15

Perikles erwachte, als die Sonne hoch am Himmel stand. Um Hals und Schulter bis hinab zu den Rippen waren ihm saubere Verbände gelegt worden. Sie juckten ihn alle gnadenlos, und er wand sich, was die Aufmerksamkeit eines Mannes auf sich zog, von dem er hoffte, dass es ein Arzt war. Seinem gelockten Bart nach zu urteilen, war er Perser, obwohl er eine Robe trug, die mühelos die Pnyx in Athen hätte zieren können. Was auch immer er war, er trat an ihn heran, sobald er seine Bewegung sah. Perikles rückte von ihm ab und hob eine Hand wie zur Verteidigung. Der Arzt brummte missbilligend und schlug auf sie.

»Sei friedlich, Athener«, sagte er.

»Perikles«, murmelte er zur Antwort. Seine Finger schmerzten.

»Ein Name, der … berühmt bedeutet? Weithin bekannt?«

Perikles lief rot an und nickte.

»Mein eigener Name ist Golshan«, sagte der Arzt, der sich auf die Brust klopfte. »Das bedeutet Garten.«

Ein Moment des Schweigens verging, während die beiden einander ansahen.

»Ich finde, ihr Griechen seid so ziemlich wie echte Menschen, zumindest wenn es darum geht, eine Schnittwunde zu säubern. Deine sind genäht und mit Honig verbunden, auf die ägyptische Art, ja? Es sollte alles jeden zweiten Tag gesäubert und ausgewechselt werden, um Wasser und Verschmutzung herauszuziehen. Der alte Honig sollte nicht gegessen werden. Verstehst du?«

»Ja. Du sprichst sehr gut.«

Der Arzt zuckte mit den Schultern, obwohl er erfreut aussah. »Ich habe einen Teil meiner Jugend in Knidos verbracht, an der dortigen Ärzteschule eurer Landsleute. Mein Vater sagte, ein Mann, der gut mit Wunden umgehen könne, würde niemals Hunger leiden. Damit hatte er recht.«

»Ich danke dir«, sagte Perikles. Er versuchte, die Enge seiner Verbände etwas zu lockern, indem er einen Finger darunterschob. Der Perser schlug ihm wieder die Hand weg.

»Spartaner kratzen sich nicht«, sagte er.

»Ich bin kein Spartaner«, erwiderte Perikles.

Golshan lächelte. »Ich weiß. Ich habe versucht, dich zu einem höheren Vorbild als deinem eigenen anzuspornen. Alle Ärzte lieben Spartaner. Sie beklagen sich am wenigsten von allen. Also, deine Verletzungen sind leichter Natur – du wirst eine Narbe entlang deines Schlüsselbeins behalten und du wirst für eine Weile humpeln. Das Bein sollte einen Monat lang nicht belastet werden. Danach wird es wieder erstarken. Ich kann mich nicht für deine persönlichen Angewohnheiten aussprechen. Wenn du überlebst, dann schlage ich vor, dass du dich etwas öfter wäschst. Verstehst du?«

Perikles ertappte sich dabei, dass er vor Verlegenheit rot wurde. An der Tür stand ein Hoplit Wache, der zweifellos von Kimon dorthin beordert worden war, um sicherzugehen, dass der Perser keine hilflosen Patienten erstickte. Als Perikles sich auf die Ellbogen stützte, stöhnte er vor Schmerzen, aber so konnte er drei andere im Raum sehen, die auf niedrigen Betten lagen. Er glaubte, dass er einen von ihnen wiedererkannte, aber er konnte sich nicht an den Namen des Mannes erinnern, daher nickte er ihm nur zu und hob die Augenbrauen zu einem unbeholfenen Gruß. Zu seiner Bestürzung ahmte der Kerl mit offensichtlicher Belustigung nach, wie er sich unter den Achselhöhlen und zwischen den Beinen kratzte. Perikles wandte in plötzlichem Zorn seinen Blick von ihm ab. Er sah nicht mehr, wie der Mann ein enttäuschtes Gesicht zog.

