Perikles stöhnte. Alles tat ihm weh. Als er die Augen öffnete, fühlte es sich an, als ob ihm jemand ins Hirn stechen würde. Wo war er? Er hatte eine vage Erinnerung davon, dass er gesungen hatte, während er marschiert war … marschiert? Sein Kopf hämmerte im Rhythmus seines Herzschlags. Jemand stöhnte, und er hoffte wirklich, dass es nicht er war.
Unter ihm war eine hölzerne Bank, poliert und eingeölt. Ihr Ende wies die Schnitzerei eines Delphins auf. Eine Weile starrte Perikles den fröhlichen Ausdruck der Kreatur an und fuhr mit der Hand über ihre Konturen. Er wusste, wo er so etwas zuvor gesehen hatte, wo er tausend Bänke genau dieser Art gesehen hatte. Es passte nur nicht zu irgendeiner seiner Erinnerungen.
Erneut ertönte das Stöhnen, und diesmal war er sich sicher, dass es jemand anderes war. Perikles hob den Kopf an, als ein Haufen alter Gewänder auseinanderfiel und ein Mann sich aufsetzte. Anaxagoras. Der Name fiel ihm wieder ein, zusammen mit einer Flut an Erinnerungen. Sie hatten sich stundenlang mit Zenon und Aischylos unterhalten – Perikles erinnerte sich daran, wie er die Flut an Ideen genossen hatte. Ein stechendes Gefühl von Sorge überkam ihn, als er sich umsah. Er war im Theater. Sitzreihen erstreckten sich um ihn herum in einem weiten Bogen, und in seinem Rücken befand sich die Akropolis. Er war unter freiem Himmel und fühlte sich sehr klein und unbedeutend, wie er da lag. Jemand hatte sich über sein Chitongewand erbrochen. Er konnte sich nicht daran erinnern. Seine linke Hand hätschelte offenbar einen Weinschlauch, dessen Inhalt immer noch gurgelte, als er über das Leder strich.
»Ich brauche ein Bad«, verkündete Anaxagoras. »Komm. Zenon ist im Springbrunnen.«
Bei seinen Worten ging ein Ruck durch Perikles. Seine Sicht klärte sich, und er kam auf die Beine, wobei er den Delphinkopf ergriff, um das Gleichgewicht zu behalten. »Ist er ertrunken?«, wollte er wissen.
Anaxagoras blickte über die Schulter zurück. Da war eine Bühne. Auf ihr stand tatsächlich ein großer Springbrunnen mit einem Mann, der ausgestreckt darin lag. Sein eines Bein hing über den Rand, während das andere unsichtbar im Inneren des Beckens blieb.
»Ich glaube nicht«, sagte Anaxagoras. »Da ist kein Wasser drin. Es ist alles …« Er winkte mit der Hand, »ein Palast in Persien, nicht wirklich, weißt du?«
Perikles blinzelte langsam. Mit jedem Atemzug wurde die Welt beständiger, und er erkannte zwei Dinge: dass er fürchterlich stank und dass er hungrig war. Er betastete seine Stirn und fühlte eine Verletzung und eine Schwellung.
»War ich … in einem Kampf?«
Anaxagoras zuckte mit den Schultern, eine Geste, die wie sich bewegende Äste aussah, als hätte der Mann mehr als nur die üblichen zwei Schulterblätter unter seinem Gewand.
»Nicht wirklich … Du und Zenon haben die stumpfen Schwerter benutzt. Du hast etwas davon gesagt, dass du dem kleinen Bastard mal zeigen würdest, was athenisches Training vermag.«
In Anaxagoras’ Miene zeigte sich Heiterkeit. Perikles lächelte und zuckte zusammen, als er eine aufgeplatzte Lippe spürte.
»Ich nehme an, dass ich nicht gewonnen habe«, sagte er.
