8

Für den Geburtsort eines Gottes war der Tempel des Apollo überraschend bescheiden. Perikles hatte zumindest eine Stadt erwartet, oder etwas, das mit den großen Tempeln mithalten konnte, die die Akropolis geschmückt hatten, bevor die Perser gekommen waren. Stattdessen war es ein einfaches Gebäude aus weißem Stein, das von Fackeln erleuchtet wurde. Es war lang und flach, ohne getrennte Flügel, und wies ein Ziegeldach auf. Er fragte sich, wo die Priester den Rest des Jahres über lebten, wenn sie überhaupt auf Delos blieben.

Unter dem von Säulen gestützten Dach nannte er einem Hopliten, der Wache stand, sowohl Kimons als auch seinen Namen. Der junge Mann war ein Fremder, aber er schien zu glauben, dass es seine Aufgabe war, sie weiter hinein zu geleiten, und gab ihnen ein Zeichen, ihnen zu folgen. Kimon zuckte kaum merklich die Achseln. Er war gerufen worden, und er war gekommen. Was auch immer Xanthippos und Aristides in diesem Jahr geschaffen hatten, gehörte nicht zu seinen Aufgaben. Er befürchtete nur, dass sie sich übernommen hatten. Alte Männer ließen oft die ruhmreichen Tage ihrer Jugend wiederaufleben – und manchmal trachteten sie zu lange danach, die Flamme am Brennen zu halten. Er verehrte sowohl Xanthippos wie auch Aristides, aber er fürchtete ihre Pläne und Ambitionen, zumindest insofern sie Sparta nicht begriffen.

Perikles zögerte, als er über die Frau nachdachte, die sie an diesen Ort gebracht hatten. »Du kannst hier warten, wenn du willst«, sagte er zu Thetis.

Der Hoplit wartete ungeduldig, während er sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagerte.

»Du willst mich loswerden«, sagte sie.

Perikles, der ihr nur halb zugehört hatte, nickte, während er bereits einen Blick an ihr vorbei ins Allerheiligste des Tempels warf.

Dort brannte Holzkohle in einer gewaltigen Bronzeschale. Im flackernden Licht konnte er einzelne Gruppen in einem Aufgebot an schön gefärbten Kleidern ausmachen, die sich unterhielten und tranken. Er antwortete nicht, bis Thetis sich zu ihm herüberlehnte, um seine Betrachtung zu unterbrechen.

»Was? Nein, ich habe überhaupt kein Interesse an dir«, sagte er schroff. »Kimon hat sein Wort gegeben, dass er dich an einen sicheren Ort bringen würde. Ich respektiere nur den Anteil, den ich daran habe.« Er winkte ab. »Darüber hinaus bist du mir egal. Warte hier.«

»Alleine? Ich wäre nicht sicher.«

Missmutig blickte Perikles sie an. Thetis lag nicht gerade falsch, obwohl er es sich nur schwerlich vorstellen konnte, dass irgendein Abgesandter oder eine ihrer Leibwachen ein Interesse an einer Frau ohne Begleitung haben könnte, während wichtige Staatsaffären vor sich gingen. Wo er stand, konnte er die Akzente eines Dutzends verschiedener Gegenden hören. Wenn Aristides recht hatte, war dies ein Moment von Ehrfurcht und Staunen – und er musste seinen Vater sehen. Als er zögerte, räusperte sich der Hoplit.

»Also gut«, sagte Perikles. »Bleib bei mir und sag kein Wort. Schaffst du das?«

Thetis nickte und lächelte. Es veränderte sie so vollständig, dass er einen Augenblick innehielt, während er sich umwandte. Der Hoplit hatte abwartend an die Decke gestarrt. Jetzt führte er sie den langen Mittelgang entlang nach drinnen.

Perikles ging an einem Dutzend Gruppen von Männern vorbei, unter denen sich auch ein paar ältere Frauen befanden. Eine oder zwei von ihnen, die erlesene Roben trugen, waren sicherlich Priesterinnen der Artemis. Er vernahm, wie Thetis scharf den Atem einsog, als sie an einer von überragender Schönheit vorbeikamen. Sie unterhielt sich leise mit jemandem, der wie ein wohlhabender Adliger aus Thrakien aussah. Die Priesterin hielt ein Rehkitz an einer Leine. In ihr Gespräch vertieft, wickelte sie das lederne Band um ihr Handgelenk und löste es wieder, während das Reh wie ein kleiner Hund zu ihren Füßen saß. Es hätte angesichts einer Frau, die sich der Göttin geweiht hatte, kein überraschender Anblick sein sollen. Dennoch trug es zu der Atmosphäre von Unwirklichkeit bei, die an diesem Ort vorherrschte. Alles hier, erhellt von Fackeln und knisternden Öllampen, war Gold und Schatten – und mitten im Zentrum, bei der ewigen Flamme, stand sein Vater Xanthippos. Der Archon von Athen, der sich schwer auf eine Krücke aus Eisen und Olivenholz stützte, war gebeugter, als Perikles ihn in Erinnerung hatte.