»Ich habe dich selbst gewaschen, mit nassen Tüchern und einem Eimer«, fuhr Golshan gnadenlos fort. »Du darfst das Öl nicht so lange auf der Haut lassen, dass es ranzig wird. Schrubbe es jeden Tag ab, bade dich und benutz dann Rosenwasser oder ein leichteres Öl als das von Oliven. An sauberem Schweiß ist nichts auszusetzen, aber er wird sauer. Ich muss sagen, dass deiner besonders streng war.«

»Danke für deinen Rat«, sagte Perikles knapp. Er hoffte, sein fester Blick könnte das Haar des Mannes in Brand setzen, aber Golshan zuckte nur mit den Schultern. »Der ist umsonst, oder in Austausch für mein Leben, wie eure Offiziere es erklärt haben. Nicht vergessen, Rosenwasser oder vielleicht …«

»Ja. Danke!«, sagte Perikles.

Der Arzt presste den Mund zu einer dünnen Linie zusammen. Er erhob sich und wandte sich an die Wache. »Euer Herr wollte verständigt werden, wenn dieser junge Mann aufgewacht sein würde.«

»Mir wurde befohlen, hierzubleiben«, erwiderte der Mann.

Seine Worte trafen auf ein Schulterzucken. »Das geht mich nichts an. Ich habe getan, was man mir aufgetragen hat.«

Der Hoplit verzog das Gesicht und lief aus dem Raum. Mit einem Mal fühlte Perikles sich hilflos, als der Arzt sich auf dem Rand seines Bettes niederließ und ihm seine Hand auf die Stirn presste. Er fragte sich, ob er die Stärke besäße, sich zu wehren, wenn der alte Bastard versuchte, ihn zu erwürgen. Er hoffte es.

»Wie lange bin ich schon hier?«, fragte Perikles.

Golshan murmelte etwas in seiner eigenen Sprache, während er sich zurücklehnte. »Ich habe dich Schlafmohnsamen mit Wein trinken lassen, während ich deine Wunden vernähte. Du warst eine Weile … am Reden und hast dich gewehrt, wolltest nicht stillhalten. Der Schnitt nah an deinem Hals war ausgefranst und verlangte nach einer ruhigen Hand. Ich würde sagen: Komm in sechs Wochen wieder zu mir, und ich ziehe dir die Fäden, aber wer weiß, wo wir beide dann sein werden, hm? Was? Oh, ihr kamt wie Diebe und Piraten in der Nacht vor der letzten Nacht. Das hier ist dein dritter Tag auf Zypern.«

»Und …« Perikles blickte in schwarze Augen, so schwarz, dass es kein Anzeichen von Farbe um die Pupille herum gab. »Und wir haben die Insel eingenommen? Wir halten die Festung?« Ihm kam der jähe scheußliche Gedanke, dass er womöglich ein Gefangener war, dass die Garnison überrannt worden war. Nein. Die Wache wäre dann eine von ihnen gewesen.

Vorsichtig beugte sich Golshan vor und spuckte auf den Boden, ehe er antwortete. »Ihr seid die Herren von Zypern«, sagte er. »Für heute. Bis der Großkönig eurem Anführer Gold anbietet, genug, um ihn in Münzen zu ertränken.«

Er sprach mit einer höhnischen Miene, die in Verwirrung umschlug, als Perikles zu lachen begann und zusammenzuckte, weil es wehtat.

