Die Nacht war ruhig. Hopliten patrouillierten das Ufer, und zumindest ein Teil der Flotte blieb wachsam und hielt nach Vergeltungsschlägen vom Festland her Ausschau. Zypern war vor Jahrhunderten zuerst von den Griechen auf der westlichen Seite besiedelt worden. Als Persien an Größe und Stärke zugenommen hatte, waren die Bewohner dieser kleinen Siedlungen und Fischerdörfer vertrieben worden. Man hatte sie mit Soldaten ersetzt, die Ahura Mazda und seine Engel verehrten. Sie bauten fremdartige Tempel und errichteten massive Mauern. Die Insel war so alt wie die Welt und die Luft schwer von dem Duft einer uralten Zeit.
Bei dem Gedanken, entdeckt zu werden, bekam Perikles eine Gänsehaut. Er stand im Mondlicht auf der Nordseite der Insel neben einem Boot. Seine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt. Während er wartete, fühlte er sich entsetzlich ungeschützt. Vier Ruderer der Flotte saßen im Boot mit ihren Rudern auf dem Schoß. Sie schienen nicht dieselbe Anspannung wie er zu verspüren, und er fragte sich, ob sie überhaupt begriffen, was sie hier taten, oder ob sie einfach die Befehle ihrer Offiziere befolgten und sich sonst um nichts weiter kümmerten. Einer von ihnen schnarchte sogar, bis jemand ihn mit dem Fuß anstieß.
Perikles fühlte, wie ihm das Herz in der Brust klopfte. Die Spartaner waren keine Dummköpfe. Was würde er sagen, wenn Pausanias sie hier entdeckte? Perikles hatte sich die Mühe gemacht, zwei Rollen Fischleine mitzubringen. Er quälte sich mit einem Dutzend Katastrophenszenarien. Nachts nach Tintenfischen zu fischen schien glaubwürdig zu sein, doch er dachte nicht, dass Pausanias ihm das abnehmen würde. Was, wenn Kimon oder Aristides erwischt wurden? Das konnte Krieg bedeuten – und wenn er auf Zypern begann, würde Perikles sich in Lebensgefahr befinden. Die spartanischen Krieger waren in dieser Flotte weitaus in der Unterzahl, aber wenn die Kämpfe begannen, durften sie niemals unterschätzt werden. Über ihre Tat bei den Thermopylen wurde noch immer geredet, und sie verbreitete sich voll Staunen in ganz Griechenland. Einiges, was diese Geschichte betraf, machte Perikles im Hinblick auf den Umgang mit den Männern dieser Stadt Sorgen.
Scheinbar hatten drei Spartaner das dem Untergang geweihte letzte Aufgebot am Meer bei den Thermopylen überlebt. Einer war gleich zu Beginn fortgeschickt worden, um die Neuigkeiten zu überbringen. Er hatte es nicht mehr rechtzeitig vor dem Ende der Schlacht zurück zum Pass geschafft und sich deshalb aus Scham aufgehängt. Als sich die Kämpfe zu einer Welle an Blutvergießen und Erschöpfung nach der anderen entwickelt hatten, waren zwei weitere Spartiaten von König Leonidas fortgeschickt worden. Sandkörner hatten die Sehfähigkeit der beiden beeinträchtigt, sodass sie alles nur verschwommen sehen konnten. Perikles schauderte bei dem Gedanken daran. Einer von ihnen hatte beschlossen, dass er den Tod der Blindheit vorzog, und war zurück zum Passweg gestolpert, wo er sein Leben verloren hatte. Der Name des anderen war, wie Perikles gehört hatte, Aristodemos gewesen. Obwohl er beinahe blind war, schaffte er es tatsächlich zurück nach Sparta. Dort verachtete man ihn. Niemand gab ihm Feuer oder ein Essen, oder sprach ein Wort mit ihm. Er wurde Feigling genannt und angespuckt. Als Erwiderung darauf verlangte er einen Platz an vorderster Linie bei Platäa. Obwohl er blind war, hatte er wie ein Wahnsinniger gekämpft und die ganze Zeit über gelacht. Der Tod hatte ihn ereilt, aber er hatte seine Ehre wiedererlangt.
