12

Der Hafen von Piräus war umtriebig, jeder steinerne Kai und jede Liegestelle für Reparaturen waren besetzt. Zum einen mussten Verpflegung und Waren für die Bevölkerung von Athen eingeführt werden, zum anderen lag die Hauptflotte im Hafenbecken vor Anker und bereitete sich darauf vor, auszulaufen. Perikles und Kimon standen sich beide um nichts nach, was Schlafmangel und Anstrengungen während der Dauer von drei Wochen betraf. Es hatte etwas chaotisch begonnen, sich dann aber in Überprüfen von Abrechnungen und Nachzählen von Ressourcen eingeschwungen. Jedes Schiff brauchte genügend frisches Wasser, Getreide, Trockenfleisch und Käse, um zweihundert Seelen auf See am Leben zu halten, was ein riesiges Unterfangen für sich alleine war. Das zusätzliche Einlagern von Waffen, Helmen und Schilden war nur der Anfang. Segeltuch, Ruder, Nägel, Werkzeuge, Bronzezuschnitte und Holz verwandelten jede Trireme in ihre eigene Werkstatt und ihr Lagerhaus.

Wenigstens gab es keinen Mangel an Ersatzmannschaften. Sowohl Ruderer als auch Hopliten verletzten sich beim Training. Ein durch eine Rudergabel gebrochener Arm oder ein schlimmer Schlag gegen den Kopf bedeutete, dass ein Mann möglicherweise entlassen werden musste. Andere Seeleute waren zu alt, oder ihr Griff um die Ruder schmerzte die Muskeln so sehr, dass sie nicht mehr länger ihre Arbeit machen konnten. Die Kameraden eines solchen Mannes hoben dann einen Becher auf ihn und spuckten aus, um Pech abzuwenden, aber sein Platz musste auf die eine oder andere Art besetzt werden. Jeden Morgen kamen junge Burschen aus der Stadt, die bereit für Waffenübungen waren oder ein Ruder anpacken wollten, um sich zu verpflichten. Dem einen oder anderen folgte eine ärgerliche Mutter oder ein Vater, um sie wieder zurück zur Werkstatt oder dem Geschäft ihrer Familie zu schleifen, aber die meisten wurden angenommen und erhielten den ersten Teil ihres Solds. In der athenischen Flotte gab es keine Sklaven, die umsonst arbeiteten.

Die Flut an Silberdrachmen, die jede Woche in den Hafen strömte, brachte selbst Kimon zum Schwitzen. Er war mit einer Gruppe von hochrangigen Trierarchen zur Ratsversammlung auf der Agora gegangen, um Geldmittel zu erbitten. Obwohl sie sehen konnten, wie die Flotte die Gewässer der Meerenge bei Salamis patrouillierte, war es immer noch eine Anstrengung für ihn, seine eigenen Leute zur Freigabe dessen, was benötigt wurde, zu bekommen. In den Minen bei Laurium wurde Tag und Nacht gearbeitet. Sie produzierten bei Weitem mehr für die Schatzkammer der Stadt als zu der Zeit, in der Themistokles das Sagen gehabt hatte. Es gab immer noch einen Unterschied zwischen der Beipflichtung, dass etwas gut und richtig war – und dem tatsächlichen Aushändigen von Silbertalenten, denen man beim Verschwinden zusah. Ausnahmsweise einmal waren sie aber nicht die einzige Geldquelle. Die Schatzkammer des Bündnisses auf Delos belief sich auf insgesamt vierhundertsechzig Talente, hundertzwanzig davon allein von Athen – eine riesige Kriegskasse. Bei dem ständigen Bedarf an Stein, Eisen und Holz hätten die Flözen bei Laurium allein die Nachfrage nicht bedienen können. Es traf sich gut, dass inzwischen eine Handelsflotte überall in der Ägäis Waren an- und verkaufte. Da Persien vom Handel abgeschnitten war, konnte ein einzelner Schiffskapitän mit dem Handel von Lebensmitteln oder schwarz-roten Tonwaren ein schnelles Vermögen machen. Die Ratsversammlung zog ein Fünftel davon ein – und kein Kapitän wagte es, sich zu beschweren. Nur einem wurde seine Lizenz entzogen, und man nahm ihm sein Schiff zur Begleichung der Schulden. Der Rest akzeptierte die Gebühr für das Benutzen des Hafens und dafür, den großen Markt von Athen zu erreichen. Die Flut an Reichtum zeigte sich sogar in dem neuen Theater, in dem Reihe über Reihe aus Sitzen bestand, die man aus dem Holz der persischen Flotte hergestellt hatte. Das große Zelt, das einst am Ufer König Xerxes beherbergt hatte, stellte nun einen Teil der hinteren Bühne dar. Es stimmte zwar, dass der Eintritt zweimal so viel kostete wie vor dem Krieg, aber jeder Platz war besetzt, erst, um sich eine Komödie anzusehen, dann ein Werk von Phrynichos, bei dem die Männer auf dem Heimweg in den Straßen weinten.

