Perikles ging im Hafen von Piräus von Bord. Das geschäftige Gewühl war genau, wie er sich daran erinnerte, aber in diesem Moment kam er sich wie ein Fremder vor. Als er Athen verlassen hatte, war es sein erster Tag als verheirateter Mann gewesen. Eine Flotte und Schlachten hatten vor ihm gelegen. Sein Vater war am Leben gewesen, und er hatte angenommen … Perikles schüttelte den Kopf. Die Heimreise von Zypern aus hatte drei Wochen gedauert. Sie waren bei einem halben Dutzend kleinen Inseln vor Anker gegangen, um Frischwasser aufzufüllen oder um raues Wetter abzuwarten. Die Offiziere der Trireme hatten ihn die meiste Zeit über in Ruhe gelassen. Ob sie das aus Mitgefühl getan hatten oder weil er ihre Versuche, eine Unterhaltung mit ihm anzufangen, zurückgewiesen hatte, war ihm nicht klar. Perikles hatte seit Tagen kein Wort gesprochen. Als er an den großen Hafenkais stand, begriff er, dass er die Ruhe wie auch den Lärm der Wellen vermissen würde.
Über ihm kreisten Möwen und hockten auf jedem Pflock, um die Netze zu beobachten, die zum Trocknen ausgebreitet waren. Die mutigeren schritten zu Perikles und schrien nach Essensresten. Getreidesäcke wurden über einen Landungssteg entladen, begleitet von Rufen und Flüchen. Jeder Karren, der voll war, ratterte geschwind über Kopfsteinpflaster davon, geschoben von einem Paar junger Burschen. Überall gingen schnell Leute vorüber, beschäftigt mit Handel und ihren Leben. Perikles war daheim, und die Tatsache hämmerte in der Herbstsonne auf ihn ein.
Nach so langer Zeit auf See hatte er nicht erwartet, dass ihn jemand grüßen würde. Ein Teil von ihm hoffte noch immer, dass Thetis vielleicht wie eine Seemannsbraut geblieben war, um auf jeden flüchtigen Anblick ihres Geliebten zu hoffen. Das war ein Gedanke, um ihm die Stimmung zu heben, aber sie war nicht hier. Der Kaufmann, der die Nachricht nach Zypern gebracht hatte, war mindestens einen Monat lang auf See gewesen. Jahreszeiten waren seit Xanthippos’ Tod verstrichen, und es gab kein Anzeichen von Trauer. Das Begräbnis seines Vaters lag lange zurück. Sein Körper würde im Familiengrab liegen.
Perikles hob den Kopf. Dorthin würde er gehen. Kimon war so gut gewesen, ihm einen Beutel mit Drachmen zu geben – sein Lohn, obwohl er niemals einem Anteil zugestimmt hatte. Dennoch war er dankbar dafür, seiner Familie nicht neue Schulden aufbürden oder auf die Großzügigkeit von Fremden angewiesen sein zu müssen. Er dachte, er könnte sich vielleicht am Hafen ein Pferd kaufen. Es hieß, ein Mann mit einem Beutel voll Silber könne sich hier beinahe alles kaufen.
Nein, er würde zu Fuß gehen. Der Gedanke, seine Beine zu bewegen, fühlte sich sofort richtig an. Er verlagerte sein Bündel auf seine Schulter und machte sich in Richtung Stadt auf den Weg. Der Friedhof lag an der äußeren Mauer, und er wusste, dass er dort seinen Vater finden würde. Bevor er sich auf den Weg machte, verabschiedete Perikles sich von dem Kapitän der Trireme und bedankte sich bei ihm. Der Mann würdigte den Sohn des Xanthippos, indem er sich mit einer Hand auf der Brust tief verbeugte.
Perikles kam mühelos voran und fühlte Freude an der Bewegung. Die Straße nach Athen war so geschäftig wie immer. Er dachte an die Geschichten seines Vaters zurück. Darüber, wie dieser mit Themistokles vom Hafen bis zur großen Stadtmauer um die Wette gerannt war – und gegen ihn verloren hatte, obwohl er bei dem Versuch beinahe sein Herz zum Platzen gebracht hatte. Ohne bewusst darüber nachzudenken, begann Perikles zu rennen, und verlagerte dabei sein Bündel. Die ihn kommen sahen, sprangen ihm aus dem Weg und riefen ihm Schimpfwörter hinterher, als er an ihnen vorbeiraste. Andere waren zu vertieft in Gespräche oder darin, einen Karren oder Esel zu ziehen. Er flitzte um sie herum und ließ sie hinter sich, während sie überrascht auflachten oder derbe Gesten machten. Seine Landsleute! Er musste beim Rennen grinsen, doch seine Sicht verschwamm, bis er kaum noch etwas sehen konnte.
