17

Aristides sah mit an, wie spartanische Hopliten auf seinem Schiff herumstürzten, unter jeder Ruderbank nachsahen und die Türen von Vorratsräumen eintraten. Er konnte sehen, wie der Ärger unter seinen Männern wuchs. Er hatte genaue Anweisungen gegeben, die Durchsuchung zu erlauben, selbst die von persönlichem Eigentum. Dennoch siedeten die athenischen Hopliten vor Wut. Nur die Anwesenheit von finster dreinblickenden Offizieren verhinderte, dass Gewalttätigkeiten ausbrachen – und das nur knapp.

Als Aristides aufblickte, konnte er auf einem Dutzend Schiffen in der Nähe rote Umhänge sehen. Es gab weniger als zweihundert Spartiatenkrieger in dieser Flotte, aber es sah ganz so aus, als ob die meisten von ihnen ausgesandt worden waren. Es gab wirklich nicht allzu viele Orte auf einem Kriegsschiff, an denen man Männer oder Frauen verstecken konnte. Abgesehen von ein paar beengten Stellen nahe dem Heck waren das gesamte Deck und die Ruderbänke offen einsehbar und konnten auf einen Blick durchsucht werden.

Mit gespannter Aufmerksamkeit beobachtete Aristides zwei von Pausanias Schiffen, die ihre Ruder ausfuhren und um Zypern herumfuhren. Es ergab Sinn, das Ufer abzusuchen, wenn die Insel auch riesig war. Pausanias würde einen Monat oder länger brauchen, um sicherzugehen, dass er jede Höhle und jede Baumgruppe überprüft hatte. Aristides lächelte bei dem Gedanken, dann blickte er wieder finster drein, als ein spartanischer Offizier herbeikam, um ihm Bericht zu erstatten.

»Wir haben niemanden an Bord gefunden, Archon Aristides«, sagte der Mann.

»Das ist nichts Neues für mich«, schnappte Aristides. »Und für Pausanias auch nicht, wie ich vermute. Was für ein Spiel deine Herren auch immer spielen mögen, ich habe die Gefangenen nicht. Das schwöre ich auf Athena und Apollo, und auf Poseidon, so wie ich hier in seinem Reich stehe.«

Der Spartaner, der diesen Eid hörte, zuckte zusammen, als erwartete er, dass sich über ihnen Sturmwolken zusammenbrauten und Aristides von einem Blitz getroffen würde. Sein Misstrauen verwandelte sich in Verwirrung, während er sich umdrehte und zu einem Boot hinunterkletterte, um zum nächsten Schiff zu kommen. Er zweifelte nicht an einem athenischen Archonten. Was er daraus schlussfolgerte, machte ihm Sorgen.

Aristides beobachtete, wie die Spartaner zu einem weiteren Schiff hinüberruderten. Er lächelte nicht, obwohl es jedes Mal, wenn sie ein Schiff der Verbündeten bestiegen, einen Keil zwischen sie trieb. Es war auch nicht zu Spartas Vorteil. Er sah, wie sie ebenfalls die Schiffe aus Korinth durchsuchten und nicht einmal bei den Fahrzeugen des Peloponnes eine Ausnahme machten. Pausanias säte Ärger, wohin er auch ging, aber Aristides hoffte noch auf mehr. Kimon kannte die Spartaner besser als jeder andere. Er war derjenige, der vorgeschlagen hatte, dass Pausanias von seinen eigenen Leuten zurückbeordert werden konnte. Sie mussten nur die richtige Anschuldigung finden, dann konnten sie ihn entfernten, ohne dass dabei ein Tropfen Blut floss. Der ganze Plan ruhte auf Kimons Einschätzung von spartanischer Ehre. Aristides kaute auf seiner Unterlippe, während er aufs Meer hinausblickte.

In der Ferne umrundete ein griechisches Handelsschiff die Landzunge. Eines der spartanischen Kriegsschiffe eskortierte es in die Bucht. Aristides seufzte. Natürlich würden Aasvögel kommen. Sie folgten Heeren wie auch Flotten und suchten nach Abfällen. Auf Zypern war sicher ein Vermögen zu machen – allein schon der Verkauf von Sklaven war eine Entschädigung. Die Spartaner mochten Lösegeld in guten Silberdrachmen verachten, aber Athen besaß zwanzigtausend Ruderer, und sie mussten auch bezahlt werden.

