6

Perikles sackte auf einer Uferböschung aus nassem Moos nahe einem Fluss zusammen. Wasser drang aus dem Moos heraus und floss seinen Arm entlang. Es war kalt genug, um ihn zusammenfahren zu lassen. Attikos murmelte etwas, aber er hörte kaum hin. Perikles schnaufte nur und lehnte sich so erschöpft zurück, dass er dachte, er könnte gewaltsam vom Schlaf oder vom Tod übermannt werden. Im Verlauf eines langen Tages hatte er alte Schmerzen und völlig neue durchlebt, bis hin zu abgescheuerter Haut und Muskeln, die zuckten und dick mit Blut anschwollen. Viele Male war er hingefallen, aber nicht einmal hatte er Attikos freiwillig abgesetzt. Nein, er war weitergegangen, zu einem einzigen Gedanken reduziert, während er über umgestürzte Bäume geklettert war und sich durch Dornbüsche gedrängt hatte, die an seinen Oberschenkeln rissen und Striemen zurückließen. Stechmücken schwärmten um die beiden und schwelgten an Schweiß und Salz und allen wunden Körperstellen, an denen sich ihre Haut gelöst hatte. Perikles fühlte die Plagegeister kaum noch. Er hatte kein Holz, um Feuer zu machen, kein Essen, um wieder zu Kräften zu kommen. Alles, was er tun konnte, war, die Augen zu schließen und sich treiben zu lassen. Er würde sich wieder erholen, sagte er sich selbst. Das tat er letztendlich immer, solange er sich nur noch eine kleine Weile gedanklich aus der Welt zurückziehen konnte …

Attikos klopfte ihm schweigend auf die Schulter, um ihn aus seiner Benommenheit zurückzubringen. Mit lautloser Anstrengung verlagerte der ältere Mann sein Gewicht auf sein Bein, das nicht gebrochen war. Natürlich war etwas Schmutz in seine Stichwunde eingedrungen. Das war keine Überraschung, bei all dem grünen Dickicht und dem Dreck, durch den sie sich gekämpft hatten. Das Bein war sowohl heiß als auch merkwürdig geschwollen, und Attikos fühlte, dass er Fieber bekam. Dennoch mühte er sich ab, wie ein Hoplit aufrecht zu stehen, und stieß Perikles erneut an, um seine Aufmerksamkeit zu wecken.

Vor ihnen, kein halbes Dutzend Schritte von der Stelle entfernt, an der sie zur Ruhe gekommen waren, hatte ein hellgraues Pony seinen Kopf gesenkt, um zu trinken. Attikos und Perikles beobachteten, wie sich die Kehle des Tiers anspannte, als es das eiskalte Wasser hinunterstürzte.

»Kannst du es sehen?«, flüsterte Attikos.

Die Ohren des Tiers stellten sich auf und drehten sich, aber es hörte nicht zu trinken auf. Etwas von dem Nebel aus Schmerz und Müdigkeit in Perikles lichtete sich in purer Verärgerung, als Attikos ihm erneut wie ein Kind, das die Aufmerksamkeit seiner Eltern bekommen wollte, auf die Schulter klopfte.

»Lauf weg! Mach schon!«, schrie Perikles ohne Warnung und winkte mit den Armen. Das Pony fiel beinahe hin, als es sich mit einem Wiehern aufbäumte. Dann galoppierte es durch das seichte Flussbett davon, dass das Wasser nur so aufspritzte.

»Warum hast du das gemacht?«, fragte Attikos. Er zog ein Miene, als wollte er Perikles schlagen, und drohte ihm mit der Faust.

»Das war ein wildes Pferd«, erwiderte Perikles. »Hast du gedacht, es würde uns zum Strand hinuntertragen oder so was Ähnliches? In deiner Verfassung hätte es dich umgebracht. Die sind stark, Attikos. Im Moment zu stark für uns.«

Attikos lief rot an und senkte seine Faust. »Ich hab keine Ahnung von Pferden.« Er hielt einen Moment lang inne, ehe er etwas schärfer fortfuhr. »Ich bin nicht mit ihnen aufgewachsen, weißt du.«

Perikles schloss kurz die Augen und konzentrierte sich auf seine Willenskraft. Er hatte Attikos so lange getragen, wie er nur konnte. Es war über alles hinausgegangen, was jemals irgendjemand von ihm verlangt hatte. Es wäre alles umsonst gewesen, wenn er ihn jetzt mit einem Stein aus dem Fluss totschlug.