Schließlich wurde er langsamer und blieb tief ein- und ausatmend stehen, die Hände auf seine Hüften gestützt. Er merkte, dass die Zeit an Bord des Schiffs ihn schlapp gemacht hatte. Sein Vater würde … Da war er, der Fausthieb in den Magen. Jedes Mal, wenn er an Xanthippos’ Rat dachte oder daran, was er sagen würde, blieb ihm die Luft weg. Perikles hoffte, ihn auf der anderen Seite des Flusses wiederzusehen – aber wenn er das tat, wollte er sich nicht schämen. Er hatte sein Leben zu leben, in dem all seine Fehler und Ehren noch vor ihm lagen. Es konnte nicht dem seines Vaters gleichen, der bei Marathon und Salamis standgehalten hatte, der Teil einer goldenen Generation gewesen war. Sie hatten das Unmögliche bewerkstelligt, als sie das Reich besiegten, das durch den Pass bei den Thermopylen geströmt war, das alles bedroht hatte, was sie liebten.
Die Stadtmauern waren wieder aufgebaut worden, seitdem die Perser sie niedergerissen hatten. Sie standen noch höher, als Perikles sich erinnerte, und türmten sich im Näherkommen vor ihm auf. Der große Friedhof war ebenfalls seit dem Krieg gewachsen. Viele alte Gräber waren natürlich so ruiniert, dass man sie nicht mehr neu errichten konnte. Massengräber hatten individuelle Grabmäler ersetzt. Themistokles hatte viele dadurch beleidigt, dass er für das Errichten eines neuen Tors Grabsteine verarbeiten ließ. Perikles schauderte es bei dem Gedanken. Sein Vater hatte gesagt, dass bei jedem frischen Grab ein alter Fingerknochen oder ein Becken auftauchen konnte. Die Gebeine wurden von den Totengräbern, alle ehemalige Hopliten, die alt oder kriegsversehrt waren, ehrfürchtig eingesammelt und umgebettet.
Perikles nickte einem Paar dieser Männer zu, während sie das Unkraut zwischen den Grabsteinen ausrupften. Sie neigten in schlichter Höflichkeit die Köpfe, doch er glaubte nicht, dass sie ihn kannten. Er fühlte sich wie ein Geist, der zurückkehrte. Das letzte Mal war er hier gewesen, als sein Bruder Ariphron nach Hause gebracht und unter weißem Stein beigesetzt worden war. Perikles schluckte, als er an diesen Tag zurückdachte, an das Blut, das ihm über die Hände geflossen war, heller als die Sonne. Im Gegensatz dazu war der Tod seines Vaters … eine Abwesenheit. So fühlte es sich an. Kein Schock oder Kummer, der ihn zerriss, so wie es bei seinem Bruder gewesen war. Es war das Wissen, dass er niemals wieder die Stimme seines Vaters hören oder ihn dabei betrachten würde, wie er über irgendeine dumme Sache lachte. Er würde niemals mehr den alten Mann umarmen und Stolz oder Verbitterung in seinen Augen sehen.
Perikles wurde langsamer, als er sah, dass jemand bereits dort war, wohin er sich aufgemacht hatte. Ein Mann kauerte über einem Grabmal aus Eisen und Marmor – und für einen Moment fühlte Perikles, wie Angst in ihm hochstieg. Er hatte Kimons Kopisklinge in seinem Gürtel stecken, und während er seine Schritte beschleunigte, berührte er deren Scheide. Seine Hand fiel herab, als er die Gestalt erkannte.
»Epikleos«, sagte er. Xanthippos’ Freund, der Perikles einem zweiten Vater am nächsten gekommen war. Der Mann war seine ganze Kindheit über da gewesen – besonders während der Jahre im Exil.
