Als Perikles die Augen öffnete, war der Raum leer. Er fluchte, voller Furcht, dass er zu spät war. Er entleerte seine Blase in einen großen Topf und war auf dem Weg nach draußen, als Schritte ertönten und sich die Tür öffnete. Thetis hielt sie mit ausgestrecktem Fuß auf und brachte eine Schale mit dampfendem Wasser herein. »Setz dich«, sagte sie. »Es ist noch genügend Zeit.«
In ihrer Armbeuge trug sie ein Fläschchen mit Öl und zwischen den Zähnen ein Rasiermesser. Als sie die Schale sicher auf einem Beistelltisch abgestellt hatte, deutete sie auf einen Stuhl. In diesem Moment trat Kimon ein, der sich das Gesicht und den Hals mit einem Tuch abrieb und sowohl erfrischt als auch gut gelaunt aussah. Perikles starrte vor sich hin, während die beiden so taten, als sei alles wie zuvor.
Er saß still, als Thetis sich vorlehnte, um seine Haut einzuölen. Ihm fiel auf, dass Kimons Wangen und Kinn frisch rasiert waren. Es war ungewöhnlich für den Strategos, keinen Bart zu tragen. Für die meisten Athener war es ein Zeichen dafür, dass sie das Erwachsenenalter erreicht hatten und für sich selbst verantwortlich waren. Sie schätzten ihre Bärte wegen all dem, was es über sie aussagte. Perikles war versucht, seinen eigenen Bart wachsen zu lassen, das sichtbare Zeichen, dass er ein Mann und nicht mehr länger ein milchgesichtiger Jugendlicher war. Die einzige Schwierigkeit bestand darin, dass sein Bart einfach nicht richtig wachsen wollte.
Er hielt still, während Thetis die Klinge über seine Oberlippe zog. Die Rasierklinge sah ein wenig wie ein Axtkopf aus, mit einem langen, gekrümmten Griffzapfen, sodass sie sie sicher greifen konnte, wenn sie auch schlüpfrig von Öl war.
»Du hast das schon früher gemacht«, murmelte Perikles, als sie innehielt, um die Schneide an einem Tuch abzuwischen, die ihr über eine Schulter hing.
»Bei meinem Ehemann«, sagte sie. »Ich denke, in deinen Augen wäre er arm gewesen, aber im Sommer einen Bart zu tragen, war ihm zu heiß. Sich den Bart scheren zu können war ein Luxus, und er vermisste es. Als wir endlich ein Rasiermesser wie das hier bekamen, habe ich ihn jeden Tag rasiert.«
Sie zog die Klinge über seine Wangen und um sein Kinn. Dazwischen gab es eine Stelle, die niemals hatte rasiert werden müssen. Ihre Finger waren fest und stark, und er spürte eine Mischung aus Sehnsucht, Eifersucht und schlichtem Ärger auf sie beide. Kimon hatte sie eindeutig zu nichts gezwungen. Warum hatte sie dann den älteren Mann ihm gegenüber bevorzugt? Perikles hatte gedacht, es wäre etwas zwischen Thetis und ihm gewesen, aber das hatte eindeutig nicht gestimmt. Wegen dem, was er letzte Nacht entdeckt hatte, kam er sich wie ein Dummkopf vor, oder wie ein Kind, das von einer erwachseneren Welt ausgeschlossen war. Eines war klar: Darüber zu sprechen, würde ihm das bisschen Würde rauben, das ihm noch verblieben war.
»Wir haben keine Zeit mehr, etwas zu essen«, sagte Kimon. »Dein Vater ist bereits auf den Beinen, wenn er überhaupt geschlafen hat. Die gesamte Insel ist auf dem Weg zum Hafen, um diese Allianz zu besiegeln, ihren Bund.«
»Unseren Bund«, korrigierte Perikles ihn. So sehr er auch Kimon verehrte, hatte er an diesem Morgen keine Lust, ihm zuzustimmen.
»Das ist er wohl … trotzdem fürchte ich, dass sie Sparta zu weit treiben werden.«
»Na, vielleicht geht es Sparta auch nichts an, was wir hier machen«, sagte Perikles.