»Du glaubst, dein König wird einem Spartaner Gold anbieten?«, sagte er. »Au. Au, ich kann nicht lachen. Es tut weh, zu lachen. Bitte, bitte, lass es ihn versuchen. Es wird mir das Herz brechen, mitanzusehen, wie Pausanias alles in ein Schiff verfrachten lässt, nur damit er es versenken kann, oder was auch immer für eine grandiose Geste er sich aussucht. Bitte, belustigt uns mit Gerede von Lösegeld.«

Mit dem Klappern von beschlagenen Sandalen kehrte der Hoplit zurück in den Raum. Er sah sich unter den Patienten um, sichtbar erleichtert, dass der Perser während seiner Abwesenheit nicht alle umgebracht hatte. Der Arzt verdrehte die Augen.

»Hoch mit dir, Sohn«, sagte der Hoplit. »Kimon fragt nach dir.«

Mit einem unterdrückten Stöhnen schwang Perikles ein Bein nach dem anderen aus dem Bett und stand auf. Abgesehen von den Stoffverbänden um seinen Rumpf und eines seiner Beine war er nackt. Der Hoplit schien sich nichts dabei zu denken, aber Perikles sah sich nach etwas mehr Kleidung um. Er freute sich, auf einem Tisch neben einer Ansammlung von Schilden und Helmen saubere Gewänder liegen zu sehen. Von der Kopisklinge, die er im Korridor benutzt hatte, war nichts zu sehen. Vermutlich hatte Kimon sie wieder an sich genommen. Perikles sagte sich, dass er von den Spartanern eine andere bekommen musste, wenn ihm auch nicht klar war, wie er das anstellen sollte. Sie benutzten keine Münzen, welcher Art auch immer.

»Hilf mir, mich anzuziehen«, befahl er.

Golshan trat, ohne nachzudenken, einen Schritt vorwärts. Er zog die Augenbrauen hoch, als der Hoplit ebenfalls reagierte, weil er einen Kommandoton vernahm, den Perikles ebenso wie die Worte von seinem Vater gelernt hatte. Gemeinsam hüllten sie Perikles in ein einteiliges Tuch aus hellblauem Leinen, das sie mit einer Bronzespange befestigten. Perikles entspannte sich, als er aufstand. Er fühlte sich besser, wenn er seine Hand auch dorthin fallen ließ, wo für gewöhnlich ein Schwertgürtel war, und enttäuscht seine Hüfte berührte.

 

Perikles betrat eine Halle, die mehr nach einem königlichen Palast als nach einer militärischen Festung aussah. Er war sich nicht sicher, was er erwartet hatte, aber keine Böden aus poliertem Marmor, der ihn so gut widerspiegelte, dass ihm war, als würde er auf den Sohlen seiner eigenen Füße laufen. Auch keine Säulen, die mit Gold überzogen waren, oder eine Decke, die sich wie ein steinerner Vogelflügel auffächerte. Als er nach oben blickte, erinnerte er sich daran, wie er als Junge eine Krähe seziert hatte. Wie er die Knochen hoch gegen das Licht gehalten und ihre Komplexität bewundert hatte.

In den Ecken der Halle standen Hopliten Wache, aber hier herrschte keine friedliche oder ruhige Stimmung vor. Als Perikles näher kam, war ein eindringlicher Klang zu vernehmen, beinahe, als würde ein Schmied auf einen Amboss schlagen. Am anderen Ende der Halle war eine große Anzahl von Menschen versammelt, vielleicht zweihundert oder mehr. Wenigstens waren es seine Leute. Perikles konnte das mit einem einzigen Blick erkennen. Doch vom Moment an, da er den Raum betrat, konnte er den Ärger und die Gewalt in ihrer Mitte ausmachen. Die Luft stank regelrecht danach. Es war in der Art sichtbar, wie sich ihre Köpfe bewegten, in den zustoßenden Fingern und dem scharfen Ton der Stimmen zwischen den Glockenschlägen, lange bevor er die tatsächlichen Worte verstehen konnte.