»Also, ich bin mit Pferden aufgewachsen, darum weiß ich es. Gut, wenn du durstig bist, kann ich dir trinken helfen …«

Er brach ab, als er eine dicke Rauchfahne über dem Hügel auftauchen sah. Sie waren nahe der Küste, das wusste er bereits. Perikles war kein Spurensucher, aber als sie die Spuren von Kimons Gruppe ausfindig gemacht hatten, war es schwer, sie zu übersehen. Stundenlang war er ihnen in ihren Fußstapfen gefolgt, während der Tag voranschritt. Er nickte in der Gewissheit, dass sie beinahe zurück am Strand waren.

Mit einem Zucken griff er hinter sich und ging in die Hocke. »Komm schon. Wir sind fast da.«

Attikos war am Verdursten, aber er hatte Angst davor, zurückgelassen zu werden. Es war eine Sache, im Kampf zu sterben, aber eine ganz andere, sich vorzustellen, wie er von rachedurstigen Frauen entdeckt wurde, nachdem die Athener fort waren. Frauen konnten grausam sein, dass wusste er ziemlich gut. Ehrlich gesagt schlimmer als Männer, jedenfalls, wenn niemand zusah. Auf die Art erinnerten sie ihn an Delphine …

Er begriff, dass er kurz vor einem Fieberwahn war, und schüttelte den Kopf. Dann ergriff er Perikles um den Hals und überging den üblen Schmerz seines herabhängenden Beins.

»Also weiter, Pferdchen«, murmelte Attikos und machte ein schnalzendes Geräusch. »Los geht’s.«

Perikles fluchte, als er dessen Last schulterte, aber er geriet nicht ins Wanken. Nur noch ein wenig weiter.

 

Die beiden Männer stolperten über die Dünen und hielten an. Attikos ließ sich von Perikles herabgleiten, sodass er auf einem Bein stehen konnte, während der Meereswind seinen Schweiß trocknete. Stöhnend benutzte er beide Hände, um sich auf einem Grasklumpen niederzulassen, und streckte sich ohne jede Scham aus. »Mir wär’s lieber, wenn die Kerle mich nicht so sehen würden«, sagte er mürrisch.

Perikles blinzelte. »Was, nackt?«, fragte er.

Attikos sah ihn an. »Wen kümmert das schon? Die können jederzeit meinen weißen Arsch sehen, wenn sie mit mir rennen wollen. Nein, ich meine nicht so … verwundet.« Er biss die Zähne zusammen, als hätte Sand einen Weg in seinen Mund gefunden. »Wie ein Kind getragen zu werden. Wenn du mir etwas Holz für Schienen herholst und einen Speer, auf den ich mich stützen kann, dann schaffe ich es selbst hinunter.« Er überlegte einen Moment. Der Wind hatte zugenommen, und er zitterte. »Und auch noch einen Umhang. Wenn du einen finden kannst. Such nicht nach einem, nur falls du zufällig einen siehst.«

Perikles wartete ab, ob er noch mehr sagte, aber Attikos starrte nur auf die Leichen, die im Sand und in der Brandung lagen, und versuchte auszumachen, was für ein Kampf hier stattgefunden hatte. Die Boote der Seeräuber waren eindeutig schnell hereingekommen und hoch am Ufer auf Strand gelaufen. Perikles wünschte sich, er hätte den ersten Zusammenstoß gesehen, als sie plötzlich begriffen hatten, dass sie unterlegen waren.

