Ich bin jung, ich bin zwanzig Jahre alt; aber ich kenne vom Leben nichts anderes als die Verzweiflung, den Tod, die Angst und die Verkettung sinnlosester Oberflächlichkeit mit einem Abgrund des Leidens. Ich sehe, dass Völker gegeneinandergetrieben werden und sich schweigend, unwissend, töricht, gehorsam, unschuldig töten.
— Erich Maria Remarque, Im Westen nichts Neues, 19292
Über die folgenden grundlegenden Punkte besteht unter den Mitgliedern völliges Einvernehmen:
Automatisierung und technischer Fortschritt sind von zentraler Bedeutung für das Gemeinwohl, die wirtschaftliche Stärke und die Verteidigung der Nation.
Dieses Ziel kann und muss erreicht werden, ohne dass dafür menschliche Werte geopfert werden.
Um technischen Fortschritt ohne Opferung menschlicher Werte zu erreichen, bedarf es einer Kombination aus privatwirtschaftlichem und staatlichem Handeln, in Übereinstimmung mit den Grundsätzen einer freiheitlichen Gesellschaft.
– Beratender Ausschuss des Präsidenten für politische Maßnahmen in Bezug auf die Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Beziehungen, 19623
Nach den Reformen und der Neuausrichtung der technologischen Innovation in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schien es berechtigten Anlass für eine gewisse Hoffnung zu geben. Zum ersten Mal in der Geschichte trafen rascher technischer Fortschritt und die institutionellen Voraussetzungen dafür zusammen, dass nicht mehr nur eine kleine Elite vom Wandel profitierte.
Aber schon im Jahr 1919 war das Fundament dieses geteilten Wohlstands wieder zerstört. Menschen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts erwachsen wurden, erlebten eine Welt wachsender wirtschaftlicher Ungleichheit und eines beispiellosen Gemetzels im Ersten Weltkrieg, in dem über 20 Millionen Menschen ihr Leben verloren. Der tragische Tod Millionen junger Männer und Frauen war das Ergebnis brutal effektiver militärischer Technik, die von neuen Schusswaffen bis zu Bomben, Panzern, Flugzeugen und Giftgas reichte.
Den meisten Menschen entging es nicht, dass dies eine sehr dunkle Seite des technischen Fortschritts war. Kriege waren über Tausende von Jahren hinweg häufige Ereignisse gewesen, aber die Waffen entwickelten sich nach dem Mittelalter nur langsam weiter. Als Napoleon im Jahr 1815 in Waterloo besiegt wurde, kämpften er und seine Gegner hauptsächlich mit Musketen kurzer Reichweite und Glattrohrkanonen, die sich seit Jahrhunderten kaum verändert hatten.4 Die Tötungswerkzeuge des 20. Jahrhundert waren viel ausgetüftelter.
Das Elend endete nicht mit dem Krieg. Eine beispiellose Grippepandemie brach im Jahr 1918 über die Menschheit herein; über 500 Millionen Menschen infizierten sich mit dem Erreger und über 50 Millionen starben.5 Obgleich das Wachstum in den ersten zehn Jahren nach dem Krieg, insbesondere in den Vereinigten Staaten und Großbritannien, wieder anzog, stürzte die Große Depression im Jahr 1929 einen Großteil der Welt in den steilsten wirtschaftlichen Abschwung seit dem Beginn des Zeitalters der Industrialisierung.
Rezessionen und Wirtschaftseinbrüche waren nicht unbekannt. In den Vereinigten Staaten hatte es in den Jahren 1837, 1857, 1873, 1893 und 1907 Bankenpaniken und Rezessionen gegeben. Aber keine davon war mit der Großen Depression vergleichbar, was das Ausmaß von Umwälzung, gesellschaftlicher Spaltung und ruinierten Leben betraf. Und in früheren Krisen stieg die Arbeitslosigkeit auch nicht annähernd auf jenes Niveau, das in den USA und vielen europäischen Ländern nach 1930 erreicht wurde. Man musste in den dreißiger Jahren nicht außergewöhnlich hellsichtig sein, um zu erkennen, dass die Welt sich schlafwandelnd auf ein weiteres gigantisches, von der Technologie befeuertes Gemetzel zubewegte.
Der österreichische Romancier Stefan Zweig brachte die Verzweiflung, die viele in seiner Generation empfanden, auf den Punkt, als er in seiner Autobiografie Die Welt von Gestern schrieb, kurz bevor er und seine Frau sich im Jahr 1942 das Leben nahmen: »Selbst aus dem Abgrund des Grauens, in dem wir heute halb blind herumtasten mit verstörter und zerbrochener Seele, blicke ich immer wieder auf zu jenen alten Sternbildern, die über meiner Kindheit glänzten, und tröste mich mit dem ererbten Vertrauen, dass dieser Rückfall nur als ein Intervall erscheinen wird in dem ewigen Rhythmus des Voran und Voran.« 6
Man hätte Zweigs vorsichtigem Optimismus, dies sei nur ein kurzes Intermezzo auf dem Weg zu einer Art Fortschritt, der immer weiter aufwärts führe, widersprechen können. In den dreißiger Jahren konnten nur wenige den Optimismus zum Ausdruck bringen, der der Whig’schen Geschichtsauffassung entsprach.7
Aber zumindest mittelfristig gaben etliche Ereignisse Zweig recht. Nach dem Zweiten Weltkrieg bauten viele Länder im Westen und einige asiatische Länder neue Institutionen auf, die geteilten Wohlstand förderten, und sie verzeichneten hohe Wachstumsraten, von denen fast alle Segmente ihrer Gesellschaften profitierten. Die Jahrzehnte nach 1945 wurden in Frankreich »les trentes glorieuses« genannt, die dreißig glorreichen Jahre, und das Gefühl, das in dieser Bezeichnung zum Ausdruck kommt, war in der westlichen Welt weit verbreitet.
Dieses Wachstum beruhte auf zwei wesentlichen Bausteinen, ähnlich denjenigen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Großbritannien aufkamen: erstens, einer klaren Richtungsvorgabe für die technologische Innovation, die nicht nur Kosteneinsparungen durch Automatisierung, sondern auch eine Vielzahl neuer Aufgaben, Produkte und Chancen generierte; und, zweitens, einem institutionellen Rahmen, der die von Arbeitern und staatlicher Regulierung ausgehenden Gegenkräfte stärkte.
Diese Bausteine wurden in den zehner und zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts gelegt.8 Dies spricht dafür, dass wir die ersten siebzig Jahre des 20. Jahrhunderts als Teil derselben Epoche ansehen sollten, auch wenn es zwischenzeitlich zu herben Rückschlägen kam. Die eingehende Untersuchung dieser beiden Bausteine und der Vision, die sich parallel dazu entwickelte, liefert nicht nur Anhaltspunkte dafür, wie wir heute wieder Wohlstand für alle schaffen können; sie zeigt auch, wie zufallsabhängig und mühsam es in Wirklichkeit gewesen ist, dieses Ergebnis zu erreichen. Viele starke Kräfte, die von partikularen Visionen und eigennützigen Interessen getragen wurden, leisteten zu vielen kritischen Zeitpunkten Widerstand. Zunächst blieb der Widerstand jedoch wirkungslos, auch wenn er die Voraussetzungen dafür schuf, dass das Streben nach Wohlstand für alle im weiteren Verlauf auf dramatische Weise zusammenbrach. Dies erörtern wir in Kapitel 8.
Die Vereinigten Staaten hatten im Jahr 1870, unmittelbar nach dem Bürgerkrieg, ein BIP in Höhe von etwa 98 Milliarden Dollar. Im Jahr 1913 erreichte es 517 Milliarden Dollar zu konstanten Preisen.9 Die USA waren nicht nur die größte Volkswirtschaft der Erde, sondern zusammen mit Deutschland, Frankreich und Großbritannien auch in der naturwissenschaftlichen Forschung weltweit führend.10 Neu entwickelte Technologien breiteten sich rasch in der amerikanischen Wirtschaft aus und veränderten die Lebensverhältnisse der Menschen von Grund auf.
Aber es gab auch viele besorgniserregende Entwicklungen – Ungleichheit, schlechte Lebensbedingungen sowie Abbau von Arbeitsplätzen und Verarmung von Arbeitern –, von denen schon die Briten in den Jahrzehnten nach 1750 betroffen gewesen waren. Tatsächlich waren die Gefahren für die USA womöglich größer, denn sie waren in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch weitgehend agrarwirtschaftlich geprägt. Im Jahr 1860 arbeiteten 53 Prozent aller Erwerbstätigen in der Landwirtschaft.11 Die zügige Mechanisierung der Landwirtschaft könnte Millionen von Menschen arbeitslos machen.
Und einige neue landwirtschaftliche Maschinen hatten tatsächlich diesen Effekt. Die McCormick-Erntemaschine, die 1831 erfunden und kontinuierlich verbessert wurde, verminderte den Bedarf an Arbeitskräften zur Erntezeit.12 Erntemaschinen, Mähbinder, Dreschmaschinen, Mähmaschinen und dann Mähdrescher veränderten die US-Landwirtschaft in den Jahrzehnten nach 1860 von Grund auf. Diese Maschinen verringerten den Bedarf an Arbeitern pro Fläche in verschiedenen Phasen des Anbauzyklus. Für die Maisproduktion mit manuellen Methoden betrug der Arbeitskräftebedarf im Jahr 1855 182 Personenstunden pro Acre (0,4 ha). Die Mechanisierung reduzierte den Arbeitskräftebedarf bis 1894 auf weniger als 28 Personenstunden pro Acre. Über den gleichen Zeitraum verringerte sich der Bedarf an Arbeitskräften bei der Baumwollproduktion in ähnlichem Umfang (von 168 auf 79 Personenstunden pro Acre) und bei der Kartoffelerzeugung (von 109 auf 38 Personenstunden pro Acre). Beim Weizen waren die potenziellen Einsparungen sogar noch eindrucksvoller: statt 62 Personenstunden pro Acre im Jahr 1829/30 nur noch knapp über 3 Personenstunden pro Acre im Jahr 1895/96.13
Die Folgen der Mechanisierung waren für Arbeiter dramatisch. Der Anteil des Faktors Arbeit an der landwirtschaftlichen Wertschöpfung betrug im Jahr 1850 rund 32,9 Prozent. Bis 1909/10 fiel er auf 16,7 Prozent.14 Der Anteil der US-Erwerbsbevölkerung, die in der Landwirtschaft beschäftigt war, sank ebenso schnell und erreichte im Jahr 1910 rund 31 Prozent.
Wenn sich die Industrie ebenfalls in Richtung Automatisierung der Arbeit und Abbau von Arbeitskräften entwickelt hätte, wären die Aussichten für die erwerbstätige Bevölkerung in den USA düster gewesen. Stattdessen geschah etwas ganz anderes. Aufgrund der hohen Innovationsgeschwindigkeit in der amerikanischen Industrie erhöhte sich die Nachfrage nach Arbeitskräften deutlich: Der Anteil der Beschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe stieg von 14,5 Prozent im Jahr 1850 auf 22 Prozent im Jahr 1910.
Es fanden nicht nur mehr Menschen Beschäftigung im Verarbeitenden Gewerbe; auch der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen (Lohnquote) stieg, ein untrügliches Anzeichen dafür, dass die technologische Innovation sich in eine arbeitnehmerfreundlichere Richtung bewegte. Zur gleichen Zeit erhöhte sich der Anteil der Arbeitnehmerentgelte an der Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe und in der Dienstleistungsbranche von etwa 46 Prozent auf 53 Prozent (der Rest entfiel auf die Eigentümer von Maschinen und auf Kapitalgeber).
Wie schafften es die USA, jene »luddistische« Phase zu vermeiden, die im Zuge der Industrialisierung in Großbritannien aufgetreten war, als Arbeiter durch Maschinen ersetzt wurden und verelendeten und die Löhne stagnierten oder zurückgingen?
Ein Teil der Antwort liegt in dem technologischen Innovationspfad, den die US-Industrie einschlug, als Maschinen breitere Anwendung fanden. Wie wir in Kapitel 6 sahen, war die technologische Innovation in den USA auf Produktivitätssteigerungen ausgerichtet, um so das vergleichsweise knappe Angebot an Arbeitskräften besser zu nutzen. Das von Eli Whitney entwickelte System austauschbarer Teile sollte in erster Linie den Produktionsprozess vereinfachen, um Arbeiter, denen es an handwerklicher Fertigkeit mangelte, zu befähigen, qualitativ hochwertige Produkte herzustellen. Die gesamte zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hindurch dauerten diese Bemühungen an, die Produktivität in ähnlicher Weise zu steigern. Ein Beleg für diese Innovativität war eine explosionsartige Zunahme der Zahl der Patente. Die Vereinigten Staaten erteilten im Jahr 1850 2 193 Patente. Bis 1910 erhöhte sich diese Zahl auf 67 370.15
Wichtiger als die Zahl der Patente war die Richtung, die diese Innovationsdynamik einschlug, wobei diese auf zwei Fundamenten ruhte: Massenproduktion und ein Systemansatz, die beide Whitneys Beispiel folgten. Massenproduktion bedeutete den Einsatz von Maschinen, um eine große Menge standardisierter, verlässlicher Produkte zu niedrigeren Kosten herzustellen. Der Systemansatz konzentrierte sich darauf, technische Planung, Design, manuelle Arbeit und Maschinen zu integrieren und verschiedene Teile des Produktionsprozesses auf die effizienteste Weise zu organisieren.
Die Sogwirkung der Produktivität auf die Löhne tritt nur dann ein, wenn Arbeitskräfte neue Aufgaben und Chancen erhalten und ein institutioneller Rahmen gegeben ist, der sicherstellt, dass ihnen ein Teil der Produktivitätsgewinne zufließt. In Kapitel 1 sahen wir, dass dieser Sogeffekt der Produktivität auf die Löhne eher gegeben ist, wenn technologische Fortschritte erhebliche Verbesserungen mit sich bringen und diese ihrerseits eine größere Nachfrage nach Arbeitskräften in anderen Branchen erzeugen – zum Beispiel durch Rückwärts- und Vorwärtsverbindungen (Verflechtungen mit Zulieferern beziehungsweise Abnehmerbranchen). Der Systemansatz und die Massenproduktion waren in dieser Hinsicht besonders wichtig, weil sie auf große Kosteneinsparungen abzielten und zu einer erheblichen Produktionsausweitung führten. Auf diese Weise erzeugten sie Nachfrage nach Inputs aus anderen Branchen und kurbelten deren Output an.
