19

Als Perikles das Haus seiner Familie außerhalb der Stadt erreichte, war er staubig und ein wenig müde. Er musste darauf warten, eingelassen zu werden, denn die neue Mauer war hoch und eine gut ausgeführte Arbeit. Als sich das Tor öffnete, traten er und Epikleos ein. Sie hielten am Rand eines Säulengangs an, der sich wie ein Vorbau die gesamte Längsseite des Hauses entlangzog. Das rote Ziegeldach wurde von behauenen Säulen aus Stein getragen.

Perikles bewunderte die Arbeit, als er einen schrillen Schrei innerhalb des Hauses vernahm. Er und Epikleos lächelten, als seine Mutter herauskam. Besonders Epikleos strahlte, als hätte er selbst Perikles über Land und Luft hierhergebracht.

Perikles hatte Trauer erwartet – und es gab Anzeichen dafür aufgrund des dunklen Gewands, das seine Mutter trug. Seine Schwester Eleni war in ihrem eigenen Zuhause innerhalb der Stadtmauer. Sie hatte einen Kaufmann geheiratet, der einen fünften Anteil an drei Schiffen besaß, und schien glücklich zu sein. Er nickte und lächelte seine Mutter an, der erst Worte und dann Tränen entströmten. Er sah sich nach einem Anzeichen von Thetis um, konnte sie jedoch nicht sehen.

Als Nächstes kam Manias aus der Küche, nahm Perikles bei der Hand und umarmte ihn. »Es tut mir so leid wegen deines Vaters. Er war ein großer Mann«, sagte er. Eine Falte erschien zwischen seinen Augen, als er Perikles musterte und etwas sah, das ihm zu denken gab. »Du bist erwachsen geworden. Bei den Göttern, ich erinnere mich noch, wie ich für dich den Minotaurus gemacht und dich durchs hintere Feld getragen habe! Dich hier so groß und mit deinen Narben stehen zu sehen … Ich wünschte, ich hätte es sehen können.«

Agariste blickte wieder den dünnen und staubigen jungen Mann an, der nach Hause gekommen war. Perikles wischte ihre Sorgen beiseite.

»Es gab einige Kämpfe auf Zypern. Nur meine Wade – und ein Schnitt hier an meinem Schlüsselbein. Ich hatte einen guten Arzt. Es verheilt alles ordentlich. Ich werde dir davon erzählen.«

Zu seiner Überraschung klopfte Manias ihm auf die Schulter. »Ich meinte nicht die Wunden, obwohl ich froh bin, dass sie verheilen. Ich meinte … du bist nicht mehr länger ein Junge.«

»Was für eine Wahl hatte ich denn, so wie die Jahreszeiten ins Land gehen?«, erwiderte Perikles leichthin. Er begriff nicht ganz, was Manias meinte, und machte daher einen Witz daraus. Manias lächelte nur seltsam zur Antwort und trat beiseite.

Thetis war in den Schatten des Säulengangs aufgetaucht. Ihre Schritte hallten auf dem Holzboden wider. Sie sah erhitzt aus. Als sie sich mit dem Handrücken über die Stirn wischte, blieb ein Schmutzfleck zurück. Ihr Haar war unregelmäßig hochgesteckt, sodass hier und da Strähnen herabfielen. Sie trug eine dunkelblaue Tunika, die über ihren Knien endete und mehr zu einem Mann als zu einer Frau passte. Trotzdem, sie hatte schöne Beine. Perikles begann zu lächeln, ein Ausdruck, der völlig jenseits seiner Kontrolle lag. Bei mehr als einer Gelegenheit hatte er sich auf See seine triumphale Rückkehr vorgestellt. Sie fest zu küssen war ein Teil seiner Träume gewesen, aber nicht, sie wie ein Stallbursche gekleidet vor sich zu sehen, glänzend vor Schweiß und nach Pferdemist riechend.

Während eines Moments von atemloser Stille sahen er und seine Frau einander an. Er war sich nur vage bewusst, wie seine Mutter rot anlief und wegen dieser Intimität den Blick abwandte – und dann wieder hinsah, berührt von Erinnerungen und Schmerz.