Überrascht blickte Kimon ihn an. Perikles zuckte die Achseln und zischte vor Schmerz, als Thetis ihn schnitt. Ein Tropfen Blut rann ihm die Wange hinab. Sie tupfte es mit dem Tuch ab, das Kimon ihr wortlos gereicht hatte.
»Das hier ist ein Bündnis für den Kriegsfall ebenso wie für den Handel«, sagte Kimon. Obwohl er freundlich sprach, war es dennoch eine Belehrung. »Und in Kriegszeiten befehligt Sparta. Was glaubst du, wie sie reagieren werden, wenn sie hören, dass dieser große Eid sie ausschließt? Zumindest beleidigt es ihre Ehre. Wir hätten ohne sie bei Platäa nicht gewinnen können. Wir hätten verloren und wären erobert worden, Perikles. Das ist eine einfache Wahrheit, keine Wichtigtuerei. Aristides sollte es besser wissen. Dein Vater …«
»Mein Vater weiß sehr gut, wer seine Verbündeten sind – und wer seine Feinde. Sparta kämpfte Seite an Seite mit Hopliten aus Athen und noch einem Dutzend anderer Verbündeter. Ja, sie haben gewonnen! Dafür danke ich den Göttern. Sie kamen hinter ihrer Mauer hervor, weil Athen damit drohte, eher nach Persien in den Krieg zu ziehen, als zuzulassen, dass man unsere Stadt ein drittes Mal niederbrennen würde. Wir haben die Spartaner so beschämt, dass sie in den Krieg gezogen sind, Kimon. Vergiss das nicht. Es war ihnen erst dann wichtig genug, auszurücken, als sie Angst hatten, unsere Flotte könnte in den Händen eines persischen Königs enden! So handeln Freunde und Verbündete nicht. Damals nicht, und jetzt auch nicht, wenn sie uns das hier verweigern. Mein Vater versammelt ein großes Bündnis zum Nutzen von uns allen. Ich sehe das jetzt ein.«
»Was ist heute Morgen in dich gefahren?«, wollte Kimon wissen.
Perikles ging lieber nicht darauf ein, um seine Einwände nicht aufgrund von Eifersucht als kleinlich erscheinen zu lassen. Er hatte recht. Die Tatsache, dass er aus anderen Gründen wütend auf sie beide war, ließ ihn nicht weniger recht haben!
»Gar nichts«, sagte er. Er rieb sich das Kinn und dankte Thetis verhalten, ohne sie direkt anzusehen. »Komm schon. Ob Sparta es nun billigt oder nicht, ich will gerne den Beginn dieses athenischen Bundes sehen.«
Er sah, dass Thetis zusammen mit dem heißen Wasser einen Zahnstocher gebracht hatte. Er ergriff ihn, reinigte sich damit die Zähne und benutzte das scharfe Ende, um einen lästigen Fleischfetzen zu entfernen. Perikles reichte ihn an Kimon weiter, damit er ihn seinerseits benutzen konnte, füllte einen Becher mit dem immer noch dampfenden Wasser und spülte sich damit den Mund aus, ehe er es hinunterschluckte. Er tauchte beide Hände in die Schale und fuhr sich dann mit ihnen durchs Haar, sodass es ihm nicht über die Augen fiel. »Fertig?«, wandte er sich knapp an beide.
Kimon nickte, und Thetis, die sich fragte, was seinen Stimmungswechsel verursacht hatte, biss sich auf die Lippe.
Perikles ging aus der Zelle und ließ den kleinen Raum und das Paar hinter sich. Die Sonne war kaum am Horizont aufgetaucht, aber auf den Straßen der Insel drängten sich bereits Menschen. Es waren viel mehr nach Delos gekommen, als er es mitbekommen hatte. Könige, Königinnen und ihre adligen Ratgeber waren alle mit ihren Bediensteten und Sklaven erschienen. Scharen von Männern und Frauen gingen oder wurden in Sänften getragen, ganz wie es ihren Bräuchen entsprach. Nur eine einzige Person hatte sie alle herbeigerufen, wie Perikles sich ins Gedächtnis rief. Nicht Kimon oder Aristides, oder irgendjemand sonst. Sein Vater, Xanthippos. Im Gehen dachte er, er hätte Thetis seinen Namen rufen hören, aber er drehte sich nicht um.