Epikleos hörte, wie sein Name ausgesprochen wurde, und blickte auf. Er sah schlank aus, als er sich aufrichtete, vielleicht sogar ein wenig mager. Sein Haar war zerzaust, und er war braun gebrannt, verwittert durch Zeit und Kummer. An seinen Händen klebte Erde, und er hielt ein Gartengerät. Erstaunen dämmerte auf seinem Gesicht, als er Perikles erkannte. »Den Göttern sei Dank!«, sagte er. »Es tut mir leid, Per. Ich habe versucht, dir eine Nachricht zukommen zu lassen, als es zu Ende ging, aber es passierte schnell. Er hat nicht gelitten.«
Perikles breitete seine Arme weit aus, und sie umarmten sich so fest, dass es ihm den Atem raubte.
»Danke dir. Natürlich kümmerst du dich um das Grab«, sagte Perikles, als sie sich voneinander lösten. Er wischte sich über die Augen, während er sprach. »Du hast dich sein ganzes Leben lang um ihn gekümmert.«
»Das habe ich getan«, sagte Epikleos stolz. »Und es war mir eine Ehre. Ich kann immer noch kaum glauben, dass das vorbei ist.«
»Wo lebst du jetzt?«, wollte Perikles wissen. »Ich bin nicht daheim gewesen, noch nicht.«
»Oh, ich habe ein kleines Zuhause in der Nähe der Akropolis. Ich arbeite dort beim Theater, wenn ich nicht hier bin. Ich komme an den meisten Tagen, um mit deinem Vater zu sprechen. Komm, ich gehe mit dir.«
Er reichte Perikles seine Pflanzschaufel und zog eine verkorkte Metallflasche aus seinem Gürtel. Vorsichtig goss er ein paar Tropfen auf das steinerne Grabmal. Sie reflektierten die Sonne, und Epikleos sah, wie Perikles zögerte. Er wurde rot. »Es tut mir leid. Ich lasse euch alleine. Nimm dir natürlich so viel Zeit, wie du brauchst. Ich warte an der Straße.«
Er sammelte ein paar Werkzeuge auf und trug sie davon. In der plötzlichen Stille streckte Perikles die Hand aus und zog den Namen seines Vaters nach, dann die geschwungenen Buchstaben, die man für den Namen seines Bruders in den Stein gemeißelt hatte. Es war eine feine Arbeit, mit Tafeln aus cremefarbenem Marmor. Der Teil seines Bruders wies nur eine Szene auf – eine Schar persischer Schilde, seine einzige Schlachtenehre. Bei dem von Xanthippos waren sowohl Marathon als auch Salamis hinzugefügt – athenische Hopliten und eine Schiffsflotte. Die letzte Tafel war eine einfache Szene von zu Hause. Perikles fand, dass es eine gute Darstellung von Xanthippos war. Die gemeißelte Figur schüttelte ihrer Familie die Hand und nahm Abschied. Perikles berührte das polierte Gesicht seines Vaters und zog Trost daraus. Sein eigenes Gesicht war nicht so gut dargestellt, aber er war auch nicht für den Bildhauer da gewesen. Xanthippos und Ariphron hatten ihn zu dem gemacht, der er war, im Guten wie im Schlechten.
»Ich danke euch beiden«, sagte Perikles. »Für alles, was ihr getan habt.«
Mit gesenktem Kopf betete er für die Seelen der beiden Männer. Als er sich wieder aufrichtete, fühlte er sich leichter. Er füllte seine Lungen und schmeckte die Luft.
»Ich bin der Letzte von uns«, sagte er. »Passt auf mich auf und beschützt mich. Ich werde euch nicht enttäuschen.«
Er tätschelte das Grabmal. Die Sonne ging unter, und er lächelte, als er sich abwandte.
Pausanias runzelte die Stirn, als er begriff, dass die Ephoren nicht zuhörten. Er stand auf der Akropolis von Sparta, dem heiligen Herz. Die umliegenden Berge, die auf sie herabblickten, waren die seiner Kindheit und all der Generationen zuvor. Hier war er mit sich im Reinen, aber er verspürte auch Furcht. Er wusste, wie rücksichtslos seine Landsleute sein konnten – wie hart sie sein mussten. Sie erlaubten keine Schwäche, kein Versagen. Athen schickte Männer, die versagt hatten, in die Verbannung; Sparta brachte sie um. Er wusste das, so wie er es von dem Moment an gewusst hatte, als er gehört hatte, dass seine persischen Gefangenen hatten entkommen können.