»Zenon ist sehr schnell. Wie eine Viper. Aber er fiel von der Bühne, und zur Strafe musste er einen ganzen Schlauch mit unverdünntem Wein trinken. Deshalb der Springbrunnen.«
»Daran erinnere ich mich!«, sagte Perikles erfreut. »Hol ihn da raus, Anaxagoras, ja? Die Stadtmauer ist … da drüben, in Richtung Süden. Der Fluss verläuft gleich außerhalb, und ich werde meinen Kopf hineinhalten. Es sollte da auch eine Taverne geben, nahe beim itonischen Tor. Mein Vater mochte sie immer wegen ihrer gebratenen Fische.«
Sowohl er als auch Anaxagoras hörten, wie ihm bei der Idee der Magen knurrte. Perikles grinste. »Sie rufen nach mir, oder mein Magen nach ihnen, ich weiß nicht. Was glaubst du, wird sie so früh schon geöffnet sein?«
»Es ist beinahe Mittag. Also ja, ich glaube, sie wird offen sein«, sagte Anaxagoras.
Beide drehten sich um, als vom Springbrunnen her Grunzen und Flüche hörbar wurden. Zenon schaffte es, sich über den Rand zu schieben, obwohl ein Teil davon sich unter seinen Händen löste. Verwirrt stand er da und hielt ein großes Stück bemaltes Holz, das eindeutig kein Springbrunnen war.
»Wo ist Aischylos?«, fragte Perikles plötzlich und sah sich um. »Und Epikleos?«
»Aischylos ist in sein Quartier gegangen, um sein letztes Werk zu holen«, sagte Anaxagoras. »Ich erinnere mich noch, da ging gerade die Sonne auf. Danach muss ich weggedöst sein. Epikleos schläft am liebsten in seinem eigenen Bett. Wenn er nicht hier ist, wird er dort sein – ein, zwei Straßen weiter.«
Auf der Bühne blickte Zenon sich mit nachdenklicher Miene um. »Warum bin ich in einem Springbrunnen, Perikles? Als Strafe oder zur Belohnung?«
»Zur Belohnung«, sagte Perikles entschieden. Eine Erinnerung kehrte zurück, davon, dass sie mit Weinschläuchen und hocherhobenen Fackeln in die Stadt marschiert waren. Sie waren etwa ein Dutzend gewesen, wenn der Rest von ihnen auch im Morgenlicht nach Hause geschlichen war. Nur Anaxagoras und Zenon waren geblieben, aber er stellte mit Freude fest, dass er sie als Freunde betrachtete.
»Wir gehen und stecken unsere Köpfe in den Fluss, und dann machen wir uns zu gebratenem Fisch auf«, sagte Anaxagoras. »In der Reihenfolge.«
Zenon erhob sich zu voller Höhe, die niemanden beeindruckte. Mit ausgesuchter Sorgfalt platzierte er das abgebrochene Stück des Springbrunnens in seinem Becken und trat zurück. »Gut. Ich muss laufen, um meinen Kopf klar zu bekommen. Seit ich geschlafen habe, ist er zu zweifacher Größe angeschwollen.« Anaxagoras begann zu sprechen, und er hielt eine Hand hoch. »Versuch nicht, mir zu erzählen, dass es nicht so ist. Ich kann sein Gewicht fühlen. So wie er ist, kann ich ihn kaum aufrecht halten. Kommt schon, vielleicht wird kaltes Wasser ihn zu einem menschlichen Umfang verkleinern.«
Als sie gingen, blickte Perikles zurück. Aus der Sicht der Bühne erhoben sich die Sitze des Theatrons, Reihe über Reihe, mit der großen Akropolis dahinter, ein Berg aus Kalkstein mit zerstörten Tempeln auf seiner Kuppe. Es gab einige, die wollten, dass diese heiligen Ruinen so verblieben, als Mahnung an die persische Invasion. Aber in Athen stand nichts still. Unstabile Mauern mussten mit Haken niedergerissen und gesichert werden, während lose Steine gestohlen und unten in der Stadt benutzt wurden. Da oben würden Arbeiter mit ein wenig Fleisch und Brot sitzen und eine Pause von ihren Mühen genießen. Um sich herum sah er seltsame bemalte Leitern und Gestelle mit Szenentafeln, die herübergezogen werden konnten, um eine einfache Bühne in eine Wiese zu verwandeln, oder eine Festung oder ein Schiff auf See.