Diese Richtung der technologischen Innovation erhöhte die Grenzproduktivität und den Lebensstandard der Arbeiter, wie der bereits in Kapitel 6 zitierte französische Besucher Pierre Émile Levasseur feststellte:
Die Fabrikanten sind der Meinung, dass die Arbeiter von der Entwicklung [der Einführung industrieller Maschinen] profitiert haben, und zwar in mehrfacher Hinsicht: als Anbieter von Arbeitskraft, weil die Höhe der Löhne gestiegen ist, als Konsumenten von Produkten, weil sie mit der gleichen Summe mehr kaufen können, und als Personen, die körperlich anstrengende Arbeit verrichten, weil ihre Tätigkeit weniger beschwerlich geworden ist, da die Maschine jetzt fast alles erledigt, was große Kraft erfordert; der Werktätige bringt nicht länger seine Muskeln ins Spiel, vielmehr ist er zu einem Inspektor geworden, der seinen Verstand benutzt.16
Diese Trends zeichneten sich zwar schon in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts ab, aber zwei eng miteinander verflochtene Veränderungen verstärkten sie und transformierten die amerikanische Industrie: Elektrizität und die stärkere Nutzung von Informationen, ingenieurwissenschaftlichem Sachverstand und Planung beim Produktionsprozess.
Beginnend im späten 18. Jahrhundert, wuchs das wissenschaftliche Verständnis der Elektrizität kontiniuerlich, aber die großen Durchbrüche, die die menschliche Lebenswelt grundlegend umformten, begannen erst in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Thomas Edison hat nicht nur das wissenschaftliche Verständnis von Licht vorangebracht, sondern auch eine wegweisende Rolle bei der Einführung von Beleuchtungssystemen in großem Maßstab gespielt. Die von ihm erfundenen Glühlampen erhöhten die Lichtmenge, die nach Einbruch der Dunkelheit für die Lektüre zur Verfügung stand, um einen Faktor von rund einhundert.
Die Elektrizität ist besonders bedeutsam, weil sie eine Universaltechnologie ist. Diese neue, vielseitig einsetzbare Energiequelle ermöglichte die Entwicklung vieler neuer Geräte. Sie förderte auch die Entstehung grundverschiedener Organisationen. Und die für die Entwicklung und Nutzung elektrischer Technologien verfügbaren Optionen hatten sehr unterschiedliche Verteilungswirkungen.
Die neuen Kommunikationsgeräte, die durch Elektrizität ermöglicht wurden, insbesondere der Telegraf, das Telefon und das Radio, hatten weitreichende Auswirkungen auf die amerikanische Industrie sowie auf den inländischen Konsum. Die besseren Kommunikationsmöglichkeiten führten auch dazu, dass sich Logistik und Planung verbesserten, und diese erwiesen sich als entscheidend für den Erfolg des Systemansatzes.
Die wohl folgenreichste Anwendung der Elektrizität im Produktionsprozess war die Transformation der Betriebsabläufe in Fabriken.17 Andrew Ure beschrieb das besondere Gepräge der frühen britischen Fabrik im Jahr 1835: »Der Begriff Fabriksystem bezeichnet, in der Technik, die gemeinsame Tätigkeit von – erwachsenen und jüngeren – Arbeitern zahlreicher Rangstufen, die mit Fleiß und Geschick ein System von Produktionsmaschinen bedienen, die kontinuierlich von einer zentralen Energiequelle angetrieben werden« (Hervorhebung im Original).18
Es sei ein bahnbrechender Fortschritt, eine »zentrale Energiequelle« auf diese Weise zu nutzen, so Ure, weil es die Effizienz steigere und eine bessere Abstimmung der Arbeitsabläufe ermögliche. Aber die Abhängigkeit von einer einzelnen zentralen Energiequelle, ob auf Wind-, Wasser- oder Dampfkraft beruhend, war auch ein Hemmnis. Sie begrenzte die Arbeitsteilung, machte es notwendig, Maschinen um die zentrale Energiequelle herum anzuordnen, ließ es nicht zu, dass eine Maschine im Bedarfsfall mehr Energie nutzte, und führte zu häufigen Arbeitsunterbrechungen, die den gesamten Produktionsprozess beeinträchtigten. Dies bedeutete, dass die Maschinen nicht in der Reihenfolge angeordnet werden konnten, in der die einzelnen Arbeitsschritte erledigt werden mussten, weil die Standorte der Maschinen von ihrem Energiebedarf diktiert wurden. So mussten beispielsweise Maschinen mit Transmissionsantrieb sehr nah an der zentralen Energiequelle aufgestellt werden, weil die Antriebsenergie mit der Entfernung schwächer wurde. Dies bedeutete, dass man noch keine Förderbänder einführen konnte und dass halbfertige Produkte zwischen Maschinen, die an verschiedenen Stellen in der Fabrik standen, hin und her bewegt werden mussten.
Dies alles änderte sich mit dem Beginn der kommunalen Stromverteilung an Haushalte und Betriebe im Jahr 1882. Die Elektrifizierung schritt rasant voran. Im Jahr 1889 wurde etwa 1 Prozent des Energiebedarfs von Fabriken durch Elektrizität gedeckt. Im Jahr 1919 lag dieser Anteil bereits bei über 50 Prozent.19 Elektrische Energie sorgte für einen gewaltigen Produktivitätsschub in Fabriken. Bessere Beleuchtung bedeutete, dass Arbeiter ihre Umgebung besser sehen und Maschinen mit größerer Präzision bedienen konnten.20 Außerdem ermöglichte Elektrizität eine bessere Belüftung und erleichterte die Wartung. So schrieb ein Architekt im Jahr 1895: »Elektrisches Glühlicht ist der Höhepunkt aller Beleuchtungsmethoden. Es erfordert keine Pflege, es steht jederzeit zur Verfügung, es beeinträchtigt nie die Qualität der Luft im Zimmer, es erzeugt keine Wärme, keine Gerüche. Es ist der Inbegriff der Reinlichkeit und so zuverlässig wie eine Uhr.«21 Elektrizität verhieß auch neue Anwendungen, wie etwa elektrische Zeituhren, Steuereinrichtungen und neue Öfen, die in andere Maschinen integriert werden konnten, um die Präzision mechanischer Arbeit zu verbessern.
Noch wichtiger war die Reorganisation der Fabrik dank der flexiblen Anordnung der Maschinen.22 Jede Fertigungsanlage konnte jetzt eine eigene, ihr zugeordnete lokale Energiequelle erhalten. Westinghouse Electric & Manufacturing Company stand an der Spitze vieler dieser Entwicklungen. So sagte ein Ingenieur in leitender Position bei Westinghouse im Jahr 1903:
Aber der größte Vorteil des elektrischen Antriebs liegt in seiner größeren Flexibilität und der Freiheit, die er bietet, um den ganzen Betriebsablauf und die Anordnung der Maschinen besser zu planen. Große Maschinen, die mit unabhängigen Motoren ausgerüstet sind, können an jedem Ort aufgestellt werden, der für den Fertigungsprozess am geeignetsten ist, ohne dass solche Einschränkungen berücksichtigt werden müssten, die sich ergeben, wenn die Kraft über Transmissionswellen übertragen werden muss. Und wie bereits erwähnt wurde, hat es auch immense Vorteile, große tragbare Geräte nutzen zu können. Wenn an der Decke keine Wellen mehr verlaufen, ermöglicht dies auch den Betrieb von Kränen, die jetzt optimal eingesetzt werden können. Eine Fabrik ohne an der Decke verlaufende Geflechte aus Wellen und Riemen ist zudem viel heller und einladender. Und die Erfahrung hat gezeigt, dass die Arbeiter erheblich produktiver sind, wenn sie in gut beleuchteten und gut belüfteten Fabriken arbeiten.23
Diese Erwartungen waren nicht falsch. Die Standortflexibilität und die modulare Struktur von Fabriken ließen die Anzahl von Spezialmaschinen rasch ansteigen. Eine der allerersten Fabriken, die Spezialmaschinen einsetzten, war die Columbia Mills Company in South Carolina.24 Ursprünglich direkt an einem Kanal errichtet, um Wasserkraft zu nutzen, stellte Columbia Mills Ende der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts auf Elektrizität um und profitierte sofort von der besseren Beleuchtung. In diesen Werken und in den frühen Westinghouse-Fabriken ermöglichte eine je eigene Energiequelle für verschiedene Maschinentypen ein einfacheres Fabriklayout, einen geringeren fabrikinternen Gütertransport und eine viel leichtere Steuerung der Energiezufuhr an einzelne Maschinen.25
Elektrische Energie bedeutete auch einen geringeren Reparaturbedarf und eine höhere Modularität, sodass kleinere Reparaturen durchgeführt werden konnten, ohne den gesamten Produktionsprozess zum Erliegen zu bringen. In vielen Branchen wurden jetzt Fabriken in dieser Weise reorganisiert, elektrische Maschinen und mit diesen verbundene Förderbänder eingeführt, was bemerkenswerte Produktivitätssteigerungen zur Folge hatte.26 Eisenwerke und Gießereien, die diese Methoden einführten, erzeugten schätzungsweise die zehnfache Menge an Eisen bei geringerem Platzbedarf.27
Diese beträchtlichen Produktivitätssteigerungen aufgrund des Einsatzes elektrischer Energie waren von zentraler Bedeutung für die wirtschaftliche Expansion und die höhere Nachfrage nach Arbeitskräften in Branchen jenseits des Verarbeitenden Gewerbes. Außerdem führten sie aufgrund der Art und Weise, wie elektrische Energie genutzt wurde, um Fabriken zu reorganisieren, zu erheblichen Verbesserungen für die Arbeiter.
Theoretisch kann jede neue Energiequelle einige bestehende Aufgaben automatisieren, sodass der Bedarf an Arbeitskräften nur geringfügig oder gar nicht steigt. Fortgeschrittenere Maschinen und größere mechanische Leistung brachten von selbst eine gewisse Automatisierung mit sich. Dennoch kam es um die Wende zum 20. Jahrhundert zu einem deutlichen Anstieg der Nachfrage nach Arbeitskräften in der amerikanischen Industrie. Tatsächlich deuten die Zahlen über den Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen (Lohnquote) darauf hin, dass Arbeitskräfte zu Beginn des 20. Jahrhunderts für den Produktionsprozess wichtiger wurden und der Anteil des Faktors Arbeit am Volkseinkommen entsprechend zunahm. Warum?
Vor allem deshalb, weil sich die Organisation der Produktion noch in einer anderen Hinsicht grundlegend veränderte. Im Zuge der Elektrifizierung der Industrie gewannen Ingenieure und Angestellte an Einfluss; sie restrukturierten Fabriken und den Produktionsprozess, was sich positiv auf die Produktivität und die Arbeitsbedingungen auswirkte.
In den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts sahen amerikanische Fabriken genauso aus wie ihre britischen Pendants. Ein Unternehmer, der das Kapital investiert und die Maschinen aufgestellt hatte, managte die Belegschaft. Einige frühe Industrielle wie Richard Arkwright führten sehr erfolgreich neue Produktionsverfahren ein. Aber im Allgemeinen gab es keine nennenswerte Produktionsplanung, Datensammlung, Effizienzanalyse und keinen kontinuierlichen Verbesserungsprozess. Buchführung und Lagerbestandskontrolle erfolgten unsystematisch und willkürlich. Dem Design wurde zu wenig und dem Marketing so gut wie keine Beachtung geschenkt. Die organisatorischen Aspekte der Industrie begannen sich erst in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zu wandeln; dies kündigte den Beginn des Zeitalters der Ingenieur-Manager an.28
Im Jahr 1860 waren weniger als 3 Prozent der Beschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe in den USA Büroangestellte einschließlich Manager und Ingenieure. Bis 1910 erhöhte sich ihr Anteil auf 13 Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg die Gesamtzahl der Beschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe von unter einer Million auf über neun Millionen. Der Anteil der Angestellten an der Gesamtzahl der Arbeitnehmer in der Industrie nahm nach dem Ersten Weltkrieg weiter zu und erreichte im Jahr 1940 fast 21 Prozent.29
Diese Angestellten erneuerten die Fabrik und machten sie effizienter. Dies hatte eine steigende Nachfrage nach Arbeitskräften zur Folge – nicht nur nach Angestellten, sondern auch nach Arbeitern, die jetzt neue Aufgaben übernahmen. Manager sammelten Informationen, bemühten sich um Produktivitätssteigerungen, begannen, Designs zu verbessern, und passten kontinuierlich Produktionsmethoden an, indem sie neuartige Funktionen und Aufgaben einführten. Der Einfluss der Ingenieure auf die Gestaltung der Produktion war in Verbindung mit den von Angestellten gesammelten Informationen und der Elektrifizierung ausschlaggebend dafür, dass elektrische Spezialmaschinen installiert wurden, die neue Arbeitsaufgaben mit sich brachten, wie zum Beispiel Schweißen, Stanzen und eben das Bedienen der Spezialmaschinen.
Auf diese Weise schuf die Reorganisation der industriellen Fertigung, die durch Angestellte ermöglicht wurde, vergleichsweise gut bezahlte Stellen für Fabrikarbeiter. Durch die Ausweitung der Massenproduktion stieg die Nachfrage nach Angestellten noch weiter.
Eine weitere Dimension des Beschäftigungswachstums ergab sich aus den Verflechtungen, die neue Fabriken zwischen dem Einzel- und dem Großhandel schufen. In dem Maße, wie diese Fabriken größere Stückzahlen ausstießen und sich die Massenproduktion auf breiter Front durchsetzte, entstanden auch in diesen Branchen neue Arbeitsplätze für Ingenieure, Manager, Verkäufer und Verwaltungsangestellte.