 

Perikles versuchte, sich nicht zu bewegen, während die Fliegen es sich an ihm gut gehen ließen. Der Tag war heiß, und sein Nacken war bereits sonnenverbrannt. Er und die Ruderer hatten das Boot noch in der Dunkelheit aus dem Wasser gezogen. Dabei waren sie bis zu ihren Oberschenkeln in schwarzen Schlamm eingesunken, der ihm immer noch wie festgebacken anhaftete.

Wenigstens hatten die persischen Gefangenen an diesem Ufer nicht zu lange getrödelt. Sie waren ausgerutscht und in den Dreck gefallen, aber sie hatten nicht innegehalten, um sich zu beklagen, da jedenfalls nicht. Mit einem der Männer, der Artabazos stützte, hatten sie sich im grauen Licht der nahen Morgendämmerung davongemacht. Immer wieder blickten sie dabei ängstlich zurück, als dächten sie, ihre neue Freiheit könnte ihnen wieder entrissen werden. Perikles hatte ihnen nachgesehen, bis er sicher gewesen war, dass sie es geschafft hatten, aber dann war es zu spät gewesen, um sich auf den Rückweg zu machen.

Die Fahrt entlang der Insel hatte länger gedauert, als er es erwartet hatte. Die Ruderer hatten sich angestrengt, aber egal, ob es einfach weiter war, als sie geahnt hatten, oder ob eine Strömung an ihnen zog, es hatte zu lange gedauert. Es dämmerte, und sie waren völlig zusammengebrochen. Noch während er die Mücken verscheuchte, die sein Blut tranken, schnarchten die Ruderer tief und fest. Die Sonne war aufgegangen, und Perikles hatte gesehen, wie Schiffe mit roten Segeln an der Küste entlangglitten und nach ihm suchten. Er dachte, wenn sie seinen Namen kannten, würde er womöglich niemals mehr sicher sein. Die Spartaner waren empfindlich, wenn es um ihre Ehre ging, und er würde sicher herausgefordert werden. Doch es gab nichts, was er dagegen tun konnte. Obwohl sein Magen knurrte, obwohl er befürchtete, von Einheimischen entdeckt zu werden oder dass vielleicht sogar die befreiten Gefangenen Soldaten herbeischaffen würden, um sie zu ergreifen, musste er dennoch hierbleiben und den ganzen langen Tag über Schweiß und Juckreiz ertragen.

Das Boot war mit Zweigen und Strandgut bedeckt, was auch immer er hatte finden können. Das hatte er geschafft, bevor der Himmel allmählich hell geworden war. Er kniete im Schatten eines verdrehten Baums im dichten Gras. Perikles zuckte zusammen, als sein Bein verkrampfte. Er fürchtete um die Wundnähte in seiner Wade. Ihm war gewesen, als ob sich da etwas gelöst hatte, als er das Boot höher gezogen hatte, ohne darüber nachzudenken, sich zu schonen. Seitdem hatte er nicht mehr gewagt, unter die Verbände zu schauen.

Die Stunden vergingen schier endlos langsam. Die Sonne erhob sich und tat seinen Augen weh, wenn er sie ansah. Einer der Ruderer rührte sich und versetzte sich einen Schlag, um sich aufzuwecken. Er sah, dass Perikles wach war, und nickte ihm zu. Erleichtert ließ Perikles den Kopf sinken. Er lehnte sich gegen den Baum und war schon Momente später eingeschlafen. Den Kopf hatte er etwas abgewandt, um dem grellen Schein der Sonne zu entgehen.