Perikles hatte mit seinem Vater und zwölftausend weiteren Athenern auf diesen Sitzen gesessen. Die Erinnerung stand ihm klar vor Augen. Er war niemals über die Bühne selbst hinaus und in die Stadt darunter gegangen. Er lächelte. Sein Vater war fort, und der Schmerz darüber war immer noch roh in ihm, aber er hatte etwas gefunden, das er liebte. Er konnte es fühlen, eine Art Staunen. Er hatte niemals hier gestanden und hinausgeblickt. Zweifellos liebte Athene ihre Söhne. Er konnte die Zukunft fühlen, falls das nicht nur irgendein Effekt des Weins und zu viel Licht war. Er war der Sohn eines Archons und Strategos – und er hatte militärischen Dienst überlebt. Wenn er jemals davon träumen wollte, die Menschen von Athen anzuführen, dann mussten sie ihn kennen. Bei dem Gedanken lächelte er. Er war wirklich zu Hause.
Die kleine Gruppe saß an einem Tisch in einem Raum, der so brechend voll und betriebsam war, dass sie einander kaum verstehen konnten. Mit nassem Haar fühlte Perikles sich wacher. Ein Ohr schien verstopft zu sein, seitdem er in den Fluss getaucht war. In Abständen klopfte er mit dem Handballen gegen diese Seite seines Kopfs.
Die Sitze entlang der Mauer waren alle frei geworden, als eine andere Gruppe aufgestanden war, um zu gehen. Nur durch die Entschlossenheit von Anaxagoras und Zenon hatten sie sich gegenüber einer Gruppe von staubigen Töpfern durchgesetzt. Die Männer starrten sie finster aus der Nähe an, wo sie gezwungen waren zu stehen, während sie aßen und tranken.
Die Luft des Kapeleions bei der Stadtmauer war schwer von dem Geruch nach Schweiß, Essen und altem Wein. Aufgeregte Bedienungen beiderlei Geschlechts schoben sich durch den Mittagsandrang, nahmen Bestellungen an und schleppten Geschirr in gewagten Strukturen, sechs oder sieben Schüsseln gleichzeitig. Drei Schüsseln waren hoch aufgetürmt mit goldener Pracht eingetroffen, zusammen mit einer verkorkten Amphore, Schalen zum Mischen, zwei Krügen und einer Ansammlung von Bechern. Unter ihren Füßen knirschten zerbrochene Gefäße genau wie diese.
Da Perikles sich von einem stoßenden Ellbogen in der Menge weglehnen musste, wurde er direkt gegen die Wand gedrängt. Die Atmosphäre war weit entfernt von der Musik und dem höflichen Lachen eines Symposiums. Nur einen Schritt entfernt beschrieb ein stämmiger Mann einen Kampf, den er mit einem rivalisierenden Ziegelbrenner ausgetragen hatte. Der Kerl hatte eine humorvolle Art und redete laut und mit viel Gelächter. Es war schwer, sich nicht davon anstecken zu lassen, sodass die Hälfte der Gäste in Hörweite kicherte, als er die ohnmächtige Wut seines Gegners beschrieb. »Ich schwöre, er war nicht mal halb so groß wie ich. Es wäre so gewesen, als würde man einen zornigen Jungen schlagen …«
Zenon blickte bei diesen Worten finster drein und kümmerte sich um seinen Teller mit Essen.
»… aber dann ist er mit schwingenden Fäusten auf mich losgegangen, und er hat so puterrot und aufgeblasen ausgesehen, dass ich angefangen habe zu lachen, und meine Kraft ist einfach verschwunden. Ich konnte ihn nur auf Abstand halten, und je mehr ich gelacht hab, desto wütender ist er geworden.« Der Mann kicherte wieder, als er sich erinnerte, und die Hälfte der Umsitzenden grinste.
Nach seinem Bad im Fluss und dem gebratenen Fisch fühlte Perikles sich besser. Er kaute träge und überlegte, wie er die Idee zur Sprache bringen sollte, die ihm gekommen war – er war sich nicht mehr sicher, ob früher am Tag oder vielleicht in der Nacht zuvor.
»Da bist du!«, sagte eine Stimme, die er kannte.