Es ist bemerkenswert, dass viele dieser Angestelltentätigkeiten eine höhere fachliche Qualifikation erforderten als die meisten Arbeitsplätze im 19. Jahrhundert. So benötigten etwa Büroangestellte angemessene Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten, um die Produktionsmenge, die Lagerbestände und Finanzkonten zu erfassen bzw. zu erstellen und um ihre Ergebnisse sachgerecht zu kommunizieren. Hier half ein weiterer Trend in der amerikanischen Wirtschaft: die rasche Zunahme von Arbeitskräften mit Highschool-Abschluss.30 Im Jahr 1910 hatten weniger als 10 Prozent der Achtzehnjährigen einen Highschool-Abschluss; bis 1940 hatte sich diese Zahl auf 40 Prozent erhöht. Dies war das Ergebnis großer Investitionen in die Schulbildung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wobei die lokalen »Volksschulen« (common schools) im gesamten Land eine Grundschulbildung anboten. In den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts gingen annähernd 90 Prozent der weißen Kinder im Alter zwischen acht und zwölf Jahren im Nordosten und im Mittleren Westen zur Schule (unter schwarzen Kindern waren es weit weniger). Statistische Analysen bestätigen die zentrale Rolle, die neue Arbeitsaufgaben und Wirtschaftszweige bei der Zunahme der Arbeitskräftenachfrage spielten. Eine Studie dokumentiert, dass neue Branchen mit einem vielfältigeren Stellenangebot sowohl beim allgemeinen Beschäftigungswachstum als auch bei der Ausweitung der Stellenangebote für Angestellte im Verarbeitenden Gewerbe der USA führend waren.31 Eine andere Studie kam zu dem Ergebnis, dass das Produktivitätswachstum in den USA zwischen 1909 und 1949 mit Beschäftigungszuwächsen einherging und dass sich dieses Muster zuerst in neuen Branchen zeigte, die sich auf elektrische Maschinen und Elektronik stützten.32 Hier sollte nochmals an zwei entscheidende Aspekte der technologischen Innovation während dieser Zeit erinnert werden. Erstens automatisierten Unternehmen weiterhin Teile des Produktionsprozesses. Tatsächlich wurden nicht nur in der Landwirtschaft, sondern in der gesamten Wirtschaft bei einigen Aufgaben Menschen durch neue Maschinen ersetzt. Der zentrale Unterschied zur ersten Phase der Industriellen Revolution in Großbritannien war die Tatsache, dass der automatisierungsbedingte Rückgang des Arbeitskräftebedarfs durch andere Aspekte der technologischen Innovation kompensiert wurde. Diese schuf nämlich für Arbeitskräfte, insbesondere für solche mit einer lediglich elementaren Schulbildung, Beschäftigungsmöglichkeiten im Verarbeitenden Gewerbe und in der Dienstleistungsbranche.
Zweitens: Obgleich sich einige der Vorteile, die Arbeitnehmern aus der Expansion etlicher Branchen erwuchsen, in Anbetracht der Produktivitätsverbesserungen und der hohen Verflechtungen infolge neuer Fabriken von selbst ergaben, verdankten sich andere Entscheidungen, die von Unternehmen und dem neuen Kader aus Ingenieuren und Managern getroffen wurden.
Die Richtung des Fortschritts war in dieser Ära keine unvermeidliche Folge der bahnbrechenden naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der Zeit. Tatsächlich ließ die Elektrizität als eine Universaltechnologie verschiedene Anwendungen und unterschiedliche Entwicklungspfade zu.
Manager und Ingenieure hätten sich entscheiden können, die Automatisierung als eine Strategie zur Kostensenkung in existierenden Branchen noch entschlossener voranzutreiben. Stattdessen folgten sie dem amerikanischen technologischen Innovationspfad und bemühten sich, neue Systeme und Maschinen zu entwickeln, die effizienter waren und zugleich die Fähigkeiten von Facharbeitern und ungelernten Arbeitern erweiterten.33 Diese technologischen Weichenstellungen waren grundlegend für die Zunahme der Nachfrage nach Arbeitskräften in der Industrie, die die rückläufige Arbeitsintensität in der Landwirtschaft und bei einigen Aufgaben in der Industrie mehr als wettmachte.
Es gibt kein besseres Beispiel, um zu verdeutlichen, wie Elektrifizierung, Ingenieurwissenschaft, der Systemansatz und neue Aufgaben zusammenkamen, als die Automobilindustrie, allen voran die Ford Motor Company.34
Der Automobilbau in den USA begann im Jahr 1896. Die Ford Motor Company wurde im Jahr 1903 von Henry Ford gegründet. Ihre ersten Kraftfahrzeuge, die Modelle A, B, C, F, K, R und S, wurden mithilfe von Verfahren hergestellt, die in der Industrie bereits weit verbreitet waren und die Elemente des Systems austauschbarer Teile mit handwerklichen Fertigkeiten verknüpften. Es handelte sich um Automobile mittlerer Preislage, die einen Nischenmarkt bedienten.
Aber Henry Ford, der ikonische Eigentümer und Chefmanager des Unternehmens, wollte schon früh viel mehr Autos produzieren und zu einem niedrigeren Preis verkaufen, um einen Massenmarkt zu schaffen. Auch wenn Model N ein erster Schritt in diese Richtung war, sprengte es nicht den üblichen Rahmen. Es wurde in der Piquette-Fabrik in Detroit produziert, die die gleiche Architektur und Organisation aufwies wie Fabriken, die aus einer zentralen Quelle mit Energie versorgt wurden, und sie enthielt nicht die gesamte verfügbare Palette elektrischer Maschinen.
Die echte Zeitenwende vollzog sich mit dem berühmten Model T, das Ford im Jahr 1908 als ein »Auto für die Massen« auf den Markt brachte. Ermöglicht wurde dies durch eine perfekte Verschmelzung von Fortschritten, die in anderen Industrien gemacht worden waren und die auf die Automobilfertigung zugeschnitten wurden. Die Ford-Produktion wurde in eine neue Fertigungsstätte in Highland Park vor den Toren Detroits verlegt, wo auch eine Werkzeugmaschinenfabrik eröffnete, die auf einem einzigen Stockwerk untergebracht wurde und in der eine breite Palette neuer elektrischer Maschinen zum Einsatz kam.35 Das Werk kombinierte die neuartige Fabrikorganisation mit der umfassenden Einführung austauschbarer Teile und, später, Förderbändern zum Zweck der Massenproduktion. Etwa zur gleichen Zeit rühmte sich das Unternehmen: »Wir produzieren 40 000 Zylinder, 10 000 Motoren, 40 000 Lenkräder, 20 000 Achsen, 10 000 Karosserien, 10 000 Stück von jedem Teil, das im Auto verbaut wird […], alle genau gleich« (Hervorhebung im Original).36
Die Massenproduktion erlaubte eine weitere Expansion. Das Unternehmen produzierte schon bald über 200 000 Automobile pro Jahr, was für Zeitgenossen eine unfassbar große Zahl war.
Ein Reporter des Detroit Journal, der die neue Fabrik in Highland Park, wo das Model T in Serie gefertigt wurde, besichtigte, brachte die geistige Haltung, die Fords Produktionsmethode zugrunde lag, auf den Punkt: »System, System, System!«37 Fred Colvin gelangte in einer eingehenden Untersuchung, die im American Machinist veröffentlicht wurde, zum gleichen Ergebnis:
Die Abläufe sind so akribisch geplant, dass wir nicht nur Bohrmaschinen eingezwängt zwischen schwere Fräsmaschinen und sogar Stanzmaschinen vorfinden, sondern auch Öfen für das Einsatzhärten und Geräte für das Ausgießen mit Lagermetallen inmitten der Maschinen. Dies verringert auch die manuelle Handhabung auf ein Minimum; denn wenn ein Teil das Stadium des Einsatzhärtens erreicht hat, ist es auch schon bei dem Ofen eingetroffen, in dem es gehärtet wird, und bei Werkstücken, die am Ende des Bearbeitungsprozesses geschliffen werden, sind die Schleifmaschinen leicht erreichbar, wenn sie von der Härtungsbehandlung kommen.38
Henry Ford selbst hatte in diesem Punkt eine klare Meinung:
Die Erfindung eines neuen Verfahrens für die Stromerzeugung hat die Industrie vom Treibriemen und der Transmissionswelle unabhängig gemacht; denn nun erst war es möglich geworden, jeder einzelnen Arbeitsmaschine einer Fabrik ihren eigenen Motor zu stellen. Ein verhältnismäßig belangloser Umstand, könnte man meinen.
Tatsache aber ist, dass die heutige Industrie mit Treibriemen und Transmissionswelle aus einer Reihe von Gründen schlechter nicht auskommen könnte. Durch den Motorenbetrieb nämlich ist es erst möglich geworden, die Arbeitsmaschinen im Sinne der Arbeitsfolge aneinanderzureihen, und diese Einrichtung hat vielleicht allein die Leistungsfähigkeit der Industrien um das Doppelte gefördert; denn durch sie hat sich ein gewaltiger Aufwand an Hantierungen und Transporten erübrigt. Riemen und Transmissionswelle hatten überdies sehr viel Kraft vergeudet, sodass keine Fabrik dabei wirklich groß werden konnte; denn selbst die längste Welle war in Anbetracht der neuzeitlichen Erfordernisse noch klein.
Ford betonte, dass Methoden, die vor Einführung der Elektrizität üblich waren, nicht mehr den Erfordernissen der Gegenwart entsprächen: »Auch waren früher Arbeitsmaschinen mit beschleunigter Leistung undenkbar, da weder Rollen noch Riemen die Geschwindigkeiten ausgehalten hätten, die heute verlangt werden; ohne solche Schnellläufer und die besseren Stahlarten, die sie erforderten, wäre aber, was man neuzeitlich nennt, nie entstanden […].«39
Diese Organisation der Produktion ermöglichte in Verbindung mit Fortschritten bei elektrisch angetriebenen Maschinen die Herstellung eines viel preiswerteren Produkts, das zuverlässig funktionierte und das ohne Fachkenntnisse über die Motoren und die mechanischen Teile des Automobils bedient werden konnte. Für das Model T wurde zunächst ein Preis von rund 850 Dollar festgesetzt (was etwa 25 000 Dollar heute entspricht), während andere Autos damals im Schnitt um die 1500 Dollar kosteten.40
Ford resümierte in seiner späteren Bewertung das Wesen der bahnbrechenden Neuerungen, denen die Automobilindustrie den Weg bereitete:
Massenproduktion ist nicht bloß Großserienfertigung, denn diese hätte man wohl auch ohne die Voraussetzungen der Massenproduktion realisieren können. Und sie ist auch nicht bloß Maschinenfertigung, die ebenfalls ohne die geringste Ähnlichkeit mit der Massenproduktion bestehen kann. Massenproduktion ist die Fokussierung der Prinzipien Kraft, Genauigkeit, Wirtschaftlichkeit, Systematisierung, Kontinuität und Geschwindigkeit auf ein Fertigungsprojekt. Die Interpretation dieser Prinzipien durch Erforschung der Betriebsabläufe und Entwicklung von Maschinen und ihre Koordinierung ist die vorzügliche Aufgabe der Unternehmensleitung.41
Die Folgen für die Arbeitnehmer waren ähnlich wie jene, die sich aus der Einführung des Fabriksystems in anderen Branchen ergaben, sie waren jedoch aus mehreren Gründen erheblich weitreichender. Die Massenproduktion von Autos hatte zur Folge, dass die Nachfrage nach den hierfür benötigten Einsatzgütern stark zunahm und viele andere Branchen, die wirtschaftlich von Transportmitteln für Personen und Güter abhängig waren, einen kräftigen Wachstumsschub erfuhren. In technologischer Hinsicht gehörte die Automobilindustrie zu den fortschrittlichsten Branchen der Volkswirtschaft und setzte daher in größerem Umfang als andere auf technische Entwurfs- und Konstruktionsverfahren, Planung und andere informationsintensive Aktivitäten. Folglich war sie führend, was die Schaffung neuer Aufgaben für Büroangestellte betraf.
Ford war außerdem maßgeblich an der Einführung neuer Aufgaben für Fabrikarbeiter beteiligt, denn mit der Reorganisation der Fabrik erhielten auch Montage, Lackieren und Schweißen sowie die Maschinenbedienung ein völlig anderes Gepräge. Dieser Wandel verlangte den Arbeitern einiges ab, denn es fiel ihnen oft schwer, mit den Anforderungen der Ford-Fabriken klarzukommen.
Die Anpassungsschwierigkeiten der Arbeiter hatten eine Reihe von Folgen; die wichtigsten waren die sehr hohen Fehlzeiten- und Fluktuationsraten. Die hohe Fluktuation stellte eine besonders große Herausforderung für Henry Ford und seine Ingenieure dar, weil sie die Fließband- und Produktionsplanung erheblich erschwerte. So erreichten die Fluktuationsraten in der Fabrik in Highland Park im Jahr 1913, aufs Jahr gesehen, sage und schreibe 380 Prozent.42 Es war unmöglich, die Arbeiter bei der Stange zu halten, und die, die blieben, begannen immer öfter zu streiken. Den Grund für diese Unzufriedenheit fasste die Frau eines Arbeiters in einem Brief an Henry Ford zusammen: »Das Kettensystem, das Sie haben, ist ein Sklaventreiber! Mein Gott!, Mr. Ford. Mein Ehemann ist nach Hause gekommen und hat sich sofort hingelegt und wollte nicht einmal sein Abendbrot essen – so erschöpft ist er gewesen.«43 Derartige Reaktionen veranlassten Ford und seine Ingenieure dazu, den Lohn für die Arbeiter anzuheben, zuerst auf 2,34 Dollar pro Tag und dann auf die berühmten 5 Dollar pro Tag, was in einem Wirtschaftssystem, in dem sich die meisten Arbeitnehmer für weniger abrackerten, bemerkenswert hoch war. Mit steigenden Löhnen sanken Fluktuation und Fehlzeiten, und Ford glaubte auch, dass sich die Produktivität der Arbeiter erhöhte.44
Eine wichtige Quelle von Produktivitätssteigerungen waren Schulungen. Die Arbeit in den Ford-Fabriken erforderte zwar spezielle Fertigkeiten, die aber nicht schwer zu erwerben waren. Die flexible Fabrik hatte eine modulare Aufgabenstruktur geschaffen, sodass die Bedienung der meisten Maschinen nur die Beherrschung einer wohldefinierten Abfolge von Handgriffen und Grundkenntnisse in Störungsbehebung erforderte. Wie Colvin betonte: »Der Grundgedanke des ganzen Arbeitsprozesses ist Einfachheit.«45 Dies bedeutete, dass Arbeitern durch Schulungsmaßnahmen leicht die notwendigen Fertigkeiten erlernen konnten, und wie viele andere Unternehmen zu dieser Zeit begann auch Ford, umfassende Schulungen anzubieten, um die Produktivität der Arbeiter zu erhöhen.
