Die Flotte, die nach Delos gekommen war, hatte sich in der Nacht etwas zerstreut und neue Ankerplätze gesucht. Die Schiffe verlagerten sich untereinander, so wie Lämmer sich aus der Gegenwart eines Hundes fortbewegen. Die athenischen Kriegsschiffe hatten sich nicht verlagert. Perikles hatte nur ein paar Stunden geschlafen und sich in einen Umhang gehüllt auf Deck hin und her gewälzt. In jedem Kriegsschiff gab es ganz am Heck zwei beengte Räume, durch die die Ruderstangen verliefen. Kimon benutzte sie für gewöhnlich, um Verpflegung und Wein zu lagern, aber Thetis hatte einen von ihnen bekommen, damit sie in Sicherheit war, bis man sie absetzen konnte. Attikos war für eine Weile auf eines der anderen Schiffe geschickt worden. Weder Kimon noch Perikles glaubten daran, dass er den Gegenstand seines Hasses aufgegeben hatte. Es war ein Problem, um das sie sich in aller Stille gekümmert hatten, ohne dazu gezwungen zu sein, einen loyalen Athener zusätzlich zu seinen Wunden auspeitschen zu lassen.
Als im Osten die Sonne auftauchte, erhob sich Perikles von seinem Platz an Deck, wo er seine eigenen Umrisse im morgendlichen Tau sah. Er leerte seine Blase über der Bordwand und überlegte, ob er auch seinen Hintern über sie halten sollte. Gähnend stieß er ein paar jüngere Hopliten an und weckte sie. Nach und nach begannen sie das Boot einzuholen, das hinter dem Schiff auf den Wellen wippte. Perikles gähnte wieder, als er über das Wasser hinausblickte, dann runzelte er die Stirn. Da war ein zweites kleines Boot, das leer neben dem ersten schaukelte. War es in der letzten Nacht hier gewesen? Bei all den Fahrten zu den spartanischen Schiffen und wieder zurück konnte er sich nicht erinnern. Um ihn herum wurde der Rest der Männer allmählich wach. Sie zitterten und husteten in der kalten Luft.
Perikles hörte, wie jemand seinen Namen rief, und sah, dass Kimon seine Blase über der Bordwand entleerte. Sein Magen knurrte, und er fragte sich, ob er noch damit warten konnte, etwas zu essen, ehe er seinen Vater besuchte. Es würde eine Weile dauern, bis irgendetwas wie Eintopf oder Suppe fertig war, und er hatte Epikleos versprochen, dass er kommen würde.
»Ich würde gern mit einem Boot zum Flaggschiff fahren«, sagte er.
Mit einem Nicken traf Kimon eine schnelle Entscheidung. »Ich komme mit dir.«
Perikles fühlte sich so bewegt, dass er lächeln musste. Kimon war ein guter Anführer. Alle seine Mannschaften wussten das.
»Die alten Männer werden zweifellos das Angebot der Spartaner besprechen«, sagte Kimon.
Blinzelnd verbarg Perikles seine Enttäuschung. Es war also keine Sorge um Xanthippos gewesen, sondern kühle Beurteilung der Lage. Auf dem athenischen Flaggschiff würden Entscheidungen getroffen werden. Kimon erwartete, dabei eine Rolle zu spielen.
Da ertönte unter ihnen ein gedämpfter, aber hoher Schrei. Kimon und Perikles wechselten einen misstrauischen Blick.
»Wo ist Attikos?«, fragte Kimon sofort.
Perikles fluchte. Das zweite Boot. Attikos war auf einem anderen Schiff gewesen, aber jemand hatte ihn im Dunkeln herübergerudert. Perikles war bereits auf dem Weg zu dem zentral gelegenen Graben, der zu den Ruderbänken unter Deck führte. Er ließ sich in den Frachtraum hinunter, der nach Schweiß, ranzigem Öl und anderen unerfreulichen Dingen stank.