Epikleos kam durch die Menge zu ihnen, mit Aischylos dicht hinter ihm. Epikleos fiel der Ziegelbrenner, der seine Geschichte erzählte, nicht auf. Daher war ihm nicht klar, dass er sich gerade genau durch dessen bewunderndes Publikum geschoben und über den letzten Satz hinweg gerufen hatte. Er und Aischylos hatten dem rotgesichtigen Mann ihre Rücken zugewandt, als sie sich gegen den Tisch drückten. Epikleos griff sich ein Stück gebratenen Fisch und kaute.
»Pass auf, wo du langrennst!«, grollte der Ziegelbrenner.
Epikleos hörte ihn, beachtete ihn aber nicht. Aischylos warf einen Blick nach hinten und betrachtete die breiten Schultern und den wuchtigen Kiefer des Mannes. Er zuckte die Achseln.
»Ich habe ein Angebot für dich, Perikles. Ist hier noch ein Platz zum Sitzen?« Während er noch sprach, sah Epikleos, dass ein Stuhl frei wurde, und zog ihn für den anderen Mann herüber.
»Ich hab gesagt, pass auf, wo du langläufst«, sagte der Fremde etwas lauter.
Epikleos und Aischylos drehten sich gleichzeitig um. Perikles, Zenon und Anaxagoras standen wie ein Mann auf, obwohl sie gegen die Wand gedrängt waren und ein schwerer Tisch sie blockierte. Anaxagoras, dessen großer Kopf einen Deckbalken berührte, musste sich vorbeugen.
Ohne zu zögern, stieß Epikleos dem größeren Mann zwei ausgestreckte Finger gegen die Kehle. Es war ein hässlicher, schmerzhafter Stoß, mehr verächtlich als alles andere. Der Ziegelbrenner fuhr sich mit der Hand an den Hals und starrte sie mit offenem Mund an. Ehe er etwas erwidern konnte, ergriff Aischylos plötzlich mit der linken Hand den Bart des Mannes. Mit seiner Rechten hämmerte er einen Schlag gegen das entgeisterte Gesicht des Ziegelbrenners, der ihn zu Boden gehen ließ.
Der Lärm der Menschenmenge erstarb. Perikles wartete ab, um zu sehen, ob sich noch jemand rührte. Der Mann, der hingefallen war, hatte Freunde, aber es war nicht klar, wie viele. Einer von ihnen hob in lautlosem Zorn seine Hand und griff nach Aischylos. Als Antwort darauf zog Epikleos ein Messer und legte die Klinge auf die Armbeuge des Mannes. Dessen Arm blieb ausgestreckt, und alle erstarrten in ihren Bewegungen.
»Warum schaffst du deinen Freund nicht nach draußen, damit er ein wenig Luft schnappen kann?«, sagte Epikleos. Seine Miene war unbarmherzig, als der Blick des Mannes sich langsam auf ihn richtete.
Der Ziegelbrenner war benommen von dem Schlag, aber er gab wütende Geräusche von sich und versuchte, auf die Beine zu kommen. Sein Freund blickte auf ihn hinab, und ein hässliches dünnes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
»Du bist tapfer, wenn du eine ganze Gruppe um dich herum hast«, sagte er. »Oder wenn du einen Mann schlägst, der das nicht erwartet hat. Schauen wir doch mal, wie’s dir ergeht, wenn mein Kamerad wieder aufsteht.«
Der Besitzer des Kapeleions schrie sie alle an, dass sie verschwinden sollten. In der Menge setzten Unterhaltungen ein, als diejenigen ohne Interesse an dem Streit sich bemühten, mit Essen und Trinken fertig zu werden, um wieder ein paar Münzen für ihre Familien zu verdienen. Da waren aber auch noch weitere drei oder vier Männer neben dem, den Epikleos auf Abstand hielt. Diese zeigten ein ausgeprägtes Interesse daran, wie sich alles weiterentwickeln würde. Wie schon der eine, den Aischylos niedergeschlagen hatte, waren es hart aussehende, staubige Ziegelbrenner.