Der Zusammenhang zwischen fortgeschrittenen Maschinen und der Vermittlung neuer Fertigkeiten als Grundlage für die Schaffung neuer Beschäftigungschancen und einer steigenden Nachfrage nach Arbeitskräften sollte sich auch in der Nachkriegszeit als entscheidend erweisen. Im Jahr 1967 beschrieb ein Manager von Ford die Personaleinstellungsstrategie des Unternehmens folgendermaßen: »Wenn wir eine offene Stelle hatten, sahen wir uns in der Wartehalle der Fabrik unter den Leuten um, die dort standen. Wenn dort jemand war, der körperlich okay aussah und kein offensichtlicher Alkoholiker war, wurde er eingestellt.«46 In der Praxis bedeutete dies beispiellose Chancen für Arbeiter, die keine hohe Schulbildung und kein spezielles Know-how mitbrachten, wenn sie auf den Arbeitsmarkt kamen. Ungelernte Arbeiter konnten nach ihrer Einstellung angelernt, geschult und an fortgeschrittenen Maschinen produktiv eingesetzt werden. Dies hatte weitreichende Folgen: So entstand nämlich eine starke Kraft, die auf eine breitere Teilung der Wohlstandsgewinne hinwirkte – einige der am höchsten bezahlten Stellen standen ungelernten Arbeitern offen.
Es gab noch einen weiteren Grund, aus dem Ford für Forderungen nach höheren Löhnen empfänglich war. Wie es Magnus Alexander, ein Elektrotechniker, der mitgeholfen hatte, die Produktionssysteme bei Westinghouse und General Electric zu planen, ausdrückte: »Produktivität erzeugt Kaufkraft.«47 Und Kaufkraft war unabdingbar für die Massenproduktion.
Diese Entwicklungen beschränkten sich nicht auf die Ford Motor Company, vielmehr wurden sie zu einem festen Bestandteil der amerikanischen Industrie. General Motors (GM) schlug schon bald Ford bei seinem eigenen Spiel, indem das Unternehmen mehr in Maschinen investierte und eine flexiblere Produktionsstruktur entwickelte. Massenproduktion bedeutete Massenmarkt, aber Massenmarkt bedeutete nicht unbedingt, dass jeder das gleiche Auto in der gleichen Farbe kaufte. General Motors verstand dies vor Ford, und während Ford allen potenziellen Käufern, unabhängig von ihren Präferenzen und Bedürfnissen, weiterhin das Model T anbot, begann GM, seine flexible Produktionsstruktur dazu zu nutzen, eine breitere Palette von Modellen auf den Markt zu bringen.
Die Vision der mittelständischen Unternehmer, die die frühe Phase der Industriellen Revolution in Großbritannien antrieb, beruhte auf der Erwartung kostensenkender Effizienzsteigerungen, um so höhere Gewinne zu erwirtschaften. Wie sich dies auf die Menschen »niedrigeren Standes«, ihre Beschäftigten, auswirkte, interessierte diese ehrgeizigen Unternehmer kaum. Auch den Industriellen des amerikanischen Systems ging es vor allem um Gewinnmaximierung, und in der Frühphase der Industrialisierung der USA, als Unternehmer wie Andrew Carnegie in der Stahlindustrie und John D. Rockefeller in der Erdölindustrie neue technische Verfahren einführten, eine beherrschende Stellung in ihren Branchen innehatten und gigantische Gewinne erwirtschafteten, nahm die Ungleichheit deutlich zu. Viele dieser Industriemagnaten waren Arbeitern, die sich organisieren wollten, feindlich gesinnt. So wies zum Beispiel Henry Ford seinen Sicherheitschef des Öfteren an, gegen Streikende und auch gegen Gewerkschaftssympathisanten gewaltsam vorzugehen.
Dennoch erkannten etliche Industrielle, dass eine kooperativere Beziehung zu ihrer Belegschaft und zu den Kommunen, in denen sie tätig waren, im Zeitalter der elektrischen Energie für das Unternehmen von Vorteil war. Auch hierin war Henry Ford ein Pionier. Zusammen mit dem 5-Dollar-Tageslohn führte sein Unternehmen ein Pensionsprogramm, andere Vergünstigungen und eine Reihe von Leistungen für Familien ein, womit es die Absicht signalisierte, etwas von den hohen Gewinnen, die es mit neuen Technologien und der Massenproduktion von Autos erzielte, mit seinen Mitarbeitern zu teilen.
Es war nicht Altruismus, der Ford motivierte. Er ergriff diese Maßnahmen, weil er glaubte, höhere Löhne würden die Fluktuation und die Zahl der Streiks verringern, kostspielige Stillstände des Fließbands verhindern und die Produktivität steigern. Viele führende Unternehmen folgten seinem Beispiel und führten eigene Hochlohnprogramme und Zusatzleistungen ein. Magnus Alexander resümierte das Wesen dieser neuen Politik: »Während Laissez-faire und ein ausgeprägter Individualismus das Wirtschaftsleben in der ersten Hälfte der Geschichte der Vereinigten Staaten kennzeichneten, verschiebt sich der Schwerpunkt jetzt in Richtung einer freiwilligen Übernahme sozialer Verpflichtungen, wie sie sich unausgesprochen aus der Richtung wirtschaftlicher Aktivitäten und nationaler und internationaler sowie kooperativer Anstrengungen im Interesse der Allgemeinheit ergeben.«48
Eine weitere Person, die dieser Vision eine konkrete Gestalt gab, war der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler John R. Commons, der für eine Art »Wohlfahrtskapitalismus« plädierte.49 Dabei sollten Produktivitätssteigerungen aufgrund eines Bandes der Loyalität und Gegenseitigkeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern auch Letzteren zugutekommen. Laut Commons war die Konzentration auf Kostensenkungen zum Nachteil der Arbeiter eine zum Scheitern verurteilte Strategie.
Trotzdem musste diese Art des Wohlfahrtskapitalismus ein bloßer Wunsch bleiben, solange keine institutionellen Veränderungen erfolgten, die Arbeiter befähigten, sich zu organisieren und eine Gegenmacht zu bilden. Diese Reformen begannen nach der Großen Depression und zunächst weit entfernt von den Vereinigten Staaten.
Die Große Depression nahm ihren Anfang mit massiven Kursverlusten an der New Yorker Börse im Jahr 1929, die innerhalb weniger Monate die Hälfte des Börsenwerts der gelisteten Aktien vernichteten. Sie brachte zuerst die US-Wirtschaft und dann die Weltwirtschaft zum Erliegen. Bis zum Jahr 1933 fiel das US-amerikanische BIP um 30 Prozent, und die Arbeitslosigkeit stieg auf 20 Prozent. Es kam zu zahlreichen Bankenpleiten, durch die sich die Lebensersparnisse vieler Menschen in Luft auflösten.
Der Börsenkrach und das darauf folgende wirtschaftliche Chaos lösten heftige Schockwellen aus. Gerüchte verbreiteten sich, wonach sich Börsenmakler von Wolkenkratzern gestürzt hätten, als der Markt zusammenbrach. Später sollte sich herausstellen, dass dem nicht so war. Als der Leiter der Pathologie der Stadt New York die Daten auswertete, stellte er fest, dass die Anzahl der Suizide im Oktober und November 1929 sogar unter dem langjährigen Durchschnitt lag. Aber auch wenn die Behauptung, Finanziers hätten sich in großer Zahl aus Fenstern gestürzt, eine Übertreibung war, galt dies nicht für die schwere Wirtschaftskrise, in der sich das Land wiederfand.
Von den USA ausgehend, breiteten sich die wirtschaftlichen Turbulenzen rasch weltweit aus. Im Jahr 1930 steckten die meisten europäischen Länder in einer noch schwereren Rezession. Verschiedene Länder reagierten unterschiedlich auf die wirtschaftliche Notlage, sodass diese jeweils andere politische und gesellschaftliche Konsequenzen hatte. Deutschland litt bereits an einer starken politischen Polarisierung; mehrere rechte Parteien machten es den Sozialdemokraten schwer, das Land zu regieren.50 Die Abgeordneten legten keine umfassenden Lösungskonzepte vor, und einige der gesetzlichen Maßnahmen, die sie beschlossen, vertieften die Krise noch weiter. Schon bald befand sich die industrielle Produktion in Deutschland im freien Fall, ihr Wert hatte sich im Jahr 1929 halbiert, und die Arbeitslosigkeit erreichte über 30 Prozent.
Die wirtschaftlichen Nöte, die Unfähigkeit und, in den Augen vieler, die Gleichgültigkeit der politischen Entscheidungsträger ebneten den Weg für einen fast vollständigen Legitimitätsverlust der etablierten Parteien und für den Aufstieg der Nationalsozialisten. Die Nazis waren nicht mehr als eine politische Randbewegung, die bei der Reichstagswahl von 1928 – der letzten vor Beginn der Depression – lediglich 2,6 Prozent der Stimmen erhielt. Bei der ersten Wahl nach Beginn der Wirtschaftskrise schoss ihr Stimmenanteil in die Höhe und erreichte im Juli 1932 37,3 Prozent. Im November 1932 musste die NSDAP zwar Verluste hinnehmen, konnten aber noch immer 33,1 der Stimmen auf sich vereinen, und im Januar 1933 wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt.
Eine ähnliche Dynamik zeigte sich in Frankreich, das ebenfalls eine verheerende Wirtschaftskrise, inkohärente und wirkungslose politische Reaktionen und den wachsenden Einfluss extremistischer Parteien erlebte, auch wenn sich die demokratisch gewählte Regierung an der Macht hielt.
Ganz anders fiel die Reaktion in dem kleinen und wirtschaftlich noch immer rückständigen Schweden aus.51 Ende der zwanziger Jahre war die schwedische Volkswirtschaft nach wie vor überwiegend landwirtschaftlich geprägt; rund die Hälfte der Erwerbsbevölkerung arbeitete in diesem Sektor. Das Land hatte erst im Jahr 1918 das allgemeine Wahlrecht für Männer eingeführt, und Industriearbeiter besaßen nur begrenzten politischen Einfluss. Aber die Partei, die sie repräsentierte, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Schwedens (SAP), hatte einen großen Vorteil. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatte die damalige Führung der Partei erkannt, dass Schwedens Institutionen reformiert werden mussten. Um dieses Ziel zu erreichen, musste die Partei auf demokratischem Weg an die Macht kommen. Dies bedeutete, dass sie sich vom Marxismus lösen musste, und ihre Führung bemühte sich darum, eine Koalition mit den Landarbeitern und dem Bürgertum zu schmieden. So erklärte einer der einflussreichsten Führer der Partei, Hjalmar Branting, im Jahr 1886: »In einem rückständigen Land wie Schweden können wir unsere Augen nicht vor der Tatsache verschließen, dass der Mittelstand eine sehr wichtige Rolle spielt. Die Arbeiterklasse braucht die Hilfe, die sie aus dieser Richtung bekommen kann, so wie der Mittelstand seinerseits die Unterstützung der Arbeiter braucht, damit wir in der Lage sind, [unseren] gemeinsamen Feinden standzuhalten.«52
Nach dem Beginn der Großen Depression begann die SAP für eine robuste politische Reaktion zu werben, die sowohl eine makroökonomische Komponente (höhere Staatsausgaben, höhere Löhne in der Industrie, um die Nachfrage zu stützen, und eine expansive Geldpolitik durch Aufgabe des Goldstandards) als auch eine institutionelle Komponente hatte (die Schaffung der Voraussetzungen für eine konstante Aufteilung der Gewinne zwischen Arbeitnehmern und Kapital, Umverteilung durch Steuern und Sozialversicherungsprogramme). Um dieses Programm umzusetzen, begann die Partei nach Koalitionspartnern zu suchen. Das sah zumindest anfangs nach einem hoffnungslosen Unterfangen aus. Die Parteien rechts von der Mitte hatten nicht die Absicht, mit der SAP, die mit den Gewerkschaften eng verbunden war, zusammenzuarbeiten, und Arbeiter- und Bauernparteien lagen während dieser Zeit oft miteinander im Streit, nicht nur in Schweden, sondern in vielen westeuropäischen Ländern. Die SAP war entschlossen, in der Industrie hohe Löhne aufrechtzuerhalten und die Anzahl der Beschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe zu steigern. Nach Ansicht der Gewerkschaften untergruben höhere Lebensmittelpreise diese Pläne, da sie die Kosten der dringend benötigten staatlichen Programme hochtreiben und das reale Nettogehalt der Arbeiter aushöhlen würden. Die Interessenvertreter der Bauernschaft hingegen drangen auf höhere Lebensmittelpreise und wollten nicht, dass staatliche Mittel in Industrie-Förderprogramme flossen.
Die Führung der SAP verstand, wie wichtig es war, eine Koalition zu schmieden, die der Partei eine verlässliche Mehrheit im Parlament verschaffen würde. Dies war zum Teil eine Reaktion auf die düstere wirtschaftliche Lage, denn im Jahr 1930 war es zu einer raschen Zunahme von Armut und Arbeitslosigkeit in Schweden gekommen. Aber es hing auch damit zusammen, dass die Parteiführung aufmerksam registrierte, wie Untätigkeit andere europäische Länder in die Arme von Extremisten trieb.
Im Vorfeld der schwedischen Reichstagswahl im Jahr 1932 präsentierte Parteichef Per Albin Hansson die Partei konsequent als »Volksheim«, das für die Werktätigen und den Mittelstand da sei. So hieß es im Parteiprogramm: »Die Partei beabsichtigt nicht, [eine] Arbeiterklasse auf Kosten der anderen zu unterstützen und zu helfen. In ihrem Einsatz für die Zukunft macht sie keinen Unterschied zwischen der Industriearbeiterschaft und der Bauernschaft oder zwischen Handarbeitern und Geistesarbeitern.«53 Der Appell wirkte, und die Partei baute ihren Stimmenanteil von 37 Prozent im Jahr 1928 auf fast 42 Prozent im Jahr 1932 aus. Er überzeugte auch den Bauernbund, sich einer Koalition unter Hansson anzuschließen. Dies basierte auf einer Vereinbarung, die man heute einen »Kuhhandel« nennen würde, bei dem die SAP Unterstützung von Interessenvertretern der Landwirtschaft für Ausgabenerhöhungen erhielt, auch für den Industriesektor, wofür sie im Gegenzug einen stärkeren Schutz der Landwirtschaft und höhere staatlich festgesetzte Preise versprach.
So wichtig wie die makroökonomischen Reaktionen war die neue institutionelle Struktur, die die SAP aufbaute. Die Lösung, die sie für die Institutionalisierung der Gewinnpartizipation (Rent Sharing) vorlegte, bestand darin, Regierung, Gewerkschaften und Unternehmen zusammenzubringen, um für beide Seiten vorteilhafte Vereinbarungen zu schließen, die eine gerechte Aufteilung der Produktivitätsgewinne zwischen Kapital und Arbeit sicherstellen sollten. Die Unternehmen lehnten dieses korporatistische Modell zunächst ab, da sie über die Gewerkschaftsbewegung das Gleiche dachten wie ihre deutschen und amerikanischen Pendants – sie war etwas, dem man aus dem Weg gehen sollte, um die Kosten niedrig zu halten und die Kontrolle über die Arbeitswelt zu behalten. Aber dies begann sich nach der Reichstagswahl von 1936 zu ändern, bei der die SAP weitere Zuwächse verzeichnete. Die Wirtschaftsvertreter erkannten, was die Stunde geschlagen hatte; sie könnten die SAP nicht durch bloßen Widerstand zu Fall bringen.