Perikles, dem sein üblicher selbstsicherer Gang verwehrt war, musste den ganzen Raum durchqueren, um sich zu nähern. Er wünschte sich, er hätte sich irgendeine Art Krücke besorgt, wobei er sich an die erinnerte, die Attikos auf Skyros benutzt hatte. So ein Ding wäre ihm eine Annehmlichkeit gewesen, als sein Bein wehzutun begann und der Schmerz mit jedem Schritt an Schärfe zunahm. Er stellte fest, dass er zu schwitzen anfing, als er die Halle zur Hälfte durchquert hatte, und fragte sich, ob der Schweiß sauer werden würde, so wie der Arzt namens Golshan gesagt hatte.

Störrisch wie ein Maultier senkte Perikles seinen Kopf, als er daran zurückdachte. Er hasste Ärzte, besonders die auf den Schlachtfeldern. Perikles dachte, dass es irgendetwas mit ihnen anstellte, das Innere ihrer Kameraden zu sehen. Kein junger Soldat wollte sehen, wie diese Knochenflicker über das Schlachtfeld schlichen, wenn der Kampf vorüber war, und einen in seinem schwächsten Moment auffanden. Jedenfalls wünschte er, er hätte schärfer mit dem Perser geredet und sich nicht wie ein verdammter Dummkopf auch noch bei ihm bedankt. Der Mann war schließlich sein Feind.

Als er den äußersten Rand der Menschenmenge erreicht hatte, sah Perikles, dass Pausanias anwesend war. Er trug einen roten Umhang. Der Spartaner und seine Leibwachen standen auf einer Art Podium, das sich eine Stufe höher als der Rest des Bodens befand. Pausanias lehnte sich gegen die Armlehne eines vergoldeten Throns. Sein Seher Tisamenos stand neben ihm, füllte einen Becher mit Wein und stierte wütend, ein Ausdruck, der ihm ganz unähnlich war. Tatsächlich schien überhaupt keine große Festlichkeit stattzufinden. Es war fast so, als hätten die Griechen eine Schlacht verloren, anstatt eine zu gewinnen.

Perikles schob sich an den Umstehenden am Rand der Menge vorbei. Seine Verletzungen halfen ihm hier. Männer traten zur Seite, als sie die Bandagen, sein offenes Haar und seine bleiche, schwitzende Haut erblickten.

Perikles erspähte Kimon und Aristides, bevor sie ihn bemerkten. Sie waren tief ins Gespräch vertieft, ihre Mienen so finster wie die von Tisamenos, oder noch mehr. Als er sich durch die Menge schob, folgte Perikles ihren Blicken. Er hielt kurz inne, als er zwei sehr verschiedene Gruppen in ihrer Mitte sah. Der Glockenschlag erklang erneut, und endlich begriff er ihn.

Eine Reihe von Persern kniete mit gesenkten Köpfen am Boden. Hopliten in voller Rüstung standen mit gezogenen Schwertern und in unmissverständlich bedrohlicher Haltung über vier Männern und zwei Frauen. Eine Erinnerung regte sich in Perikles, von sich bauschenden Vorhängen und einem blassblauen und goldenen Raum. Er hatte sein eigenes Blut in einzelnen Fußabdrücken dort zurückgelassen, wie ihm jäh wieder einfiel. Eine Welle von Schwindelgefühl ließ ihn die Augen schließen. Als er sie wieder öffnete, war Kimon da, um ihn zu sich zu ziehen und ihn zu umarmen.

»Ich bin froh, dich zu sehen, Perikles. Erholst du dich gut? Du hast eine ganze Weile im Fieberwahn gelegen.«

»Mir wird es gut gehen«, sagte Perikles knapp.

Irgendwie traf ihn die Besorgnis, obwohl ihm Schweiß den Rücken hinablief und seine Wade sich anfühlte, als sei sie in kochendes Wasser getaucht worden. Er war nicht der Einzige, der Wunden erhalten hatte. Perikles beschloss, sich nichts anmerken zu lassen, egal, wie schlimm die Schmerzen wurden. Aristides war hier, ein Mann, der seinen Vater gekannt hatte, der mit ihm auf dem Schlachtfeld bei Marathon gestanden hatte. Er würde nicht wegen ein paar Wundnähten zischen oder stöhnen, nicht während andere litten.