Kimon gähnte, während er am Hafen stand. Es war beinahe Mittag, und sein Magen erinnerte ihn mit deutlichen Geräuschen daran, dass er seit der gestrigen Nacht nichts gegessen hatte. Ihm fiel auf, dass er abgenommen hatte, einfach durch körperliche Arbeit und indem er seinen Hunger ignorierte. Für gewöhnlich schlief er auf Getreidesäcken am Hafen und aß sein Essen dort mit den Arbeitern.

Er bemerkte Perikles, der in eine geduldige Unterhaltung mit einem der Schiffsbauer vertieft war, die für Aristides die Hafenkonten überwachten. Kimon war von dem Mann geplagt worden, bis er Perikles zu dessen offiziellem Ansprechpartner gemacht und ihnen die Arbeit überlassen hatte. Das Ergebnis hatte aus einer Woche süßen Friedens bestanden, wenn Perikles auch behauptete, er sei mindestens zweimal kurz davor gewesen, den Mann zu erwürgen.

Beim Anblick von Thetis, die nur einen Schritt hinter den beiden herlief, runzelte Kimon die Stirn. Sie hatte sich einen Lederbeutel über die Schulter geworfen und trug unter jeder Achsel eine zusammengerollte Schriftrolle. Es sah aus, als hätte sie alles aufgehoben, was Perikles vergessen hatte, was Kimon zum Lächeln brachte, wenn es auch ein argwöhnisches Lächeln war. Er sah, dass die kleine Gruppe an ihm vorbeikommen würde, und bereitete sich darauf vor, dass es unangenehm werden würde. Seine Frau und sein Kind waren in Athen. Thetis immer noch in der Nähe zu haben, während die Flotte sich auf das Auslaufen vorbereitete, bedeutete, dass sie sich ab und zu trafen. Perikles war in diesem Hafen sein Stellvertreter, oder zumindest hatte er sich mit Anstrengung und Klugheit zu etwas wie einem gemacht. Sie trafen und besprachen sich täglich viele Male – und Thetis war immer dabei.

Kimon gab tief in der Kehle ein »Hmm«-Geräusch von sich. Für athenische Männer war es nicht ungewöhnlich, eine Geliebte zu haben, und auch nicht, die Nacht mit einer Fremden zu verbringen. Es wurde jedoch nicht von ihm erwartet, sie nach Hause zu bringen. Kimon schnaufte durch die Nase und überlegte. Er war mehr als großzügig zu der Frau von Skyros gewesen. Sein spezielles Problem, sich ausmalen zu können, wie seine Mutter sich wünschte, dass er die junge Frau behandelte, hatte sich genau im Moment des Abschieds gemeldet. Thetis hatte ihn bereits Verpflegung und Ärger gekostet – nicht zuletzt war er gezwungen gewesen, einen kompetenten Mann an Xanthippos abzugeben. Kimon wusste, dass er sie problemlos am Hafen ohne eine einzige Drachme ihrem Schicksal hätte überlassen können. Aber das hatte er nicht getan. Stattdessen hatte er ihr genug gegeben, um sie zu versorgen, während sie sich nach Arbeit umsah. Er hatte sogar Angebote von einer Wäscherei und einer Näherin arrangiert. Ihre Heimatstadt Theben war weit weg und in diesem Jahr kein Freund von Athen. Er besaß ihr gegenüber keine weitere Verantwortung, und er hätte sie wohl nicht mehr weiter gesehen, wenn Perikles sich nicht eingemischt hätte. Irgendwie hatte der junge Dummkopf ihr einen Stadtrundgang angeboten – zu allen Tempeln und Sehenswürdigkeiten. Das hatte sich zu … Kimon blickte auf, als die drei ihn erreichten. Er war sich nicht völlig sicher, zu was sich das entwickelt hatte.

