21

Ein Monat war ins Land gegangen und hatte Athen eine Woche voll Regen und sogar eine Nacht mit Schnee gebracht, während der Winter voranschritt. Trotz der Kälte war das Theater so geschäftig wie ein Bienenkorb. Vier verschiedene Theaterdichter hatten unter den Choregoi Gönner für die Festspiele im kommenden Frühling gefunden, zusammengenommen sechzehn Stücke. Jede Theatertruppe forderte so viele Stunden wie möglich auf der einzigen Bühne ein. Musikanten übten in misstönendem Wettbewerb neue Melodien. Bühnenbildmaler verhandelten mit Schreinern einer anderen Gruppe. Verschiedene Chöre gerieten aneinander, als sie um Raum zum Üben stritten. Die Festspiele des Dionysos gaben einer großen Zahl von Athenern Arbeit. Einige von ihnen erinnerten sich vielleicht daran und waren ihren Schirmherren den Rest ihres Lebens über dafür dankbar.

Von hoch oben in dem Halbrund aus hölzernen Sitzplätzen blickte Perikles nach unten. Voll Bewunderung schüttelte er den Kopf, während er versuchte, die Menschen zu zählen, die an diesem Ort arbeiteten. Es mussten Hunderte sein – und die riesigen Geldsummen, von den Aischylos sagte, dass sie benötigt wurden, ergaben nun ein wenig mehr Sinn. Perikles erinnerte sich daran, dass es eine Ehre war, als Choregos für einen Theaterdichter ausgewählt zu werden, der das große Frühlingsfest bereits einmal gewonnen hatte. Nur der berühmte Phrynichos hatte öfter gewonnen, und der hatte all seine Ehren bereits hinter sich und näherte sich dem Ende seiner Karriere. Perikles war sich nicht mehr länger sicher, ob es seine Idee oder die von Aischylos gewesen war, aber wie auch immer, Aischylos gehörte die Zukunft. Selbst eine Investition von viertausend Drachmen war sicher nicht zu viel.

Er versuchte, nicht darüber nachzudenken. Jeden Tag tauchten neue Rechnungen beim Anwesen auf. Er hatte Aischylos sein Wort gegeben, und daher mussten sie bezahlt werden. Weder seine Mutter noch seine Frau schienen begeistert darüber zu sein, so viel Silber aus dem Familienvermögen davonfließen zu sehen.

Besonders Thetis bestand darauf, jede Rechnung zu überprüfen und Boten auszusenden, um die Summen zu beanstanden. Sie begriff den Schaden nicht, den sie anrichtete, die Beschämung, die sie ihm bereitete. Wann immer er dagegenhielt, verschränkte Thetis nur die Arme und sagte, dass sie ihn bis aufs Hemd ausziehen würden, wenn sie es zuließe. Bei dem Gedanken biss Perikles sich auf die Lippe. Die beiden Frauen waren sehr verschieden, aber was diese eine Sache anging, diese einheitliche abweisende Miene, fand er es hart, sie voneinander zu unterscheiden.

Der Gedanke an das Kind, das in ihr heranwuchs, munterte ihn auf. Frauen veränderten sich, wenn sie schwanger waren, das begriff er. Vielleicht würde seine Frau, wenn das Kind geboren war, wenn alles gut ging – er klopfte auf die hölzerne Bank, um das Glück anzuziehen –, wieder die ausgelassene Frau werden, die er geheiratet hatte.

Er merkte, dass er beim Nachdenken auf seiner Unterlippe herumkaute. Thetis zeigte bereits Anzeichen ihrer Schwangerschaft. Die meisten ihrer Tage begannen damit, dass sie sich schwach in eine Schüssel erbrach. Ihre Füße waren angeschwollen, und jedes Mal, wenn er sie sah, beklagte sie sich darüber, dass sie ihr wehtaten. Einer der Haussklaven musste sie am Ende jedes Tages massieren, wenn es auch nicht ihre Stimmung zu heben schien. Ihr war immer heiß, oder sie war gereizt – und Perikles war das häufigste Ziel ihres Zorns.