Seine Erwiderung schien Kimon zu reichen. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich wieder der Szene vor ihnen zu.

Hinter der Reihe der knienden Perser befand sich eine zweite Gruppe. Sie bestand aus acht Männern, schmutzig und mit verfilztem Haar, die Ketten um ihre Fußknöchel trugen, sodass sie keinen ganzen Schritt machen konnten. Zweien von ihnen fehlte die rechte Hand, einem anderen waren die Augen ausgebrannt worden, sodass nur großflächiges Narbengewebe zu sehen war. Die Hälfte von ihnen war von ihren Fußketten befreit worden. Perikles sah zu, wie Hopliten mit eisernen Hämmern die Stifte einen nach dem anderen heraushämmerten. Das Geräusch war der Glockenklang, den er vernommen hatte.

Ihm fiel auf, dass er die Unglücklichen riechen konnte, einen Gestank von Fäulnis, beinahe von Tod. Niemand hielt sich zu nah bei ihnen auf. Die Männer ihrerseits starrten verwirrt oder zornig um sich. Der Blinde nahm einen Becher Wein mit beiden Händen entgegen. Er trank aus ihm mit einem Zucken, als hätte er sich verbrannt.

»Wer sind diese armen Leute?«, fragte Perikles.

»Die in Lumpen? Gefangene, die während des Kriegs aufgegriffen wurden«, sagte Kimon leise. »Zwei von ihnen waren Keleustai-Offiziere. Der Blinde da war ein Trierarch bei Salamis. Athener, die aus dem Wasser gefischt wurden, als sie sich an irgendetwas klammerten und auf Rettung hofften. Stattdessen hat man sie gefangen genommen und gefoltert.« Seine Stimme war ein Hauch. »Jetzt sind nur noch diese acht übrig.«

»Es gab noch viele mehr, die nicht überlebt haben«, fügte Aristides hinzu. »Wenn wir gewusst hätten, dass sie hier waren … Sie starben, während sie darauf warteten, dass wir kommen würden.«

»Wir fanden sie in Zellen tief unter der Festung«, fuhr Kimon fort. »Sogar Licht hat man ihnen verwehrt.« Er schüttelte den Kopf, wie um eine üble Erinnerung fortzuwischen. »Es ist ein schrecklicher Ort, Perikles. Hunderte von winzigen Räumen. Da unten sind eine Menge Knochen – und Ratten. Wir glauben, am Ende wären sie dort vergessen worden, oder einfach dem Tod überlassen. Einige der Trierarchen wollen, dass unseren Gefangenen die gleiche Bestrafung zuteilwird.«

»Denen da?«, fragte Perikles leise und nickte in deren Richtung.

Kimon nickte. »Diese sechs und Artabazos – ein Vetter des Großkönigs, der bei Platäa eine Flanke befehligte. Im Moment ist er in einer der Zellen unter unseren Füßen unter Bewachung. Pausanias hat darauf bestanden, dass er einen Geschmack davon bekommt, wie die Griechen behandelt wurden.«

Kimon warf Aristides einen Blick zu, während er sprach, aber nichts wurde laut ausgesprochen. Sie hatten eine private Übereinkunft getroffen, die nicht noch einmal wiederholt werden musste. Ein eifersüchtiger Stich durchfuhr Perikles, der sich wünschte, seine Wunden hätten ihn nicht ferngehalten, während wichtige Entscheidungen getroffen worden waren. Sein Vater würde nicht fragen, was sie tun würden, das wusste er. Xanthippos würde es ihnen einfach sagen – und er würde recht haben.

»Pausanias will kein Lösegeld annehmen«, sagte Perikles.