Thetis rannte zu ihm, und einen Augenblick lang war alles genau so, wie Perikles es sich vorgestellt hatte. Seine Frau brach bei seinem plötzlichen Auftauchen in Tränen aus, presste ihre Lippen auf seinen Mund und seinen Hals. Es war deutlich, dass sie aus dem Stall gekommen war, aber er erfreute sich daran und riss sie mit frischer Stärke an sich, sodass sie nach Luft rang.

»Nicht zu hart!«, flüsterte sie. »Du tust dem Kind weh.«

Die Welt, unter Glas gesetzt, atmete aus. Selbst die Luft wurde völlig ruhig, als er sich zurücklehnte und eine Frau betrachtete, die er nicht kannte, die aber die Mutter seines Kindes sein würde. Einen Moment lang fragte sich eine leise Stimme tief in ihm, ob es von Kimon sein konnte, aber der Zeitpunkt war falsch. Das Ableisten des Eids auf Delos war mindestens einen Monat vor der Heirat gewesen. Nein, das Kind war seines – immerhin hatte er in der Hochzeitsnacht viermal seine Saat gesät.

Perikles bemerkte, dass er zu lange dagestanden und sie angestarrt hatte.

»Wissen sie es?«, flüsterte er.

Sie schüttelte den Kopf und presste ihre Lippen an seinen Hals. »Ich wollte es dir zuerst erzählen.«

Das gefiel ihm so sehr wie die Neuigkeiten. Thetis war seine Frau, loyal nur ihm gegenüber. Er musste wissen, dass sie gegenüber allen anderen auf seiner Seite war, selbst gegenüber seiner eigenen Mutter. Staunend legte er eine Hand auf ihren Schoß und fühlte die leichte Schwellung dort unter ihrer Tunika.

»Es sieht ganz so aus, als ob du endlich Großmutter wirst«, sagte Perikles zu seiner Mutter. »Wenn es ein Junge ist, werde ich ihn Xanthippos nennen.«

Agariste stand wie vom Donner gerührt. Mit weiten Augen sah sie, wo seine Hand ruhte, und wieder zurück zum Gesicht ihres Sohns. Mit ihren vierzig Jahren schien das Wort nicht zu ihr zu passen. Deutlich angestrengt trat sie vor, um ihren Sohn zu umarmen.

»Dein Vater hätte es geliebt, das zu hören«, sagte sie. »Heute Nacht werden wir ein Fest abhalten, Perikles, um dich zu Hause willkommen zu heißen. Ich werde alle Nachbarn einladen, all unsere Freunde, um deine sichere Rückkehr zu feiern.«

Perikles bemerkte, dass seine Mutter Thetis nicht beglückwünscht hatte, und ertappte sich dabei, dass er die Stirn runzelte. »Vielleicht könnte es auch ein Hochzeitsfest sein, Mutter. Zuvor gab es gar keine Zeit dafür.«

»Das wäre wundervoll!«, sagte Thetis.

Etwas in ihrer Stimme schien an seiner Mutter zu reißen wie ein Angelhaken. Ihr Blick flackerte, und Perikles blickte von der einen zur anderen, im Versuch zu begreifen, was hier passierte. Thetis war älter als er und war schon früher verheiratet gewesen, vielleicht war es das. Er begriff, dass mehr als nur ein wenig Spannung zwischen den beiden vorhanden war, wenn beide sich auch stark bemühten, es zu verbergen. Wenigstens das musste etwas Gutes sein. Wenn sie beide ihn liebten, war das eine Art Band, von dem aus er etwas aufbauen konnte.

»Natürlich«, sagte seine Mutter nach einer nur ein klein wenig zu langen Pause. »Thetis war ein Segen für unser Haus. Sie hat all unsere Leben organisiert, Perikles – sie hat alles geradegerückt, was vorher falsch gewesen war.«

»Ich hoffe, ich bin nicht zu weit gegangen«, sagte Thetis. »Ich habe einfach nur nie ein eigenes Zuhause gehabt.«

Perikles umarmte sie aufs Neue, was das Lächeln seiner Mutter unbemerkt einfrieren ließ.