So erzählten es die Spartaner. Perikles fragte sich, ob er sie jemals wirklich verstehen würde. Es war nicht so, dass sie den Tod verehrten, das wusste er. Trotzdem warfen sie ihre Leben fort, als seien sie Blätter im Wind.
Er war sich nicht sicher, wie er darauf reagieren würde, wenn jedermann ihn einen Feigling schimpfte. Er wusste, dass sein Vater sich Respekt erworben hatte und damit leichthin umging. Aber Xanthippos konnte dennoch im Ärger über seine Verbannung sprechen, als die Bevölkerung von Athen sich gegen ihn gewandt hatte. Perikles dachte manchmal, dass Ansehen mehr als alles andere bedeutete – oder gar nichts. Es war schwer, sich sicher zu sein, was davon stimmte.
Er erstarrte. All seine müßigen Gedanken zerfielen, als sich etwas im Unterholz bewegte. Er hatte eine Stelle am Nordufer um die kleine Landzunge herum ausgewählt, die wie ein Finger nach Osten deutete – weit weg von irgendeinem spartanischen Schiff. Doch wenn einer von Pausanias’ Männern sein kleines Boot entdeckt hatte, konnte er durchaus auf bewaffnete Spartaner treffen, die auf ihn Jagd machten.
Er schluckte, und seine Hand berührte die Kopis in seinem Gürtel. Kimon hatte sie ihm wortlos ausgehändigt, als er danach gefragt hatte, aber sie würde ihm gegen Spartaner nicht viel nützen. Sie hatten ihre eigenen – und er konnte sich vorstellen, dass sie damit viel besser umgehen konnten als er selbst. Auch schmerzten ihn seine Wunden. Es war unmöglich gewesen, nicht ins flache Wasser zu treten, als die Ruderer ihr kleines Boot auf Strand gesetzt hatten. Das salzige Brennen auf seinen Waden verblieb, und er dachte, dass der Honig wohl fortgewaschen worden war. Golshan der Arzt würde entsetzt sein, wenn sie sich wieder trafen.
Perikles atmete schwer, während er darauf wartete, ob die Schatten sich als feindselig herausstellten oder nicht. Ihm fiel auf, dass er grinste, eine nervöse Eigenart, die seine tatsächliche Stimmung nicht widerspiegelte. Er hoffte, dass es ihm ein wildes Aussehen verlieh, obwohl er es bezweifelte.
Irgendwo zu seiner Linken schrie eine Eule. Erleichtert sackte Perikles zusammen. Mit hohlen Händen machte er das gleiche Geräusch. Mehr Stimmen antworteten in der Nacht, und das viel zu laut. Es mussten seine eigenen Leute sein. Spartaner wären in völliger Stille gekommen, was sie um so furchterregender gemacht hätte.
Der kleine Strand, an dem er wartete, war kaum ein Streifen Sand, zur Hälfte blockiert von einem Ast aus Treibholz, der so lang war wie das Boot, und Seetangsträngen, die in der Sonne getrocknet waren. In der Nähe raschelte etwas, und Perikles wusste nicht, ob es seine Leute waren oder ob sich da irgendein Tier davonmachte, vielleicht eine Eidechse oder eine Schildkröte. Er wartete und streckte die Hand nach unten aus, um zum Zeichen für die Ruderer mit den Knöcheln an die Bootswand zu klopfen. Sie schienen immerhin wachsam zu sein.
Kimon tauchte aus dem Gebüsch auf und rieb sich heftig ab. Hinter ihm kam schwerfällig eine Anzahl verschmutzter Leute, die müde aussahen. Der Letzte von ihnen stolperte schwer, einen Arm hatte er um Aristides gelegt und den anderen gegen seine Brust gedrückt. Keuchend und erschöpft brach Artabazos zusammen, sodass er Aristides beinahe mit sich riss. Der Athener war kein junger Mann und musste mit seinen Händen auf die Knie gestützt stehen, um Atem zu schöpfen.