Perikles schluckte. In Athen waren Männer aus weit geringerem Anlass als diesem gestorben. Er griff an seinen Gürtel, trug aber nicht die Kopis, die Kimon ihm gegeben hatte. Er hatte keine Kriegswaffe mit sich in die Stadt gebracht. In Wahrheit brachte eine Schlägerei, die mit tödlichen Wunden endete, ihre eigenen Probleme mit sich, selbst wenn er ohne einen Kratzer davonkam. Ein Skandal wie dieser konnte seiner Karriere ein Ende bereiten, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Der Gedanke gab ihm Worte ein, und er begann zu sprechen.
»Schämt ihr euch nicht, Veteranen von Marathon und Salamis zu bedrohen!«, sagte Perikles.
Die Blicke der Menge zuckten zu ihm herüber, und die Ziegelbrenner runzelten in jäher Verwirrung die Stirn.
»Wir sind hierhergekommen, um zu essen und über unsere Geschäfte zu reden, nicht um uns zu prügeln«, fuhr Perikles fort. »Aischylos hier stand bei Marathon in der Schlachtreihe. Epikleos marschierte mit ihm. Beide waren auf Deck eines Kriegsschiffs bei Salamis und brachten Perser um. Ich habe das alles mitangesehen. Ich war zu jung und wurde zurückgelassen, um meine Familie zu beschützen. Ich sah, wie eine persische Flotte gerammt, geentert und verbrannt wurde. Das war Krieg, Leute. Kein Herumgeschubse in einer Taverne. Steck das Messer weg, Epikleos. Aischylos, entschuldige dich bei dem Mann, den du geschlagen hast.«
Perikles zeigte mit dem Finger auf den Ziegelbrenner. Der Mann hatte es geschafft, wieder auf die Beine zu kommen, und stand wie ein Stier da, schwankend und mit gespitzten Ohren.
»Ich gebe dir einen Wein aus, aber das ist alles, was du von uns bekommst«, sagte Perikles mit fester Stimme zu ihm. »Danach mach dich auf den Weg, bevor gute Männer ihr Leben verlieren.«
Er beendete seinen Satz laut genug, dass alle, die anwesend waren, es mitbekamen. Einen Moment lang herrschte Schweigen, dann brach hier und da Gelächter aus, als die Spannung nachließ. Perikles lief rot an, aber Epikleos steckte sein Messer weg.
»Wer ist der Schnösel?«, fragte der Ziegelbrenner, der sich sein Kinn an der Stelle rieb, wo Aischylos ihn geschlagen hatte.
»Der Sohn von Xanthippos«, sagte Epikleos.
Wieder senkte sich Schweigen über diesen Teil der Taverne, dieses Mal voll Abwesenheit jeder guten Laune. Der Mann hörte auf, sein Kinn zu reiben, und erbleichte. Er machte einen Schritt vorwärts, und Epikleos hätte beinahe erneut sein Messer gezogen, ehe er begriff, dass von dem Mann keine Gewalttätigkeit ausging.
»Wirklich? Du bist sein Junge? Archon Xanthippos war ein großer Mann. Wenn du sein Sohn bist, dann will ich dir die Hand schütteln und schwören, dass ich Frieden schließe.«
»Wie heißt du?«, fragte Perikles. Er hatte dasselbe Licht in den Mienen von Männern gesehen, die unter seinem Vater gedient hatten, in Aischylos selbst. Es brachte ihn wie starker Wein dazu, sich zu gleichen Teilen unbehaglich und stolz zu fühlen.
»Talanas von Leonis, Kyrios. Ich war in der Flotte deines Vaters. Ich hab bei Salamis gekämpft.«
Er streckte die Hand aus, und Perikles schüttelte sie. Selbst im Vergleich zu seinen eigenen Schwertschwielen war sie ein großer, rauer Handschuh.
Der Mann warf Aischylos einen Blick zu, während er sprach. »Du auch? Du hast unter seinem Vater gedient?«
»Das habe ich«, sagte Aischylos.
»Dann sehe ich es als eine Ehre an, dass du mir eine verpasst hast. Du bist jähzornig, mein Freund. Das verstehe ich jetzt besser.«
Aischylos nickte, wenn er auch argwöhnisch blieb. Um sie herum hatten mit Gemurmel und deutenden Fingern wieder die Geräusche der Menschenmenge eingesetzt.