Der Hoplit aus dem äußeren Bereich unterbrach die Unterhaltung mit einer tiefen Verbeugung. Perikles hatte das Gefühl, dass sein Vater sich mit dem anderen Mann, der scharf dreinblickte und verärgert wirkte, gestritten hatte. Xanthippos war schon dabei, den Hopliten mit einer Geste zu verscheuchen, doch dann sah er seinen Sohn und Kimon zusammen mit Thetis, die sich einen Schritt hinter ihnen hielt und sich große Mühe gab, nicht bemerkt zu werden.

Ein Moment der Stille trat ein, als sein Vater ihn anstarrte. Perikles fühlte dessen Beurteilung wie ein Gewicht.

»Perikles«, sagte Xanthippos kühl. »Kimon. Ihr seid gerade noch rechtzeitig gekommen. Eine ganze Woche lang habe ich gedacht, ihr würdet es nicht hierher schaffen.«

»Es ist auch schön, dich zu sehen, Vater«, sagte Perikles.

Xanthippos ignorierte die Antwort und wandte sich wieder seinem Gefährten zu. »Cepherus, das hier ist Kimon, der Sohn des verstorbenen Archons Miltiades, der bei Marathon die Befehlsgewalt hatte. Sein Begleiter ist mein jüngster Sohn Perikles.«

Er schien nicht das Gefühl zu haben, seinerseits seinen Bekannten vorstellen zu müssen. Es legte nahe, dass Cepherus jemand von hohem Rang war, vielleicht aber auch einfach, dass Xanthippos noch nicht gelernt hatte, seinen Sohn wie einen Mann zu behandeln. Perikles war nicht entgangen, dass er sie beide als Söhne von anderen beschrieben hatte. Er selbst war das von seinem Vater gewöhnt, aber wegen Kimon bebte er vor Empörung. Kimon hatte einen Teil der Flotte bei Salamis befehligt. Man schuldete ihm Respekt.

Der Unbekannte nickte den beiden Männern zu. Er schien sich damit zufriedenzugeben, zurückzustellen, was auch immer er und Xanthippos diskutiert hatten, zumindest für den Moment. Sein Blick glitt über Thetis, doch er fragte nicht nach ihr, sondern zog seine eigenen Schlüsse.

»Ich höre, dass ihr etwas mitgebracht habt«, sagte Cepherus. Perikles hob die Augenbrauen, und der ältere Mann lachte. »Neuigkeiten verbreiten sich schneller als Feuer, schneller, als ihr vom Hafen hierherlaufen konntet. Es stimmt also? Ist es Theseus?«

Xanthippos wandte sich ihnen mit frisch erwachtem Interesse zu, und Perikles fiel auf, dass hier zumindest einer war, der die Neuigkeit noch nicht gehört hatte. Zweifellos war sein Vater zu beschäftigt für unnütze Gerüchte. Er sah reichlich erschöpft aus.

»Er ist es«, sagte Kimon, der beschloss, an der Unterhaltung teilzunehmen. »Er lag unter behauenem Stein auf einem Hügel, der die Küste überblickte, ein Krieger von außergewöhnlicher Größe in der Rüstung von Athen.«

Er hob seine Hand, und Perikles blickte auf einen dicken Ring aus Gold, der ihm zuvor nicht aufgefallen war. Kimon musste ihn den Knochen entnommen haben, während er Attikos gerettet hatte.

»Der hier gehörte ihm«, sagte Kimon.

Xanthippos tippte seinen Stock auf den Steinboden, als er vortrat. Cepherus beugte sich gemeinsam mit ihm vor, und beide betrachteten den Goldring.

»Ein Eulenwappen«, sagte Xanthippos. »Das Siegel eines Königs von Athen.«

Überraschung lag in seiner Stimme, und Perikles weidete sich daran.

»Allerdings hast du kein Recht darauf, ihn zu tragen, Kimon«, fügte Xanthippos hinzu.

Ihr Lächeln fror ein, als Xanthippos seine Hand ausstreckte.

»Vater, ich denke nicht …«, begann Perikles.