»Na, jetzt hast du eines«, sagte er seiner Frau. Er nahm ihre Hände in die seinen und presste sie an sich, Wange an Wange. »Du wirst hier dein Kind haben«, murmelte er an ihrer Schulter, »mit den besten Hebammen von Athen vor Ort. Du bist immerhin die Herrin dieses Hauses.«

»Das dachte ich mir. Es ist wie ein Traum«, sagte Thetis. Als sie ihre Augen öffnete und sah, wie Agariste sie anstarrte, lächelte sie noch breiter. »Komm, wir haben ein neues Bad, das ich dir gerne zeigen möchte«, sagte Thetis zu ihrem Mann.

Ihre Absicht war unübersehbar, so offensichtlich wie die triumphierende Röte, die ihr in die Wangen stieg. Perikles murmelte eine Entschuldigung und lächelte wie ein Idiot, als sie ihn an der Hand nahm und in das Zuhause seiner Familie führte.

Agariste blieb schweigend mit Manias und Epikleos stehen.

»Manias?«, sagte sie schließlich. »Schick Boten für heute Abend aus. Es ist kurzfristig, aber wir wollen etwas darbieten. Ich bin mir sicher, du kannst ein paar namhafte Leute in der Stadt zusammentreiben.«

Nachdem ihr Diener sich verbeugt hatte und gegangen war, räusperte Epikleos sich. Agariste war immer noch eine wunderschöne Frau und viel jünger als der Mann, den sie verloren hatte. Sie schien mit dem Alter strammer geworden zu sein, als hätte die Zeit alles überflüssige Fleisch von ihr abgeschmirgelt. Wenn sie sich ausruhte, sah sie ein Dutzend Jahre jünger aus, als sie war. Nur wenn sie lächelte oder die Stirn runzelte, wurde ein hauchfeines Netz von Falten sichtbar. Trotzdem sah sie an diesem Nachmittag müde aus. Er fragte sich, ob das daher rührte, dass sie monatelang in ihrem Haus einer jüngeren Frau aufgewartet hatte.

»Ich wollte Perikles heute Abend mit in die Stadt nehmen, zum Theater«, sagte er. »Da gibt es ein paar Leute, die noch seinen Vater kannten und die ich ihm vorstellen möchte.«

Dabei beließ er es. Agariste kannte ihn gut genug, um zu erraten, dass er eine Einladung für sie haben wollte. Sie hob ihre Hand. »Bitte sie hierher, Epikleos. Solange wir es noch können. Lass uns dieses Haus mit Licht und Leben füllen – und mit Wein. Ja, ich denke, Wein wäre eine sehr gute Idee. Mein Sohn ist wieder zu Hause!«

 

Überall auf dem Familienanwesen wurden Lampen entzündet. In der abendlichen Dunkelheit sah es sehr schön aus. Die Verwüstung, die einst von den persischen Soldaten verursacht worden war, konnte nirgends mehr bemerkt werden. Jeder verbrannte Balken und jede zerbrochene Dachschindel war ersetzt worden, jeder Zaun erneuert. Seine Mutter hatte alten Wohlstand in ihre Ehe mit Xanthippos gebracht. Dadurch war ein alter Name mit einem verknüpft worden, der damals einem aufstrebenden jungen Athener gehört hatte. Ihr Vertrauen und ihre Hoffnungen in diese Vereinigung waren nicht deplatziert gewesen. Xanthippos’ Name war vorrangig in Athen geworden: Archon, Strategos – und ein Politiker, der imstande gewesen war, den Bund von Delos zu ersinnen.

Epikleos hatte vorgehabt, nur vier oder fünf von denen zu fragen, die er am besten kannte. Diese Zahl war im Verlauf eines Nachmittags auf dreißig angewachsen, dann auf sechzig und schließlich auf über zweihundert. Er war gezwungen, einen Boten nach dem anderen zum Anwesen auszuschicken, um nachzufragen, ob ein weiteres Dutzend oder dreißig mehr willkommen seien. In diesen Momenten war Epikleos froh, dass er nicht in Agaristes Gegenwart war, um ihre Antwort zu hören. Alles, was er genau genommen erhielt, waren freundliche Worte als förmliche Erwiderungen an eben dieselben Boten. Als der Tag voranschritt, bekamen deren Mienen etwas von Belustigung oder Ehrfurcht, aber immer noch nahmen die Zahlen zu. Die Hälfte der Haussklaven war in die Stadt ausgeschickt worden, um Essen oder Wein zu kaufen. Sie streuten die Nachricht noch weiter, während sie Gerüchte verbreiteten und prahlten. Epikleos war plötzlich populärer, als er es je gewesen war, als Archonten und Strategoi aus längst vergangenen Jahren ihre Bevollmächtigten ausschickten, um ihn zu bestechen. Bei Sonnenuntergang hatte er seine Miete auf zwei Jahre im Voraus bezahlt und sich einen persönlichen Weinvorrat von der Insel Thera gesichert, die für die Qualität ihrer Weinreben und ihre feine vulkanische Erde berühmt war.