»Es hieß, dass du … äh, uns einen Wein ausgeben würdest«, sagte Talanas.
Perikles seufzte. Sein Magen hatte gerade erst angefangen, sich wieder zu beruhigen. Er hob die Hand, um eine Bedienung mehr Becher bringen zu lassen.
Pausanias sah mit an, wie die Sonne die Berge berührte, die er sein ganzes Leben lang gekannt hatte. Der Anblick bedeutete, dass er wirklich zu Hause war. Er war diese Hänge tausendmal entlanggelaufen. All die Jahre seines Trainings über hatte er sich stark, schlank und schnell gemacht, mit der berühmten spartanischen Disziplin, die schlug und abhärtete, bis das Fleisch wie Eichenholz war und jeder Knochen wie Eisen. Mehr noch, er hatte gelernt, wie man andere anführte, weswegen er bei Platäa nicht versagt hatte. Er hatte einem großen Sturm ins Antlitz geblickt und war nicht ins Wanken geraten. Er war ein Spartaner. Er atmete aus und beobachtete, wie die Sonne lange Bänder aus Purpur und Gold auf seinen geliebten Hügeln malte.
Schritte rissen ihn aus seinem Tagtraum. Er fühlte, wie sein Herz schneller schlug, als er sah, dass es Tisamenos war, der den Pfad von der Stadt her heraufkam. War es eine gute oder schlechte Nachricht, dass sie seinem Freund erlaubt hatten, zurückzukehren? Pausanias konnte es nicht sagen. Tisamenos sah nicht glücklich aus, und er fühlte, wie sich seine Stimmung senkte, als er die Zukunft in dessen Miene las.
»Es tut mir leid«, sagte Tisamenos, als er bei dem Torbogen zum Haus aus Erz anhielt. »Die Ephoren haben abgestimmt. Sie werden dich nicht gehen lassen. Ich habe beide Könige gebeten, zu intervenieren. Ich glaube, der Sohn des Leonidas freut sich darüber, dass es dazu gekommen ist. Pleistarchos konnte seine Befriedigung kaum verhehlen. König Leotychides sagte nur, es sei die Angelegenheit der Ephoren. Er wusch direkt vor mir seine Hände.«
Pausanias nickte. »Werden sie es dir erlauben, mir Wasser zu bringen? Essen? Wenn ich ein paar Wochen lang überleben kann, könnte ich die Entscheidung noch anfechten.«
Als er es aussprach, klang es hoffnungslos, aber er hatte keine andere Wahl. Selbst wenn Tisamenos schnelle Pferde gebracht hatte, gab es immer noch eine Mauer über den Isthmus, die von spartanischen Soldaten bewacht wurde. Niemand konnte den Peloponnes ohne Erlaubnis betreten oder verlassen, nicht in diesem Jahr. Er fragte sich, ob er eine Möglichkeit hätte, die Stadt Argos zu erreichen. Bestimmt würde es dort Schiffe geben, die ihn fortbringen könnten …?
Tisamenos schien seine Gedanken zu erraten. »Sie sagen, dass es niemandem erlaubt ist, dir zu helfen. Jeden, der das dennoch tut, wird das gleiche Urteil treffen. Ich … weiß nicht, was ich sagen soll. Es war, als würde man zu Steinblöcken reden. So war es mit allen. Als ob sie mich nicht einmal hören könnten. Ich wollte irgendetwas tun, um sie dazu zu bringen, ihre Entscheidung zu ändern, aber ich … ich konnte es nicht.«
Pausanias reichte über die Türschwelle des kleinen Tempels hinweg. Tisamenos ergriff seine Hand und drückte fest zu.
»Ich habe ein paar Dinge gesehen, Tisamenos«, sagte Pausanias. »Es tut mir nur leid, dass ich nicht mehr dazu gekommen bin, dir den Rest deiner Siege zu geben.«
»Sprich nicht so«, erwiderte Tisamenos.