Zwei dieser Boote waren in Brand gesteckt worden. Rauchwolken erhoben sich in die Luft. Ein drittes begann gerade zu brennen, während Attikos und Perikles es mitansahen. Attikos grinste in sich hinein. Plünderer und Diebe waren hilflos gegenüber ausgebildeten Hopliten. Er wandte sich an Perikles, um ihm ebendas zu sagen, aber der junge Mann ging unvermittelt einfach weiter, steif wie eine verwundete Frau, so ziemlich jedenfalls. Hätte er ihm dafür danken sollen, dass er ihn den ganzen Tag über getragen hatte? Er vermutete, dass Perikles das dachte. Aber was für eine Wahl hatte der Junge schon gehabt? Das Schicksal hatte beiden ihre Rollen zugewiesen, als der Boden nachgegeben und Attikos eine Klippe hinabgestürzt hatte. Attikos dachte, wenn es andersherum gewesen wäre, dann hätte er Perikles über die gesamte Insel getragen. Genau das war Pflichterfüllung – und Jugend natürlich. Außerdem eine gute Blutlinie, fügte er in Gedanken hinzu, wobei er sich an den Vater des Bürschchens erinnerte. Nein, man dankte einem Mann nicht, wenn man keine Wahl hatte. Das war einfach vernünftig.

Perikles kehrte mit einem überschüssigen Umhang und einem ihrer Schiffszimmermänner zurück. Der Mann öffnete eine lederne Rolle voller Werkzeuge und schiente den gebrochenen Fuß mit ruhiger Geduld. Dabei schnaufte er leise zischend durch die Nase, was wie die Wellen klang, die sich am Strand brachen. Als Attikos bereit war, half Perikles ihm, sich zu erheben, und die drei humpelten zu Kimon, der die Nachwehen des Kampfes übersah.

Kimons Augenbrauen hoben sich, als er Attikos sah. Dem folgte jedoch ein Lächeln anstelle einer Rüge, wofür beide dankbar waren. »Wir haben ungefähr die Hälfte von ihnen umgebracht«, sagte er. »Der Rest ist in die Hügel entkommen.«

Wie er so bequem dastand, während seine Männer den Strand nach allem absuchten, was von Wert war, strahlte er eine ruhige Zufriedenheit aus. Ihre eigenen Schiffe befanden sich etwas weiter weg, eine Distanz, die Attikos resigniert beäugte.

Kimon sah Perikles’ Enttäuschung und begriff sofort. Der jüngere Mann war verschrammt und schmutzig. Eines seiner Beine war bis zum Knie schwarz von Schlamm, in den es eingesunken gewesen war, und seine Haut war eine einzige Landkarte an Insektenstichen und Rissen von Dornen. Er hatte an dem Kampf keinen Anteil gehabt. Stattdessen hatte er eine elende Zeit hinter sich, in der er nur einen einzigen Mann zurückgebracht hatte. Kimon grinste. Das war ein guter Tag.

»Es spielt keine Rolle«, sagte er ihnen. »Wir haben Theseus selbst an Bord. Deshalb sind wir nach Skyros gekommen! Dein Vater würde es verstehen, Perikles. Du hast Attikos den ganzen Weg von der Grabstätte bis hierher geschafft?« Mit einem staunenden Kopfschütteln lobte er den jungen Mann. »Das hast du sehr gut gemacht.«

Perikles lief rot an und senkte den Kopf. Attikos dagegen sah für einen Moment auf. Seine Geschichte, dass man ihn über eine Insel getragen hatte, war weniger heldenhaft. Trotzdem war er froh, wieder in der Welt zurück zu sein, die er kannte, und nicht mehr auf dieser endlosen Reise mit einem gebrochenen Bein, das bei jedem Schritt durchgerüttelt wurde. Er war erschöpft und hatte Schmerzen, und nichts davon zeigte er Männern, die halb so alt waren wie er. Das hier war Kimons Sieg, sein Streifzug.