Als Epikleos am Tor des Anwesens ankam, war dessen Gelände voll von Menschen, und in der Abendluft konnte man Musik vernehmen. Er blinzelte beim Anblick der schieren Masse an Leuten und machte sich Sorgen, dass er womöglich zu freigebig mit seinen Versprechen gewesen war. Er selbst hatte zwei Freunde mitgebracht, die Perikles treffen sollten – und einen, der darum gebeten hatte, dem Sohn von Xanthippos vorgestellt zu werden, und den er nicht hatte abweisen können.

Epikleos und seine kleine Gruppe wurden willkommen geheißen und entlang eines erleuchteten Pfads zu einem großen Fest im Freien geführt. Kein Raum hätte so viele Gäste aufnehmen können. Stattdessen hatte Agariste eine riesige Reihe von Tischen aus Eiche und Marmor herbeigeschafft, zusammen mit allen Liegen, Kissen, Decken und Stühlen aus den Räumen des Hauses. Auf zahllosen Tellern lagen Fleisch und Brot, Oliven, Feigen, Honigkuchen und aufgeschnittene Würste, während sich über einer Feuerstelle an jedem Ende des Feldes langsam ein paar Eber drehten. Die Bediensteten ihres Hauses kümmerten sich darum, sie mit Fett zu übergießen. Es herrschte Lärm und Gelächter, und es wurde getanzt – es sah ganz nach einem fröhlichen Ereignis aus.

Schuldbewusst starrte Epikleos all die Gäste an, wenn dieses Gefühl auch beim Anblick der Freude auf ihren Gesichtern dahinschmolz. Das Jahr mochte bereits vorangeschritten sein, aber der Wind war sanft, und der Himmel sah klar aus. Die Götter waren ihnen wohlgesinnt, oder zumindest ihrem Gastgeber.

Weinträger, die sich wie Jäger durch die Menge bewegten, machten sie ausfindig und tauchten mit sauberen Bechern in ihren Händen auf, einen zwischen jedem Finger wie eine Handvoll Tulpen. Mit schwungvollen Bewegungen teilten sie die Becher aus, füllten sie, verneigten sich und zogen weiter. Epikleos bemerkte, dass es »Ein-Drittel-Wein« war, ein Drittel Rotwein gemischt mit zwei Dritteln Quellwasser. Als er einen tiefen Schluck nahm, tauchte Perikles aus der Menschenmasse auf.

Es war das einfachste Zeichen von Respekt, dass der Gastgeber bevorzugte Gäste persönlich begrüßte. Es erhöhte Epikleos in den Augen seiner drei Begleiter, was ihm ein Gefühl von Erleichterung verschaffte.

»Kyrios«, sagte Epikleos förmlich, »ich möchte dir gerne meine Freunde vorstellen. Dieser Mann hier ist Anaxagoras von Ionien, ein Besucher unserer Stadt, obwohl ich gehört habe, dass er sich darum beworben hat, ein athenischer Bürger zu werden.«

Anaxagoras verneigte sich tief. Er war sowohl hochgewachsen als auch sehr schlank. Als er sich regelrecht zusammen- und wieder auseinanderfaltete, wirkte sein Körperbau wie mit Tuch überzogene Stangen.

»Du bist in meinem Haus willkommen, Anaxagoras«, sagte Perikles. »Der Segen der Götter sei auf dir.«

»Es hat ganz den Anschein«, erwiderte Anaxagoras.

Perikles blinzelte angesichts der eigenartigen Erwiderung, aber Epikleos schob bereits einen zweiten Mann vorwärts.

