind als die Pharaonen, die Plantagenbesitzer oder die Bolschewiken?

In den folgenden beiden Kapiteln werden wir sehen, dass die Entwicklung in der Industrialisierung tatsächlich anders verlief, was jedoch nicht daran lag, dass die Dampfmaschine oder die Verantwortlichen eine natürliche Neigung gehabt hätte, breitere Gesellschaftsgruppen in den Wohlstandsgewinn einzubeziehen. Der Grund war vielmehr, dass die Industrialisierung zahlreiche Menschen in Fabriken und städtischen Ballungsräumen zusammenbrachte, neuen Bestrebungen der Arbeiter Auftrieb gab und die Entstehung von Gegenkräften ermöglichte, die es in den Agrargesellschaften nicht gegeben hatte.

Die erste Phase der Industrialisierung verlief gesellschaftlich möglicherweise noch unausgewogener und brachte noch dramatischere Ungleichheit hervor als die Modernisierung der Landwirtschaft. Erst später führte der Aufstieg von Gegenkräften zu einer einschneidenden Kurskorrektur, die nach zahlreichen Unterbrechungen die technologischen Veränderungen und institutionellen Entwicklungen in großen Teilen der westlichen Welt in eine neue Richtung lenkte, was zu einer breiteren Verteilung des Wohlstands führte.

Wie wir in Kapitel 8 und den folgenden Kapiteln sehen werden, haben vier Jahrzehnte der Einführung digitaler Technologie leider die im 20. Jahrhundert entwickelten Teilhabemechanismen beschädigt. Und mit der Ankunft der künstlichen Intelligenz beginnt unsere Zukunft beängstigend ähnlich wie unsere landwirtschaftliche Vergangenheit auszusehen.