»Wenn du etwas zu einer Krücke machen kannst«, murmelte er dem Zimmermann zu, »ist eine Drachme für dich drin.«

Der Mann betrachtete ihn und schätzte seine Größe ein. In der Nähe lag ein zerbrochenes Ruder im Sand, und er hob es auf und händigte es ihm wortlos aus. Attikos war drauf und dran, ihm zu sagen, dass jeder Dummkopf das hinbekommen hätte, aber das Ding hatte eine gute Länge, und er konnte sich ohne zu viel Unbequemlichkeit auf das Ruderblatt lehnen. Widerstrebend fischte Attikos mit einem Finger eine Münze aus seiner Wange und warf sie ihm zu. Der Zimmermann fing sie mühelos auf und grinste, während er zurück zu den Schiffen ging. Die Mannschaften wurden immer geschäftiger, als sie sich darauf konzentrierten, zumindest eines von ihnen ins Wasser zu bekommen, wo es die anderen aufs Meer hinausschleppen konnte.

»Kannst du gehen?«, fragte Kimon.

Attikos nickte.

»Dann los. Hier gibt es nichts mehr für uns.«

Attikos schaffte es, weiterzuhumpeln, während Perikles, immer noch auf seinen Schützling achtgebend, wie eine Kinderfrau danebenstand.

»Es ist schon in Ordnung, Kyrios«, sagte Attikos. Er hatte es mit Schärfe sagen wollen, aber es kam als Dank heraus, was ihm peinlich war. Er freute sich, wieder unter Freunden zu sein, und ermahnte sich, dass er nicht so ein altes Weib sein und durchhalten sollte.

Die Luft, die von der See herein kam, war sauber und frisch. Die drei Männer gingen an ein paar weiteren Leichen am Strand vorbei. Perikles betrachtete sie, als sie nahe an ihnen vorbeikamen. Er sah die tiefe Bräunung von Fischern sowie dünne Arme und Beine. Die Piraten sahen nicht gerade nach Kriegern aus, wie er bemerkte. Die Hopliten hatten sie wohl so schnell erschlagen, wie sie hatten landen können. Mit Lochagoi zur Hand, die sie von einem wilden Vorstoß im Kampfrausch abhielten, musste es ein reines Abschlachten gewesen sein. Er ertappte sich dabei, dass er sich fragte, ob Thetis’ Ehemann überlebt hatte und ob sie ihn wieder willkommen heißen würde. Hatte er es sich eingebildet, dass er sie anziehend gefunden hatte? Ihre Augen waren auf jeden Fall bemerkenswert gewesen, mehr grau als braun. Er schüttelte im Gehen den Kopf, amüsiert über sich selbst. Kimon sah zufrieden aus, und daher hob sich seine Stimmung. Sie hatten Theseus!

Es brauchte sechs Ruderer, um eine Art Stuhl aus Tauen anzufertigen, mit dem sie Attikos zurück an Bord heben konnten. Er jaulte auf, als sein Bein beim Hineinschwingen gegen den Schiffsrumpf krachte, was alle, die es mitansahen, zusammenschrecken ließ. Sie alle kannten ihn, und die Mienen einiger Männer wiesen mehr als nur ein wenig Vergnügen auf, während sie ihn an Bord hoben.

Eine Trireme von einem hochliegenden Strand aus zu Wasser zu lassen, war kein leichtes Unterfangen. Das erdrückende Gewicht der Schiffe hatte die Kiele tief eingegraben. Kimon hatte abgesehen von den drei Schiffen nur zwei kleine Boote, die für gewöhnlich hinter ihnen hergezogen wurden. Von einem der Boote wurden Taue ausgeworfen, und es begann hin und her zu kreuzen, wobei die ins Wasser fallenden Leinen stramm gezurrt wurden, bis sie wieder daraus auftauchten. Kimon hatte etwa zwanzig Männer von der Mannschaft beordert, den Schiffsrumpf anzuschieben, so viele, wie Platz finden konnten. Ihre Füße rutschten im Sand aus. Der Tag neigte sich dem Ende zu, und er verlor seine gute Laune, als die Sonne unterging und er immer noch auf der Insel festsaß. Er musste nur eines der Schiffe zurück ins Wasser bekommen, damit es die anderen zog. Eine Nacht hier zu verbringen, brachte vielleicht das Risiko eines Angriffs mit sich, wenn die Piraten erneut Mut gewannen. Er konnte sich ein halbes Dutzend Arten vorstellen, auf die sie ihm Kummer bereiteten – Feuerpfeile waren hoch oben auf seiner Liste. Seine geliebten Kriegsschiffe waren auf Strand gesetzt und hilflos, und er sorgte sich um sie, während die Sonne die Hügel golden und rot färbte.