»Zenon ist ein weiterer wilder Schwan, Perikles. Er fand aus Megale Hellas seinen Weg nach Athen – aus einer unserer neu gegründeten Städte dort.«

Zenon war etwa in Perikles’ Alter. Er trug ein seltsames Gewand, das in großen Falten gerafft und gegürtet war. Auf Perikles wirkte er griechisch, aber mit einer markanten Nase und leicht hervorstehenden Augen, als würde er sie aufreißen, um alles genau zu sehen. Während Perikles ihn begrüßte, sah sich Zenon mit einem Ausdruck von Entzückung in der strömenden Menschenmenge um.

»Willkommen in meinem Zuhause, Zenon«, sagte Perikles. »Ich bin noch nicht zu den neuen Städten im Westen gesegelt. Hast du nahe an Rom gelebt?«

Zenon hörte auf, sich wie ein Vogel umzublicken, und richtete seine Aufmerksamkeit völlig auf Perikles. Was auch immer er sah, schien ihn zufriedenzustellen, sodass er nickte.

»Ich habe etwas weiter im Süden gewohnt, in der Nea Polis. Rom hat sich ihrer Könige und Adeligen entledigt, Kyrios, hast du das schon gehört? Unser Einfluss, glaube ich. Vielleicht haben sie gesehen, wie wir unsere Tyrannen verworfen haben! Sie haben eine Republik errichtet, in der die Leute diejenigen wählen, die Macht ausüben. Athen hat viel gelehrt, wenn vielleicht auch immer noch genauso viel zu lernen ist.«

Er klopfte Perikles auf den Arm und eilte an ihm vorbei, seinen jetzt leeren Becher erhoben, um ihn erneut auffüllen zu lassen.

Der letzte der drei Männer war in mancher Hinsicht der am wenigsten seltsame. Perikles hatte ihn in der Gegenwart so eigenartiger Figuren wie Anaxagoras und Zenon nicht übersehen. Ein einziger Blick erzählte ihm, dass er vor einem Athener seiner eigenen Klasse stand, mit gepflegtem Bart, schütterem krausem Haar, eingeölter Haut und einem Chitongewand, das von einer einfachen Spange aus poliertem Silber gehalten wurde. Perikles war allerdings der Stellenwert der einzelnen Vorstellungen nicht entgangen. Trotz all seiner Freude an den beiden Ausländern hatte Epikleos diesen Mann für den Schluss aufgehoben.

Perikles war jünger. Auf seinem eigenen Besitztum hätte er womöglich dennoch darauf bestanden, dass ein Gast sich zuerst vor ihm verneigte. Stattdessen griff er die Hinweise auf, die Epikleos ihm gegeben hatte, und verneigte sich ehrerbietig vor dem älteren Mann.

»Perikles«, sagte Epikleos, »es ist mir eine besondere Ehre, dir Aischylos vorzustellen, den Meister – den größten Theaterdichter in Athen.«

»Epikleos ist zu großzügig. Die Ehre ist ganz auf meiner Seite«, sagte Aischylos. In seinen Augen schimmerte etwas wie Ehrfurcht. »Ich kannte deinen Vater. Ich stand mit Xanthippos bei Marathon – und mit Epikleos, der mit mir die Schlachtlinie hielt. Wir waren sicher, dass wir nicht nach Hause kommen würden. Ich erinnere mich noch, als ob es gestern passiert wäre! Er muss es erwähnt haben? Vielleicht sah er, wie mein Bruder starb. Ich habe es nie geschafft, mit deinem Vater darüber zu sprechen, aber du kanntest den großen Mann besser als ich. Wenn du Zeit hast, würde ich sehr gerne alles hören, woran du dich erinnern kannst.«

Epikleos räusperte sich. »Na, na, Perikles ist der Gastgeber, Aischylos. Ich bin mir sicher, es gibt ein Dutzend Orte, an denen er heute sein muss …«

Perikles warf dem ältesten Freund seines Vaters, einem Mann, der ihn während wesentlicher Jahre seiner Jugend praktisch aufgezogen hatte, einen Seitenblick zu. Wieder einmal blickte er über die Worte selbst hinaus und begriff. Er fühlte, wie sich ihm die Kehle in unerklärlichem Kummer zusammenschnürte. »Nein, ich würde gerne über ihn sprechen«, sagte er. Die Feier war seine Verantwortung, aber es war noch früh, und seine Mutter und Thetis hatten sie unter Kontrolle.