»Ah, Perikles!«, sagte er. »Ich musste gerade an dich denken. Ich weiß nicht, warum alles immer in der letzten Minute so völlig hektisch wird. Wenn wir morgen aufbrechen wollen, werden wir zweifellos die ganze Nacht durcharbeiten müssen. Trotzdem, wenn ich mir noch eine Woche Zeit nehmen würde, dann wäre es exakt genauso.«

Sie lächelten, wie er es von ihnen erwartet hatte. Kimon hatte geredet, ohne zu überlegen, womit er Perikles die Ehre gab, sich Zeit lassen zu können. Das war die Macht, die der Status eines Strategos verlieh. Das dritte Mitglied der kleinen Gruppe, Aristides’ Mann … nein, der Name wollte ihm nicht einfallen. Kimon senkte den Kopf und schloss ihn in die Geste mit ein. Er glaubte, dass Thetis ihn beobachtete. Hatte sie Perikles umgarnt, damit sie in der Nähe desjenigen bleiben konnte, den sie wollte? Kimon hoffte nicht, um Perikles’ willen ebenso wie seinetwillen. Er hatte diese Art Frauen mit ihren großen Augen und gequälten Mienen bereits früher gekannt. Wenn die Besessenheit erst einmal begann, endete es für niemanden gut.

Nicht zum ersten Mal war der Gedanke daran, einfach aus dem Hafen fortzurudern und alles hinter sich zu lassen, Kimons privates Vergnügen. Seine Schiffe. Oh, vielleicht hatte Athen die meisten von ihnen bezahlt, und Aristides und Xanthippos waren wohl formell die Befehlshaber. Aber dennoch, wenn die Ruder eintauchten und die Wellen schlugen, konnte er all seine Sorgen wie einen Haufen Kleider am Ufer zurücklassen.

»Wie geht es deinem Vater, Perikles?«, fragte Kimon. Er sah die schnelle Grimasse, bevor die Antwort erfolgte, und verstand.

»Nicht besonders gut«, sagte Perikles.

Trotz seines Tons sprach er nichtsahnend. Es war eine Form von Selbstsicherheit, an die Kimon sich kaum erinnern konnte. Perikles kannte die Förmlichkeiten – die korrekte Antwort. Sein Vater lag in Räumlichkeiten nahe des Hafens und hatte schwere Atemprobleme. Sein Sohn wies all die angemessene Achtung und Zurückhaltung auf, aber er glaubte nicht wirklich, dass Xanthippos tatsächlich sterben könnte, dass er nicht wieder zu Kräften kommen würde, wie sonst immer. Perikles hatte nie einen Tag in seinem Leben ohne Xanthippos gekannt. Die Möglichkeit, ohne ihn weiterzumachen, war nicht real. Kimon hatte das in einem Dutzend von Unterhaltungen gesehen, als er versucht hatte, den jungen Mann dazu zu bringen, den Archon zu besuchen, einfach nur, damit Perikles sagen konnte, er hätte alles in seiner Macht Stehende getan und die richtigen Worte gefunden.