Perikles war dabei, seinen Rücken gegen die Rumpfplanken zu pressen, und gab den Befehl zum Schieben, als er innehielt und eine Hand hob, was den Männern um ihn herum eine Gelegenheit zum Ausruhen gab. Schweißtropfen juckten seine Nase, als sie an ihr herabfielen. Er blickte auf und sah, dass die Piratenboote immer noch brannten. Drei waren zu schwarzen Rippen abgefackelt, während ein anderes schwelte. Doch hinter ihnen waren immer noch ein paar, die von den Griechen übersehen worden waren. Er schlug sich mit der Hand an die Stirn.

»Lochagoi, hier zu mir!«, rief er. Zwei der Kapitäne, die am nächsten bei ihm standen und ebenso besorgt wie er und Kimon über ihre exponierte Stellung waren, kamen zu ihm getrottet. Perikles wies auf die Boote. »Schafft so viele Ruderer wie möglich da hinein. Macht neue Leinen fest und rudert mit den anderen beiden. Betet zu Poseidon, dass es ausreichen wird, um uns von diesem Strand herunterzuziehen.«

Sie verschwendeten keine Zeit, sondern pfiffen die Ruderer herbei, die in dunklen Gruppen zusammenstanden und nervös die Hügel beäugten. Etwa sechzig von ihnen rannten wie um die Wette mit dem schwindenden Licht los. Sie ließen Waffen und Rüstungen zurück, schoben die Boote der Plünderer ins seichte Wasser und sprangen dann hinein. Den dunklen Formen schienen Spinnenbeine zu wachsen, als sie übers Meer sausten und vom Ufer abdrehten. Das hier war Arbeit, die sie gewohnt waren. Andere an Bord warfen Taue vom Heck herab, als sie vorbeikamen, und sahen mit an, wie Schlingen in der Düsternis verschwanden und die Boote in der Ferne bis zum Ende der Taulängen zusammenschrumpften. Nach und nach hoben sich diese Taue und wurden stramm. Steuermänner gaben den Übrigen am Strand Zeichen, und Männer rannten die Schiffslänge entlang und hingen über dem Bug, um auf diejenigen hinabzuschauen, die bereit zum Anschieben waren. Mit wütenden Schreien wurden sie zurück zum Heck geschickt, wo ihr Gewicht mehr Nutzen haben mochte.

»Jetzt, Männer!«, rief Perikles denen um sich herum zu und presste sein Gewicht mit aller Kraft gegen den Kiel. »Eins, zwei und drei … eins, zwei und drei!«

Sie schufteten gemeinsam, und auf einmal löste sich der Griff um den Rumpf, sodass das Schiff den Kies hinabglitt und mit wildem Hin-und-her-Schaukeln hart ins Wasser spritzte. Es war quicklebendig, während es eben noch wie tot gewesen war. Die umstehenden Männer stießen bei dem Anblick Jubelschreie aus, die von den bereits zurückkehrenden Mannschaften der Boote wiederholt wurden. Die Sonne war untergegangen, und es war dunkel, aber sie saßen nicht mehr länger fest. Es war egal, ob sie die ganze Nacht damit verbringen würden, um den Rest ins Wasser zu schleppen. Sie waren Männer der See, und die See hatte sie sich zurückgeholt.