An den Hafenanlagen angekommen, sah Perikles, dass sein Vater mit Aristides und einem Dutzend Priestern beisammenstand. Die Wichtigsten von ihnen waren die Anhänger von Apollo und Ares, aber er sah auch einen Hadespriester und eine Priesterin der Athene, die den Helm eines Kriegers hoch auf ihrem Kopf trug, wie auch eine weiße Robe. Perikles war so schlecht gelaunt, dass er ohne zu zögern auf die Gruppe zuschritt, um sich zu seinem Vater zu gesellen. Er sah, dass Xanthippos ihm einen Blick zuwarf, als er sich näherte, aber der alte Mann sagte nichts. Wenigstens schickte er Perikles nicht weg.
Jeder Moment brachte mehr und mehr hochrangige Männer und Frauen an diesen Ort. Ihr Gefolge nahm langsam ab, bis es aussah, als ob jeder Befehlshaber und jedes Mannschaftsmitglied, jeder Adlige und Archon anwesend war. Draußen auf dem Meer, deutlich sichtbar im ersten Anblick von goldenem Glanz, hatten im Morgenlicht Schiffsbesatzungen respektvoll und feierlich auf den Decks Stellung angenommen.
Die Apollopriester begannen mit ihrem Morgengesang, dem Willkommensgruß an den Tag, der das Geschenk ihres Schirmherrn war. Die Menge stand mit gesenkten Köpfen und genoss die Aussicht auf Wärme nach der Kühle der Nacht. Perikles blickte ein paar Reihen hinter sich und sah, dass Kimon dort angehalten hatte. Seine Stirn furchte sich, denn er begriff ebenfalls, was für ein großes Unterfangen er miterlebte.
Ein Stier brüllte in trauriger Verwirrung, als der Morgengesang endete. Es war ein kräftiges Tier, das von schwitzenden Priestern herbeigebracht wurde. Dennoch waren seine Rippen sichtbar, was ihn ein wenig dünn aussehen ließ. Perikles fragte sich, ob er mit einem Schiff auf die Insel gebracht worden war. Tieren ging es im Frachtraum oft schlecht, während Menschen an Entbehrungen und fremdartigen Umständen gediehen.
In Bronzeständern wurden Feuer entzündet, dann wurde Wein über den Kopf des Tiers gegossen und Gerstenkörner über ihn gestreut. Die Götter überwachten es, und wie Perikles sah, war es gut und in ritueller Feierlichkeit ausgeführt. Dem gesamten Pantheon der Götter wurden Gebete dargebracht, und Priester baten um Segen und Weisheit für alle, die an dieser heiligen Küste versammelt waren.
Als Xanthippos vortrat, sah Perikles, dass Aristides mit ihm ging. Beide sahen müde, aber irgendwie zufrieden aus, als sie sich der Menge zuwandten und ihre Köpfe neigten. Einer nach dem anderen kamen Priester und Priesterinnen, um die beiden Männer zu segnen, sie mit Öl oder Wassertropfen zu weihen, die von Fenchel- und Salbeibüscheln verspritzt wurden. Perikles wurde sich plötzlich dessen bewusst, dass er all die Treffen und Diskussionen während der letzten Monate verpasst hatte. Er hatte die Pläne seines Vaters nicht gekannt. Was sie betraf, war er in dieser Menschenmenge ein Fremder, genau wie Kimon hinter ihm. Ob König oder Sklave, alle hier Anwesenden betrachteten die beiden athenischen Archonten beinahe mit Verehrung. Perikles konnte es ihren Mienen ansehen. Wilder Stolz erfüllte ihn, und er hoffte, dass Kimon und Thetis es ebenfalls sehen konnten. Es war sein Vater, der die Menschenmenge an diesem Ort kontrollierte. Obwohl Xanthippos gealtert war, seitdem er ihn zuletzt gesehen hatte, steckte immer noch Stärke in ihm.
Xanthippos hob seine linke Hand, während seine rechte einen versilberten Stab aus Olivenholz ergriff. »Als Persien kam, um uns zu Sklaven zu machen, gingen manche von uns auf den Decks von Schiffen oder auf festem Land«, begann er.
Einst hatte seine Stimme über das Schlachtfeld bei Marathon gehallt, und sie war seither nicht zum bebenden Pfeifen eines alten Mannes geworden. Was auch immer nötig war, um eine Menschenmenge in seinen Bann zu ziehen, Xanthippos hatte es. Perikles fühlte, wie die Zeit stillzustehen begann, während ein leichter Wind blies. Er war froh, dass er zurückgekommen war.