»Es gibt drinnen freie Räume«, sagte Perikles, nachdem er einen Augenblick überlegt hatte. »Momentan sind sie dunkel, aber lass mich ein paar Lampen holen – und eine Amphore oder zwei. Komm, Aischylos. Ich weiß, dass mein Vater dein Werk geliebt hat. Ich selbst habe mir deine Niobe angesehen. Als sie schließlich sprach, nachdem sie so lange stumm geblieben war! Ich glaube, wir haben alle den Atem angehalten. Es war … großartig.«

»Welche Zeilen haben dir gefallen?«, fragte Aischylos.

Perikles wandte nur für einen Moment den Blick ab. Als er den Kopf hob und laut zitierte, schwankte Aischylos, als sei er geschlagen worden. »Ein Gott pflanzt Schuld in Sterblichen, wenn er ein Haus völlig zerstören will. Vor raschen Worten muss ein Mensch sich hüten – und jedes kleine Glück gut hegen, das ihm die Götter gönnen wollen.«

Perikles sah nicht, wie Aischylos die letzten Worte gemeinsam mit ihm flüsterte. Er lächelte, erfreut darüber, dass er in der Lage gewesen war, sich an die Zeilen zu erinnern, und ganz ohne den Eindruck zu bemerken, den er auf seinen Zuhörer hatte. »Kommt, meine Herren. Ihr seid in meinem Haus willkommen. Lasst mich einen Teil dieses Tages zurückzahlen. Reden und trinken wir zur Ehre meines Vaters, bis wir blind und stumm sind und so hilflos wie Kinder.«

 

Pausanias stand an dem einzigen Eingang zu dem Tempel, dem Ort, den seine Leute das Haus aus Erz nannten. Es war nicht annähernd so groß wie der Tempel von Apollo, oder die von Zeus oder Ares. Nur der Schrein für Dionysos war noch kleiner, ein Gott, den die Spartaner anerkannten, den sie aber niemals lieben konnten. Athene war zumindest eine Kriegerin – eine Verteidigerin von Heim und Herd. Frauen kamen und flüsterten zu ihr, wenn sie die Schmerzen der Niederkunft erlitten. Nur wenige andere suchten sie auf. Pausanias bereute die Entscheidung, wenn es auch nur Zufall gewesen war, welches steinerne Gewölbe am nächsten gelegen hatte, als er seine Entscheidung zum Ungehorsam getroffen hatte.

Es hatte sich bereits herumgesprochen. Der Hügel der Akropolis war an diesem Morgen belebter als vielleicht sonst, und er war sich sicher, dass er der Grund dafür war. Niemand redete tatsächlich mit ihm oder rief seinen Namen, aber die Hälfte von denen, die den Hügel erstiegen, schienen es zu tun, um einen Blick auf den Mann zu werfen, der ein Regent für den Schlachtenkönig von Sparta gewesen war, den Sieger von Platäa, der sich jetzt dem Willen der Ephoren verweigerte. Pausanias wusste, dass er mit einer einzigen Tat nicht nur sein eigenes Leben riskiert hatte, sondern auch sein Ansehen, seine Familienehre. Jede Stunde, die verging, machte ihm die schreckliche Entscheidung, die er getroffen hatte, erneut deutlich. Gehorsam war der Kern des spartanischen Ehrenkodex! Als die Ephoren ihn angewiesen hatten, nach Hause zu gehen und sich bereitzuhalten, hatten sie keine Soldaten ausgesandt, um sicherzustellen, dass er es auch wirklich tun würde. Der Gedanke, dass er ihre Autorität über ihn nicht akzeptieren könnte, war einfach unmöglich. Und doch war er jetzt hier.