Als das letzte der drei Schiffe mit ausgezogenen Rudern flottgemacht war, steckte Kimon die übrigen Piratenboote an. Die Überlebenden würden mit der Zeit neue bauen, aber inzwischen würden sie eine ganze Weile nicht mehr ausfahren, um vorbeikommende Schiffe anzugreifen oder andere Inseln auf der Suche nach Frauen oder Sklaven zu überfallen. Er wartete, bis die Brände sich ausgebreitet hatten, während Stolz ihn anfüllte. Er wünschte, sein Vater hätte es noch erlebt, dass Theseus’ Gebeine entdeckt worden waren.

Sein Flaggschiff schwamm in Wasser, das gerade tief genug war, dass es nicht den Kiel berührte. An diesem Sandstrand gab es keine Felsen, aber Kimon wusste, dass er sich darauf freuen würde, wieder tiefe See unter sich zu haben. Über eine Reihe von Sprossen, die zum Besteigen des Schiffs am Rumpf befestigt waren, kletterte er an Bord. Seine beiden Ruderer fingen ein Tauende, das ihnen zugeworfen wurde, und banden es fest. Kimon stand still, als in der Ferne eine hohe, verzweifelt klingende Stimme erklang.

»Was war das?«, fragte er und starrte in die Dunkelheit. Die brennenden Boote verbreiteten etwas Licht, aber in der Nacht sah er schlecht, und er konnte nichts erkennen. Er war erleichtert, als Perikles an die Bordwand trat und auf etwas deutete.

»Da rennt jemand …«

Am Strand war eine blasse Gestalt, die auf sie zulief.

»Sonst noch jemand?«, fragte Kimon, der blinzelnd seinen Kopf hierhin und dorthin drehte.

»Nein, nur einer«, sagte Perikles. Er gab einen überraschten Laut von sich, als die rennende Gestalt mit einem Klatschen, das an alle Ohren drang, ins Wasser fiel. Sie schlug mit den Armen um sich, dass weißer Schaum aufspritzte.

»Dann wirf ihm ein Tau zu«, sagte Kimon. »Ist es jemand von uns?«

»Ich glaube nicht …«, sagte er. »Nein, das ist sie nicht.«

Alle sahen mit an, wie Thetis das Tauende ergriff, das man ihr zuwarf. Unbeholfen klammerte sie sich daran, sodass sie an der Schiffswand emporzusteigen schien. Kimon gestikulierte, und ein paar kräftige Ruderer zogen sie den Rest des Weges an Bord hoch, packten sie und stellten sie auf Deck.

»Asyl!«, sagte sie mit von Seewasser und Angst halb erstickter Stimme. »Ich bin eine Griechin, aus Theben. Ich bitte um Asyl.«

»Ist das nicht …?«, fragte Kimon.

Perikles nickte. »Die, die uns zu dem Grabmal geführt hat.«

»Mit deiner Rückkehr zu uns hast du eine seltsame Entscheidung getroffen«, wandte Kimon sich an sie.

»Die glauben, dass ich die Männer verraten hätte«, sagte sie. »Mein Ehemann ist tot, und für mich gibt es hier nichts mehr. Also: Ich bin eine freie Griechin – und eine Gefangene hier. Wenn du der oberste Befehlshaber bist, dann ist es deine Pflicht, mich unberührt und unversehrt zum Festland zu bringen. Das ist alles, worum ich bitte. Ich werde dann schon meinen Weg heimfinden.«

Perikles konnte sehen, dass sie fröstelte. Ihr Haar hing in dicken Strähnen herab, und ihr Kleid war zerrissen und schmutzig, so dunkel wie das Deck, auf dem sie stand. Dennoch wartete sie mit einigem Mut auf eine Antwort. Er bewunderte sie dafür und öffnete den Mund, um etwas zu ihrer Verteidigung anzubringen.

»Na gut«, erwiderte Kimon, ehe er etwas sagen konnte. »Du bist aus dem Meer gekommen, und ich will dich nicht wieder dorthin zurückschicken und Poseidons Ärger riskieren …«

»Kyrios, stehe ich unter deinem Schutz?«, fragte sie.