»Wenn ihr mich tadelt, wenn ihr mich für das hier verantwortlich macht, dann erledigt ihr die Arbeit der Athener«, wiederholte er. Warum wollten sie das nicht begreifen? »Das ist ihre Verschwörung – oder sie gaben ihr ihren Segen. Keiner der anderen würde ohne die Zustimmung von Aristides handeln. Nein, die Athener haben dafür gesorgt, dass diese Perser verschwunden sind. Vielleicht haben sie sie umgebracht und die Körper irgendwo in den Hügeln von Zypern begraben; es spielt keine Rolle. Sie wussten, dass der Verdacht auf mich fallen würde, dass ich gezwungen sein würde, nach Hause zurückzukehren und zu meiner Verteidigung zu sprechen. Schon während der Wochen, die ich fort war, hatten die Athener Zypern für sich. Eine Insel, die unter meiner Anführung gewonnen wurde, der zweite der Siege, die mir verheißen wurden.«
Der älteste der Ephoren hatte Feldzüge in Ionien geführt und war schon vor Jahrzehnten in den Ruhestand getreten. Er musste etwa achtzig sein. Sein Alter zeigte sich an den seltsamen dunklen Flecken auf seinem Gesicht, den faltigen Lappen unter der Kehle, den Sehnen, die ihn aussehen ließen, als sei er aus Draht gemacht, über den sich Haut spannte. Er trug eine Robe, die eine Schulter nackt ließ und an seinen Oberschenkeln endete. Nur ein Paar Sandalen schützten seine Füße vor Steinen. Axinos hatte vierzig Jahre lang für Sparta gekämpft und wusste mehr über die Traditionen und Gesetze als sonst irgendjemand, der noch am Leben war. Die anderen Ephoren würden seinem Beispiel folgen, und daher war er es, an den Pausanias appellierte. Axinos verachtete die Athener so sehr wie jeder andere. Er hatte gegen sie gewettert, als sie Sparta erpresst hatten, in den Krieg einzutreten, indem sie drohten, ihre Flotte dem Großkönig zu übergeben. Spartaner wie Axinos vergaßen so eine Art Verletzung nicht, das wusste Pausanias. Er war auf den Hass des alten Mannes angewiesen. Daher wandte er den Blick nicht ab, als Axinos sich ihm zuwandte und ihn anstarrte.
»Die Perser korrumpieren alles, was sie anfassen«, sagte Axinos. »Mit ihrer Liebe zu Gold und Freuden. Mit weichem Fleisch und Versprechungen. Haben sie dich verdreht, Pausanias? Haben sie dir deinen Mund mit Gold vollgestopft?«
»Du warst wie ein Vater für mich, Axinos. Du weißt, dass sie das nicht getan haben.«
»Ich weiß nichts dergleichen. Wir gaben dir die Flotte – und wir haben dir aufgetragen, damit Athens Autorität abzustumpfen, dieses Bündnis von ihnen, das Schafe stark genug macht, um den Wolf zu verachten. Und trotzdem stehst du vor uns und sagst, dass sie dich geschlagen haben.«
Pausanias begann wieder zu sprechen, doch der Ephor hob seine flache Hand und fuhr fort. »Entweder wurdest du durch Persien verdorben und hast ein Komplott geschmiedet, um die Gefangenen wegen irgendeines Vorteils zu retten – Macht oder Reichtum, nichts, das eine Rolle spielt. Oder du hast nicht gesehen, wie man sie gegen dich einsetzen könnte. Wie auch immer, du hast versagt, Pausanias. Du sagst, dir seien fünf Siege versprochen worden. Das ist eine Lüge. Sie wurden Tisamenos versprochen. Geh fort von hier und mach dich bereit. Wenn es an der Zeit ist, werden wir dir eine Nachricht senden.«
Pausanias, der sich hütete, noch einmal zu sprechen, ließ sich auf ein Knie nieder, wenn sich ihm bei den Worten des Ephoren auch der Magen zusammenzog. Seine Brust begann zu schmerzen, eine Mischung aus Wut und Kummer. Hätte er davonlaufen sollen? Gar nicht erst nach Sparta zurückkehren sollen? Die Welt war sicherlich groß genug, dass ein Mann in ihr verloren gehen konnte? Doch er war der Sieger von Platäa! Er hatte gedacht, dass sie nicht diesen großen Sieg ins Feuer werfen würden. Er schüttelte den Kopf, als er nach draußen kam und Tisamenos sah, der auf ihn wartete.
»Sie wollten nicht zuhören«, sagte Pausanias benommen.