Pausanias konnte nur in den Schatten des Steinbogens stehen und schweigend hinausblicken, als er sah, wie einer der Ephoren den Aufstieg machte, um sich mit eigenen Augen von der Wahrheit zu überzeugen. Die Sonne ging auf und ergoss ihre Wärme über den Hügel. Pausanias dachte an Namen aus der Vergangenheit und wusste, dass sie es alle missbilligen würden. Lykurgos, der Gesetzgeber, der festgelegt hatte, dass alle Männer in gemeinsamen Speisesälen essen sollten. Leonidas, der den Pass bei den Thermopylen gehalten hatte, als kein anderer es vermocht hatte – und der im Herzen der persischen Kriegsmaschine Zweifel gesät hatte.

Eine Weile schienen die Gaffer zu verschwinden, als hätte man ihnen gesagt, dass sie wegbleiben sollten. Pausanias fühlte, wie sein Mund trocken wurde, während er wartete. Tisamenos würde natürlich zu seinen Gunsten gesprochen haben. Er würde erklärt haben, dass die Intrigen der Athener ihn untergraben hatten und nicht ein persönlicher Makel. Pausanias betete zu Athene, dass sie ihn erhörte. Obwohl es seltsam gotteslästerlich schien, an ihrem Ort zu stehen und zu einem anderen zu flüstern, betete er auch zu seinem Schutzgott Apollo, selbst zu Ares, der ihm sicher bei Platäa und auf Zypern beigestanden hatte. Es war eine Priesterin des Apollo gewesen, die Tisamenos fünf Siege versprochen hatte. Pausanias hatte zwei von ihnen in die Welt gebracht und damit den Willen des Gottes bewiesen. Hatte er dafür nicht eine Belohnung verdient?

Der Himmel war von einem Blau, an das er sich aus seiner Kindheit erinnerte. Es hätte schön sein können, wenn sein Schicksal nicht in einer unsichtbaren Schwebe gehangen hätte. Als er Schritte vernahm, hätte er sich beinahe vergessen und wäre aus dem Haus aus Erz hinausgetreten, um nachzusehen, wer es war. Im letzten Moment hielt er inne. Er war nur sicher, solange er auf heiligem Boden blieb. Wenn die Ephoren ihn draußen fanden, konnten sie ihn ergreifen lassen.

Als er sah, wer es war, verschränkte er die Arme. Der Schlachtenkönig von Sparta war von der Stadt heraufgekommen, um ihn zu sehen. Pausanias schluckte schmerzhaft. Der junge Mann schritt gut voran, er bewegte sich wie ein Leopard. Mit seinem kräftigen Körperbau und dem schwachen Bartwuchs sah man Pleistarchos an, dass er der Sohn des Leonidas war. Der junge König war an diesem Tag, zu Friedenszeiten, der zweitmächtigste Mann in Sparta. In Kriegszeiten wäre Pleistarchos der mächtigste gewesen, und niemand hätte seinem Wort widersprochen. Dennoch trug er auch jetzt Macht in sich, und Pausanias wusste, dass sein Schicksal entschieden wurde.

Der König hielt am Torbogen zum Tempel an, darauf bedacht, nicht die Schwelle zu übertreten, die Pausanias sein Asyl gewährte. Einen Moment lang blickte er nur in die Augen des anderen Mannes.

»Es tut mir leid, dich so herabgesetzt zu sehen«, sagte Pleistarchos. »Als dein Freund zu mir kam, konnte ich kaum glauben, dass es die Wahrheit war.«

Wieder schluckte Pausanias. Sein Mund war so trocken, dass seine Lippen beim Sprechen Risse bekamen. »Es war alles, was mir einfiel«, sagte er. »Eure Majestät, die Ephoren kümmern sich nicht um das Unrecht, das mir angetan wurde. Ich schwöre bei meiner Ehre, dass ich weder mit den Persern gemeinsame Sache gemacht noch für die Freilassung dieser Gefangenen Geld angenommen habe.«

»Du denkst, deiner Ehre ist dadurch gedient, dass du dich hier versteckst?«, fragte Pleistarchos. »Einer deiner eigenen Kapitäne kam mit unheilvollen Geschichten nach Hause zurück. Was auch immer auf Zypern passiert ist …«

»Eure Majestät, bitte!«, sagte Pausanias, der es wagte, den König zu unterbrechen, obwohl es ihn beschämte. »Die Athener …«

»Die Athener haben dich überlistet!«, sagte Pausanias. »Oder sie haben dich gekauft oder dich verraten. Ich vermute, wir werden es nie genau wissen.«

»Ich schwöre …«, begann Pausanias verzweifelt.