Während die Ruderer ihre Wache abwechselten, trieb er zwischen Wachen und Träumen hin und her, aber die Männer störten ihn nicht mehr. Er war der Sohn von Xanthippos, und sie alle kannten seinen Vater. Wenn sie nicht unter ihm bei Salamis gedient hatten, dann durch seinen Ruf. Als Perikles wieder aufwachte, hatte sich der Tag abgekühlt, und der Abend nahte. Die Sonne war auf der anderen Seite der Insel und versank dort hinter den Bergen. Während Perikles aufstand, um seine Blase an dem Baum zu entleeren, an den er sich gelehnt hatte, rief er sich ins Gedächtnis, dass er an der ionischen Küste war. Einer der Ruderer sammelte Blätter auf, um sich den Hintern abzuwischen, und schien erfreut zu sein, dass er einen Feigenbaum gefunden hatte, wenn es auch nur ein kleines, wild wucherndes Gewächs war. Perikles sah sich um. Seine Haut war rau von tausend Stichen, die ihn noch immer überall juckten. Sein Bein pochte und wirkte irgendwie dick, als sei es angeschwollen mit Eiter. Er war sich nicht sicher, was für Auswirkungen Salzwasser und schwarzer Schlamm auf eine genähte Wunde haben würden, aber er konnte sich vorstellen, dass es nichts Gutes war. Er hörte seinen Magen knurren und presste seine Finger darauf.

»Macht das Boot klar«, rief er den Männern zu. »Sobald es dunkel ist, fahren wir los – keine Lichter, kein Lärm.«

Sie waren alle Kimons Männer, und er hatte sie auf Skyros erlebt. Sie nickten und machten sich daran, die Ruder einzusammeln. Während die Sonne sank, waren sie emsig beschäftigt. Einer von ihnen probierte sogar eine runzelige grüne Feige, aber sie war bitter, und er spuckte die Brocken wieder aus. Perikles beobachtete, wie das Licht sich veränderte, ebenso wie die Schiffe draußen auf dem Meer. Es waren keine roten Segel in Sicht. Er betete zu Poseidon, dass er sie in ihrem kleinen Boot beschützte. In diesem Moment wirkte es wie ein zerbrechliches Ding, das sie alle tragen musste.

Als es dunkel war, trugen er und die anderen es ins Wasser und kletterten hinein. Perikles fluchte, als er sein Bein an genau der gleichen Stelle erneut anschlug, was einen der Männer leise auflachen ließ.

Sie ließen die Küste hinter sich, und Perikles fühlte sofort, wie sich seine Stimmung hob. Er hatte die Gefangenen abgesetzt, und was auch immer für ein Schicksal vor ihnen lag, ging ihn nichts mehr an. Jetzt, fort vom Festland, war er bereits abermals ein Teil der Flotte. Er war nur beunruhigt, dass sie im Dunkeln einem der spartanischen Schiffe begegnen könnten. Das würde dafür sorgen, dass die ganze Sache aus den Fugen geriet.

Die Ruderer mühten sich schwer ab. Abgesehen von dem Rauschen und Glucksen des Wassers unter dem schmalen Bootsrumpf verursachten sie kein Geräusch. Zuvor hatten sie die Reise in zwei Phasen unternommen – um die Insel und dann über die Meerenge. Auf dem Rückweg versuchten sie, direkt um den großen Finger von Zypern herumzufahren, der auf die persische Küste wies. Perikles dachte, dass sie dafür die ganze Nacht zur Verfügung hatten. Doch als die Stunden vergingen, schien es ihm, als hätte er sein ganzes Leben in diesem Boot verbracht, benommen von Hunger und mit pochendem Bein.

Sie blieben weit vor der Küste, um die Landzunge zu umrunden. Perikles richtete sich auf, so gut es ging, und strengte seine Augen an, um nach den dunklen Formen von Schiffen Ausschau zu halten. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal etwas gegessen hatte, und seine Lippen waren aufgeplatzt und schmerzten, obwohl er mit der Zunge über sie fuhr.

In der Ferne zeigte sich ein einzelnes Licht, ein Punkt in der Nacht, der auftauchte und wieder mit der Bewegung der See verschwand.

»Da«, sagte Perikles. Erleichterung erfüllte ihn. Im Dunkeln hatte es sich eine Weile angefühlt wie ein Traum, eine Nacht, die für alle Ewigkeit so weitergehen würde. Die Ruderer richteten sich nach dem Licht aus, der einzelnen Laterne, die Aristides für sie aufzuhängen versprochen hatte. Zu Hause.

 

Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, wirkten die spartanischen Schiffe, als hätte jemand gegen einen Bienenstock getreten. Segel und Spiere erhoben sich in die Luft, während Ruder andere Schiffe auf und ab entlang der zyprischen Küste sausen ließen. Als Aristides ein Boot zu Wasser ließ, um zu fragen, was vorging, wurde es von einem spartanischen Trierarchen fortgeschickt, der nicht anhalten wollte, um ihn zu empfangen. Das kleine Fahrzeug blieb in ihrem Kielwasser zurück.