Kimon hatte bereits wieder die Maske aufgesetzt, die alle seine Gefühle verbarg. Er schüttelte den Kopf. »Nein, Perikles. Archon Xanthippos hat natürlich recht. Er gehört mir nicht, nur weil ich ihn gefunden habe. Er gehört nach Athen. Hier, Kyrios.«

Er händigte ihn aus, während um ihn herum viele Augen auf ihn gerichtet waren. Die kleine Szene war nicht unbemerkt geblieben, und sie waren zum Zentrum einer faszinierten Gruppe geworden.

Xanthippos ließ den Ring in einem Beutel verschwinden und neigte den Kopf. Kimon hatte ihn eindeutig beeindruckt.

»Danke dir«, sagte er. »Du erinnerst mich an meinen Sohn Ariphron. Der gleiche Sinn für Pflichterfüllung.« Er hielt nur einen Moment lang inne, ehe er fortfuhr. »Wenn wir nach Hause zurückkehren, werde ich die Volksversammlung bitten, die Geldmittel für einen neuen Tempel mit einer Statue von Theseus auf der Akropolis zu bewilligen. Das bedeutet mir mehr, als ich sagen kann.«

Für einen Augenblick starrte er in die Ferne. Wieder bemerkte Perikles mit einem Stirnrunzeln, wie sehr sein Vater gealtert war. Der Gehstock war neu. Die Hand seines Vaters zitterte auf dem Griff, durchzogen von Schmerzen.

Xanthippos schüttelte ab, was auch immer ihn bewegt hatte. »Ihr seid zu der morgigen Zeremonie willkommen. Der Eid wird an Land geleistet werden, aber besiegelt auf Schiffen. Es wird sehenswert sein, denke ich. Etwas, das ihr euren Kinder erzählen könnt.«

»Das freut mich«, erwiderte Kimon, »aber kann ein Bündnis ohne Sparta rechtmäßig sein?«

Schweigen schien sich über den Tempel zu legen. Selbst die Echos der Schritte verebbten. Nur die Holzkohle schnaufte und knisterte. Perikles musste schlucken. Kimon erwiderte den kalten Blick seines Vaters ohne ein Anzeichen von Schwäche, eine Erinnerung daran, dass er ihm den Ring des Theseus nicht aus Furcht gegeben hatte, sondern weil er sich dazu entschlossen hatte. Kimon war von den illustren Obrigkeiten in diesem Raum weder ergriffen noch eingeschüchtert. Nicht einmal von Xanthippos, dem Ersten unter den Athenern.

»Wir sind freie Männer, Kimon«, sagte Xanthippos. »Ich bat Sparta, sich uns anzuschließen, zusammen mit den anderen Stadtstaaten auf dem Peloponnes. Sie entschlossen sich, wegzuschauen. Das vermindert weder unseren Eid noch unsere Absicht. Wir werden morgen etwas Neues in der Welt erschaffen. Ich denke, du wirst es dann verstehen.«

Unter dem Klirren von Bechern und leisem Lachen nahm die Menge ihre Gespräche wieder auf. Xanthippos wandte sich ein wenig ab, sodass er die beiden jungen Männer aus der Unterhaltung, die sie unterbrochen hatten, ausschloss. Mit gesenktem Kopf setzte er sein Gespräch fort. Kimon wurde still, so als sei er beleidigt worden. Er öffnete noch einmal seinen Mund, schloss ihn dann aber und ging fort. Perikles blieb mit Thetis zurück. Er nahm einen Becher Wein von einem Bediensteten an und trank ihn bis zur Neige leer. Thetis blickte ihn fragend an, als er sie außer Hörweite seines Vaters zog.

»Was für ein harter Mann«, sagte sie.

Perikles fuhr zu ihr herum. Er wirkte verletzt, oder beleidigt. »Er war nicht … du hast ihn nicht gekannt, als ich aufwuchs. Er wurde aus Athen verbannt, verstehst du das? Ich war gerade mal ein Kind, als sie ihn fortschickten. Ein schwacher Mann hätte sie alle verachtet, hätte es in sich gären lassen … aber nicht er. Er legte seinen Stolz ab, als er zurückgerufen wurde – weil sie ihn brauchten. Weil niemand sonst die Flotte hätte anführen können.«

»Für dich ist er ein Held«, sagte sie.

Sie stand dicht bei ihm, und er konnte Rosen riechen, als ob ihre Wärme den Duft dazu brachte, sich zu erheben. Er fragte sich, wie sie in der Zeit, seitdem sie die Insel betreten hatten, an Rosenöl herangekommen war.