Der junge König wirkte mit einem Mal müde, als er die Hand hob, um Pausanias’ Worte aufzuhalten. Doch seine Augen glitzerten mit etwas wie Siegesfreude. »Nichts davon spielt jetzt noch eine Rolle. Die Ephoren treffen ihr Urteil in all ihrer Weisheit mit einer Stimme. So, wie sie es mit mir gemacht haben, als du meine Armee nach Platäa geführt hast und ich zurückblieb.«

Pausanias hörte die Worte mit einem Gefühl von Leere. Ihm war, als ob seine Beine ihn nicht länger tragen könnten. Er wusste, dass der junge König ihm den Sieg übel nahm. Doch wenn er sich nicht dazu entschlossen hätte, Asyl zu verlangen, wäre er bereits getötet worden. Sein Entscheidung hatte ihm ein paar Stunden Zeit gewonnen, wenn es auch auf Kosten seines Andenkens gegangen war, seiner Würde … Er brachte sich dazu, Luft zu holen. Er hatte alles verloren.

»Lasst mich ins Exil gehen«, sagte Pausanias.

Er wartete, spürte die Hoffnung wie ein Messer in seiner Brust, bis König Pleistarchos den Kopf schüttelte.

»Ich kann nicht. Nicht jetzt. Die Ephoren sprechen mit dem Willen der Götter. Du hast sie beleidigt. Gerade in diesem Moment gibt es Stimmen, die verlangen, dass man dich aus diesem Ort herauszerrt und das Volk dich in Stücke reißt. Nur der Zorn von Athene hält sie zurück, Pausanias. Nein, wenn du noch irgendeine Form von Ehre übrig hast, dann schlage ich dir vor, du nimmst eine Klinge und stößt sie dir ins Herz. Das ist alles, was noch auf dich wartet. Hier, ich werde dir meine eigene geben.«

Dass der junge König ihm seine eigene Kopis hinhielt, ging Pausanias zu weit. Ärger entzündete sich in ihm, obwohl er die Klinge annahm. »Nein, ich glaube nicht, dass ich das tun werde, Eure Majestät. Mir ist klar, dass es Euch gefallen würde, wenn Ihr mich los wärt. Ich enttäusche Euch vielleicht noch.«

»Nichts, was du tun könntest, würde mich jetzt noch enttäuschen, Pausanias. Du bist bereits tot.«

»Das frage ich mich«, fuhr Pausanias fort, der in seinem Ärger hitzig wurde. »Ich habe immer noch Freunde, die mit mir gedient haben. Schiffsmannschaften, die mir gegenüber loyal sind. Spartaner, die mit mir im Kampf das Quadrat geformt haben. Vielleicht werde ich sie bitten, zu kommen und mich herauszuholen.«

Der junge König stand schweigend vor ihm. Pausanias konnte sehen, dass er vor großer Erregung zitterte. Er fragte sich, ob Pleistarchos ihn angegriffen hätte, wenn er eine Waffe gehabt hätte. Dies war der Sohn von Leonidas, der niemals eine Schlacht wie Platäa gewinnen würde. Dennoch hätte Pausanias sich dafür treten können, dass er den jüngeren Mann herausgefordert hatte. Er hätte sich dafür, dass er solche Dinge laut ausgesprochen hatte, in die Zunge beißen können, aber er konnte die Worte nicht zurücknehmen.

Pleistarchos nickte, als hätte er etwas zu seiner Zufriedenheit bestätigt bekommen. »Das Urteil der Ephoren war eindeutig richtig«, sagte er. »Erst war ich in Sorge, es sei ein großer Fehler gemacht worden. Aber ich sehe, dass die Götter immer noch in ihrer Weisheit durch sie sprechen. Ich glaube nicht, dass wir uns noch einmal begegnen werden, Pausanias.«

Der König drehte sich um und ging wieder den Hügel hinunter. Völlig allein gelassen starrte Pausanias ihm hinterher. Er war durstig und hungrig, und ihm war schlecht von all dem, was er getan hatte.