»Damals hielten wir gemeinsam stand, denn alleine hätten wir nicht standhalten können. Gemeinsam ließen wir eine Flotte in See stechen, die größer war, als es irgendjemand von uns je zuvor gesehen hatte. Meiner Schätzung nach dreihundert Schiffe. Ihr, die ihr keine Schiffe auszusenden hattet, wisst, dass eure Männer an den Ruderbänken saßen oder an der Seite von Athen kämpften. Wenn ihr nicht selbst da wart, habt ihr Verpflegung und willige Hände geschickt, als wir darum baten. Zweifelt nicht daran, dass wir nach guten Männern verlangten, denn wir hatten keine andere Wahl! Meine Stadt war von einem persischen König niedergebrannt worden. Nicht nur einmal, sondern zweimal. Meine Angehörigen wurden als Flüchtlinge auf eine winzige Insel gebracht, nicht viel größer als diese hier, um sich dort in ihr Schicksal zu ergeben und einfach … zu hoffen. Nicht nur einmal, sondern zweimal. Meine eigene Frau, meine Söhne …«
Vielleicht nur Perikles und einige wenige aus dem Aufgebot der Athener wussten, warum ihm da die Stimme versagte, aber Xanthippos zögerte kaum, ehe er fortfuhr. »Meine Familie wartete auf den Dünen von Salamis, und sie wussten nicht, ob die Männer, die dort an Land gingen, zu uns gehörten, oder ob es persische Soldaten waren, die gekommen waren, um zu vergewaltigen, um uns zu beherrschen.«
Er blickte sie alle an, und niemand bewegte sich. Nur der Stier blökte, ein jämmerlicher Klang vor dem Lärm der Wellen, die ans Ufer schlugen.
»Wenn ihr nicht bei Salamis wart, dann kamt ihr vielleicht in Athen zu uns, wo wir ein Heer versammelten und den Krieg zu den Persern brachten. Vielleicht habt ihr Verpflegung geliefert, oder Silber, oder Wein. Ihr alle habt eine Rolle gespielt – niemand von euch hat weggesehen. Ich werde niemals wieder eine Bruderschaft wie diese kennen. Persien kam, um zu zerstören – und stattdessen … band Persien uns stärker zusammen, als wir je gewesen waren. Ich nenne euch Brüder, weil wir die gleichen Götter kennen, die gleiche Sprache. Weil wir dieselben Vorfahren haben. Von diesem Tag an nenne ich mich Athener – und Hellene. Für all unser Volk werde ich Bruder und Ehemann und Sohn sein.«
Er lächelte, und Perikles fühlte, wie ihm das Herz aufging. Es war lange her, dass er seinem Vater etwas anderes als siedenden Zorn oder Enttäuschung angesehen hatte. Die Freude in ihm zu erleben, ließ ihn beinahe wegen all dem, was verloren gegangen war, in Tränen ausbrechen.
»Ich rufe euch nun auf«, sagte Xanthippos, der seine Stimme laut erklingen ließ. »In der lebendigen Gegenwart der Götter und ihrer Priester. Wie wir es vereinbart haben. Sprecht jetzt einen heiligen und ewigen Eid, um unsere Schicksalsfäden zu einem goldenen Seil zusammenzubinden, bis zum Ende der Welt. Um einen Bund der Hellenen zu erschaffen und zu unterstützen. Einen Eid, eure Anteile daran zu bezahlen, die wir euch gemäß unserer Stärke zugeteilt haben, um nach Bedarf eure Mithilfe zu verlangen. Mit einer Stimme.«
Vom Deck eines Schiffs, das am Kai festgemacht war, kamen ein Dutzend Hopliten in glänzend polierten Rüstungen über einen bebenden hölzernen Laufsteg marschiert. Sie trugen eine riesige Urne aus Ton, von der Art, wie sie in Athen benutzt wurde, um Männer ins Exil zu schicken, oder sogar noch größer. Obwohl sie leer war, brauchte es dazu sechs Männer. Sie trugen das Gewicht mittels langer Stangen, die durch eiserne Henkel führten. Die Hopliten stellten die Urne auf dem Kai ab, und Perikles sah, wie sein Vater Aristides zunickte. Er gab einem Offizier an Bord ein Zeichen, und ein weiterer Trupp Männer kam hervor. Diesmal trugen sie Säcke, die klimperten und ihren Inhalt schon verrieten, bevor sie einen silbernen Strom in die Urne gossen. Perikles blickte zu Kimon zurück und sah, dass er so überrascht war wie er selbst.