Das war keine Kleinigkeit, und Verzweiflung zeigte sich in ihrem festen Blick. Wenn er sich weigerte, besaß sie nicht mehr Status als eine Gefangene. Auf seinen Befehl hin konnte sie zu einer Sklavin gemacht werden, als Entschädigung für die Kosten des Streifzugs. Kimon traf die Entscheidung auf seine schnelle Art. Er nickte. »Du hast mein Wort darauf. Also, ich werde dich in Athen an Land setzen, oder …«

»Strategos! Schiffe!«, brüllte eine Stimme.

Augenblicklich war die Frau vergessen. Kimons Schiffe waren alle drei nah am Ufer, ohne Platz für Manöver. Mehr Schreie ertönten, und zwei der Schiffe begannen dennoch mit den Rudern im Wasser eine Wende, um sich der Bedrohung zu stellen. Es war zu spät. Perikles blickte in die Nacht hinaus, in der der Mond niedrig und dick am Horizont hing. Beim Anblick der sechs Kriegsschiffe, die sich an sie herangepirscht und abgefangen hatten, während sie abgelenkt gewesen waren, musste er schlucken. Er fragte sich, ob der Rauch der brennenden Boote sie an diesen Ort gelockt hatte.

»Wir werden die Schiffe auf Strand setzen müssen«, sagte Kimon grimmig. »Die haben uns hier kalt erwischt. Wir haben bessere Aussichten an Land.«

»Warte …«, murmelte Perikles. »Bitte, nur einen Moment …«

Er beobachtete den Schwung der Ruder und erinnerte sich an die Seeschlacht von Salamis. Das waren keine persischen Schiffe, da war er sich sicher. Sie hätten Zwillinge des großen Gefährts unter seinen Füßen sein können, dem Erzeugnis der athenischen Schiffswerften.

»Ich glaube, es sind Griechen«, sagte er. »Ich bin mir sicher. Die Hauptflotte.«

Kimon, der es hasste, sich auf die Augen anderer Männer verlassen zu müssen, ballte seine Hände zu Fäusten und öffnete sie wieder. Perikles schluckte, als er sah, dass die Neuankömmlinge Boote zu Wasser ließen. Feinde hätten versucht, ihnen die Ruder abzuscheren oder sie vom tiefem Wasser aus zu rammen, während sie hilflos waren. Er dachte, vielleicht hätte Kimon seine eigenen Boote draußen lassen sollen, um ihnen Zeichen zu geben. Sie waren immer noch dabei, zu lernen, wie man sich auf dem Meer bewegte. Es wirkte wie ein weiterer Anfängerfehler, dass sie sich mit dem Rücken zum Ufer hatten überraschen lassen.

»Bringt uns ein wenig weiter hinaus«, befahl Kimon. »Nur so weit, bis wir tiefes Wasser unter uns haben. Werft dort den Anker aus.«

Während er noch sprach, grüßte sie jemand fröhlich in der Sprache ihrer Heimat in dem Boot, das sich ihnen am weitesten genähert hatte. Die Männer um Kimon verloren ihre starre Anspannung in leisem Gelächter und gemurmelten Bemerkungen.

Kimons Blick dagegen blieb kalt, als er über die halb ertrunkene junge Frau glitt, die ihn beobachtete. Er lächelte nicht. Wenn die seltsamen Schiffe auch von der Hauptflotte stammen mochten, so würden sie sicher seine Befehlsgewalt übernehmen. Nur für eine kurze Zeit hatte er die Freiheit von Perseus oder Jason gekannt, oder die des jungen Theseus selbst. Finster blickte er drein.

»Steh uns einfach nicht im Weg herum«, sagte er.

Thetis nickte, ihre Augen waren groß und dunkel in der Nacht.

 

Aus dem Boot, das längsseits gegen den Rumpf stieß, kletterten drei Männer zu ihnen herauf. Zwei von ihnen ließen dies trotz des Schwankens, das von dem vor Anker liegenden Schiff ausging, leicht aussehen. Der Dritte ging langsam und setzte jeden Griff und Schritt mit der Vorsicht von jemandem, der schon einmal dabei heruntergefallen war und nicht wollte, dass ihm das wieder passierte.