Tisamenos wurde bleich, als er begriff. Er wusste so gut wie die meisten, was das bedeutete. Obwohl er kein geborener Spartaner war, hatte er sie kennengelernt. Von allen Völkern bewunderte er sie am meisten, aber sie waren auf eine Weise kalt, die er immer noch kaum nachvollziehen konnte. Eine Sache stand über allem – Gehorsam. Wenn die Ephoren sich gegen ihn gewandt hatten, waren alle Worte auf der ganzen Welt nur Wind.
Pausanias ging wie benebelt, sein Leben in Fetzen. Er war als jemand, der Regent für einen König gewesen war, ein Veteran und ein Anführer, auf den Hügel zum Versammlungsort der Ephoren gegangen. Männer hatten ihn mit lächelnden Gesichtern begrüßt, als sie ihn erkannt hatten. Sie hatten seine Hand ergriffen, wenn er sie ließ. Er stieg als Schatten seiner selbst wieder hinab, verlassen von seinem eigenen Volk.
»Gibt es denn nichts, was man machen kann?«, fragte Tisamenos. »Kannst du nicht auf den König einwirken?«
»Ich kann mir vorstellen, dass er froh ist, mich los zu sein«, sagte Pausanias bitter. »Er wird sich nicht einmischen, selbst wenn er könnte. Nein, in Friedenszeiten haben die Ephoren in dieser Sache das Sagen.«
»Es muss eine Möglichkeit geben! Du hast sie gerettet, jeden Einzelnen von ihnen. Sie können das nicht einfach ignorieren.«
Pausanias fühlte, wie ihn Kälte überkam. Tisamenos war sein Freund und Gefährte, ein spartanischer Bürger aufgrund Adoption, mit den gleichen Rechten wie jeder andere Mann, der hier geboren war. Dennoch war er keiner von ihnen, nicht tief in den Knochen, wo es zählte. Er hielt an, anstatt weiter voranzustolpern.
»Es gab immer nur eine vage Hoffnung, Tisamenos. Das wusste ich. Die Athener haben einfach das richtige Messer gefunden, um es in der Wunde zu drehen, das ist alles. Sie kannten uns gut genug, um es zu finden – das ständige Misstrauen hier, das Beobachten. Anklagen ruinieren einen Mann, mein Freund, besonders in Sparta, wo alle Männer ein Auge darauf haben, ob jemand schwach geworden ist. Um so zu sein wie wir, braucht es diese ewige Wachsamkeit, aber sie kann gegen uns verwendet werden … gegen mich.«
»Also werden sie alles, was du für sie und die Stadt getan hast, wegwerfen, nur wegen einer Anklage?«
Pausanias nickte. »Ich hatte gehofft … ja, es sieht so aus, als ob sie genau das tun werden. Sie erlauben keine Schwäche. Der Tod macht die Dinge ungeschehen. Es tut mir leid, Tisamenos.«
Zu seiner Überraschung packte ihn Tisamenos mit beiden Armen. »Vielleicht habe ich zu viele Athener gekannt«, murmelte er drängend. »Aber wenn sie dich töten werden, warum nicht kämpfen? Warum nicht flüchten?«
Pausanias, den die Empörung des anderen Mannes um seinetwillen rührte, löste sich sanft aus seinem Griff. »Wenn ich das mache, dann haben sie mir auch noch meine Ehre genommen. Kannst du das verstehen? Mein Leben ist nichts. Ich habe es bei Platäa verbraucht. Was bleibt, ist mein Ansehen. Ich habe einen Sohn, der in die Agoge eingetreten ist. Wie würde es ihm ergehen? Meine Mutter lebt noch immer! Sie würde sterben vor Scham. Ich habe auch Vettern, die jedes Mal auf mein Grab spucken würden, wenn sie daran vorbeikämen – ein anonymes Grab, wenn ich auf diese Art sterben würde.« Er sah weiterhin Verwirrung in Tisamenos’ Miene und seufzte. »Sie mussten mir gar nicht sagen, dass ich nicht fliehen solle, weil ich niemals fliehen würde. Wenn die Ephoren mir befehlen, mir das Leben zu nehmen, dann werde ich das tun. Ich bin ein Spartaner, Tisamenos … und doch …« Seine Stimme fiel zu einem Flüstern ab, das kaum ein Hauch war. »Und doch gestehe ich, dass ich Angst habe.«
Tisamenos konnte sehen, dass Pausanias im Griff von starken Gefühlen zitterte. Er war wie ein verwundeter Hund mit weit aufgerissenen Augen. Es war grauenhaft, die Angst in seinem Freund zu sehen.