Die Athener leerten mindesten dreißig Säcke mit Münzen aus, ehe die Hopliten zurücktraten. Dann traten andere vor, die ganze Vermögen trugen. Jedes von ihnen war auf einem Papyrusblatt vermerkt, zusammen mit dem Namen eines Stadtstaats. Einige entleerten ein Dutzend Säcke, einige nur vier oder fünf oder noch weniger. Aristides stand bei der großen Urne und wechselte mit jeder Gruppe ein paar Dankesworte. Sie schienen erfreut und stolz zu sein, dass sie dazugehörten, und Perikles konnte keine Missgunst in ihnen sehen. Voll Stolz bemerkte er, dass niemand so viel wie die Athener gebracht hatte.
»Das ist das Vermögen unseres Bundes«, sagte Xanthippos der Menge. »Zweifellos eine Summe, die riesig genug ist, um Diebe und Feinde in Versuchung zu führen. Sie wird im Tempel des Apollo auf Delos verbleiben, wenn wir abreisen. Wie wir übereingekommen sind, werden zehn Männer aus Athen diese großen Geldmittel verwalten, während athenische Schiffe diese Gewässer patrouillieren und für ihre Sicherheit sorgen. Niemand wird ohne die Erlaubnis dieser Bruderschaft an Land gehen. Niemand wird auch nur eine Silberdrachme entnehmen, solange nicht zugestimmt wurde, dass es rechtens ist. Jedes Jahr werden wir mit den gleichen Abgaben zurückkommen, nächstes Jahr und in tausend Jahren von heute an. Dies ist unser Eid, abgelegt in Silber, am Geburtsort von Apollo, vor allen Göttern. Wiederholt diese Worte, auf die Ehre eurer edlen Häuser, eurer Städte, eurer Königreiche und eurer Seelen.«
Er machte eine Pause, und Perikles konnte den Mann, der sein Vater war, nur anstarren. Wenn Xanthippos auch krumm und gebeugt von der Last der Jahre war, so stand er nun dennoch aufrecht und hielt seinen Stab hoch, sodass er nicht mehr länger den Boden berührte. »Wir sind eine Bruderschaft, ein Bund von Männern«, rief er.
Sie wiederholten es, und einem oder zwei standen Tränen in den Augen. Perikles neigte den Kopf und sagte die Worte gemeinsam mit dem Rest.
»Wir bieten an diesem heiligsten Ort unseren heiligsten Eid dar, um vereint zu stehen, im Frieden wie im Krieg …«
Er pausierte wieder, um sie die Worte wiederholen zu lassen. Die Brise war ein warmer Atem auf ihrer aller Haut, und die Sonne fuhr fort, sich zu erheben.
»An diesen Ort zurückzukehren, an diesem Tag, jedes Jahr, und dort unseren Beitrag zu hinterlegen – jeder gemäß seinen Möglichkeiten, um den Frieden und die Flotte aufrechtzuerhalten.«
Perikles wandte sich um, als ihm auffiel, dass Thetis die Worte mit ihm sprach. Es missfiel ihm. Sie war keine Repräsentantin einer Stadt oder eines Volks. Sie hatte kein Recht, ein Teil des Eids zu sein. Obwohl sich andere Frauen in der Menschenmenge befanden, waren es Königinnen oder Priesterinnen, die weit über den kleinlichen Einschränkungen von Gebräuchen standen. Dass Thetis sich ihnen anschloss, hätte sogar als Verhöhnung betrachtet werden können. Perikles’ Körper spannte sich an. Er funkelte sie an, forderte sie wortlos auf, damit aufzuhören.