Der Kielbalken, den er entlangrannte, war kaum einen Schritt breit, ein enger Laufsteg in der Düsternis. Kimon, der so schnell wie jeder Hoplit reagiert hatte, war direkt hinter ihm. Erneut hörten beide einen Schrei, die Stimme einer Frau. Ein Mann knurrte eine Antwort, und der Schrei wurde abgewürgt. Perikles, der den Geräuschen folgte, erreichte die kleine Kabine. Er trat die Tür hart genug, dass sie aufflog.
Da war Thetis. Sie kämpfte mit zwei Männern. Die nackte Haut ihrer Beine blitzte im Dunkeln auf, als sie austrat. Bei dem Lärm hinter ihm erstarrte Attikos, und sie nutzte die Gelegenheit, um ihm ihre Fingernägel übers Gesicht zu ziehen, was ihn aufschreien ließ.
Perikles packte Attikos am Kragen seiner Tunika. In einem einzigen Schwung riss er den kleineren Mann hoch und schleuderte ihn zur Seite. Attikos stieß mit einem Krachen gegen die Ruderstange und krümmte sich wie ein Betrunkener, während er wieder zu Sinnen kam und begriff, wer da Hand an ihn gelegt hatte. Keuchend senkte er seine Fäuste, die er bereits erhoben hatte, um den Angriff zu erwidern. Der Anblick von Kimon im Türrahmen erstickte welche Antwort auch immer er auf den Lippen hatte, sodass er bebend und mit gesenktem Kopf in jäher Scheu dastand.
Es war Perikles, der Thetis auf die Füße half. Ihre Wangen brannten vor Scham.
»Hatte ich nicht klargestellt, dass du diese Frau nicht anrühren sollst?«, wandte Kimon sich mit leiser Stimme an Attikos.
Der Mann war aschfahl geworden, und sein Mund öffnete und schloss sich. »Du hast gesagt, dass ich sie nicht verletzen sollte«, murmelte Attikos. »Und das hab ich auch nicht.«
Plötzlich bewegte sich Thetis. Sie trat sein Bein, so hart sie konnte. Alle hörten es, wie der Knochen gemeinsam mit den Schienen nachgab. Attikos schrie gellend auf. Alle Farbe wich aus seinem Gesicht, sodass er wachsbleich aussah. Kimon streckte den Arm aus, als sie erneut vorrückte. Er dachte, sie könnte ihre Attacke fortsetzen und auf Attikos’ Bein stampfen, aber seine Autorität hielt sie zurück.
»Geh bitte an Deck, Thetis«, sagte Kimon. »Perikles und ich machen uns zum Flaggschiff auf. Ich lasse dich hier.«
Der Blick, den sie ihm zuwarf, sprach von völligem Vertrauensbruch. »Ich verstehe. Was ist mit ihm?«, wollte sie wissen. Tränen liefen ihr übers Gesicht wie Wasser über den Rand einer Tasse. Ihre Stimme brach, während sie fortfuhr und ihre Hand auf die Luft einstach. »Ich bin eine freie Frau aus Theben, Kimon. Was ist mit dem da, der mir Gewalt antun wollte, während sein Freund mich festhielt? Was passiert mit denen?«
Kimon knickte trotz ihres Drängens nicht ein. »Ich lasse diese Männer fesseln und werde eine Entscheidung treffen, wenn ich zurückkomme. Fürs Erste muss ich gehen, es tut mir leid.«
Der Keleustes-Offizier steckte seinen Kopf durch den aufgebrochenen Türeingang, um zu sehen, worum es bei all dem Lärm ging. Kimon winkte ihn her. »Niko, nimm die beiden in Gewahrsam, ja? Fessel sie, damit sie auf mein Urteil warten, bis ich vom Flaggschiff zurück bin.« Er wandte sich Thetis zu und schrak vor ihrem aufgelösten Zustand zurück. »Kannst du …« In plötzlicher Verlegenheit winkte er ab. »Kannst du … Ruhe bewahren, wenn ich auf dem anderen Schiff bin? Wenn du magst, kannst du in dem kleinen Boot bleiben, aber ich sollte jetzt wirklich gehen.«
Thetis warf Perikles einen kummervollen Blick zu, als ob Kimon sie ebenfalls erniedrigt hätte. Sie trug ihren Schmerz offen und schien nicht in der Lage zu sein, ihn wegschließen zu können. »Ich kann Ruhe bewahren«, sagte sie.