Bei einem berühmten Treffen in dem Urlaubsort Saltsjöbaden im Jahr 1938 gelang es, mit einem Großteil der Unternehmen eine Vereinbarung zu schließen; sie erklärten sich darin mit den grundlegenden Komponenten des skandinavischen sozialdemokratischen Systems einverstanden. Die wichtigsten Elemente waren branchenweite Tarifabschlüsse, die sicherstellten, dass Gewinne und Produktivitätssteigerungen mit Arbeitnehmern geteilt wurden, und eine deutliche Ausweitung von Umverteilungs- und Sozialversicherungsprogrammen sowie staatliche Markteingriffe. Allerdings zielte diese Vereinbarung nicht auf eine Enteignung der Unternehmen ab. Es bestand allgemeines Einvernehmen darüber, dass Privatunternehmen auch weiterhin in der Lage sein mussten, profitabel zu produzieren, und dies sollte durch technologische Investitionen erreicht werden.
Zwei Elemente dieser Vereinbarung sind besonders bemerkenswert. Erstens müssten Unternehmen hohe Löhne zahlen und Beschäftigungs- und Arbeitsbedingungen mit den Gewerkschaften aushandeln und Massenentlassungen zur Senkung der Arbeitskosten ausschließen. Dann hätten sie Anreize, die Grenzproduktivität der Arbeitskräfte zu erhöhen, was eine natürliche Tendenz zu arbeitnehmerfreundlichen Technologien fest verankern würde.
Zweitens schufen branchenweite Vereinbarungen Anreize für Unternehmen, die Produktivität zu steigern, ohne dass sie befürchten mussten, dass diese Steigerungen zu weiteren Lohnerhöhungen führen würden.54 Einfach ausgedrückt: Wenn es einem Unternehmen gelang, eine höhere Produktivität zu erreichen als seine Wettbewerber, dann würde es bei branchenweiten Tarifverträgen weiterhin mehr oder weniger die gleichen Löhne zahlen, sodass die Produktivitätssteigerungen sich vollumfänglich in höheren Gewinnen niederschlagen würden. Diese Erkenntnis motivierte Unternehmen, in Innovation und neue Maschinen zu investieren. Wenn dies in einer ganzen Branche geschah, führte es zu höheren Löhnen; es profitierten also sowohl die Arbeitnehmer als auch die Kapitalbesitzer.
Bemerkenswerterweise verwirklichte daher das korporatistische Modell, auf das sich die SAP und die Gewerkschaften in Schweden verständigten, einige der Ziele jener Vision des Wohlfahrtskapitalismus, die Leute wie John R. Commons in den Vereinigten Staaten vertraten. Der Unterschied bestand darin, dass der Wohlfahrtskapitalismus, der gewissermaßen ein freiwilliges Geschenk der Unternehmen war, in hohem Maße von dem guten Willen von Managern abhängig war, die sich oftmals dagegen sträubten, weil sie die Gewinne steigern und die Löhne senken wollten. Eingebettet in einen institutionellen Rahmen, der die Gegenmacht der Arbeiter stärkte und staatliche Regulierungsbefugnisse einschloss, stand der Wohlfahrtskapitalismus auf viel festerem Boden.
Auch beim Aufbau der staatlichen Regulierungsmacht spielten Gewerkschaften eine zentrale Rolle. Sie setzten die erweiterten Wohlfahrtsprogramme um und überwachten sie, sie förderten die Kommunikation zwischen Arbeitnehmern und Unternehmensleitung, wenn neue Technologien eingeführt oder in einigen Unternehmen Stellen abgebaut wurden.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Schweden ein Land mit extrem hoher Ungleichheit. Der Anteil des reichsten 1 Prozent der Bevölkerung am Volkseinkommen betrug über 30 Prozent, damit war die Ungleichheit in Schweden höher als in den meisten anderen europäischen Ländern. In den Jahrzehnten, nachdem das institutionelle Grundgefüge der neuen Koalition geschaffen worden war, nahmen Beschäftigung und Produktivität rasch zu, wärend die Ungleichheit zurückging. In den sechziger Jahren war Schweden zu einem der Länder mit der höchsten Gleichheit weltweit geworden; der Anteil des obersten 1 Prozent der Bevölkerung am Volkseinkommen schwankte um die 10 Prozent.
Wie die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Schwedens wurde auch US-Präsident Franklin Delano Roosevelt mit dem Versprechen gewählt, die Große Depression entschlossen zu bekämpfen.55 Die Vision von Roosevelt hatte viel gemeinsam mit jener der schwedischen Sozialdemokraten. Die makroökonomische Reaktion in Form höherer Staatsausgaben, Stützung der Agrarpreise, öffentlicher Bauvorhaben und anderer Maßnahmen zur Stützung der Nachfrage war von entscheidender Bedeutung. Im Jahr 1933 war die Regierung von Roosevelt die erste in der Geschichte der USA, die einen Mindestlohn einführte, der nicht nur als gesetzliche Maßnahme zur Armutsbekämpfung, sondern auch als ein Mittel zur gesamtwirtschaftlichen Stabilisierung angesehen wurde, da er für zusätzliche Kaufkraft in den Händen der Arbeiter sorgen würde. Genauso wichtig war die institutionelle Erneuerung, die sich auf die Schaffung einer gegen die Unternehmensinteressen gerichteten Gegenmacht konzentrierte; diese umfasste sowohl staatliche Regulierungsmaßnahmen als auch die Stärkung der Gewerkschaftbewegung.
Bei dieser institutionellen Generalüberholung von oben stützten sich die New Dealers auf die Reformen, die die »progressive Bewegung« (progressive movement) in den USA umgesetzt hatte (und die wir in Kapitel 11 eingehender erörtern werden). Aber ihre Pläne gingen darüber hinaus.
Der Ökonom Rexford Tugwell, ein Mitglied von Rooseveelts »Brain Trust«, fasste die regulatorische Philosophie der New Dealers folgendermaßen zusammen: »Ein starker Staat mit einer Exekutive, die durch Gesetzgebungsdelegation umfassend ermächtigt wird, ist der einzige Ausweg aus unserem Dilemma und die einzige Möglichkeit, unsere unermesslichen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Potenziale zu heben.«56 Ausgehend von dieser Philosophie, schuf die Regierung »vierzig New-Deal-Behörden in alphabetischer Reihenfolge«, wie es in der New York Times hieß, von AAA (Agricultural Adjustment Administration) bis zu USES (United States Employment Service), und sie setzte darüber hinaus mehrere Maßnahmen um, ähnlich jenen, die die schwedischen Sozialdemokraten ergriffen hatten, wie zum Beispiel Lohn- und Preiskontrollen, Arbeitnehmerschutz gemäß den »Richtlinien über lautere Praktiken« und Maßnahmen gegen Kinderarbeit.
Am wichtigsten waren wohl Maßnahmen, die auf die Stärkung der Gewerkschaftsbewegung abzielten. Sie beruhten auf der Überzeugung, dass Unternehmen trotz der Reformen in der Progressive Era (1890er- bis 1920er-Jahre) ihre Produktivitäts- und Ertragszuwächse nach wie vor nicht mit ihren Beschäftigten teilten, und niedrige Löhne schufen sowohl Ungleichheits- als auch gesamtwirtschaftliche Probleme. Die Ungleichheit war hoch und nahm weiter zu. Im Jahr 1913 vereinnahmte das reichste 1 Prozent der Haushalte bereits rund 20 Prozent des Volkseinkommens, und diese Zahl stieg weiter auf über 22 Prozent Ende der zwanziger Jahre.
Eine wichtige Gesetzesinitiative der Regierung Roosevelt war der Wagner Act von 1935, der das Recht von Arbeitnehmern anerkannte, sich (ohne Einschüchterung und Entlassungsdrohungen seitens der Arbeitgeber) kollektiv zu organisieren, und der mehrere Streitschlichtungsverfahren einführte. Noch vor der Großen Depression räumten einige Intellektuelle und Geschäftsleute ein, dass Produktivitätsgewinne nicht fair geteilt würden, auch wenn Unternehmen wie Ford die Löhne erhöhten, um die Fluktuation zu verringern. Im Jahr 1928 hielt der einflussreiche amerikanische Ingenieur Morris Llewellyn Cooke eine Rede vor der Taylor Society, einem Verein, der sich der Förderung der »wissenschaftlichen Betriebsführung« widmete:
Die Interessen der Gesellschaft – einschließlich derjenigen der Arbeiter – sprechen für ein gewisses Maß an Kollektivverhandlungen, mit dem Ziel, die schwächere Seite in Verhandlungen über Arbeitsstunden, Löhne, Status und Arbeitsbedingungen zu repräsentieren. Erfolgreiche Kollektivverhandlungen setzen voraus, dass die Arbeiter sich auf einer hinreichend umfassenden Basis – zum Beispiel landesweit – organisieren, um dieser Verhandlungsmacht ausreichend Gewicht zu verleihen.57
Cooke, der später unter den Präsidenten Roosevelt und Truman hohen Regierungsämter bekleidete, behauptete, dass es angesicht der weiten Verbreitung moderner Großunternehmen unerlässlich sei, dass sich Arbeiter organisierten, und dass man einsehen müsse, dass »irgendeine Form der Organisation von Arbeitern, wie zum Beispiel Gewerkschaften, einem tiefen gesellschaftlichen Bedürfnis entspricht«.
Carle Conway, der Chairman of the Board von Continental Can und laut Harvard Business School ein »Held des kapitalistischen Unterfangens« zeigte sich erstaunlich gewerkschaftsfreundlich:
Zweifellos müsste jeder, der während [der letzten 30 Jahre] am Geschäftsleben teilnahm, naiv sein, wenn er denken würde, dass die Unternehmensleitungen im Großen und Ganzen Kollektivverhandlungen oder manche der anderen Reformen, die die Arbeiter schließlich durchgesetzt haben, begrüßt hätten. […] Aber ist es nicht auch wahrscheinlich, dass ein besseres Verständnis der grundsätzlichsten Dinge, um die es in dem Ringen zwischen Arbeitern und Unternehmensleitungen in den letzten dreißig Jahren ging, die beiden Standpunkte einander so weit annähern könnte, dass man sich auf ein gemeinsames Ziel verständigt, sodass Kollektivverhandlungen und viele der anderen Reformen den Interessen sowohl der Arbeiter als auch des Managements dienlich wären?58
Allerdings sollten die Hoffnungen der New Dealers, anders als die der schwedischen Sozialdemokraten, nicht vollständig in Erfüllung gehen. Ein Hort des Widerstands waren Südstaaten-Demokraten, die befürchteten, die im Rahmen des New Deal ergriffenen Maßnahmen würden die Rassentrennung in Frage stellen, und die daher darauf drängten, die Gesetze weniger umfassend zu gestalten als in Schweden.
Aspekte des New-Deal-Programms, die auf Ausgabensteigerungen und auf eine Ausweitung von Tarifverhandlungen abzielten, stießen auch auf den hartnäckigen Widerstand des Obersten Gerichtshofs der USA, der entsprechende Maßnahmen oft blockierte. Dennoch gelang es Roosevelt mit seiner Politik, die Talfahrt der Wirtschaft zum Stillstand zu bringen und die Gewerkschaftsbewegung deutlich zu stärken. In der Nachkriegszeit spielten diese beiden Elemente eine wichtige Rolle.
Es war von entscheidender Bedeutung, dass die grundlegenden institutionellen Reformen sowohl in Schweden als auch in den Vereinigten Staaten im Rahmen eines demokratischen Systems stattfanden. Roosevelt selbst war bestrebt, die Macht in seinen Händen zu zentralisieren, und er versuchte sogar, den Widerstand des Obersten Gerichtshofs gegen seine Politik dadurch zu unterlaufen, dass er die Zahl der Richter erhöhte. Aber seine eigene Partei blockierte entsprechende Versuche.
Die Alliierten gingen als Sieger aus dem Zweiten Weltkrieg hervor, weil die Vereinigten Staaten ihre gesamte Wirtschaft auf Kriegsproduktion umstellten. Fabriken, die Waschmaschinen hergestellt hatten, produzierten jetzt Flugzeuge. Tausende von Landungsbooten wurden gefertigt. Bei ihrem Kriegseintritt verfügten die USA über sechs Flugzeugträger; Anfang 1945 ließen sie jeden Monat einen hocheffektiven, wenn auch manchmal kleineren Träger vom Stapel laufen.59
Das US-Militär hatte Mühe, eine robuste logistische Infrastruktur für die Versorgung seiner im Ausland eingesetzten Truppen aufzubauen.60 Als die General Eisenhower unterstellten Truppen sich im September 1942 auf die Invasion Nordafrikas vorbereiteten, beklagte sich »Ike« in Washington, dass in England noch kein ausreichender Nachschub eingetroffen sei. Das Kriegsministerium antwortete in bissigem Tonfall: »Es sieht ganz so aus, als hätten wir alle Güter mindestens zweimal und die meisten Güter sogar dreimal verschifft.«61 Einige Jahre lang kam es bei den transatlantischen Seetransporten zu einer chaotischen Überversorgung, die jedoch nicht den Sieg der Vereinigten Staaten vereitelte. Ein General witzelte: »Die amerikanische Armee löst ihre Probleme nicht, sie überwältigt sie.«62
Dieses Hochfahren der Produktion steigerte den Bedarf an Arbeitskräften, die extrem gefordert wurden. Wie würden sie nach dem Sieg im Jahr 1945 für diese außerordentlichen Anstrengungen belohnt werden?
Auch wenn die Grundlagen für den geteilten Wohlstand in den ersten vierzig Jahren des 20. Jahrhunderts gelegt wurden, haben die meisten Amerikaner dies wohl nicht klar erkannt. Die erste Hälfte des Jahrhunderts sah die beiden brutalsten, zerstörerischsten und mörderischsten Kriege in der Geschichte der Menschheit und eine massive wirtschaftliche Depression, die in denjenigen, die diese Ereignisse überlebten, Angst und ein Gefühl der Unsicherheit tief verankerten. Die Ängste saßen tief und hielten sich lange. Neuere Studien bestätigen, dass Menschen, die die Große Depression durchmachten, oft dauerhaft traumatisiert waren und für den Rest ihres Lebens keine wirtschaftlichen Risiken mehr eingehen wollten. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es Zeiten kräftigen Wirtschaftswachstums, aber die Früchte dieses Wachstums kamen meistens den Vermögenden zugute, sodass die Ungleichheit hoch blieb und gelegentlich sogar zunahm.