Das jüngere Paar war nach der Art von Hopliten bewaffnet, wenn sie auch ihre Schwerter auf Kimons Deck in den Scheiden ließen. Sie sagten nichts, und alle Köpfe wandten sich dem Letzten zu, der zu ihnen hochkletterte, an der Bordkante innehielt und einen Arm ausstreckte.

»Eine Hand hier«, sagte Aristides.

Perikles trat vor und half dem alten Mann auf die Beine. Aristides keuchte leicht und schüttelte den Kopf, als er sich umblickte.

Kimon ließ sich auf ein Knie nieder und erhob sich dann. Es war das absolute Minimum an Höflichkeit gegenüber einem Archon von Athen, jemand, dessen Name Jahre im Kalender geschmückt hatte.

»Es ist mir eine Ehre, dich zu Gast zu haben, Archon Aristides«, sagte Kimon.

»Das nehme ich an«, erwiderte Aristides. Er grinste unter dem Mondlicht. »Es ist ebenfalls gut, dich zu sehen, Kimon. Wir haben die halbe Flotte ausgeschickt, um dich zu suchen. Ich bin so froh, dass ich derjenige bin, der dich gefunden hat, um dich mitzubringen.«

»Mitzubringen? Wohin?«, fragte Kimon. Er war angespannt, und Perikles blickte von einem zum anderen.

»Zur Insel Delos«, sagte Aristides, »zwei, drei Tage südlich von hier. Wir haben alle unsere Verbündeten an einem Ort zusammengerufen. Ehrlich gesagt, ich glaube, du bist so ziemlich der Letzte, jetzt, da ich dich gefunden habe. Wir konnten dich nicht außen vor lassen, nicht nach all dem, was du getan hast.«

Aristides runzelte leicht die Stirn, während er über die dunkle Insel hinwegblickte, wo immer noch Boote wie Lagerfeuer in der Nacht brannten. »Warum bist du eigentlich hier? Ich habe Schiffe bis nach Thrakien im Norden ausgeschickt, um dich zu suchen. Ich hatte schon beinahe aufgegeben, dich je zu finden. Wenn ich den Rauch nicht gesehen hätte, wäre ich geradewegs vorbeigefahren.«

Kimon rieb sich in Gedanken die Stirn. Als er aufblickte, musste Perikles beim Anblick von dessen Miene grinsen, in der Bescheidenheit und Stolz miteinander rangen. »Wir haben Theseus’ Gebeine gefunden«, sagte Kimon.

Es war befriedigend mitanzusehen, wie der Gesichtsausdruck des alten Mannes sich veränderte. »Das ist … bei den Göttern! Das sind großartige Neuigkeiten. Ein gutes Omen für die Verhandlungen auf Delos!«

»Was für Verhandlungen?«, fragte Perikles.

Aristides wandte sich ihm zu. »Ihr seid zu lange fort gewesen. Die Verhandlungen für die Hellenen, für die Zukunft – für die Flotte, die zusammenkam, um Persien auf dem Meer zu besiegen. Es ist ein großes Unterfangen, und dein Vater hat viel getan, um es möglich zu machen, Perikles. Obwohl er … gelitten hat und immer noch leidet. Er lebt, um es noch zu erleben. Oh, er soll dir den Rest selbst erzählen. Xanthippos wird sich freuen, dich zu sehen, das weiß ich. Kommt, ihr Herren. Rastet heute Nacht und rudert mit mir am Morgen nach Süden. Mit dem Segen von Athene und Poseidon denke ich, ihr werdet etwas Neues in der Welt sehen.«

Er streckte die Hand aus, und Kimon ergriff sie fest. Aristides ließ sie nicht los, als er weitersprach. »Kann ich die Gebeine des Königs sehen?«

Kimon lächelte und nickte. »Mein Vater Miltiades hat immer gut über dich gesprochen, Aristides«, sagte er. »Danke, dass du nach uns gesucht hast. Was auch immer auf Delos passiert, ich würde es gerne sehen.« Er ergriff den alten Mann bei der Schulter. »Bringt eine Lampe!«, rief er.