Aristides konnte allerdings zählen. Die aufgehende Sonne hatte ihm fünf spartanische Schiffe aufgezeigt, nicht sechs, wie in der Nacht zuvor. Es bestand die Wahrscheinlichkeit, dass eines von ihnen gerade um die Insel herumgefahren und außer Sichtweite war, das wusste Aristides. Die hektische Aktivität der anderen strafte diese Möglichkeit Lügen. Wegen irgendetwas waren die Spartaner beunruhigt – und Aristides hoffte, es bedeutete, dass der Plan funktioniert hatte. Er kehrte zu dem athenischen Flaggschiff zurück und rief Kimon zu sich.

Er kam in seinem eigenen Boot an, mit Perikles neben sich. Beide Männer strengten sich sichtbar an, nur freundliche Besorgnis zu zeigen. Sie hüteten sich, ein Wort über das zu verlieren, was sie sich erhofften. Kimon half Perikles, an Bord zu klettern, und sprach dann mit ihm über die belanglosesten Dinge – über Wasserfässer und Vorräte an getrockneten Bohnen und Getreide. Um sie herum gingen die endlosen kleinen Arbeiten der Flotte vor sich, und die Spartaner waren sogar noch beschäftigter, während sie auf der Suche nach ihrer verlorenen Mannschaft um Zypern herumfuhren.

Es war spät am Nachmittag, als Aristides mitansah, wie das spartanische Flaggschiff den Anker hisste. Ein kleines Boot tauchte um sein Heck herum auf, nur vier Ruderer und ein Passagier, die übers Wasser fuhren.

Aristides hatte erwartet, dass man ihn dorthin vorladen würde, wo Pausanias am stärksten war. Es war eine Überraschung, die Gestalt, die in dem Boot saß, wiederzuerkennen, den roten Umhang als Schutz gegen die Gischt um sich gezogen. Die See war ruhig genug, wenn Aristides auch vermutete, dass Pausanias es nicht war. Aristides wechselte einen Blick mit Kimon und Perikles, die neben ihm standen.

»Er ist beeindruckend«, murmelte Aristides. »Ehrlich, wenn ihr ihn an jenem Tag bei Platäa gesehen hättet … trotz all seiner Arroganz, ihm das antun zu müssen, bricht mir das Herz.«

Weder Kimon noch Perikles antworteten. Es war ihnen allzu bewusst, wie leichtfüßig der spartanische Nauarch die Trittstufen der Bordwand hinaufstieg, sodass Pausanias wie eine große Katze an Deck landete. Es war ungewöhnlich, ihn alleine zu sehen, ohne seinen Seher. Tisamenos war wie ein Talisman für ihn geworden. Diese Abwesenheit sprach mehr als alles andere für seine Niederlage. Pausanias trug ein Kurzschwert in seinem Gürtel und eine Kopis in ihrer Scheide, zusammen mit einem Riemen, um die Klinge an Ort und Stelle zu halten. Mit bloßen Armen stand er reglos, während die beiden Athener sich vor ihm verneigten. Aristides war sowohl ein athenischer Archon als auch ein Strategos, doch Pausanias war Regent eines Königs gewesen – und er war immer noch der ranghöchste Mann in dieser Flotte.

»Ich weiß, was du getan hast«, sagte Pausanias.

Aristides hob die Augenbrauen. »Ich bin mir sicher, dass ich keine Ahnung habe, was du meinst.«

Pausanias machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich kenne nicht die Einzelheiten oder den Grund, warum du dich entschieden hast, gegen mich vorzugehen. Nur, dass du es getan hast. Deine Gründe sind nicht wichtig, nicht wirklich. Ich bezweifle, dass ich sie verstehen würde. Ich finde, dass ich die Art, wie Athener denken, oft nicht verstehe.«

Pausanias lächelte mit einem Ozean an Bitterkeit in seinem Blick. Er blickte auf das Meer hinaus, zu fünf spartanischen Schiffen, wo am Tag zuvor noch sechs da gewesen waren.