Vor diesem Hintergrund waren die Jahrzehnte nach 1940 bemerkenswert. Die gesamtwirtschaftliche Produktion (das Bruttoinlandsprodukt oder BIP) pro Kopf wuchs in den USA zwischen 1940 und 1973 durchschnittlich um 3,1 Prozent pro Jahr. Dieses Wachstum wurde von Produktivitätssteigerungen während und nach dem Krieg angetrieben. Neben dem Pro-Kopf-BIP ist der Anstieg der totalen Faktorproduktivität (TFP) ein aufschlussreiches Maß des Wirtschaftswachstums, auch deshalb, weil sie den Beitrag von Erhöhungen des Kapitalstocks (Maschinen und Gebäuden) außer Betracht lässt. Die Wachstumsrate der TFP ist daher ein besseres Maß des technologischen Fortschritts, denn sie gibt an, ein wie großer Anteil des BIP-Wachstums von technologischen Innovationen und Effizienzsteigerungen herrührt. Das Wachstum der TFP in den USA betrug (im nichtagrarischen, nichtstaatlichen Sektor) zwischen 1891 und 1939 im Schnitt weniger als 1 Prozent pro Jahr. Zwischen 1940 und 1973 stieg es auf durchschnittlich fast 2,2 Prozent pro Jahr. Dies verdankte sich nicht nur dem Boom während des Krieges und in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der TFP zwischen 1950 und 1973 lag noch immer bei über 1,7 Prozent.
Diese beispiellose Wachstumsrate der Produktionskapazität der US-Wirtschaft beruhte auf bahnbrechenden technischen Neuerungen, die in den zwanziger und dreißiger Jahren einsetzten, aber genauso wichtig war es, dass sie zügig übernommen und effizient organisiert wurden.
Methoden zur Massenproduktion waren in der Automobilindustrie bereits fest etabliert, und nach dem Krieg wurden sie in der gesamten amerikanischen Industrie eingeführt. Die Automobilproduktion selbst legte weiterhin stark zu. In den dreißiger Jahren produzierten die Vereinigten Staaten durchschnittlich rund drei Millionen Automobile pro Jahr. In den sechziger Jahren hatte sich die Produktion auf fast acht Millionen erhöht. Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass Amerika den Automobilbau revolutionierte, aber dann hat der Automobilbau Amerika revolutioniert.
Rückwärts- und Vorwärtsverbindungen mit anderen Branchen hatten entscheidenden Anteil an der Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Produktionskapazität. Die Massenproduktion von Kraftfahrzeugen schuf eine wachsende Nachfrage nach Einsatzgütern aus praktisch allen anderen Wirtschaftszweigen. Noch wichtiger war, dass sich mit dem Bau neuer Fern- und Landstraßen und mit dem Zugang immer größerer Bevölkerungsgruppen zu Automobilen und anderen modernen Verkehrsmitteln die Geografie der Städte grundlegend wandelte und die Stadtrandgebiete sich rasch ausdehnten.
Bessere Verkehrsmittel führten auch – über Einkaufszentren, größere Geschäfte und größere Kinos – zu einem breiter gefächerten Angebot an Dienstleistungen und Unterhaltungsmöglichkeiten. So bemerkenswert wie die Schnelligkeit der Wachstums- und Produktivitätssteigerungen war die Inklusivität des Wohlstands.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen die Früchte des Wachstums nicht allen gleichermaßen zugute. Wachstumsschübe gingen mit hoher Ungleichheit einher. In den Nachkriegsjahrzehnten hingegen zeigte sich ein ganz anderes Muster.
Zum einen wurde die Ungleichheit während und nach dem Zweiten Weltkrieg rasch geringer. Der Anteil des obersten 1 Prozent der Einkommensverteilung sank von seinem Höchststand von 22 Prozent in den zwanziger Jahren bis 1960 auf unter 13 Prozent. Auch andere Aspekte der Ungleichheit gingen während der Nachkriegsjahre zurück, zum Teil aufgrund strengerer Regulierungen und Preiskontrollen. Zwei Wissenschaftler, die diesen Zeitraum erforschten, waren so beeindruckt von der Abnahme der Ungleichheit während dieser Ära, dass sie sie »Große Kompression« nannten.63
Noch bemerkenswerter war das anschließende Wachstumsmuster. Die Reallöhne stiegen zwischen 1949 und 1973 mit einer durchschnittlichen Rate von fast 3 Prozent pro Jahr so schnell wie die Produktivität und manchmal sogar schneller. Und die Früchte des Wachstums wurden breit geteilt. So lagen zum Beispiel die Reallohnzuwächse sowohl von gering qualifizierten als auch von hoch qualifizierten Arbeitskräften während dieses Zeitraums ähnlich nahe bei 3 Prozent pro Jahr.
Was war das Erfolgsgeheimnis des geteilten Wohlstands in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg? Die Antwort liegt in den beiden Elementen, die wir weiter oben in diesem Kapitel hervorhoben: einer Richtung der technologischen Innovation, die neue Aufgaben und Stellen für Arbeitskräfte sämtlicher Qualifikationsstufen schuf, und einem institutionellen Ordnungsrahmen, der dafür sorgte, dass Produktivitätszuwächse zwischen Arbeitgebern, Führungskräften und Arbeitnehmern geteilt wurden.
Die Richtung des technologischen Wandels baute auf dem auf, was in der ersten Hälfte des Jahrhunderts begann. Tatsächlich wurden die meisten der Technologien, die grundlegend für die Ära geteilten Wohlstands waren, Jahrzehnte zuvor erfunden und in den fünfziger und sechziger Jahren dann auf breiter Front eingeführt. Dies ist ziemlich offensichtlich im Fall des Verbrennungsmotors, der zwar weiter verbessert wurde, dessen grundlegendes technisches Design aber weitgehend unverändert blieb.
Das robuste Wachstum der US-Wirtschaft nach dem Krieg bot keine unmittelbare Gewähr dafür, dass Arbeitnehmer von diesen Technologien profitieren würden. Die Teilung der Wohlstandsgewinne wurde ab dem Tag, an dem der Zweite Weltkrieg endete, in Frage gestellt. Wie wir als Nächstes darlegen werden, war es ein hartes Stück Arbeit, dafür zu sorgen, dass ein breiter Querschnitt der Gesellschaft vom Wirtschaftswachstum profitierte.
In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg hatten von John Maynard Keynes geäußerte Befürchtungen (die wir in Kapitel 1 diskutierten), der technologische Wandel könne zu Arbeitsplatzverlusten führen, vielleicht noch mehr Berechtigung. Werkzeugmaschinen wurden weiter verbessert, und bemerkenswerte Fortschritte bei numerisch gesteuerten Maschinen bauten auf Ideen auf, die bis zum Jacquardwebstuhl zurückreichten, und perfektionierten diese. Dieser Webstuhl, der von Joseph Marie Jacquard im Jahr 1804 entworfen worden war, war einer der bedeutendsten Meilensteine auf dem Weg zur Automatisierung des Webens im 19. Jahrhundert.64 Er führte Aufgaben aus, die selbst für geschickte Weber schwer zu meistern waren. Jacquards bahnbrechende Neuerung bestand darin, dass er eine Maschine konstruierte, die Gewebe entsprechend den Mustern webte, die über eine Reihe von Lochkarten eingegeben wurden.
Die numerisch gesteuerten Maschinen der fünfziger und sechziger Jahre gingen noch einen Schritt weiter: Viele verschiedene Maschinen wurden zunächst mithilfe von Lochkarten und dann mit Computern gesteuert.65 Jetzt konnten Bohrmaschinen, Drehmaschinen, Fräsen und andere Maschinen instruiert werden, Herstellungsschritte zu implementieren, die bislang von Arbeitern ausgeführt werden mussten.
Das Magazin Fortune widmete der Begeisterung über programmierbare automatische Werkzeugmaschinen (auch numerische Steuerung genannt) im Jahr 1946 ein eigenes Heft über die »Die automatische Fabrik«, in dem verkündet wurde, dass »die Gefahren und Verheißungen der bedienungsfreien Maschinen näher sind als je zuvor«. Ein Leitartikel im selben Heft mit dem Titel »Maschinen ohne Menschen« begann mit folgenden Worten: »Stellen Sie sich, wenn Sie möchten, eine Fabrik vor, die so sauber und geräumig ist und so ununterbrochen in Betrieb wie ein Wasserkraftwerk. Die Produktionshalle ist menschenleer.«66 Die Fabrik der Zukunft würde von Ingenieuren und Technikern gesteuert und käme ohne (viele) Arbeiter aus. Diese Aussicht sprach zahlreiche amerikanische Unternehmensführer an, die nur allzu froh darüber waren, dass sich ihnen neue Möglichkeiten boten, die Arbeitskosten zu senken.
Auch die US-Marine und die US-Luftwaffe, die Fortschritte in der Automatisierung als strategisch relevant ansahen, investierten große Summen in die Weiterentwicklung der numerischen Steuerung.67 Aber wichtiger als die direkten Investitionen des Staates in Automatisierungstechnologien war die Tatsache, dass er bei der Entwicklung digitaler Technologien eine führende Rolle spielte und diese durch Anreize förderte. Das US-Kriegsministerium (ab 1949 Verteidigungsministerium) hatte im Zug der Kriegsanstrengungen massiv die Ausgaben für Wissenschafts- und Technikforschung erhöht, und ein erheblicher Teil davon floss nun in die Förderung der Computertechnologie und der digitalen Infrastruktur.
Die politischen Entscheidungsträger nahmen dies zur Kenntnis und gelangten zu der Überzeugung, dass die Schaffung von Arbeitsplätzen inmitten der rasch voranschreitenden Automatisierung eine entscheidende Herausforderung dieses Zeitalters darstelle. So antwortete Präsident Kennedy, als er im Jahr 1962 gefragt wurde, wie er die Automatisierung beurteile: »Ich halte es, wirklich, für die größte innenpolitische Herausforderung der sechziger Jahre, Vollbeschäftigung zu einer Zeit aufrechtzuerhalten, in der die Automatisierung Menschen ersetzt.«68
Tatsächlich gingen die Fortschritte bei den Automatisierungstechnologien während dieses ganzen Zeitraums weiter, auch jenseits numerisch gesteuerter Maschinen und außerhalb des Industriesektors. So wurden Telefonzentralen in den zwanziger Jahren oftmals von jungen Frauen (»Fräulein vom Amt«) manuell bedient. In den USA war AT&T der größte Arbeitgeber von Frauen unter zwanzig. Im Laufe der nächsten dreißig Jahre wurden im gesamten Land automatische Telefonzentralen eingeführt. Die meisten Telefonistinnen wurden arbeitslos, und im Jahr 1960 gab es praktisch keine mehr. Überall dort, wo automatische Telefonzentralen eingeführt wurden, nahm die Zahl der Stellen für junge Frauen ab.69
Aber Befürchtungen, das Arbeitsplatzangebot würde schrumpfen, bewahrheiteten sich nicht; den Arbeitnehmern ging es recht gut, und die Nachfrage nach Arbeitskräften mit unterschiedlichsten Qualifikationen nahm in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren weiterhin zu. Die meisten der Frauen, die als Telefonistinnen bei AT&T entlassen worden waren, fanden beispielsweise in den folgenden Jahrzehnten eine Anstellung in der expandierenden Dienstleistungsbranche und in Firmenbüros.
Die neu eingeführten Technologien dieser Zeit schufen im Wesentlichen genauso viele neue Arbeitsplätze, wie durch Automatisierung verloren gingen. Dies geschah aus den gleichen Gründen, die wir im Zusammenhang mit der Massenproduktion in der Automobilindustrie erörtert haben. Verbesserungen in den Kommunikations-, Transport- und Fertigungstechnologien zogen die anderen Branchen mit. Noch wichtiger aber war, dass dank dieser Fortschritte auch neue Arbeitsplätze in den Branchen entstanden, in denen diese Neuerungen eingeführt wurden. Weder die numerische Steuerung noch andere automatische Maschinen machten menschliche Bedienungspersonen vollständig überflüssig, zum Teil, weil die Maschinen nicht vollautomatisch funktionierten und in dem Maße, wie sie die Produktion mechanisierten, eine Reihe zusätzlicher Arbeitsaufgaben nötig machten.
Neuere Studien über die Entwicklung des Berufsspektrums in den USA seit 1940 zeigen, dass in den fünfziger Jahren eine Vielzahl neuer Berufsbezeichnungen und Arbeitsanforderungen in zahlreichen Arbeiterberufen entstanden, wie zum Beispiel Glaser, Mechaniker, LKW- und Traktorfahrer, Zement- und Betonfertiger und Baufacharbeiter. In den sechziger Jahren kamen für Sägearbeiter, Mechaniker, Planierer und Sortierer, Metallgießer, LKW- und Traktorfahrer, Öler und Schmierer eine Vielzahl neuer Aufgaben hinzu. Das Verarbeitende Gewerbe schuf weiterhin neue Arbeitsplätze für Techniker, Ingenieure und auch Büroangestellte.
In anderen Branchen ging die Ausweitung der Arbeitsaufgaben über rein technische Tätigkeiten hinaus. Einzelhandels- und Großhandelsbranchen erlebten ein rasches Wachstum und boten eine breite Palette von Stellen im Kundendienst, im Marketing und in kundenfernen Support-Funktionen an. In der gesamten US-Wirtschaft wuchs die Zahl der Stellen für Verwaltungspersonal, Sachbearbeiter und Fachkräfte in dieser Zeit schneller als die für praktisch alle anderen Berufe.70 Die meisten der Aufgaben, die Arbeitskräfte in diesen Berufen ausführten, gab es in den vierziger Jahren noch gar nicht. Wenn diese Stellen Fachkenntnisse verlangten, dann folgten die meisten Unternehmen dem, was schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, namentlich im Verarbeitenden Gewerbe, üblich gewesen war: Sie stellten Arbeitskräfte ohne formale Qualifikationen ein. Nachdem die Arbeiter darin geschult worden waren, die erforderlichen Aufgaben auszuführen, profitierten sie von den höheren Löhnen, die für diese Tätigkeiten gezahlt wurden.