Aristides seufzte. »Das scheint zu stimmen. Ich habe diesen Punkt mit ihnen besprochen, aber die Spartaner sind plötzlich wie taub, so als ob sogar über Reichtum zu reden unter ihrer Würde sei. Natürlich bezahlen sie ihre Ruderer nicht. Und sie haben auch nicht so viele Schiffe wie wir. Dennoch hat Pausanias hier das Kommando. Es wird auf seine Entscheidung hinauslaufen. Tisamenos hat ihm nach Platäa seinen zweiten Sieg geschenkt. Wer könnte jetzt noch leugnen, dass die Götter den Spartanern zulächeln? Ob das bedeutet, dass Pausanias das Recht hat, sogar die Möglichkeit von Lösegeld zu verwerfen, ist das Herz der Diskussion. Ich war es schließlich, der Artabazos gefangen genommen hat. Pausanias hat kein Recht, über dessen Schicksal zu entscheiden.«

Wieder schienen Aristides und Kimon ein Einvernehmen zu teilen, das Perikles nicht einschloss.

Die letzten Fußfesseln fielen ab. Die letzten der befreiten Griechen begannen Muskeln zu strecken, die sie seit Monaten oder Jahren nicht mehr benutzt hatten. Sie hatten fürchterliche Schmerzen, so viel wurde deutlich. Narben und nässende Wunden wurden unter dem Eisen sichtbar. Einer von ihnen weinte, wobei er sein Gesicht in seine Armbeuge presste. Andere schienen beinahe wie im Wahn zu sein, sie zischten Gelächter durch ihre Zahnlücken, während sie sich regten. Ihr Gestank nahm zu, weswegen alle wegen der verpesteten Luft durch den Mund atmeten oder Wein tranken.

Die Spartaner zeigten kein Zeichen von Unbehagen, wie Perikles auffiel. Er erneuerte seine Anstrengungen, das schmerzliche Ziehen seiner Wunden auszuhalten, obwohl er sich dabei ertappte, dass er eine Ferse angehoben hatte, sodass er auf gekrümmten Zehen stand, ohne absichtlich darüber nachgedacht zu haben.

Der Klang von marschierenden Füßen erzeugte eine Wachsamkeit in der Menge, die vorher gefehlt hatte. Perikles wandte sich mit den anderen um, als ein Trupp von Spartanern die Halle betrat, nur sechs von ihnen mit einer heruntergekommenen Gestalt in ihrer Mitte.

»Artabazos«, sagte Aristides zu Kimon.

Der Perser war schwer misshandelt worden, das war sofort deutlich. Sein Gesicht war schrecklich angeschwollen. In der typischen Haltung von jemandem mit einem gebrochenen Knochen drückte er vorsichtig eine Hand an seine Brust. Er humpelte so schlimm wie Perikles selbst und starrte nur aus einem guten Auge die Menge an. Das andere war entweder völlig geschlossen oder fort, Perikles konnte es nicht sagen. Die Spartaner, die ihn mit den stumpfen Enden ihrer Speere vorantrieben, waren offensichtlich gründlich gewesen. Schon der Gedanke daran war verstörend. Spartaner waren Männer, die das Training während ihrer Kindheit mit einer öffentlichen Auspeitschung beendeten, die sie in völliger Stille erduldeten, um ihre Willensstärke zu zeigen. Sie waren sicher gnadenlose Folterer.

Artabazos wurde mit schnellen Schlägen auf seine Waden zum Knien gebracht. Er hob seinen Kopf in der Gegenwart seiner Feinde an, sein Wille offenbar angespornt von den funkelnden Blicken, die ihn musterten. Perikles sah seinen Mut und fragte sich, was Golshan der Arzt wohl sagen würde, wenn er hier wäre. Der Gedanke kam ihm mit einem Aufflackern von Scham.

Pausanias stieg von dem Podest, auf dem der Thron stand, herab, und schritt durch die Menge. Er stellte sich vor den Perser und strich ihm mit seinem Daumen das Haar zurück, das ihm ins Gesicht gefallen war. Pausanias blickte in das funkelnde Auge des persischen Generals. Er lächelte, als er sich zu seinen eigenen Leuten umdrehte.