»Wir leisten diesen Eid freiwillig … auf Zeus und Hera, auf Apollo und seine Schwester Artemis. Wir leisten diesen Eid auf Athena, Poseidon, Ares und Demeter, auf den Schmied Hephaistos. Wir leisten ihn auf Aphrodite und Hermes, den Boten der Götter. Wir leisten ihn auf Dionysos und Hestia – auf Wein und Herd. Wir schwören diesen Eid auf unsere Totengeister, auf die Schicksalsgöttinnen, die ewig sind, bis zum Ende aller Dinge und dem letzten Tag.«
Jeder Satz wurde wiederholt, und Stille trat ein. Perikles schluckte. Solche Worte wurden niemals leicht ausgesprochen. Einer der Vorfahren seiner Mutter hatte vor einem Dutzend Generationen einen Eid gebrochen. Das war immer noch nicht vergessen. Diejenigen, die hier anwesend waren, banden nicht nur sich selbst, sondern ihre Nachkommen, ohne Bedenkzeit, ohne Gelegenheit, auch nur ein einziges Wort zu ändern. Die Götter konnten tückisch gegenüber denen sein, die einen in ihrem Namen geleisteten Eid brachen. Welche Hemmungen auch immer ihren Zorn in gewöhnlichen Zeiten zurückhielten, warfen sie dann ab. Städte konnten Beute von Feuer werden, ihr Land gesalzen und unfruchtbar gemacht. Kriege konnten hervorgerufen werden, bei denen ganze Völker zu Knochen oder Sklaven wurden. Es war keine Kleinigkeit, an einem freundlichen Morgen auf Delos zu stehen und diese Worte auszusprechen.
»Wir sind als hundert unterschiedliche Völker gekommen; wir werden als eines von hier fortgehen«, sagte Xanthippos.
Die Menschenmenge wiederholte seine Worte. Dann trat er einen ganzen Schritt zur Seite und senkte seinen Stab, zum Zeichen, dass der Schwur beendet war, ehe er weitersprach. »Bringt das Eisen her«, sagte er.
Natürlich gab es ein paar Stimmen von einigen, die zu langsam waren, um den Wechsel zu bemerken, und die diese Worte ebenfalls wiederholten. Das wiederum brachte andere zum Lachen, und auf einmal lächelten sie alle, während ihre Scheu und Ehrfurcht vor dem schrecklich bindenden Eid in ihnen eine eigenartige Leichtigkeit verursachte.
Perikles erkannte die eisernen Blöcke wieder, die durch die Menschenmenge herbeigebracht wurden. Sie waren aus den tiefsten Frachträumen geholt worden. Jetzt wurden sie zum ersten Mal, seit man sie dort in den Schiffswerften verstaut hatte, ans Licht gebracht. Dutzende mehr von ihnen balancierten Kriegsschiffe und erlaubten es ihnen, sich unter Segeln zur Seite zu lehnen. Perikles konnte sehen, dass sie mit Tauen umwickelt worden waren, sodass sie so etwas wie Wiegen formten. Als ein Paar von Hopliten einen Barren absetzte, um sich abzuwechseln oder den Griff zu lockern, sahen ihre Hände schrumpelig und blass wie totes Fleisch aus.
Perikles blickte zu ihnen hinüber, während Kimon und Thetis sich durch die Menge bewegten, um sich zu ihm zu stellen. Kimon hob die Augenbrauen. Es mussten mindestens siebzig Ballastblöcke auf dem Kai liegen.
»Ich weiß nicht«, murmelte Perikles. Er sah, dass Thetis sich vorbeugte, um seine Antwort zu hören, und war plötzlich gereizt. Er senkte seine Stimme zu einem Wispern. »Aber ich weiß, dass du diesen Eid nicht hättest ablegen sollen …«
»Ich kann Theben hier nicht sehen«, zischte sie zurück. »Vielleicht habe ich für Theben gesprochen.«
Die schiere Unverfrorenheit ihrer Entgegnung verschlug ihm momentan die Sprache. Er konnte sehen, dass sein Vater sich bereit machte, den Eid abzuschließen, und er wollte nicht in einen wütenden Streit hineingezogen werden. Aber was sie gesagt hatte, war unverzeihlich. Es war auch die Wahrheit, wie er erkannte. Es fehlte nicht nur Theben. Was noch wichtiger war: Er hatte niemanden aus Argos oder Korinth hier gesehen. Mit den abwesenden Spartanern bedeutete das, dass die Hauptmächte auf dem Peloponnes alle ausgeschlossen waren. Es bedeutete, dass dies zuallererst ein Seebund war – von Städten an der ägäischen Küste. Finster blickte er Thetis an, verärgert darüber, dass sie etwas gesehen hatte, das ihm entgangen war. »Du sprichst für niemanden«, wisperte er wütend. »Du sprichst nicht einmal für Skyros.«
Sie schob ihre Lippen vor und biss die Zähne zusammen, was sie wie ein aufsässiges Kind aussehen ließ.