»Das war … schwieriger, als ich … geglaubt hätte«, sagte Kimon zwischen zwei Atemzügen. »Ich dachte, wir … müssten wieder kehrtmachen.« Er schauderte und kratzte sich sein Gesicht und seine Kopfhaut. »Da drin waren Spinnen! Mir war, als würden sie mir ständig in die Quere kommen. Eines der Viecher hat mich gebissen, da bin ich mir sicher. Wenn es nicht ein Dornbusch war. Ich schwöre dir, das war schlimmer als Skyros, Perikles. Bei den Göttern, bin ich froh, dich zu sehen! Als ich gehört habe, wie du auf den Eulenruf geantwortet hast, hätte ich beinahe vor Freude aufgeschrien.«
Perikles’ Lächeln wurde breiter. Mit seinem verletzten Fuß war er überhaupt keine Hilfe gewesen, als es darum gegangen war, die Gefangenen auszubrechen. Er hatte nur eine kleine Rolle gehabt, doch es stimmte, dass jemand den richtigen Platz hatte auswählen und die Ruderer hatte wachsam halten müssen. Womöglich war Kimon einfach nur freundlich, aber Perikles wusste es zu schätzen.
»Gab es irgendwelche Schwierigkeiten in den Zellen?«
Kimon lehnte sich zurück und beäugte den Mond wie jemand, der mit etwas fertig sein musste, ehe die Sonne aufging. Noch bevor Kimon den Kopf schüttelte, begriff Perikles, dass er ein umsichtiger Mann war.
»Musste einen unserer eigenen Leute bewusstlos schlagen, aber wir haben zuerst seine Lampe zerbrochen. Er hat nichts gesehen. Was ihn betrifft, sind sie von selbst ausgebrochen. Los, komm. Artabazos kann beinahe nicht mehr gehen. Hilf mir, ihn mit den anderen ins Boot zu schaffen. Ich komme ohne sie besser voran.«
»Kommst du nicht mit uns?«, fragte Perikles.
»Nein. Aristides und ich müssen zurück an Bord unserer Schiffe sein, ehe die Sonne sich zeigt. Wenn wir bei Anbruch der Dämmerung nicht dieselbe Position innehaben, wird es zu viele Fragen geben. Dann war alles, was wir getan haben, umsonst. Das gilt auch für dich, Perikles. Wenn es zu lange dauert, wenn die Sonne aufgeht, wirst du das Boot verstecken und auf Anbruch der Nacht warten müssen. Ich werde sagen, dass du auf einem der anderen Schiffe bist und die Vorräte zählst. In Ordnung? Jetzt hilf mir mit ihm.«
Die beiden gingen zu Artabazos, der sachte in sich hineinstöhnte. Perikles murmelte eine Entschuldigung auf Persisch, eine der wenigen Redewendungen, die er aufgeschnappt hatte. Der Mann stieß zur Erwiderung einen Schwall von Worten aus, aber er konnte nur mit den Schultern zucken und sich wiederholen.
Sie zogen Artabazos, der einen gedämpften Schrei ausstieß, auf die Beine. Perikles und Kimon übergaben den persischen Befehlshaber in die Hände der Ruderer und sahen mit an, wie er in eine Decke gehüllt und seinen Beschwerden überlassen wurde. Zwei Männer folgten Artabazos an Bord. Einer von ihnen starrte Perikles an und hielt seine Handgelenke hoch, wie um dagegen zu protestieren, dass er gefesselt blieb. Perikles griff nach der Kopis in seinem Gürtel, aber Kimon berührte ihn am Arm. »Lass ihn gefesselt. Er war zuvor verwegen genug, und ich traue ihm nicht weiter, als ich spucken kann.«
Perikles erinnerte sich an den Mann aus dem Zimmer, das sie gestürmt hatten, und der mit gezücktem Schwert vor ihnen gestanden hatte. Er nickte. Perikles streckte seine Hand zu den Frauen aus, die nachfolgten, und verneigte sich, als sie ihn anlächelten. Die Letzte war diejenige, an die er sich von den sich bauschenden Vorhängen aus Blau und Gold her erinnerte. Im Mondlicht war sie so wunderschön wie zuvor.
»Werden wir tot gemacht?«, fragte sie auf Griechisch.
Kimon schüttelte den Kopf. »Frei. Wir werden euch zum Festland bringen und dort freigeben.«
Die Frau lehnte sich schnell vor und küsste Kimon, bevor er sich ihr entziehen konnte. Perikles dachte, dass er sich dabei keine besondere Mühe gab. Tatsächlich legte er seine Hand um ihre Hüfte und brachte sie dazu, sich vorzubeugen, sodass er sie zu sich zog. Perikles dachte an Thetis, während er es kühl mitansah.