»Einer meiner Kapitäne hat es sich zur Aufgabe gemacht, zu berichten, was hier passiert ist – die Anschuldigungen, die gegen mich aufgebracht wurden. Ich habe einen weiteren Tag verloren, an dem ich ihn nicht mehr einholen kann, nicht jetzt. Er wird also den Ephoren von Sparta von den entkommenen Persern berichten, von Gefangenen, die sich in Luft aufgelöst haben. Sie werden glauben, dass … nun, was auch immer sie glauben werden, du hast deinen Wunsch erfüllt bekommen, Aristides. Ich muss nach Hause zurück, um mich zu verteidigen. Du bist der ranghöchste Mann, der hier übrig bleibt. Ist es das, was du wolltest? Ging es einfach darum, wer die Flotte kommandiert?«

Es schien eine aufrichtige Frage zu sein, obwohl Pausanias auf diesem Deck immer noch so gefährlich wie eine Kobra war. Aristides entspannte sich nicht. Stattdessen runzelte er verwirrt die Stirn. »Was ich will? Ich will überhaupt nichts, Pausanias. Die Tat eines einzelnen spartanischen Kapitäns geht mich nichts an, und die Politik bei dir daheim auch nicht. Allerdings muss ich dich als jemand, der einst aus Athen verbannt wurde, darauf hinweisen, dass es immer die Hoffnung auf eine Rückkehr gibt.«

»In Athen vielleicht«, gab Pausanias niedergeschlagen zurück.

Aristides schüttelte den Kopf. »Wo auch immer Menschen sind, Pausanias. Ich glaube nicht, dass unsere Schicksale in Stein gemeißelt sind. Sie sind in unseren Händen und Augen und in unserem Verstand. Du bist noch ein junger Mann. Du kannst nach einer Katastrophe wieder zurückkommen – ich selbst habe das so gemacht. Zieh daraus Hoffnung. Wenn du gehen musst, dann wünsche ich dir nur alles Gute.«

Pausanias hielt seinem Blick eine ganze Weile lang stand, eine Ewigkeit an Unbehaglichkeit. Schließlich schüttelte er angewidert von ihnen allen den Kopf. »Diese Sache«, sagte er, »wie nennt ihr sie? Diese Symmachie, den Bund, den ihr auf Delos begründet habt. Ja, natürlich weiß ich davon. Er wird nicht halten, das begreift ihr doch? Es ist ein Fehler, zu versuchen, eine so unterschiedliche Gruppe zu vereinen. Es gibt ein paar starke Städte wie Sparta oder Korinth – oder Athen, Theben, Argos, ein paar andere. Der Rest ist … schwach. Sie können niemals gleichberechtigte Partner sein, nicht wirklich. So zu tun, als wären sie es, beleidigt sie, begreift ihr das?« Als er ihre ausdruckslosen Gesichter sah, fuhr er mit der Hand durch die Luft. »Es ist schwer in Worte zu fassen. Wenn Athen eine Flotte mit großen Märkten hat, kann keine der kleinen Städte es wagen, euch zu sagen, dass ihr verschwinden sollt. Sie als Gleichgestellte zu behandeln bedeutet, sie dazu zu zwingen, eine Lüge zu akzeptieren und zu lächeln, wenn sie euch gehorchen. Es ist … eine Unredlichkeit, die an den Menschen nagen wird.«

Aristides blinzelte. Er wurde wieder daran erinnert, dass Pausanias kein Dummkopf war. Der Spartaner hatte große Macht innegehabt, und sie hatte ihm mehr Einsicht verschafft, als der Athener begriffen hatte. Einmal mehr verspürte er den schmerzhaften Stich darüber, einen großen Mann zu vernichten, aber die Wahrheit war simpel: Sparta war kein Teil ihres Bundes. Sie waren gefragt worden, hatten jedoch abgelehnt. Sparta konnte also nicht erlaubt werden, sie anzuführen, als hätte sich nichts geändert.

»Womöglich hast du recht«, sagte Aristides freundlich.

Pausanias wartete auf mehr, aber es kam nichts. Am Ende zuckte sein Mund, und er trat zurück, um seinem Boot ein Zeichen zum Heranfahren zu geben. »Ich weiß nicht, ob wir uns wiedersehen werden«, sagte er, wobei er Kimon und Perikles in seinen Blick mit einschloss. »Vielleicht ist es besser, wenn nicht.«

Unvermittelt drehte er sich um, kletterte zurück nach unten und stieg in sein Boot. Als er Platz nahm und sich in seinen Umhang hüllte, blickte er zu den Athenern hoch. Die drei sahen mit an, wie seine Gestalt allmählich kleiner wurde, während er zurück zu seinem eigenen Schiff fuhr.