Ähnlich wie in der Vorkriegszeit verlangten viele Aufgabenerweiterungen mehr Rechenkenntnisse und bessere Lese- und Schreibfähigkeiten, aber auch soziale Kompetenzen; diese waren erforderlich, um in komplexen Organisationen gut kommunizieren und Probleme lösen zu können, die im Kontakt mit Kunden und bei der Bedienung fortgeschrittener Maschinen auftraten. Dies bedeutete, dass neue Aufgaben erst dann vollumfänglich ausgeführt werden konnten, wenn Arbeitnehmer die allgemeinen Kompetenzen besaßen, die sie benötigten, um entsprechend geschult zu werden. Zum Glück expandierte das amerikanische Bildungssystem wie schon in der vorangegangenen Ära, und die für die neuen Aufgaben benötigten Kompetenzen waren reichlich verfügbar. Viele Industriearbeiter hatten jetzt einen Highschool-Abschluss, und Stellen für Ingenieure, Techniker, Entwickler und Sachbearbeiter konnten mit Arbeitskräften besetzt werden, die eine über den Sekundarschulabschluss hinausgehende Bildung erhalten hatten.
Aber es wäre falsch, zu glauben, es sei vorgezeichnet gewesen, dass der technologische Fortschritt in der Nachkriegszeit eine Richtung einschlug, die neue Aufgaben schuf, um diejenigen zu ersetzen, die zügig wegautomatisiert wurden. Der Streit um die Richtung der technologischen Innovation verschärfte sich, da er ein fester Bestandteil der Auseinandersetzungen zwischen Arbeitnehmern und Unternehmen war, und Fortschritte bei arbeitnehmerfreundlichen Technologien können nicht losgelöst von dem institutionellen Rahmen betrachtet werden, der Unternehmen dazu veranlasste, sich in diese Richtung zu bewegen, vor allem unter dem Einfluss der von der Gewerkschaftsbewegung ausgehenden Gegenmacht.71
Der Wagner Act und die entscheidende Rolle der Gewerkschaften bei den Kriegsanstrengungen stärkten die Arbeiterschaft, und es wurde allgemein erwartet, dass die Gewerkschaften eine tragende Säule des institutionellen Gefüges im Amerika der Nachkriegszeit sein würden. Harold Ickes, Roosevelts Innenminister, bestätigte diese Erwartung, als er bei einem Gewerkschaftskongress kurz vor Kriegsende erklärte: »Sie sind auf dem richtigen Weg, und Sie sollten sich von niemandem aufhalten oder auch nur bremsen lassen.«72
Die Gewerkschaftsbewegung hörte genau hin und zeigte nach dem Krieg, dass sie es ernst meinte. Die United Auto Workers (UAW) forderte bei ihren ersten Vertragsverhandlungen nach dem Krieg satte Lohnerhöhungen von General Motors. Als GM ablehnte, war ein großer Streik die Reaktion.73 Das blieb nicht auf die Automobilbranche beschränkt. Im selben Jahr, 1946, kam es zu einer breiteren Welle von Ausständen, die das US-Bundesamt für Arbeitsmarktstatistik »die konzentrierteste Phase von Konflikten zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern in der Geschichte des Landes« nannte.74 So legte zum Beispiel ein Elektrikerstreik einen weiteren Giganten der amerikanischen Industrie, General Electric, lahm.
Die Gewerkschaftsbewegung lehnte Automatisierung nicht durchweg ab, eben weil man einsah, dass Automatisierungsmaßnahmen unvermeidlich waren und dass, wenn die richtigen Entscheidungen getroffen würden, Kosteneinsparungen für alle Beteiligten vorteilhaft wären. Gefordert wurde vielmehr, technologische Fortschritte zu nutzen, um Arbeitern neue Aufgaben zu verschaffen und ihnen einen Teil der Kostensenkungen und Produktivitätssteigerungen zukommen zu lassen. So erklärte zum Beispiel die UAW im Jahr 1955: »Wir bieten unsere Kooperation […] bei der gemeinsamen Suche nach Strategien und Programmen an […], die sicherstellen, dass größerer technischer Fortschritt zu größerem menschlichem Fortschritt führt.«75
Im Jahr 1960 installierte General Motors in seiner Fisher Body Division in Detroit eine numerisch gesteuerte Bohrmaschine und ordnete die Tätigkeit des Maschinenbedieners in die gleiche Lohngruppe ein, in die auch der Bediener einer manuellen Revolverbohrmaschine eingestuft wurde. Die Gewerkschaft war damit nicht einverstanden und behauptete, dies sei eine neue Aufgabe mit zusätzlichen Verantwortlichkeiten, die zusätzliche Kompetenzen erfordere. Aber der Streit reichte tiefer. Die Gewerkschaft wollte einen Präzedenzfall schaffen und festschreiben, dass vorhandene Facharbeiter und angelernte Kräfte ein angestammtes Recht auf diese neuen Aufgaben hätten. Diese Auffassung war für die Unternehmensleitung äußerst beunruhigend, denn wenn sie sich durchsetzte, würde dies bedeuten, dass sie die Kontrolle über den Produktionsprozess und organisatorische Entscheidungen verlieren würde. Die beiden Parteien konnten sich nicht einigen, und es wurde ein Schlichtungsverfahren eröffnet. Im Jahr 1961 entschied der Schlichter zugunsten der Gewerkschaft: »Dies ist kein Fall, in dem eine Entscheidung der Geschäftsleitung eine Funktion abgeschafft oder auf andere Weise Methoden, Prozesse oder Fertigungsmittel verändert hätte.«76
Diese Entscheidung hatte weitreichende Folgen. GM musste den Bedienern der numerisch gesteuerten Maschinen zusätzliche Schulungen anbieten und höhere Löhne zahlen. Der allgemeine Grundsatz lautete, dass der Maschinenbediener »zusätzliche Fertigkeiten erwerben muss, um mit den numerischen Steuerungssystemen umgehen zu können«,77 und dass »die erhöhten Anstrengungen, die von Arbeitern, die an automatisierten Maschinen eingesetzt werden, verlangt werden, sie zu höheren Löhnen berechtigen«.78 Tatsächlich war die Schulung der Beschäftigten das zentrale Anliegen der Gewerkschaften. Sie forderten Schulungsangebote, denn sie wollten sicherstellen, dass Arbeiter die für die Bedienung der neuen Maschinen erforderlichen Kompetenzen erwerben konnten und einen Nutzen daraus ziehen würden.
Der Einfluss der Gewerkschaften darauf, wie Automatisierungstechnologien eingeführt wurden und wie Arbeiter damit klarkamen, ist auch bei einer weiteren ikonischen Technologie dieser Zeit klar ersichtlich: Containern. Die Einführung großer Metallcontainer im Langstrecken-Frachtverkehr in den fünfziger Jahren revolutionierte die Transportindustrie, da sie zu einem massiven Rückgang der Frachtkosten weltweit führte. Sie vereinfachte bzw. beseitigte viele der manuellen Aufgaben, die bis dahin Hafenarbeiter verrichtet hatten, wie das Verpacken, Auspacken und Umpacken von Paletten. Sie ermöglichte auch die Einführung neuer, schwerer Hebe- und Transportgeräte. In vielen Fällen, wie etwa im New Yorker Hafen, führten Container zu einer deutlichen Verringerung von Arbeitsplätzen für Hafenarbeiter.
An der Westküste nahmen die Dinge jedoch einen ganz anderen Verlauf. Zur Zeit der Einführung des Containers gab es in den pazifischen Häfen bereits Probleme. Eine Untersuchung des Kongresses im Jahr 1955 hatte endemische Ineffizienzen aufgedeckt, die durch Arbeitspraktiken verursacht wurden, für die oftmals die International Longshore and Warehouse Union (ILWU) verantwortlich zeichnete. Harry Bridges, ein Veteran und unabhängiger Gewerkschaftsorganisator, der die lokale Geschäftsstelle der ILWU leitete, sah ein, dass Reformen der Arbeitsregeln notwendig waren, damit die Gewerkschaft und die Arbeitsplätze für Hafenarbeiter überlebten. Er erklärte: »Die Leute, die denken, wir könnten die Mechanisierung weiterhin aufhalten, leben noch immer in den dreißiger Jahren und kämpfen den Kampf, den wir schon vor langer Zeit gewonnen haben.«79 Dies veranlasste die ILWU dazu, die Einführung neuer Technologien zu unterstützen, allerdings nur dann, wenn dies vorteilhaft für die Arbeiter und insbesondere ihre Mitglieder war. Im Jahr 1956 empfahl der Verhandlungsausschuss der Gewerkschaft: »Wir glauben, dass es möglich ist, die Mechanisierung in der Industrie zu fördern und gleichzeitig unsere innerbetrieblichen Rechte zur Geltung zu bringen und nochmals zu bekräftigen, zusammen mit konkreten Mindestpersonalbedarfen, sodass die ILWU für die gesamte Arbeit von den Gleisanlagen außerhalb der Piers bis zu den Frachträumen der Schiffe zuständig sein wird.«80
Dies war im Wesentlichen eine ähnliche Strategie wie diejenige, die die UAW in ihren Verhandlungen mit GM verfolgte: Automatisierung zulassen, aber sicherstellen, dass zugleich neue Stellen für Arbeiter geschaffen werden. Diese Strategie war deshalb erfolgreich, weil Bridges das Vertrauen der Basis genoss und weil er mit der Geschäftsleitung geschickt über die Einführung neuer Technologien kommunizierte. Obgleich nicht alle Gewerkschaftsmitglieder zunächst so offen für neue Technologien waren wie Bridges, konnten er und die lokale Gewerkschaftsführung sie letztlich überzeugen. In den Worten eines Journalisten, der in den späten fünfziger Jahren über die Arbeitswelt berichtete: »Jeder Hafenarbeiter begann darüber zu sprechen, was die Mechanisierung wohl noch mit sich bringen werde und wie man trotzdem Stellen und Einkommen, Leistungen, Renten und so weiter bewahren könne.«81
Container automatisierten Arbeit, aber sie steigerten auch die Produktivität und erhöhten die Frachtmenge, die in pazifischen Häfen umgeschlagen wurde. Schiffe konnten schneller und mit viel größeren Mengen an Gütern beladen werden. Mit dem Seefrachtaufkommen stieg auch die Nachfrage nach Hafenarbeitern, und die Gewerkschaft begann, die schnellere Einführung von Kränen und anderen Maschinen zu verlangen. Wie Bridges im Jahr 1963 zur Unternehmensleitung sagte: »Die Tage des Schwitzens an diesen Arbeitsplätzen sollten vorbei sein, und das wollen wir erreichen.«82
Automobile und Seefrachttransport waren keine Sonderfälle. In den Nachkriegsjahrzehnten fand in sämtlichen Wirtschaftszweigen eine fortlaufende Automatisierung statt, aber in vielen Fällen wurden gleichzeitig neue Beschäftigungsmöglichkeiten für Arbeitskräfte geschaffen. Neuere Forschungsarbeiten schätzen, dass die Automatisierung, für sich betrachtet, den Anteil des Faktors Arbeit am Volkseinkommen (Lohnquote) in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren jedes Jahr um 0,5 Prozentpunkte verringerte.83 Allerdings wurden die (arbeits-)verdrängenden Effekte von Automatisierungstechnologien auf nahezu perfekte Weise von anderen technologischen Fortschritten ausgeglichen, die neue Aufgaben und Stellen für Arbeitskräfte schufen. Folglich blieb die Lohnquote in allen großen Wirtschaftszweigen – Verarbeitendes Gewerbe, Dienstleistungen, Baugewerbe und Verkehrswirtschaft – konstant. Dieses ausgewogene Muster stellte sicher, dass sich Produktivitätssteigerungen in durchschnittlichen Lohnzuwächsen sowie im Anstieg der Einkommen von Arbeitskräften unterschiedlicher Qualifikationsstufen niederschlugen. Arbeitsaufgaben, die in diesem Zeitraum neu hinzukamen, spielten eine entscheidende Rolle für das Produktivitätswachstum und bei der Verteilung der Zugewinne quer durch alle Qualifikationsniveaus. In Branchen mit neuen Aufgaben sehen wir ein höheres Produktivitätswachstum sowie eine höhere Nachfrage nach Geringqualifizierten, die so ebenfalls vom technologischen Fortschritt profitierten. Die in diesen Jahrzehnten in den USA vorgenommenen technologischen Weichenstellungen und getroffenen Entscheidungen über Gewinnpartizipation waren in vielerlei Hinsicht prägend. Aber für Europäer waren sämtliche Probleme in Nordamerika trivial im Vergleich zu ihrem eigenen, schon geradezu existenziellen Ringen.
Die Bevölkerung Deutschlands litt schwer unter den Folgen des Krieges. Viele Städte, darunter Hamburg, Köln, Düsseldorf, Dresden und sogar Berlin, waren durch alliierte Bombenangriffe dem Erdboden gleichgemacht worden. Über 10 Prozent der Deutschen waren im Krieg ums Leben gekommen, und bis zu zwanzig Millionen Menschen waren obdachlos. Mehrere Millionen Menschen aus den deutschen Ostgebieten mussten als Vertriebene Richtung Westen ziehen.84
Auch Frankreich, Belgien, die Niederlande und Dänemark, die von den Nazis besetzt und brutal geknechtet worden waren, lagen in Trümmern. Ein Großteil der Straßennetze in diesen Ländern war zerstört worden. Wie in Deutschland waren die meisten Ressourcen in die Rüstungsproduktion gelenkt worden, und es mangelte an allem.
Obgleich Großbritannien von den Verwüstungen der Besatzung verschont blieb, litt es ebenfalls unter den Folgen des Krieges. Was die Einführung moderner Haushaltsgeräte betraf, war das Land zurückgefallen. Nur wenige Haushalte besaßen Kühlschränke und Backöfen, die in Nordamerika schon Standard waren, und nur die Hälfte der Häuser hatte heißes Wasser oder Innentoiletten. Aus dieser Asche des Krieges ging etwas recht Unerwartetes hervor. Im Verlauf der nächsten dreißig Jahre wuchs die Wirtschaft in einem Großteil Europas, von Skandinavien bis Deutschland, Frankreich und Großbritannien, in einem atemberaubenden Tempo. Das reale Pro-Kopf-BIP erhöhte sich in Deutschland zwischen 1950 und 1973 jährlich um durchschnittlich rund 5,5 Prozent. Die gleiche Kennzahl lautete knapp über 5 Prozent für Frankreich, 3,7 Prozent für Schweden und 2,9 Prozent für Großbritannien. In all diesen Fällen profitierte ein bemerkenswert breiter Querschnitt der Bevölkerung von dem Wachstum. Der Anteil des obersten 1 Prozent der Haushalte am Volkseinkommen, der Ende der zehner Jahre des 20. Jahrhunderts bei über 20 Prozent gelegen hatte, fiel in den siebziger Jahren in allen drei Ländern auf weniger als 10 Prozent.