Die Perserin rang nach Atem, als Kimon sie gehen ließ. Sie wandte sich scheu ab, stieg zwischen die Ruderbänke und ließ sich neben ihrem Bruder nieder. Er wirkte noch zorniger als zuvor, sagte aber nichts.
Es gab kaum Platz für so viele, und Perikles hoffte, dass er in der Lage sein würde, sie vom Strand abzustoßen und in tieferes Wasser zu schieben. Bestürzt begriff er, dass seine Wunde wieder nass werden würde. Nicht, dass sie seit dem ersten Mal besonders getrocknet war.
»Jetzt liegt es an dir«, sagte Kimon. Er hob eine Hand an seine Lippen, als küsste die Frau ihn immer noch. »Denk dran – versteck dich im Zweifelsfall einen Tag lang und komm morgen Nacht herüber. Niemand verliert über irgendetwas ein Wort – was das hier betrifft, sind wir alle blind und taub, wenn es vorbei ist.«
Kimon hatte ebenso zu den Ruderern wie zu Perikles gesprochen. Sie nickten alle feierlich, als seien sie selbst Eulen.
»Gut.« Er griff gemeinsam mit Perikles nach unten und stemmte sich gegen den Bug, um das Boot durchs seichte Wasser hinaus ins Meer zu stoßen. Perikles kletterte an Bord. Er zog scharf die Luft ein, als seine Wade gegen die Bootswand stieß.
»Möge Poseidon über Narren wie uns wachen«, sagte Kimon. In seiner Stimme schwang ein Lächeln mit, und Perikles hob eine Hand, als die Ruderer übernahmen und das Boot in tiefere Gewässer glitt.
Hörner ertönten über der Bucht und versetzten die Bündnisflotte in Kampfbereitschaft. Hopliten griffen nach ihrer Ausrüstung und ihren Waffen, knieten sich mit Schilden und Speeren an Deck nieder. Ruderer ließen ihr Essen stehen, sprangen unter Deck und stießen die Ruder aus. Gruppen von Männern lichteten Anker, und die Schiffe begannen sich wie Hornissen zu bewegen, lebendig und gefährlich.
Als keine Bedrohung auftauchte, beruhigte sich die Atmosphäre aus wilder Mutmaßung langsam. Pausanias pflegte nicht mit seinen Mannschaften den Ernstfall durchzuexerzieren, aber diejenigen, die unter Xanthippos gesegelt waren, kannten die Struktur. Trotzdem kehrten die spartanischen Schiffe nicht zu schläfriger Ruhe zurück. Als die Sonne aufging, ließ Pausanias einen schwarzen Wimpel vom Heck hochsteigen, der die hochrangigen Offiziere zum Flaggschiff beorderte.
Aristides und Kimon sahen die Signalflagge, jeder von ihnen vom Deck eines Kriegsschiffs. Einer nach dem anderen warfen die athenischen Schiffe erneut ihre Anker aus. Pausanias handelte als Nauarch im Rahmen seiner Befugnisse. Überall in der Flotte wurden Boote zu Wasser gelassen und brachten Trierarchen und Archonten zu dem Spartaner, der die Befehlsgewalt über sie besaß. Aristides fühlte, wie sich seine Entschlossenheit festigte. Er mochte es nicht, herbeizitiert zu werden. Auch war er nicht glücklich darüber, sich alleine auf einem spartanischen Flaggschiff zu befinden. Er hatte angenommen, dass man ihn zu den Kerkerzellen auf der Insel rufen würde, um zu erklären, wie eine Gruppe persischer Gefangener einfach mitten in der Nacht verschwinden konnte. An Bord eines spartanischen Kriegsschiffs zu stehen versetzte ihn in eine scheußlich benachteiligte Position. Selbstverständlich würden die anderen das nicht merken, aber sie hatten sich ja auch nichts zuschulden kommen lassen.