»Das Orakel des Apollo von Delphi versprach meinem Seher Tisamenos fünf große Kämpfe – fünf Siege im Lauf seines Lebens«, sagte Pausanias. Seine Stimme war weithin hörbar, wenn er sie auch kaum erhob. »Platäa, wo ich alle unsere Truppen befehligte und das persische Heer zerschmetterte, war der erste.«

Der Mann zu seinen Füßen sprach kein Griechisch, aber war kein Dummkopf. Er wusste, dass es bei der Rede um ihn ging. Langsam beugte Artabazos sich vor und spuckte auf den polierten Boden.

»Die Insel Zypern war der zweite«, fuhr Pausanias fort, ohne es zu bemerken. Stolz ging von ihm aus. »Jetzt gehört sie uns, und wir werden sie behalten. Wer weiß, wann die anderen drei kommen werden? Nur die Götter – Götter, die mir zarte persische Heerführer ausgeliefert haben, und das wieder und wieder.«

Sein Lächeln verschwand, und finster starrte er die Menge an. Die Spartaner in seinem Rücken standen mit ihren roten Umhängen wie eine Ehrengarde, und Perikles rief sich den Mann ins Gedächtnis, der Regent für einen Schlachtenkönig gewesen war. Pausanias füllte diese Rolle mit seinem ganzen Verhalten gut aus, eine Augenbraue hochgezogen, als könnten sie sich glücklich schätzen, überhaupt im selben Raum mit ihm zu stehen.

»Es gibt einige von euch hier, ranghohe Männer und Strategoi, die zu mir gekommen sind und gesagt haben, wir sollten ein Vermögen für die Rückgabe dieser Leute verlangen. Dass diese Kreatur, Artabazos, ein Vetter des Großkönigs ist. Es gibt einige, die sagen, Reichtum sei ebenfalls eine Form der Kriegsführung.«

Sein strenger Blick schien Aristides in der Menge zu suchen, und Perikles sah sich ebenfalls um. Das Argument klang nach etwas, das Aristides gesagt haben könnte. Der Archon von Athen stand völlig still und wandte den Blick nicht ab.

Pausanias schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht sagen, dass ich diejenigen verstehe, die die Welt auf so eine Weise betrachten. Es ist ein Glück, dass ich das Kommando behalte, sonst würden wir mitansehen, wie unser natürlicher Vorteil wie ein Geburtsrecht verkauft wird. Wir sind keine Kaufleute, sondern Anführer und Krieger! Mein Interesse besteht darin, an dieser Insel festzuhalten – ein neuer Truppenstandort hier, eine dauerhafte Flotte, die in diesen Gewässern die Runde macht. Das sind meine Anliegen, nicht das Schicksal von Gefangenen!«

Er blickte sich unter der versammelten Menge um. Verachtung stand auf seinem Gesicht geschrieben. »In zehn Tagen beginnt das Fest von Apollo Carneios, zum Ende des Sommers. Dann werden wir sie töten, als Opfer an den Gott, dessen Orakel und Segen mir den Sieg bei Platäa gebracht hat – und hier auf Zypern.«

Artabazos’ Übersetzer war fortgeschafft worden. Er hatte immer noch keine Ahnung, was der Spartaner sagte, aber er konnte sich ausmalen, dass es nicht zu seinem Vorteil war. Als er sich in der Halle umsah, traf sein Blick den von Aristides, ein Gesicht unter den anderen, das er kannte. Trotz der Prügel, die er erhalten hatte, war Artabazos eine Art ramponierter Würde verblieben. Als er sah, dass Aristides die Szene mitansah, lächelte er und hob ruckartig seinen Kopf zum Gruß. Sein gutes Auge glänzte, und dieses Mal war es Aristides, der als Erster wegsah.