»Er ist ein großer Mann, was auch immer ich von ihm halte. Egal, was er über mich denkt.«

Eine Furche erschien zwischen ihren Augen, als sie über das nachdachte, was er gesagt hatte. Sie wollte schon zu sprechen beginnen, hielt sich dann aber mit deutlicher Willensanstrengung zurück. Stirnrunzelnd sah er sie an. »Was?«

Thetis seufzte. »Der Mann, den ich meinen Ehemann nannte … er kam immer mit seinen Problemen und Sorgen zu mir. Ich ging sie dann mit ihm durch, in Stille und Dunkelheit. Es ist eine alte Gewohnheit, und beinahe hätte ich dasselbe mit dir gemacht. Es tut mir leid.«

»War er also nicht in Wirklichkeit dein Ehemann?«, fragte er.

Sie schüttelte den Kopf. »Mehr der Mann, der mich bei einem Raubzug mit sich nahm, als ich jung und dumm war. Ich war draußen unterwegs und sammelte Muscheln am Ufer ein, während mein Vater handelte – und Hipponicus kam und schnappte mich wie einen kleinen Fisch in seinem Netz. Es gab eine Zeremonie … am Ende nannte ich ihn Ehemann. Er war nicht völlig ohne Freundlichkeit.«

Sie war in ihre Erinnerungen versunken, und Perikles fragte sich, ob er sie wohl so interessant gefunden hätte, wenn sie nicht anziehend gewesen wäre. Es war der Fluch von Männern, in Schönheit mehr zu sehen, als eigentlich da war. Ob sie jung gewesen war, als sie entführt worden war? Er fragte sich, ob sie das überhaupt wusste.

»Es tut dir leid, dass er tot ist …«, murmelte er.

Thetis lachte spröde auf. »Auf der Insel war er mein Schutz. Ich lernte es, ihn glücklich zu machen, sodass er mir nicht wehtat. Verstehst du? Nein, natürlich verstehst du das nicht. Wenn ich nicht ihm gehört hätte, dann wäre da ein Dutzend anderer Männer gewesen, die mich vielleicht mit Gewalt genommen hätten. Bei ihm war ich einfach sicherer, das ist alles. Ich habe immer noch damit zu tun, zu begreifen, dass er wirklich fort ist. Ich wünschte, ich hätte gewusst, dass ihr mich mit an Bord nehmen würdet. Dann wäre ich wohl nicht vor euch weggelaufen.«

Perikles erinnerte sich an Attikos’ Gehässigkeit. Dem Mann war das Blut übergekocht, und in ihm war weniger Freundlichkeit als in dem Mann, den sie Ehemann genannt hatte. Kimon konnte ebenfalls rücksichtslos sein, was sie anscheinend vergessen hatte. Nein, ihr Gefühl hatte gestimmt, dachte er. Es war richtig gewesen, dass sie davongelaufen war.

In diesem Moment kam Kimon zurück. Er blickte sie amüsiert an, wie sie so nah beisammenstanden. Er wurde von einem Akolythen des Tempels begleitet, einem Jungen, der eine Kerze hinter einer Wölbung aus gehämmerter Bronze trug. Sie warf einen Lichtkegel über alle drei.

»Es gibt offenbar eine Art Priesterzelle, die wir haben können. Eine für uns drei, und das ist die letzte, die sie noch zur Verfügung haben. Ich schlafe auf dem Boden. Kommt mit. Was auch immer dein Vater geplant hat, es wird früh am Morgen anfangen.«

Perikles folgte Kimon und Thetis. Plötzlich wurde ihm deutlich die Aussicht bewusst, dass er eine Nacht zusammen mit ihr eingezwängt in einem kleinen Raum verbringen würde. Er fragte sich, ob er überhaupt Schlaf finden würde.

 

Als Perikles erwachte, war es dunkel. Einen Moment lang fragte er sich verwundert, warum er auf einer winzigen Pritsche und nicht in seinen Umhang gehüllt auf dem schaukelnden Deck eines Kriegsschiffes lag. Nach Monaten auf See schien sich der Raum unter ihm zu verschieben. Er blinzelte, dann lag er sehr still, als er die leisen rhythmischen Geräusche erfasste, die ihn aufgeweckt hatten. Er biss die Zähne zusammen, so entrüstet, dass er beinahe hochgesprungen wäre und sie aufgeschreckt hätte. Das Fenster der winzigen Zelle war hoch und schmal, aber es fiel genug Sternenlicht herein, um die beiden Gestalten ausmachen zu können, die sich gemeinsam unter einer Decke bewegten. Perikles durchfuhr Eifersucht. Wütend auf die beiden und auf sich selbst drehte er sich, so leise er konnte, zur Wand. Es dauerte eine lange Zeit, bis ein leiser Schrei zu hören war, der schnell unterdrückt wurde. Danach wurden sie still, wenn er selbst auch wach blieb.