Es dauerte nur einen Moment, das kleine Boot einzuholen, das hinter seinem Flaggschiff auf den Wellen wippte. Perikles war noch nicht zurück, so viel wusste Aristides. Würde seine Abwesenheit auffallen? Der junge Athener hatte trotz des hohen Ansehens, in dem sein Vater stand, keinen leitenden Rang inne. In seiner Vorstellung sah Aristides Schreckensbilder, wie der gesamte Plan innerhalb einer Stunde zunichtegemacht wurde. Er biss die Zähne zusammen. Nein, es hatte angefangen. Das hier war die Krise. Es gab jetzt einfach keine andere Möglichkeit, als schnell zu denken und es zu Ende zu bringen.
Längsseits sah er Kimon, der sich in einem zweiten näher kommenden Boot auf ein Knie niedergelassen hatte. Aristides fiel auf, dass sich die spartanischen Schiffe mit denen von Korinth gruppiert hatten. Irgendwie wirkte es bezeichnend, als ob sie der Flotte um sie herum nicht mehr länger trauten.
Aristides kam sich alt vor, als seine Ruderer ihn zu dem spartanischen Schiff hinüberbrachten. Näher und näher ragte es vor ihm auf, an Bord waren Männer in roten Umhängen sichtbar. Als sie mit dem Schiff gleichzogen, blickte Aristides zu den hölzernen Sprossen empor. Der Seegang war etwas hoch, und das Kriegsschiff hob und senkte sich mit übelkeiterregenden Stößen. Natürlich war Aristides bereits klatschnass – es schien unmöglich zu sein, irgendetwas auf See zu tun, ohne dabei nass zu werden. Er ignorierte die erhobenen Hände seiner eigenen Männer und ergriff das Führungsseil, um sich beim Klettern abzustützen. Bei einer Gelegenheit musste er anhalten, während das Flaggschiff auf ihn zurollte, aber er hielt sich weiter fest. Als es zurückschwang, nutzte er die Bewegung, um an Bord zu stolpern. Sein Boot ruderte davon, und ein anderes nahm dessen Platz ein.
Aristides ließ die Anwesenheit der spartanischen Krieger an Deck, gekleidet und bewaffnet wie für den Krieg, auf sich wirken. Sie hatten ihre Helme bis zu ihren Haarschöpfen hochgeschoben, aber das war das einzige Zugeständnis zu friedlichen Gesprächen. Davon abgesehen sahen sie aus, als seien sie jederzeit bereit dazu, ein Gemetzel anzufangen. Aristides erinnerte sich daran, dass sie natürlich immer so aussahen. Wie verrückte Hunde konnten sie innerhalb eines Herzschlags von scheinbarer Ruhe zu schnappender Raserei übergehen.
Pausanias stand neben Tisamenos. Beide musterten Aristides, als versuchten sie, in seinen Schädel hineinzuschauen. Keinen der beiden schien das wilde Stampfen des Schiffes zu stören. Sie passten ihm ihre Haltung an, ohne darüber nachzudenken. Der Seher, dessen übliche freundliche Art verschwunden war, ließ seine Knöchel knacken. Pausanias hatte seine massiven Unterarme verschränkt. Seine Miene, die von Wut oder Verrat sprach, war noch gefährlicher. Aristides sah, dass Kimon nur ein paar Schritte weiter weg an Deck stand. Sein Blick war wachsam. Er widerstand dem Drang, sich zu dem jüngeren Mann zu stellen, für den Fall, dass ihm dies als ein Anzeichen für seine Schuld ausgelegt wurde.
»Warum bin ich hierherzitiert worden?«, fragte Aristides. »Gibt es Neuigkeiten von zu Hause?«
Er hob ebenfalls eine Augenbraue, um mit Pausanias gleichzuziehen, und stellte sich entspannt hin. Aristides erinnerte sich daran, dass er Männer wie Themistokles in hundert Debatten konfrontiert hatte. Er würde sich nicht so leicht von Pausanias in eine Falle locken lassen.
»Die Gefangenen sind verschwunden«, erwiderte Pausanias. Seine Unverblümtheit war typisch spartanisch, aber Aristides hatte sie erwartet.
»Du hast sie gehen lassen?«, fragte er erstaunt.
»Das habe ich nicht!«, schnappte Pausanias.
Es entging Aristides nicht, wie der Spartaner seinen Kapitänen einen Blick zuwarf, als er sprach. Es waren seine eigenen Landsmänner, aber vielleicht vertraute er ihnen nicht völlig. Aristides hoffte das. Davon hing eine Menge ab.