Attikos stöhnte, während er sich auf dem Boden bewegte. Obwohl er beide Augen geschlossen hatte, trat unter einem eine Träne hervor. Thetis blickte ihn ohne Mitleid an. Attikos fluchte schwach, als der Keleustes ihn hochhob. Sein Bein hing schlaff und in einem unnatürlichen Winkel herab. Thetis ging mit Kimon und Perikles aus dem Raum, ohne einen der beiden anzusehen.
Sie verbrachten die Bootsfahrt zu dem athenischen Flaggschiff in gequältem Schweigen. Thetis akzeptierte von Perikles einen Umhang, hüllte sich gegen die Seeluft in ihn wie in einen Kokon und sagte dann nichts mehr. Sowohl Kimon als auch Perikles waren geschockt von dem, was sie gesehen hatten, sodass sie tief in Gedanken versunken waren. Es würde eine Bestrafung geben müssen. Attikos hatte einen direkten Befehl von Kimon, seinem Strategos und Trierarchen, missachtet.
Als sie längsseits des Flaggschiffs die Ruder einzogen, packten die Ruderer Taue, die ihnen zugeworfen wurden, und hielten das Boot vorwiegend durch ihre Körperkraft ruhig. Kimon erhob sich und streckte seine Hand zu Thetis aus. »Komm, wenn du möchtest. Oder bleib hier, aber du musst dich entscheiden.«
Sie zögerte, doch sie hatte kein Verlangen danach, in einem Boot mit fremden Männern zu bleiben, die alle kräftiger als sie waren. Kimon und Perikles waren Männer, die sie kannte. Mühelos genug stieg sie Kimon hinterher, mit Perikles als Nachzügler.
Auf Deck wurden sie von Hopliten in glänzender Rüstung begrüßt, die stramme Haltung angenommen hatten. Perikles und Kimon wurden mit großem Respekt begrüßt, dennoch umringten sie bewaffnete Athener, während sie unter Deck gebracht wurden. Thetis ertappte sich dabei, wie sie nervös schluckte. Sie kam sich hier wie ein Fremdkörper vor, aber sie vertraute den jungen Männern. Natürlich hatte Perikles Attikos auf der Insel gerettet, wie sie gehört hatte. Zuvor jedoch hatte er ihr eine Chance gegeben, wegzurennen. Ihre Gefühle waren verworren, aber sie glaubte nicht, dass sie ihm völlig vertrauen konnte. Zudem war Kimon auf eine Weise ein Mann, die Perikles noch nicht ganz war, trotz all seines guten Aussehens und seines aufblitzenden Blicks, der ihr zu folgen schien, wann immer sie sich rührte.
Das athenische Flaggschiff war ausgebessert worden, seitdem Kimon es zuletzt gesehen hatte. Er blickte sich in einem langen Raum in Richtung Heck um, dessen Wände man mit Hämmern auf dem Unterdeck befestigt hatte. Der Raum besaß eine niedrige Decke, war aber gerade groß genug, um einen Tisch zu beherbergen. Dessen Oberfläche war mit Papyrusbögen bedeckt, auf denen Küstenlinien abgebildet waren.
Aristides war anwesend, sowie Xanthippos. Vier hochrangige Trierarchen standen in eine Unterhaltung vertieft um den Tisch. Die beiden Archonten blickten auf, als Kimon mit Perikles auf den Fersen durch die Tür trat, die für ihn aufgehalten wurde. Aristides nickte kurz, während Xanthippos seinen Sohn abzuwägen schien. Seine Augen suchten nach etwas, irgendetwas. Seine Miene legte nahe, dass die Suche fruchtlos gewesen war. Er senkte kaum den Kopf zu einem Nicken, ehe er auf etwas auf der Karte deutete.