Auf dem Kai hob Xanthippos seine Hände, und die Menge wurde still. Er nickte einer großen stämmigen Gestalt zu, die sich neben ihn gestellt hatte. Der Mann reagierte, indem er etwas wie einen Pflock aus Metall auf die Oberfläche eines der Barren platzierte. Ein zweiter Mann hob einen Hammer, und sie alle sahen mit an, wie er ohne zu zögern herabfuhr.
Als der Pflock entfernt wurde, war ein Kreis in das Metall gestanzt worden. Das Paar rückte sofort zu dem nächsten Barren weiter, und der dumpfe Ton ertönte in Intervallen.
»Wenn ihr eure Ballastblöcke mit zurück nehmt«, sagte Xanthippos, »dann tragt ihr das Symbol dieses Bundes in euren Laderäumen – und ihr wisst, dass wir dasselbe tun. Doch wir haben uns noch auf eine letzte Sache als Zeichen eures Eids geeinigt. Wenn ihr zu euren Schiffen zurückkehrt, wird jeder von euch einen dieser Eisenblöcke auf dem Meeresgrund bei Delos zurücklassen. Wie wir übereingekommen sind, sollen sie das Symbol unserer Treue sein. Bis sie zu nichts verrostet sind, stehen wir einmütig zusammen.«
Die Menge bejubelte seine Worte, ehe sie sich mit dem Ende des Rituals aufzulösen begann. Sie klopften einander auf die Schultern, und Hunderte gingen zu Xanthippos und Aristides, um ihnen zu danken. Hopliten schlenderten zu den markierten Eisenblöcken und hoben sie zu zweien auf. Sie schwankten und zogen Grimassen, während sie die Barren zu den Schiffen entlang der Kaie trugen, oder standen wartend neben ihnen, bis sie an der Reihe waren. Perikles dachte, es würde dunkel werden, bis auch der letzte von ihnen sicher verstaut war. Diese Barren würden ein kleines Boot sinken lassen.
Kimon hatte denselben Gedanken. »Ich muss mir ein paar von denen sichern, bis ich meine eigenen Männer herbringen kann«, sagte er. »Willst du sie mit mir bewachen? Ich denke, es sind genug da.«
Perikles nickte, obwohl er Thetis finster anstarrte. Kimon hatte den Eid abgelegt – mit jedem Recht dazu, als ein Strategos von Athen. »Ich habe nicht …«, begann er. Er sah, dass Kimon, der aufs Meer hinausblickte, bleich geworden war, und fuhr herum. Einige der anderen Männer auf den Kaianlagen stießen Rufe aus und deuteten.
Die Schiffe, die in Sichtweite kamen, waren keine persischen Schiffe. Die Mannschaften auf Delos wären mit wildem Lächeln ausgerückt, wenn Persien Kriegsschiffe gegen sie ausgesandt hätte. Nein, es war schlimmer. Ein Dutzend Schiffe, deren Segel sich in der Morgensonne blähten, kam um den Rand der Küste gesegelt. Die Flotten von Sparta und Korinth waren erschienen.
Kimon lachte leise in sich hinein, wenn es auch bitter klang. »Ich denke, jetzt werden wir es sehen«, sagte er. Er blickte zu Perikles hinüber. »Ich hoffe, dein Vater weiß, was er tut. Schau dir die Hopliten am Ufer an! Löwen, zu Lämmern gemacht.«
Er deutete auf die Menschenmassen an den Kais. Wo sie eben noch hocherfreut und stolz gewesen waren, wirkten sie auf einmal verängstigt. Es war in der Art sichtbar, wie sie standen, wie sie hin und her eilten. Perikles sah, dass sie immer noch die Barren aufnahmen. Egal, was Sparta dachte oder tat, der Eid war abgelegt worden.