Kimons eigener Vater war gestorben, als er noch ein Junge gewesen war. Er erinnerte sich an den Triumph bei Marathon und an die Schmach des gescheiterten Feldzugs hinterher. Sein armer Vater war als gebrochener Mann nach Hause gekommen, heiß von Fieber und gepeinigt von einem Prozess. Xanthippos hatte damals eine Rolle bei den Anklagen gespielt – und Kimon hatte begonnen, für drei zu trinken. Er hatte sich in Kummer, Schmerz und Wut verloren … und Perikles war nichtsahnend, versuchte, ernst und tief betrübt dreinzusehen, während all das nur vorgetäuscht war. Kimon sah, wie Thetis seinen Arm berührte, um ihn zu trösten, und verdrehte die Augen. Er konnte den jungen Mann nicht dazu bringen, es zu begreifen, aber er würde es noch früh genug verstehen.

»Du solltest ihn aufsuchen«, sagte Kimon behutsam. »Wir werden morgen aufbrechen … du solltest dich von ihm verabschieden.«

»Natürlich mache ich das«, sagte Perikles.

Er wusste, dass er unter Druck gesetzt wurde, und er mochte das nicht. Thetis schien es besser zu verstehen als er. Ihr Blick jedoch verblieb auf Kimon, als er sich der See zuwandte und sich wünschte, dort draußen zu sein, sich wünschte, fort zu sein.

*

Als Perikles das Haus nahe der Hafenanlagen betrat, war das Licht der Lampen gedämpft. Seinem Vater gehörten ein Anwesen im Herzen der Stadt wie auch ein Landgut außerhalb, aber die Reise nach Athen war anstrengend für ihn geworden. Er hatte ein paar Räume im Hafen gemietet, wo er immer noch an jedem Morgen zu den Schiffen gehen konnte.

Perikles hob überrascht seine Augenbrauen, als er seine Mutter Agariste und ihre Schwester Eleni sah, die mit einem dunklen Schleier an deren Seite stand. Eleni war bereits verheiratet und hatte sich zu einer wunderschönen jungen Frau entwickelt. Sie hatte eine Tochter, und ein weiteres Kind ließ ihren Schoß anschwellen. Die Zeit oder Verlust hatten auf Elenis Gesicht ihre Spuren hinterlassen. Ihr Mund wies zu beiden Seiten tiefe Linien auf. Mit stiller Würde trat sie zu ihrem Bruder und drückte ihren Kopf gegen seinen Hals, als sie ihn umarmte. Es war schwierig für ihn, sich das Mädchen mit den aufgeschürften Knien vorzustellen, das ihm im hinteren Feld das Reiten beigebracht hatte, aber Perikles wusste, dass Frauen diese Dinge aufgaben.

Elenis Augen weiteten sich ein wenig, als sie Thetis hinter ihm bemerkte. Thetis war gekommen, weil Perikles sie darum gebeten hatte, aber in diesem Moment fühlte es sich für sie falsch an, hier zu sein. Unter dem durchdringenden Blick von zwei Frauen fühlte Thetis, wie sie errötete, und hielt den Kopf gesenkt. Sie murmelte Eleni und Perikles’ Mutter eine Begrüßung zu. Die beiden Frauen würden sich sicher wundern, was sie mit dem jüngeren Sohn des Hauses zu schaffen hatte. Manchmal war Thetis sich da selbst nicht sicher.

Als Perikles auf die schnelle Geste seiner Mutter reagierte und weiter vorschritt, trat sie mit Eleni zur Seite. Der Mann auf dem Strohlager schien sie nicht zu bemerken. Er lag da und atmete schwach, erhellt von einer niedrig brennenden Flamme. In dem weichen Glanz sah Xanthippos wie poliert aus, sein Fleisch mattes Gold. Perikles streckte die Hand aus und ergriff die seines Vaters. Sie war unangenehm warm.

Xanthippos’ Augen öffneten sich. Er wandte sich ihm zu und begann sich sofort von seinem Lager hochzubemühen. Seine Frau und seine Tochter traten um Perikles herum, um Xanthippos zu helfen, und legten ihm Kissen unter seinen Rücken. Eleni presste ihm ein Tuch auf die Stirn und wischte den Schweiß weg. Xanthippos’ Atemgeräusch, das lauter war, als es hätte sein sollen, schien den ganzen Raum auszufüllen.