Als Thetis ihnen ins Innere folgte, wurde es still im Raum.
Aristides war der Erste, der reagierte. »Ich fürchte, solange deine Begleiterin nicht eine unserer Galeeren befehligt, muss sie draußen warten.«
»Ich bürge für sie«, sagte Kimon.
Aristides schüttelte den Kopf. »Nicht heute. Sie wird hier sicher sein, Kimon. Du hast mein Wort.«
Alle schwiegen, dennoch erwiderte Kimon, der nicht nachgeben wollte, kein Wort. Aristides hob eine Augenbraue zu einer lautlosen Frage. Er kannte Kimon besser als die meisten, aber sie konnten nicht zulassen, dass eine Fremde ihre Unterhaltung mitanhörte, egal, wer für ihren Namen und ihre Ehre einstand.
»Ich gehe nach oben«, sagte Thetis, die es nicht mehr länger ertrug. Sie machte auf dem Absatz kehrt und verschwand. Als die die Stufen erreichte, die nach oben ins Freie führten, begann sie zu rennen. Perikles und Kimon wechselten einen wortlosen Blick, während Perikles die Tür schloss.
»Wie ich bereits sagte«, fuhr Aristides säuerlich fort, »ist an dem Plan, den Pausanias uns vorgelegt hat, nichts Verkehrtes. Zypern ist die Art Ziel, das wir leicht selbst hätten wählen können. Es ergibt wenig Sinn, eine Flotte von dieser Größe zu versammeln und mit dem Hammer dann eine einzelne Nuss zu zerschmettern. Wir haben unseren ewigen Eid abgelegt, die persische Macht in der Ägäis zu verringern. Zypern ist bei Weitem der stärkste dieser Orte.«
»Vertraue darauf, dass ein Spartaner einen Krieg plant«, sagte einer der anderen Kapitäne. Es klang nach einer alten Redensart.
Aristides blickte ihn finster an. »Ja, genau. Wir haben doch nicht diese Eide auf Delos auf uns genommen, um dann von Männern des Peloponnes angeführt zu werden! Unser Bündnis schließt nicht Sparta, Korinth oder Argos mit ein. Ich sehe keine Schiffe von den Letzteren, aber Sparta und Korinth segeln mit ihrer kleinen Flotte zu uns und erwarten einfach, die Führung zu übernehmen? Ich wünschte nur, wir könnten ihnen sagen, dass sie sich mit ihrem Angebot zum Hades scheren sollen.«
»Aber das können wir nicht«, sagte Xanthippos.
Perikles fiel auf, dass seine Stimme so heiser war, als ob er geschrien hätte. Vielleicht hatte er das für sich allein getan. Xanthippos trug immer noch den Fellumhang, obwohl es unter Deck warm war. Er verbreiterte seine Schultern, als er in dem kleinen Raum in die Gesichter der Anwesenden blickte, um sich zu versichern, dass sie loyale Männer waren.
»Wenn wir Sparta hier die Befehlsgewalt überlassen, wird unser Bündnis seine Grundlage verlieren. Trotzdem können wir nicht ablehnen, ohne zu riskieren, dass diese rot gekleideten Krieger gegen unsere Heimatstädte marschieren. Persien konnte nicht gegen sie standhalten. Vielleicht könnte es Athen, aber ich bezweifle es. Nein, wir stecken in einer Zwickmühle.«
Einmal mehr sah er sich um, als könne er direkt bis in ihre Seelen blicken. »Ich habe die Nacht damit zugebracht, es mit Aristides zu besprechen«, sagte Xanthippos. »Wir können Pausanias nicht zurückweisen. Wir können aber auch nicht einfach seinen Plan akzeptieren und Sparta unsere Stärke als ihre eigene nutzen lassen.« Er atmete schwer und funkelte sie an, als wollte er sie herausfordern, seine Einschätzung anzufechten.