Es schien, als ob seine Kapitäne bereit für seine Rückkehr waren. Sowohl auf den spartanischen wie auch den korinthischen Schiffen wurden die Segel gehisst. Beinahe gleichzeitig fingen sie den Seewind ein und nahmen an Fahrt in Richtung Ägäis und Sparta auf.

»Er liegt völlig falsch«, sagte Aristides nach einer Weile.

Fragend wandte Perikles sich ihm zu, und Aristides zuckte mit den Schultern. »Du bist ein junger Mann aus dem Stamm der Akamantiden in Athen, wie dein Vater. Dein Demos ist …«

»Cholargos«, sagte Perikles schnell.

Aristides nickte. »Du … sitzt mit Männern aus Akamantis im Theater, du gehst mit Männern in Cholargos in Tavernen – es ist dein Zuhause, es sind deine Leute. Trotzdem fühlst du eine größere Loyalität gegenüber Menschen, die du nicht so gut kennst, zu Gesichtern, die du nicht wiedererkennst. Stimmt das?«

»Gegenüber Athen? Ja, das stimmt«, sagte Perikles.

»Gut. Ein Mann kann seine heimatlichen Straßen lieben – und die Stadt, die sie umgibt. Ich glaube, mit der Zeit kann er das ganze Land genauso sehr lieben. Ich will nicht so hart sein, Perikles. Wir haben bereits Verbindungen, um uns zu einem Volk zusammenzubinden – zu einer Kultur. Wir alle kennen das Orakel von Delphi oder die olympischen Spiele auf dem Peloponnes. Jeder von uns kann Eleusis besuchen, um an den Riten von Demeter und Persephone teilzunehmen. Wir kennen die Namen der Götter, und wo sie geboren wurden. Wenn unsere Dialekte auch fremdartig sein können, sprechen wir dennoch mit einer Sprache, von Ionien bis Makedonien. Nein, Pausanias liegt falsch. Ein Mann kann zuerst ein Athener sein und dennoch ein größeres Volk als sein eigenes lieben.«

Während Aristides sprach, wurden die Schiffe mit den roten Segeln in der Ferne immer kleiner. Der Tag neigte sich seinem Ende zu, und die Spartaner fuhren in Richtung der sinkenden Sonne. Vor ihrem Licht erschienen sie dunkel.

»Wird es Pausanias gut ergehen?«, fragte Perikles. »Er wirkte … besiegt.«

»Er ist ein recht anständiger Mann«, erwiderte Kimon. »Für einen Spartaner. Aber dein Vater hat es begriffen. Sparta kann uns nicht auf See anführen. Die See gehört uns. Auf die Art ist es für Pausanias besser, als ihn einfach umzubringen.«

Perikles hatte Verzweiflung in den Augen des Spartaners gesehen. Er war sich nicht sicher, ob das stimmte.

Ein weiteres Segel wurde an seinem Mast gehisst, was ihre Aufmerksamkeit erregte. Das Schiff, zu dem es gehörte, und das sich näher am zyprischen Ufer befand, war weit von den anderen Triremen entfernt, die sie kannten. Das Segel allein war riesig und bauschte sich gehalten von Tauen, die bis zum Heck reichten, im Wind auf. Das Handelsschiff besaß keine Ramme, aber verzierte Wellen mit Lagen aus Blei und Pech am Bug, die das Holz vor Fäulnis schützten. Es lag höher im Wasser als jedes Kriegsschiff und begann sich daher hoch aufzutürmen, als es sich näherte.

Das Handelsschiff hatte keine Ruderer, die ihnen die Fahrt in die Bucht hätten erleichtern können, aber der Kapitän schien sich mit dem Wind gut genug auszukennen. Staunend betrachtete Perikles die hohe Längsseite und den Bleibelag. Er hatte sich an den Gedanken gewöhnt, dass Schiffe zerbrechliche Hüllen waren, die eine einzige besonders hohe Welle zum Kentern bringen konnte. Dieses Schiff sah zu robust, zu solide aus, als dass ihm so etwas passieren konnte. Es wiegte sich im Seegang, während es gefährlich nahe kam. Aristides ertappte sich dabei, wie er stirnrunzelnd auf ein höheres Deck blickte.