»Da bist du endlich«, sagte Xanthippos. »Ich dachte schon, du würdest nicht kommen. Wie steht es um … die Flotte?«

Er wandte den Kopf vor und zurück wie ein Blinder und fuhr mit der Zunge über sein trockenes Zahnfleisch und die Zähne. Perikles bemerkte, dass er keuchte und sein Mund zwischen den einzelnen Atemzügen offen stand. Seine Haut war mehr gelb als golden.

»Ist das neue Eichenholz angekommen?«, fuhr Xanthippos fort. »Ich traue diesen makedonischen Zulieferern nicht über den Weg … jemand muss die ganze Frachtliste durchgehen und sicherstellen, dass das Holz fehlerfrei ist.«

»Ja, das mache ich, Vater«, sagte Perikles. »Keine Sorge.«

Er fühlte, wie dessen Hand zur Antwort seine Finger drückte, und Xanthippos, der sich in die Kissen sacken ließ, nickte. Nur sein Wort, sein Versprechen war genug gewesen – und Stolz erfüllte Perikles, als er das begriff. Er fühlte, wie ihm das Haar im Nacken zu Berge stand, als er Xanthippos erneut anblickte. Sein Vater war nicht alt, aber etwas Schreckliches hatte ihn im Griff. Etwas, das ihn womöglich nicht mehr loslassen würde.

»Wirst du morgen mit hinauskommen, wenn die Flotte ausläuft?«, fragte Perikles. Es war die Frage eines Kindes. Er dachte, Xanthippos würde nicht antworten, aber seine Augen öffneten sich, und er lächelte.

»Ich glaube nicht. Ich muss mich eine Weile ausruhen, um wieder zu Kräften zu kommen. Deine Mutter will nur ein großes Getue machen, du weißt das. Du wirst ohne mich nach Zypern gehen. Vertrau Aristides. Er ist ein guter Mann.«

Seine Augen schlossen sich wieder, und er drehte mit langsamen Atemzügen den Kopf zur Seite.

»Schläft er?«, fragte Perikles. »Gut. Er sieht erschöpft aus.«

Eine Weile erwiderte seine Mutter nichts, sondern kümmerte sich darum, das Strohlager und die Kissen, auf denen Xanthippos lag, zurechtzurücken.

Als Perikles sich erhob und den Rücken durchstreckte, blickte seine Mutter auf. »Musst du gehen, Perikles? Das Landgut – die Geschäfte deines Vaters. Er ist nicht in der Verfassung … Sie brauchen einen Mann, der sich um alles kümmert, um sicherzustellen, dass wir nicht von Dieben heimgesucht werden.«

Ärger stieg in Perikles empor. Es war nicht richtig, dass sie so sprach, während Xanthippos schlief, als würde er nicht mehr länger zählen. »Ich denke …«, sagte Perikles, wobei er seine Worte sorgfältig wählte, »ich denke, du und Eleni werden es überstehen, Mutter. Meine Pflicht liegt bei der Flotte.«

Selbst in seinen eigenen Ohren hörte sich das ein wenig wichtigtuerisch an. Als er sich abwandte, sah er Thetis, die immer noch mit großen Augen im Türrahmen stand. Sein Herz machte einen Satz, als er sah, wie wunderschön sie war. »Komm«, sagte er zu ihr. »Hier gibt es nichts mehr zu tun.«

 

Draußen an den Kais roch die Luft nach Salz, Fisch und Öl. Mit der athenischen Flotte, die bereit war, am nächsten Morgen die Segel zu setzen, war der Hafen eine Welt weit weg von Krankheit, ein Ort voller Geschäftigkeit und gesundem Lärm, den Schreien und Rufen von Männern, die Säcke oder Balken trugen. Perikles dachte an die letzte Lieferung Eichenholz und daran, dass sie überprüft werden musste. Er winkte ab. Es kümmerte ihn nicht.

Er blickte Thetis an und sah, dass sie immer noch den ledernen Ranzen voller Pläne und Abrechnungen hielt. In einer Hand hatte sie eine weitere Schriftrolle, die für den Moment vergessen war. Das Kajal um ihre Augen war zu Schlieren verschmiert.