In der Stille erhob Aristides seine Stimme, um Xanthippos etwas Ruhe zu gönnen. »Die Spartaner haben einen jungen Schlachtenkönig – einen Sohn von Leonidas. Sie haben einen zweiten König in Leotychides, ein Mann von gutem Charakter, der lieber nicht in den Krieg ziehen will. Unser Pausanias führte das Heer bei Platäa an. Nach diesem außerordentlichen Sieg konnten ihn die Ephoren seines Volks nicht einfach in den Ruhestand oder ins Exil versetzen. Stattdessen haben sie ihm ihre Flotte gegeben – ein Geniestreich, wie ich denke. Doch wenn er hier scheitert, wird es lange dauern, bis sie jemand anderen mit der Autorität oder der Erfahrung haben, um ihn zu ersetzen.«
»Du hast gemeint, er hätte eine gute Chance, Zypern einzunehmen«, sagte einer der anderen Kapitäne. »Und dann ist da noch dieser Seher, wie auch immer er heißt, derjenige, der ihm bei Platäa den Sieg gebracht hat.«
»Ja«, gab Xanthippos zurück. Perikles sah, dass er sich erholt hatte. Aristides kannte ihn gut genug, dass er für ihn eingesprungen war und ihm Zeit verschafft hatte. Xanthippos krächzte immer noch wie eine Krähe. Er schnaufte, als ob das bloße Luftholen ihn Mühe kostete. »Wir werden Pausanias als Anführer akzeptieren«, fuhr Xanthippos fort. Seine Hand durchschnitt die Luft. »Und Zypern als Ziel. Ich werde über die … Verantwortlichkeiten entscheiden, wenn wir uns für den Angriff versammeln. Jetzt sollten diejenigen unter euch unterhalb des Rangs eines Strategos gehen, mit meinem Dank. Ihr seid entlassen.«
Die Tetrarchen verneigten sich einer nach dem anderen und verließen wortlos den Raum. Kimon blieb, und es war sein scharfer Blick, der Perikles klarmachte, dass er ebenfalls aufgefordert war, zu gehen. Als er sich in Bewegung setzte, schüttelte Xanthippos den Kopf.
»Nicht du, Perikles. Du solltest das hören.«
Die vier waren alleine und verlagerten das Gewicht ihrer Körper mit dem Schiff, während es sich im Seegang bewegte.
»Das konnte ich nicht in Gegenwart der anderen sagen«, fügte Xanthippos hinzu. Seine Stimme hatte sich zu einem leisen Knurren gedämpft. »Wir müssen ihn zu Fall bringen. Ich sage das nur zu loyalen Athenern, zu niemand anderem. Pausanias kann den Angriff auf Zypern nicht überleben.«
»Das ist Wahnsinn«, sagte Kimon. Seine Stimme hatte sich verhärtet, als er sprach. »Ich will das nicht hören.«
»Du bist ein Athener, Kimon«, schnappte Xanthippos. Sein Gesicht wurde rot, und einmal mehr rang er nach Atem. »Oder würdest du … den Eid brechen, den du hier auf Delos geschworen hast?«
»Was hat das damit zu tun?«
»Du hast auf alle Götter geschworen, einen ewigen Eid … auf einen Bund. Sparta war nicht da, aber du würdest wollen, dass Sparta uns anführt? Du hältst deinen Eid nicht ein, Kimon. Du riskierst, dass uns alle der Zorn der Götter trifft.«
»Das war es nicht, was ich gemeint habe …«, sagte Kimon. Er hob die Hände in einer Geste, die um Frieden bat. »Vielleicht hoffe ich darauf, dass Pausanias im Kampf fällt, aber das ist ein riesiger Unterschied zu dem, was du vorschlägst.«
»Das hört sich wie Feigheit an«, sagte Aristides unvermittelt. Der Archon fühlte, wie sich alle Blicke auf ihn richteten, und erwiderte sie mit einem Achselzucken. »Was ist? Ich stimme Xanthippos zu. Ich habe auf Delos etwas Großartiges gesehen. Sparta war kein Teil davon – aus freien Stücken. Korinth und Argos haben ebenfalls Spartas Führung anstelle unserer vorgezogen. Nun, sie können nicht alles haben. Sie können sich nicht von uns absondern, uns verschmähen und dann erwarten, uns auch noch anzuführen! Nein, das hier ist eine athenische Flotte. Wir führen sie an, niemand sonst. Genau wie Themistokles einmal diesen aufgeblasenen Dummkopf Eurybiades in seine Schranken weisen musste. Das war richtig, und genauso richtig ist es auch hier.«