Die Grundlagen dieses geteilten Wohlstands unterschieden sich nicht von dem, was in den Vereinigten Staaten geschehen war. Das erste Standbein bildeten Technologien, die im weitesten Sinne arbeitnehmerfreundlich waren und die zeitgleich mit der Automatisierung von Arbeitsprozessen neue Aufgaben schufen. Hier folgte Europa den Vereinigten Staaten, die im Hinblick auf moderne Industrietechnik sogar noch weiter an Europa vorbeigezogen waren. Fortschritte, die in Amerika umgesetzt wurden, breiteten sich rasch nach Europa aus, und neue industrietechnische Verfahren und Methoden zur Massenproduktion wurden zügig übernommen. Europäische Unternehmen hatten eine Vielzahl von Anreizen, diese Technologien aufzugreifen, und das Wiederaufbauprogramm nach dem Krieg, wie es im Marshall-Plan verankert war, stellte einen wichtigen Rahmen für den Technologietransfer bereit. Das Gleiche tat die großzügige Unterstützung europäischer Regierungen für Forschung und Entwicklung.
Auf diese Weise setzte sich eine bestimmte Richtung des technologischen Wandels, die sowohl für Facharbeiter als auch für Geringqualifizierte optimale Verwendung finden wollte, aus den Vereinigten Staaten kommend auch in Europa durch.85 Und so begannen viele weitere Länder, zur Befriedigung der Nachfrage auf ihren wachsenden Massenmärkten sowohl in die industrielle als auch in die Dienstleistungsbranche zu investieren.
Wie in den Vereinigten Staaten wurde auch in den meisten europäischen Ländern dieser Pfad der wirtschaftlichen Entwicklung durch steigende Investitionen ins Bildungswesen und Weiterbildungsprogramme für Arbeitnehmer gestärkt, die dafür sorgten, dass es Arbeitnehmer mit den passenden Kompetenzen gab, um die neuen Stellen zu besetzen. Als gut verdienende Arbeiter in die Mittelschicht aufstiegen, kurbelten sie die Nachfrage nach neuen Produkten und Dienstleistungen an, die jene Industriezweige, in denen sie beschäftigt waren, in großen Mengen zu produzieren begannen. Allerdings gab es keine länderübergreifende Einheitlichkeit der technologischen Richtungsentscheidungen. Jedes Land strukturierte seine Volkswirtschaft auf individuelle Weise, und diese Entscheidungen beeinflussten selbstverständlich die Art und Weise, wie dieses industrielle Wissen genutzt und weiterentwickelt wurde. Während in den skandinavischen Ländern technologische Investitionen im Rahmen des korporatistischen Modells getätigt wurden, entwickelte die deutsche Industrie ein eigenes System der Lehrlingsausbildung, das sowohl die Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen als auch die Technologie-Auswahl prägte (in Kapitel 8 gehen wir ausführlich darauf ein).
Genauso wichtig war die zweite Säule des geteilten Wohlstands: die Stärke der Arbeiterbewegung und der grundlegende institutionelle Rahmen, der sich nach dem Krieg in Europa herausbildete.
Die USA begannen in den dreißiger Jahren, die Arbeiterbewegung zu stärken und mit einer gewissen Zaghaftigkeit regulatorisch in das Marktgeschehen einzugreifen. Das gleiche Muster kleiner Schritte, unterbrochen von mehreren Rückschlägen, war in den USA auch typisch für die Entstehung von Institutionen in der Nachkriegszeit.
Andere Säulen des modernen sozialen Sicherungs- und des Regulierungssystems wurden nach und nach eingeführt; den Kulminationspunkt bildete Präsident Lyndon B. Johnsons »Great Society«-Programm in den sechziger Jahren.
Nach den Erschütterungen zweier Weltkriege hatten viele europäische Staaten ein stärkeres Verlangen danach, neue Institutionen aufzubauen, und vielleicht besaßen sie sogar eine noch größere Bereitschaft, vom Vorbild Skandinavien zu lernen.
In Großbritannien veröffentlichte eine Regierungskommission unter Leitung von William Beveridge im Jahr 1942 einen richtungweisenden Bericht. Darin hieß es, dass »ein revolutionärer Moment in der Weltgeschichte eine Zeit für Revolutionen, nicht für Reparaturen ist«. Der Bericht identifizierte fünf Grundprobleme der britischen Gesellschaft: materielle Not, Krankheit, Unwissenheit, Verwahrlosung und Müßiggang. Er begann mit der Feststellung: »Die Beseitigung materieller Not erfordert, erstens, die Verbesserung des staatlichen Absicherungssystems, das heißt Schutz vor zeitweiligem oder dauerhaftem Verlust von Kaufkraft.«86 Der Bericht stellte einen Entwurf für ein staatliches Versicherungsprogramm vor, das Menschen mithilfe umverteilender Besteuerung, Rentenversicherung, Arbeitslosenversicherung, Arbeitsunfallschutz, Erwerbsunfähigkeitsversicherung, Kindergeld und staatlicher Gesundheitsversorgung »von der Wiege bis zur Bahre« schützen sollte.
Diese Vorschläge sorgten sofort für Furore. Mitten im Krieg griff die britische Öffentlichkeit sie bereitwillig auf. Als die Neuigkeiten aus dem Bericht die Truppen erreichten, jubelten sie angeblich und waren von frischer Tatkraft erfüllt. Direkt nach dem Krieg errang die Labour Party, die mit dem Versprechen, die Empfehlungen des Berichts vollständig umzusetzen, in den Wahlkampf gezogen war, einen Erdrutschsieg.87
Ähnliche staatliche Versicherungsprogramme wurden in den meisten europäischen Ländern eingeführt. Japan setzte seine eigene Version um.
Historisch gesehen sind die Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ohne Beispiel. Soweit wir wissen, gab es keine zweite Epoche, in der das Wohlstandsniveau aller Bevölkerungsgruppen so schnell zunahm.
In der Antike haben Griechen und Römer über Jahrhunderte hinweg Wachstum erlebt, aber dieses Wachstum war sehr viel niedriger – um die 0,1 bis 0,2 Prozent pro Jahr.88 Es beruhte außerdem auf der brutalen Ausbeutung ausgegrenzter Gruppen, insbesondere eines Heers von Sklaven und einer großen Zahl von Nichtbürgern, die sowohl in Griechenland als auch in Rom Zwangsarbeit verrichten mussten. Die Aristokratie beziehungsweise die Patrizier waren die Hauptnutznießer dieses Wachstums, auch wenn eine breitere Gruppe von Bürgern ebenfalls einen gewissen Wohlstand genoss.
Während des Mittelalters war das Wachstum niedrig und gesellschaftlich ungleich verteilt, wie wir in Kapitel 4 sahen. Das Wachstum beschleunigte sich nach dem Beginn der Industriellen Revolution in Großbritannien um das Jahr 1750 herum, aber es blieb hinter den Wachstumsraten in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts zurück, die in vielen westlichen Ländern im Durchschnitt über 2,5 Prozent pro Jahr betrugen.89
Andere Aspekte des Wachstums in der Nachkriegszeit waren genauso einzigartig. Die sekundäre und die postsekundäre Bildung waren ehedem ein Privileg der Ober- und der oberen Mittelschicht. Dies änderte sich nach dem Krieg, und in den siebziger Jahren wurde die sekundäre und auch die Hochschulbildung in fast allen westlichen Ländern viel breiteren Bevölkerungsgruppen zugänglich.90
Auch der allgemeine Gesundheitszustand der Bevölkerung verbesserte sich enorm. Die Lebensverhältnisse waren in Großbritannien und in anderen Ländern nicht mehr so schlecht wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Trotzdem waren Infektionskrankheiten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weit verbreitet, und die Armen waren viel stärker davon betroffen. Dies änderte sich in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Lebenserwartung bei der Geburt erhöhte sich in Großbritannien von fünfzig Jahren im Jahr 1900 auf 72 Jahre im Jahr 1970. In den Vereinigten Staaten gab es eine Zunahme in ähnlicher Höhe, von 47 im Jahr 1900 auf fast 71 im Jahr 1970, und in Frankreich von 47 auf 78.91 In allen Fällen waren Verbesserungen der Gesundheitsversorgung und der Lebensverhältnisse der Arbeiterschaft aufgrund von Investitionen in das öffentliche Gesundheitswesen, Krankenhäuser und Kliniken die Triebkräfte des Wandels.92
Wir sollten es mit dieser optimistischen Beurteilung aber nicht übertreiben. Auch wenn die westliche Welt als Ganze eine beispiellose Phase geteilten Wohlstands erlebte, waren drei Gruppen von politischer Macht und einigen der wirtschaftlichen Verbesserungen ausgeschlossen: Frauen, Minderheiten, in den USA vor allem Afroamerikaner, und Einwanderer.
Viele Frauen waren in ihren Familien und ihren Gemeinschaften noch immer in patriarchale Machtverhältnisse eingeschlossen. Nachdem im frühen 20. Jahrhundert in den meisten Ländern das Frauenwahlrecht eingeführt wurde, hatte sich dies zu ändern begonnen, und der Prozess beschleunigte sich dann mit der zunehmenden Erwerbstätigkeit von Frauen während und nach dem Zweiten Weltkrieg sowie einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Einstellungswandel. Folglich verbesserte sich in den Nachkriegsjahrzehnten die wirtschaftliche Lage der Frauen, und das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen verringerte sich. Trotzdem ging die Diskriminierung in der Familie, in Schulen und am Arbeitsplatz weiter.
Eine größere Geschlechterparität in Führungspositionen und bei den Arbeitsentgelten sowie eine weitergehende gesellschaftliche Befreiung haben lange auf sich warten lassen. Minderheiten erging es noch schlechter. Obgleich sich die wirtschaftliche Lage von Afroamerikanern allmählich verbesserte und sich die Lohnlücke zwischen ihnen und weißen Amerikanern in den fünfziger und sechziger Jahren erheblich verringerte, blieben die USA eine rassistische Gesellschaft, vor allem im Süden. Schwarze Arbeiter blieben oft von guten Stellen ausgeschlossen, manchmal sogar auf Betreiben von Gewerkschaften. Lynchmorde fanden bis weit in die sechziger Jahre hinein statt, und viele Politiker beider Parteien bewarben sich während eines Großteils dieser Zeit mit einem offen oder verdeckt rassistischen Wahlprogramm um ein Amt.
Auch manche Einwanderer waren marginalisiert. Gastarbeiter aus Südeuropa und der Türkei, die wegen des Arbeitskräftemangels nach dem Krieg von Deutschland angeworben wurden, blieben diese ganze Zeit hindurch Bürger zweiter Klasse. Die Vereinigten Staaten ihrerseits warben mexikanische Einwanderer für die Arbeit auf ihren Feldern an, und diese schufteten oft unter harten Bedingungen für sehr niedrige Löhne und ohne Anspruch auf irgendwelche Sozialleistungen. Einwanderer waren nicht länger willkommen, wenn sich die wirtschaftliche Lage verschlechterte oder der politische Wind drehte. So wurde zum Beispiel das Bracero-Programm, das auf seinem Höhepunkt fast 350 000 Mexikaner in die USA brachte, wo sie als Landarbeiter auf Farmen eingesetzt wurden, im Jahr 1964 beendet, als man im Kongress befürchtete, Einwanderer würden Amerikanern die Jobs wegnehmen.
Die größten Gruppen, die von dem geteilten Wohlstand dieser Jahrzehnte ausgeschlossen blieben, befanden sich nicht innerhalb, sondern außerhalb Europas und Nordamerikas.
Einige nichtwestliche Länder wie Japan und Südkorea wuchsen schneller und erreichten ein gewisses Maß an geteiltem Wohlstand. Dies basierte vor allem darauf, dass sie in den Vereinigten Staaten entwickelte industrielle Massenproduktionssysteme übernahmen und gelegentlich verbesserten. Befördert wurde dies zudem durch landesspezifische Rahmenbedingungen, die eine gerechte Aufteilung der Früchte des Wachstums begünstigten. In Japan waren langfristige Beschäftigungsverhältnisse und eine begleitende Hochlohnpolitik von entscheidender Bedeutung für die Aufteilung der Wachstumsgewinne. In Südkorea verdankte sich der geteilte Wohlstand in erheblichem Umfang der Bedrohung durch Nordkorea und der Stärke der Gewerkschaftsbewegung, insbesondere nach der Demokratisierung des Landes im Jahr 1988.
Aber das, was in Ostasien geschah, war die Ausnahme, nicht die Regel. Die Bevölkerungen der verbliebenen europäischen Kolonien hatten kaum Mitspracherechte und nur geringe Chancen, an dem Wohlstand teilzuhaben. Die Unabhängigkeit, in welche die meisten Kolonien zwischen 1945 und 1973 entlassen wurden, bedeutete nicht das Ende von Elend, Gewalt und Unterdrückung. In vielen der vormaligen europäischen Kolonien fielen koloniale Institutionen schon bald in die Hände autoritärer Herrscher, die das System, das sie erbten, dazu benutzten, sich selbst und ihre engen Mitstreiter zu bereichern und alle anderen auszupressen. Europa sah dem aus der Ferne tatenlos zu; allerdings unterstützte es gelegentlich Kleptokraten, um sich Zugang zu natürlichen Ressourcen zu sichern. Die CIA schaltete sich ein, um bei Staatsstreichen gegen demokratisch gewählte Politiker zu helfen – zum Beispiel im Iran, Kongo und in Guatemala –, und sie stand immer bereit, wenn es galt, US-freundliche Herrscher zu unterstützen, unabhängig davon, ob sie korrupt waren oder Blut an ihren Händen klebte. Der größte Teil der nicht-westlichen Welt blieb in Bezug auf die wirtschaftliche Entwicklung weit zurück.
Unterdessen erhob sich im Innern der USA ein weiteres, genauso folgenreiches Fortschrittshindernis. Das Wirtschaftsmodell, das dem Wohlstand für alle zugrunde liegt, wurde in den Vereinigten Staaten zunehmend in Frage gestellt, und das Machtgleichgewicht verschob sich allmählich von der Arbeiterschaft und staatlicher Regulierung weg, nachdem sich die technologische Innovation in Richtung verstärkter Automatisierung bewegte. Bald darauf verblasste die Idee des geteilten Wohlstands.