»Ich sollte … äh … diese Frachtlisten zu Aristides bringen, Thetis«, sagte er. »Ich werde morgen mit Kimon aufbrechen. Es sollte alles …«

Mit einem Mal war es zu viel. Etwas in der Art, wie sie ihn ansah, brachte ihn dazu, allmählich zu verstummen. Sie ließ den Ranzen fallen und zog ihn zu sich. Er war verlegen, unsicher, ob er gehalten werden wollte oder nicht.

»Er könnte sich wieder erholen«, murmelte sie.

Er konnte ihr Haar riechen, den Duft von Blumen.

»Das wird er!«, sagte er. »Du kennst ihn nicht. Er ist so stark …«

»Und er liebt dich«, sagte sie beinahe verwundert.

Perikles holte tief Luft und schüttelte den Kopf. »Er hat meinen Bruder Ariphron geliebt, nicht mich.«

Er sah ihr in die Augen und war sich plötzlich völlig dessen bewusst, dass er sie weiter festhielt, ihr Körper so dicht gepresst an den seinen, dass beide ihre Atemzüge fühlten.

»Was ist mit dir?«, fragte er. »Was wirst du machen, wenn ich morgen fortgehe? Das hier ist keine sichere Stadt für eine Frau ganz alleine.«

»Ich habe ein Zimmer«, gab Thetis zurück. Sie biss sich auf die Lippen, als sie mit besorgter Miene nachdachte. »Es gibt genug Arbeit. Mit der Zeit werde ich so viel ansparen, dass ich nach Theben zurückgehen kann. Vielleicht leben meine Eltern immer noch, ich weiß es nicht. Ich werde zurechtkommen.«

Der Gedanke, sie zu verlieren, war auf einmal nicht zu ertragen. Die Zeit lief ab, und Perikles sprach es aus. »Warum heiratest du mich nicht?«, fragte er. »Ich glaube, du weißt, was ich für dich empfinde.«

Thetis stand völlig still.

»Perikles, du bist … durcheinander, wegen deinem Vater und weil du bald abreist. Sag nichts, was du später bereuen wirst.«

»Ich war mir noch nie im Leben einer Sache sicherer«, sagte er. »Als meine Frau könntest du bei meiner Mutter bleiben. Dann wärst du mit meiner Familie um dich herum in Sicherheit.«

»Ich bin älter als du«, flüsterte sie.

Sie liebte ihn nicht, das wusste sie. Sie liebte Kimon, ihren Retter, der sie kaum beachtete, seitdem er nach Hause gekommen war. Doch der Gedanke, in einer Stadt gestrandet zu sein, die sie nicht kannte, war furchterregend. Sie kannte die Hafenanlagen, ein Gedanke, der sie schaudern ließ. Dort hatte Athen nur eine Verwendung für fremde Frauen. Das Leben war härter, als Perikles wusste. Sie war als Kind entführt worden und hatte unter Männern leben müssen, die kaum besser als Wölfe gewesen waren. Dennoch hatte sie unter ihnen überlebt.

»Sag Ja, und alles andere ist egal«, sagte Perikles. »Ich kümmere mich um einen Priester, und wir halten die Zeremonie hier am Hafen ab, mit Kimon als Zeugen. Meine Mutter und meine Schwester sind gerade hier, Thetis. Lass sie dich in der Familie willkommen heißen. Sag Ja.«

»Dann … ja«, sagte sie. Sie ertappte sich dabei, dass sie weinte, als er seine Lippen eine ganze Weile auf die ihren presste, hart genug, dass es wehtat.

 

Die Priester von Hera und Apollo waren bereits zur Stelle, da sie im Begriff waren, die Schiffe zu segnen. Perikles schickte einen Ruderer aus, um sie herbeizuholen. Langsam kam alle Arbeit an diesem Teil des Hafengeländes zum Erliegen, als die Sonne unterging und Fackeln entzündet wurden. Kimon kam aus dem Laderaum des Flaggschiffs hervor und blickte Perikles verwundert an, als dieser ihn zur Seite zog. Es war schwierig, seinem forschenden Blick zu begegnen, dennoch setzte Perikles sich ihm aus.