Aus Frustration, wie auch um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen, klopfte Kimon zweimal mit den Fingerknöcheln auf den Tisch. »Selbst wenn du recht hast – und ich sage nicht, dass du prinzipiell falschliegst –, können wir es nicht versuchen und dann scheitern.« Seine Stimme senkte sich zu einem rauen Flüstern. »Wenn auch nur ein Wort davon nach draußen dringt, dass Pausanias umgebracht wurde, wird Sparta im Zorn ausmarschieren. Und nicht nur die Königsgarde oder zehntausend Männer, sondern alle von ihnen, so wie wir sie bei Platäa gesehen haben. Euch ist klar, dass sie Athen dann zerstören würden. Wenn ihr also einen Moment übrig habt, dann könnten wir uns vielleicht über andere Möglichkeiten unterhalten, wie wir diesen heiklen Knoten lösen. Mein Vater pflegte zu sagen, dass Ideen aus Diskussionen entstehen. Ihr kanntet ihn beide. Ehrt ihn damit.«
Xanthippos und Aristides tauschten einen Blick, aber beide hatten Kimon seit seiner Jugend gekannt, und sie waren von ihm beeindruckt. Perikles fühlte in sich die Sehnsucht danach wachsen, dass sie ihn auf die gleiche Weise ansahen. Wie konnte man Respekt erlangen, wenn nicht im Kampf? Das war natürlich Kimons großer Vorteil, wie auch die Jahre an Erfahrung.
Als das Treffen endete, war die gespannte Atmosphäre aus dem beengten Raum im Herzen des athenischen Flaggschiffs gewichen. Sogar Xanthippos hatte seine mürrische Miene abgelegt, und seine Atemzüge hatten sich beruhigt. Es schien, dass Kimon die Spartaner viel besser als die anderen kannte. Nicht nur hatte er sie oft besucht und unter ihnen gelebt, er war ein Jahr lang Spartas Repräsentant in Athen gewesen. Er verstand, wie sie dachten, und sowohl Xanthippos als auch Aristides hatten das widerwillig akzeptiert, als er ihnen Pläne und Möglichkeiten dargelegt hatte. Perikles sah, wie besonders sein Vater einiges von seiner Bürde aufgab, beinahe als hätte er nur auf jemanden gewartet, der fähig war, die Last für ihn zu schultern.
Am Ende wandte sich die Diskussion weniger schwerwiegenden Themen zu. Kimon verließ den Raum mit Aristides, dessen Arm um seine Schulter lag. Eine schnelle Geste reichte, um Perikles erkennen zu lassen, dass er zurückbleiben und mit seinem Vater sprechen würde. Auf einmal waren die beiden Männer in dem künstlich errichteten und knarrenden Raum alleine mit dem Geräusch der Wellen, die gegen die Bordwand schlugen.
Perikles betrachtete seinen Vater mit frischem Blick. Er sah, wie Zeit oder Krankheit ihn ausgehöhlt hatten. Nur die Felle gaben ihm Masse. Als Xanthippos seinen Blick erwiderte, war es Perikles, als ob ihm die Worte im Hals stecken bleiben würden.
»Vater, ich weiß, dass Attikos zu deinen Leuten gehört«, sagte er betreten. »Er hat versucht, die Frau zu vergewaltigen, die du gesehen hast.«
»Die Disziplin auf deinem Schiff geht mich nichts an«, sagte Xanthippos nach einem Augenblick. »Es gibt immer Ärger dieser Art. Auf einem Kriegsschiff findet man wenige Männer von Format, Perikles. Lass ihn auspeitschen.«
Sein Blick war fest, ohne etwas zu bestätigen.