»Du hast hier das Kommando, Pausanias! Wenn du dich entschieden hast, die Perser freizulassen, meine ich nur, dass ich es vorgezogen hätte, wenn du das zuerst mit uns besprochen hättest. Wie schon gesagt hätte ich ein Lösegeld verlangt.«
Pausanias, dem sein Ärger anzusehen war, lief dunkel an. Aristides versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie die Angst seine Eingeweide verkrampfte und ihm den Magen schrumpfen ließ. Wer einen verrückten Hund reizte, verdiente es, gebissen zu werden, Aber er sprach nicht mit Pausanias, nicht wirklich. Im Vertrauen darauf, dass seine Autorität und sein Rang ihn retten würden, sprach er zu den anderen anwesenden Spartanern – den Trierarchen, die sich vielleicht über ihren Anführer wunderten.
»Speziell Artabazos war mein Gefangener«, fuhr Aristides fort, als wäre es ihm gerade erst wieder eingefallen. »Willst du damit sagen, er ist ebenfalls fort?«
»Von keinem von ihnen gibt es eine Spur«, erwiderte Pausanias mit zusammengebissenen Zähnen.
Aristides hätte schwören können, dass in seiner Stimme ein tatsächliches Knurren lag. Er fühlte, wie sich seine Blase anspannte, ein Gefühl, das er seit Platäa nicht mehr besessen hatte, als ein persisches Heer auf seine Stellung zugerückt war. Es war beinahe grausam, dies dem Spartaner anzutun, der an diesem Tag den Sieg davongetragen hatte, aber es stand zu viel auf dem Spiel.
»Ich verstehe. Das ist … enttäuschend.«
»Du willst sagst, du weißt nichts darüber?«, wollte Pausanias von ihm wissen.
Aristides schüttelte den Kopf. »Ich habe meine Haltung von Anfang an klargemacht. Ein Vetter des Großkönigs wäre ein Vermögen wert gewesen – oder vielleicht hätte er uns irgendeinen anderen Vorteil gebracht, ich weiß es nicht. König Xerxes war bekannt dafür, denen, die ihn zufriedenstellen, ganze Städte zu versprechen, sogar Nationen. Eine Satrapschaft wäre nicht außer Reichweite gewesen.«
Aristides sah, wie zwei der spartanischen Offiziere einen schnellen Blick austauschten. Misstrauen blühte in ihnen auf. Er zwang sich dazu, tadelnd auszusehen. »Ich muss sagen, ich bin enttäuscht, Pausanias.«
»Wirst du es zulassen, dass deine Schiffe durchsucht werden?«, fragte Pausanias. »Um sicherzugehen, dass sie sich nicht in einem von ihnen verstecken?«
»Meine Schiffe durchsu…? Von einem Bündnispartner ist das eine Beleidigung, Nauarch Pausanias. Ich habe keinerlei Zweifel an einem meiner Kapitäne.« Aristides erlaubte es sich, empört auszusehen, als er fortfuhr. »Es scheint mir, dass du das Kommando innehast. Die Perser waren deine Gefangenen, nicht meine. Wenn Spartaner Lösegeld nicht kümmert, dann wurde ihnen vielleicht die Flucht gegen irgendeinen anderen Gefallen erlaubt. Ich weiß es nicht! Perser versprechen viel – und wer ist wahrhaftig gefeit? Du, Pausanias?«
Trotz der Gefahr stach Aristides mit dem Finger nach ihm. Er wusste, es war unwahrscheinlich, dass jemand so mit Pausanias seit seiner Kindheit geredet hatte. Der Spartaner hatte bei Platäa den Sieg davongetragen, und dennoch musste er vernichtet werden.
»Wenn du meinen Eid nicht akzeptieren willst«, fuhr Aristides fort, »dann lasse ich dich jedes Schiff durchsuchen, obwohl uns das beide beschämt. Und ich werde Männer aussenden, damit sie auch jedes von deinen Schiffen durchsuchen. Ja, warum nicht, wenn wir einander nicht vertrauen können?«
»Aristides, beruhige dich bitte …«, sagte Kimon. Es waren die ersten Worte, die er gesprochen hatte.