»Halt Abstand, du Dummkopf!«, brüllte sein Keleustes dessen Steuermann an.

Der Kerl, der sich nahe genug befand, um auf das Deck des Kriegsschiffs hinunterzuschauen, zuckte bloß mit den Schultern. Das Manöver war gut ausgeführt, dabei schienen sie nur sehr wenige Besatzungsmitglieder zu haben. Perikles nahm an, dass die Lohnkosten in den Unternehmen der Kaufleute eine Schlüsselrolle einnahmen und immer so niedrig wie möglich gehalten wurden. Das fremdartige Schiff faszinierte ihn.

Als sie es betrachteten, ließ der Kapitän auf der hinteren Seite ein Boot zu Wasser, wo keine Gefahr bestand, dass es zwischen den beiden Schiffen zermalmt werden könnte. Er ruderte selbst darin und band es an einem Tau neben ihren eigenen Trittstufen fest. Der athenische Keleustes hatte zwei Hopliten bereitstehen, aber der Händler, der an Deck emporstieg, schien keine besondere Gefahr darzustellen. Er hatte ein Bündel in seinem Umhang stecken und ließ sich in einer schwungvollen Bewegung auf ein Knie nieder, um es zu präsentieren.

»Archon Aristides, ich habe Briefe von zu Hause mitgebracht. Ich würde mich gerne mit dir darüber unterhalten, was ich an Ladung von Zypern mit zurückbringen kann. Wie man hört, befehligst du die Flotte.«

»Ich verstehe. Und wer hat dir das gesagt?«, fragte Aristides.

Der Mann runzelte die Stirn, aus Sorge, einen Fehler gemacht zu haben. »Der Spartaner, Pausanias. Ich ging zuerst zu ihm.«

Aristides nickte. Pausanias hatte mit dem Händler gesprochen, ehe er ihn getroffen hatte. Einmal mehr verspürte er einen Stich, dass Pausanias ihnen im Weg gestanden hatte. Er war ein interessanter Mann.

»Also gut«, sagte Aristides. »Perikles, nimm seine Briefe.«

»Perikles?«, fragte der Mann. Sein Gesicht verdüsterte sich. »Es tut mir so leid wegen deines Vaters.«

Perikles fühlte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. »Mein Vater? Was ist mit ihm?«, wollte er wissen. Seine Stimme war nur ein Hauch.

Der Händler schüttelte den Kopf. »Ah, dann tut es mir noch mehr leid, dass ich derjenige bin, der dir Nachricht bringt. Dein Vater starb, ein paar Tage bevor ich in See stach. Athen ist in Trauer.«

Perikles starrte ihn nur an. Es konnte nicht wahr sein. Er hatte keinen Grund zur Annahme, dass der Mann ihn anlügen könnte. Er war ein Fremder. Nein. Xanthippos konnte nicht tot sein. Er würde heimkehren und mit ihm sprechen, noch einmal. Er würde ihm sagen, wie viel er ihm bedeutete…

Kimon berührte ihn sacht am Arm. »Es tut mir leid«, sagte er.

Perikles verspürte nur Gereiztheit. Sein Vater konnte nicht tot sein.

»Du wirst natürlich nach Hause zurückkehren«, sagte Aristides. »Ich leihe dir ein Schiff, oder vielleicht kannst du auf dem Handelsschiff unterkommen. Nein, ein Kriegsschiff ist schneller. Ich wünschte, ich könnte mit dir zurückkommen, aber es gibt hier eine Menge zu tun, besonders jetzt. Ich kann das nicht beiseitelegen.«

Perikles schaute weg. Er würde heimkehren. So viel begriff er. »Danke«, sagte er zu beiden. Als er versuchte, mehr zu sagen, schnürte sich seine Kehle bei den Worten zusammen. Sowohl Aristides als auch Kimon hatten Xanthippos länger gekannt als er. Sie waren Athener und seine Freunde. Sie verstanden ihn, aber sie hatten ihren eigenen Kummer erlebt. Er würde nicht vor ihnen weinen. Eine Weile starrte er aufs Meer hinaus, bis er so weit war, weiterzumachen.