»Es gibt unterschiedliche Arten zu kämpfen, Pausanias«, sagte er nachdrücklich. »Du kannst nicht dein Schwert ziehen, das verstehe ich. Aber du kannst einfach nicht widerspruchslos in deinen Tod gehen, sobald sie wegen dir kommen! Können wir das Urteil hinauszögern? An König Pleistarchos oder König Leotychides appellieren? Oder ein öffentliches Votum?«
Er sah, dass Pausanias zuhörte. Sein Herz schlug schneller.
»Die Ephoren werden keinen heiligen Boden betreten«, sagte Pausanias. »Nicht, wenn ich Asyl suche. Nein, jetzt schau nicht so! Es ist … Wahnsinn, Tisamenos. Es wird ihre Entscheidung nicht ändern, sondern nur verzögern. Trotzdem … vielleicht könnten dann die Könige eingreifen.«
»Wenn eine Chance besteht, egal, wie klein, dann schulden sie dir das. Für Platäa.«
Pausanias schüttelte zuckend den Kopf. Sein Ausdruck war gepeinigt. »Du weißt nicht, was sie sagen werden. Mein Blut ist gar nichts, aber mein Wort, mein Gehorsam … du hast keine Ahnung!«
»Gleich dort drüben ist ein Tempel, Pausanias! Geh hinein und rette dein Leben!«
»Auf Kosten meiner Ehre«, sagte Pausanias düster. »Nein, ich kann das nicht tun.«
»Nur so lange, bis wir alles versucht haben, was möglich ist«, sagte Tisamenos. »Dein Leben hat ebenfalls einen Wert, für mich.«
Pausanias blickte ihn an und fühlte, wie die Welt über ihm zusammenschlug. Nach einem schier endlos langen Moment nickte er. Das kleine Gebäude war kaum zwanzig Schritte von ihnen entfernt. Pausanias erinnerte sich, dass es als das Haus aus Erz bekannt war, ein Heiligtum der Göttin Athene.
Der Tempel war klein, was zu einer Göttin passte, die in Sparta nicht besonders verehrt wurde. Von einer Seite zur anderen war er kaum so lang wie zwei Männer. Es gab nur ein Gewölbe, durch das man eintrat, und eine einzige Lampe brannte darin. Dennoch stand da ein Junge, der gekommen war, um Öl nachzufüllen, und sie nun mit offenem Mund anstarrte. Von seiner Statur wie seiner Haltung her war er eher ein Spartaner als ein helotischer Sklave. Pausanias fragte sich, was er falsch gemacht hatte, um diese Arbeit bekommen zu haben.
»Kyrios?«, fragte der Junge verwirrt. Sein abendlicher Friede war gestört worden, und er wusste nicht, was er sagen sollte.
»Ich beanspruche Asyl«, sagte Pausanias. »Lass uns allein.«
Der Junge eilte davon, wobei er seinen Topf mit Öl zurückließ. Pausanias dachte, dass man ihn dafür am Morgen auspeitschen würde. Er fühlte, wie sich ein Gewicht auf ihn herabsenkte, als die Stille zurückkehrte. Nichts würde mehr wie zuvor sein, das konnte er fühlen. Nichts. Eine Sache gab es jedoch noch zu tun.
»Du darfst hier nicht angetroffen werden«, sagte er zu Tisamenos.
»Ich bin nicht angeklagt! Das Gesetz beschützt mich immer noch, wenn es überhaupt etwas wert ist«, sagte Tisamenos.
Pausanias schüttelte den Kopf. In einer solchen Nacht und nach allem, was er vernommen hatte, war er sich nicht mehr sicher.
»Geh schnell – vielleicht kannst du Ohren finden, die dich anhören. Ich werde hierbleiben, und ich werde beten. Wenn schon sonst nichts, wird es mir einen weiteren Tag bringen. Ich danke dir dafür.«
Sie umarmten sich, und Tisamenos eilte in die Dämmerung davon. Pausanias, der allein zurückblieb, blickte sich in dem kleinen Tempel um, dessen vergoldete Wandplatten so poliert waren, dass er sich in ihnen betrachten konnte. Mit einem einzigen Schritt über die Schwelle war er sein Gefängnis geworden.