Aristides machte eine verächtliche Handbewegung. »Warum sollte ich ruhig sein? Ich habe deine Autorität akzeptiert, Pausanias, oder etwa nicht? Bei Platäa, als wir keine Hoffnung hatten?« Es fühlte sich wie Blasphemie an, diesen Tag in den Mund zu nehmen, aber er zwang sich, weiterzumachen. »Ich habe dir nichts als Respekt erwiesen – für deine Autorität und für deine Position in der Flotte. Und du klagst mich an? Du nimmst dir das Recht heraus, meine Schiffe zu durchsuchen? Du beschämst uns beide. Weißt du, was seltsam ist, Pausanias? Ich bat darum, Lösegeld für diese Gefangenen zu verlangen – und du wolltest sie hinrichten lassen, zumindest hast du das gesagt. Dann entkommen sie. Jetzt haben wir kein Lösegeld, das meine Ruderer bezahlt. Egal, was passiert ist, ihr Verschwinden hast du zu verantworten, nicht ich.«
Aristides drehte sich um und gestikulierte zu dem Boot, das in einigem Abstand zu dem Schiff auf ihn wartete. Er hatte sich nicht einen Schritt von der Stelle bewegt, seitdem er an Bord gekommen war. »Schick deine Männer, Pausanias«, sagte er. »Durchsuch die Frachträume deiner Verbündeten und zeig allen unseren Leuten, dass du keinem von uns vertraust. Ich frage mich, ob das alles nicht einfach nur aufgewirbelter Staub ist, um uns zu blenden. In jedem Fall denke ich, du bist verantwortlich.«
Ohne seinen Blick von dem älteren Mann abzuwenden, sah Pausanias mit an, wie dieser nach unten kletterte. Er traute weder Aristides noch den anderen Athenern. Sie hatten schließlich Sparta früher mit Lügen und Drohungen auf das Schlachtfeld gezwungen. Er verachtete sie alle.
Kimon verließ das Schiff kurz nach dem hochrangigen Archon von Athen, wobei er so eisig vor Wut aussah, als seien sie es gewesen, denen man unrecht getan hatte. Die Kapitäne der anderen Fraktionen baten einer nach dem anderen, gehen zu dürfen, und wurden zu ihren Schiffen zurückgeschickt.
Pausanias blieb mit sechs spartanischen Trierarchen und Tisamenos an Bord zurück. Sein Freund sah besorgt aus und rieb sich das Kinn. Pausanias stand schweigend da und überlegte. Aristides hatte seine Vorwürfe umgedreht und gegen ihn verwendet. Pausanias hatte sie alle einberufen, um festzustellen, wer von ihnen sie verraten hatte, aber irgendwie hatte Aristides Zweifel an seiner eigenen Darstellung gesät, sogar Misstrauen. Pausanias sah, wie seine Kapitäne einander anblickten. Er war voller düsterer Vorahnungen.
»Die Athener wollten Geld für die Perser haben, Nauarch«, sagte einer der Spartaner. »Wenn sie dahinterstecken, müssen sie die Gefangenen irgendwo versteckt haben, entweder auf der Insel oder auf einem ihrer Schiffe. Vielleicht sollten wir nach ihnen sehen.«
Pausanias senkte dankbar den Kopf. Zwei weitere Kapitäne nickten ihre Unterstützung, aber ein dritter sah ihm nicht in die Augen. Pausanias schluckte unbehaglich. Die Ephoren von Sparta hatten gewollt, dass er weit fortging. Der junge Schlachtenkönig hätte über seine Absichten nicht klarer sein können. Es schwächte Pausanias mehr, als irgendjemand hier wusste. Er schüttelte den Kopf. Die Ephoren würden sicher niemals glauben, dass er Bestechungsgeld angenommen hatte, oder? Leider kannte er die Antwort. Wenn es ihnen nutzte, ihn zu zerstören, dann würden sie das sicherlich tun.
Die Sonne ging noch immer auf. Pausanias hatte den ganzen Tag zur Verfügung, um die Gefangenen zu finden und zu beweisen, dass alles eine Intrige der Athener war. Er begriff, dass dies die Verbindungen zu jeder Fraktion der Symmachia beschädigen würde. Vielleicht war das die ganze Zeit über ihr Plan gewesen. Er biss die Zähne zusammen. Er hatte keine Wahl.
»Durchsucht die Insel«, befahl er. »Und die Flotte.«