»Ich habe gehört, dass dein Vater schwer krank ist«, sagte Kimon. Er umarmte den jüngeren Mann. »Das tut mir leid. Ich weiß ein wenig, wie sich das anfühlt. Ich würde dir aber den Rat geben, nichts zu überstürzen, Perikles. Wenigstens eine Zeit lang. Vielleicht fühlt es sich jetzt für dich an, als müsstest du eine Entscheidung treffen, bevor wir bei Tagesanbruch in See stechen, aber Thetis wird immer noch hier sein, wenn wir zurückkehren, da bin ich mir sicher. Es ist vielleicht besser, mit einer Heirat bis dahin zu warten.«

»Nein, das hier ist richtig. Und meinem Vater wird es gut gehen – er ist stark. Schau, Kimon …« Er zögerte und lief rot an. »Ich weiß, dass du und Thetis …«

Perikles brach ab, und es war an Kimon, verlegen dreinzuschauen. Er hatte nicht gewusst, dass Perikles in jener Nacht wach gewesen war.

»Ich … hoffe, dass es deswegen keinen Ärger zwischen uns geben wird.«

»Nein, überhaupt nicht. Sie liebt mich, Kimon. Und ich liebe sie.«

»Dann bist du ein glücklicher Mann. Obwohl sie keinen Vater hat, der sie dir übergeben könnte.«

»Ihr früherer Ehemann ist tot, und sie hat keine Verwandten hier. Wenn du willst, kannst du als ihr Vormund auftreten, Kimon.«

»Natürlich, wenn du dir sicher bist.«

Perikles fühlte, dass Gereiztheit wie ein Unkraut in ihm wucherte, weil er nur Kritik zu hören bekam. »Ja, ich bin mir sicher.«

»Dann freut es mich für euch beide.«

Kimon nahm seine Stelle neben Thetis ein und blickte den Priester der Hera an, während der Mann die Worte der Heiratszeremonie zu intonieren begann, mit denen er die Vereinigung zweier junger Menschen seiner Göttin widmete. Die Heirat musste notgedrungen so kurz wie möglich gehalten werden, weil die gesamte Flotte darauf wartete, beim nächsten Tagesanbruch auszulaufen. Die vielen Menschen um sie herum waren alle Seeleute von den Schiffen. Sie waren begeistert, mitanzusehen, wie der Sohn von Xanthippos sich verheiratete. Es war ein gutes Omen für alles, was vor ihnen lag.

In dem wütenden Gesicht seiner Mutter war nur wenig von all der Freude zu sehen. Sie war vom Krankenbett ihres Mannes herbeigerufen worden, weshalb sie noch immer ein feuchtes Tuch über der Schulter liegen hatte. Strähnen ihres Haars wehten in der Brise. Mit ihrem dunklen Rock war sie nicht für eine Festlichkeit gekleidet, aber zumindest passte die Farbe zu ihrem Gesichtsausdruck. Perikles’ Schwester war gekommen. Sie küsste ihn und flüsterte ihm ins Ohr, dass alles gut werden würde.

Als Kimon Thetis’ Arm nahm, fühlte er lange ihren Blick auf sich. Perikles stand etwas weiter vorne und wartete darauf, dass die Frau, die seine Ehefrau werden würde, vortrat.

Als der Priester ihnen ein Zeichen gab, wandte Kimon sich der Frau zu, die seinen Freund heiraten würde. Ihre Blicke trafen sich. Sein Magen verkrampfte sich angesichts dessen, was er in ihren Augen sah. Er schritt mit ihr vor und trat dann alleine wieder zurück, während Thetis ihren Platz an Perikles’ Seite einnahm.

Als alles erledigt war und sie sich küssten, jubelte die Menge wie wild. Die Leute schulterten das glückliche Paar und marschierten mit den beiden zu einer Taverne. Der Himmel war klar und der Abend trotz der späten Stunde noch hell.