»Kimon könnte ihn töten lassen«, erwiderte Perikles. »Aber … Attikos sagt, dass er einer von deinen Männern ist, Vater. Wenn das wahr ist, wenn du ihn wirklich ausgesandt hast, damit er auf mich aufpasst, dann könntest du darum bitten, dass er zu dir zurückgeschickt wird. Gib Kimon einfach Bescheid.«
Sein Vater starrte ihn an. Sein Blick war kalt, beinahe verachtend. »Ich kenne den Mann nicht«, sagte er, im Begriff, aufzustehen. »Mach mit ihm, was du willst.« Als er sich erhob, wurde er von einem Krampf ergriffen. Eines seiner Augen schloss sich, und er hielt sich einen Moment lang die Seite und grub seine Finger unter eine Rippe, wie um ein Stechen zu erleichtern.
»Geht es dir nicht gut?«, fragte Perikles, der die Hand nach ihm ausstreckte. »Epikleos hat gesagt, dass du dich bis zur Erschöpfung getrieben hast.«
Sein Vater wehrte seine Hand ab. »Er hatte kein Recht, so etwas zu sagen. Das verdammte alte Waschweib mit seinen Sorgen! Er ist schlimmer als deine Mutter. Pflichterfüllung und dieses Bündnis, diese Symmachie, halten mich auf See, Perikles. So lange, wie es nötig ist. Und dir sollte es genauso gehen.«
Perikles sah mit an, wie sein Vater aufbrach, eine schlurfende, in Felle gehüllte Gestalt, die einst schlank wie ein Schwert und durchtrainiert wie ein Leopard gewesen war.
An diesem Abend benachrichtigte Pausanias jedes Mitglied der Flotte. Es würde einen Monat dauern, um so weit um die persische Küste herumzusegeln, und sie brauchten eine Versorgungskette, die vierzigtausend Männer ernähren konnte. Delos war das Herz der Ägäis – es war zentral gelegen. Pausanias wies sie an, in genau zwei Monaten am Ende des Sommers zurückzukehren, mit Verpflegung und Trinkwasser, mit neuen Waffen und Rüstungen – was auch immer sie brauchten, um den Krieg zu der großen persischen Festung im Osten zu tragen.
Kimon war mit Thetis und Perikles zu dem Hauptschiff seiner drei Schiffe zurückgekehrt. Er hatte während der Fahrt geschwiegen, und Thetis hatte ebenfalls beschlossen, nichts zu sagen. Perikles’ Stimmung war düster wegen der Erinnerungen an seinen Vater und weil er niemanden besaß, mit dem er darüber reden konnte.
Am folgenden Morgen kam vor Sonnenaufgang ein kleines Boot zurück, auf dessen Ruderbank eine stöhnende Gestalt lag. Mit der Hilfe von Tauen und zwei Männern an Deck wurde Attikos an Bord des athenischen Flaggschiffs gehoben. Die Mitglieder der Besatzung blickten auf ihn hinab und pfiffen beim Anblick der frischen Striemen auf seinem Rücken, der immer noch blutigen Kratzspuren in seinem Gesicht und des frisch geschienten Beins.
»Sieht aus, als wärst du im Krieg gewesen«, sagte einer von ihnen.
Attikos nickte und hob eine Hand, um sich auf die Beine helfen zu lassen. Obwohl ihm alles wehtat, gab er keinen Klagelaut von sich. »Da war eine Frau an Bord meines letzten Schiffs«, sagte er. »Gibt immer nur Ärger, wenn das erlaubt ist. Immer.«
Einer der Männer klopfte ihm auf die Schulter. »Ich gebe Archon Xanthippos Bescheid, dass du hier bist. Kommst du als Besucher oder als dauerhaftes Mannschaftsmitglied?«
Attikos blickte über das Wasser hinweg, wo drei Schiffe die Segel setzten. Er zog bei dem Anblick ein finsteres Gesicht.
»Dauerhaft«, sagte er und spuckte über die Bordwand.