Pausanias schüttelte den Kopf. »Nein, es ist in Ordnung. Jetzt, da ich weiß, dass es keine anderen Alternativen mehr gibt, fühle ich Frieden.«
Getrennt durch die Begrenzung des Tempels standen sie beinahe wie Leben und Tod. Tisamenos öffnete den Mund und schloss ihn dann wieder, unfähig zu sprechen. Beide wandten sich um, als ein zweites Paar Schritte ertönte. Pausanias blinzelte in die sinkende Sonne. Dann weiteten sich seine Augen. »Ist das …?« Plötzlich lächelte er, und sein Gesichtsausdruck ließ ihn wieder wie einen Jungen aussehen.
Seine Mutter war sehr alt, und das Gehen auf dem Hang fiel ihr schwer. Tisamenos ging los, um ihr zu helfen, aber sie hob eine Hand, um ihn abzuwehren. Verwirrt blickte er sie an, aber sie hatte keine Augen für ihn, sondern nur für Pausanias.
»Danke, dass du gekommen bist«, sagte Pausanias.
Von allen, die lebten, bedeutete sie ihm am meisten. Ihr hatte er von all seinen Schmerzen und Hoffnungen erzählt. Theano hatte ihn als Kind gekannt, und wenn sie ihn anblickte, war er vielleicht noch immer eines. Sie war gebeugt von Alter, und ihr Haar war schlohweiß, aber dennoch war die Ähnlichkeit zwischen ihnen offenkundig. Tisamenos trat zurück, als Theano sich dem Tempel näherte. Sie griff in einen Beutel an ihrer Hüfte, und er fragte sich, ob sie es gewagt hatte, den Zorn der Ephoren zu riskieren, um ihrem Sohn ein wenig Wein oder Brot zu bringen.
Stattdessen zog die alte Frau einen einzelnen Ziegelstein hervor. Mit Bedacht legte sie ihn über die Öffnung des Torbogens. Pausanias wurde noch bleicher. Seine Haut war wie Wachs.
»Du bist es nicht wert, ein Spartaner zu sein«, sagte sie. »Du bist nicht mehr mein Sohn.«
Hinter ihr kam eine Reihe von Leuten den Hügel herauf. Die meisten trugen Steine mit sich, andere rührten in Töpfen mit Kalkmörtel. Ein Dutzend spartanischer Soldaten ging neben ihnen her. Es waren keine Männer, die Pausanias kannte, wenn er auch ihre Gesichter genau betrachtete. Er dachte, dass sie zur Leibgarde von Pleistarchos gehörten, Männer, die zurückgeblieben waren, als er nach Platäa marschiert war.
Einer von ihnen winkte die alte Frau zurück und rief eine Gruppe von Bauhandwerkern mit ihren Kellen und Schürzen herbei. Sie waren gekommen, um die Mauer zu vervollständigen, um ihn einzumauern.
Überwältigt sackte Pausanias zusammen.
»Geh nach unten, Mutter. Sieh das nicht mit an.«
Theano aus Sparta drehte sich bebend um und verließ ihren Sohn. Hinter ihr stellten die Handwerker schwere Steine auf und klatschten auf jeden von ihnen Mörtel. Eine dicke Mauer erhob sich, füllte den Torbogen aus und schloss ihn im Tempel ein.
Tisamenos musste zurückzutreten, wenn er auch Pausanias im Auge behielt, solange er konnte, bis die Steine sich so weit erhoben, dass sie seinen Blick blockierten. Als die Mauer fertig war und die Menschenmenge sich wieder auf den Weg hinunter machte, sah Tisamenos, dass die Soldaten blieben und Wache standen. Sie beobachteten ihn, als sie wie Statuen vor dem Tempel ihre Stellung bezogen. Er musste all seinen Mut zusammennehmen, um näher zu treten und sein Ohr an die Mauer zu legen.
»Pausanias?«, rief er. »Es scheint mir, als ob die Athener für das hier verantwortlich sind. Sie haben das herbeigeführt. Nun ja, die Götter schulden mir immer noch drei Siege. Wenn sie gütig sind, wird mindestens einer von ihnen dafür sorgen, dass Athen zerstört wird. Kannst du mich hören? Das schwöre ich.«
Es kam keine Antwort. Nach einer Weile ging er wieder den Hügel hinab.