Obwohl er es nicht zugeben wollte, war Perikles tatsächlich ganz zufrieden damit, jeden Morgen in die Stadt zu verschwinden und fort von ihren Beschwerden zu sein. Für eine Frau, die gewusst hatte, was Armut bedeutete, hatte Thetis sich in der Tat schnell daran gewöhnt, Sklaven zu haben, die sie bedienten. Nur Manias war ihr gegenüber immun, da er freigesetzt worden war und eigenen Lohn bekam. Das hielt sie allerdings nicht davon ab, ihn herumzukommandieren. Er selbst hatte kein Wort dazu geäußert. Nein, es war Perikles’ eigene Mutter, die zu seinen Gunsten eingeschritten war – und das hatte zu einem weiteren Riesenstreit geführt. Perikles war unumwunden dankbar dafür, dass Thetis ein Schlafzimmer für sich selbst verlangt hatte.

Von der Akropolis wehte ein Wind her. Perikles rieb sich eine Stelle an der Schläfe, wo Kopfschmerzen heraufzogen. Er war in Athen nicht unbekannt, so viel begriff er. Xanthippos als Vater gehabt zu haben bedeutete, dass Menschenmengen ehrfürchtig dastanden, wenn sie seinen Namen hörten. Manchmal fragte Perikles sich, ob sein Vater überhaupt gewusst hatte, wie verehrt er gewesen war.

Perikles hatte einen guten Teil seines Familienvermögens für die Festspiele von Dionysios eingesetzt, weil Aischylos ebenfalls seinen Vater gekannt hatte – und weil es seine Pflicht war, es zu tun. Ein vornehmer Sohn diente Athen mit einem Schiff oder einem Theaterstück oder seinem Einsatz im Krieg. Es stimmte, dass er auf Zypern gekämpft hatte, aber das war weit über der Ägäis hinaus gewesen, wo sogar Seeleute und Fischer aus Athen sich selten hinwagten. Wenn Perikles auf dem Hügel der Pnyx stand und Debatten zuhörte, oder wenn er einer Gruppe von Juroren beitrat, um zu Gericht zu sitzen, fühlte er, dass er immer noch keinen Namen besaß, nicht so wie sein Vater einen besessen hatte. Niemand flüsterte oder zeigte auf ihn, wenn er durch die Straßen ging. Die Festspiele zu gewinnen, würde seinen Namen in jedermanns Mund ertönen lassen, wenn über die siegreichen Stücke noch Monate oder Jahre später gesprochen wurde. Perikles war sich sicher, dass sie gut waren, sogar großartig, aber es gab keine Garantien, nicht mit einem Mann wie Phrynichos als Konkurrent. Trotz all seiner Arroganz und seiner Masse war er ein Meister der Bühne. Wenn Aischylos getrunken hatte, pflegte er zuzugeben, dass er sich nicht sicher war, ob er ihn übertreffen konnte.

Der Theaterdichter selbst tauchte unten aus dem eingeschossigen Gebäude an der Rückseite der Bühne auf. Aischylos gestikulierte, ein Bündel Papyrusblätter zwischen Arm und Brust geklemmt, und erklärte etwas einer Gruppe um ihn herum.

Perikles stand auf und schritt die Gangreihen unter freiem Himmel hinunter. Aischylos ging für einen Moment zurück nach drinnen, dann tauchte er oben an der Leiter auf, die zu dem Flachdach führte. Dort konnten Götter erscheinen, von unten mittels Lampen beleuchtet, sodass ihre Masken in einer unheimlichen Kraft erstrahlten. Aischylos half einem stämmigen, bärtigen Mann zu der Plattform hinauf, dann zeigte er ihm, wie er sich hinstellen sollte, und deklamierte Textzeilen. Perikles erinnerte sich daran, dass er den Geist von König Dareios darstellen sollte. Die Stimme des jungen Mannes, die über den weiten Raum hinweghallte, war gut zu vernehmen.

Perikles erreichte die unterste Sitzreihe und betrat die Bühne. Er vernahm das Klick-Klack seiner Sandalen auf dem Holz. Er konnte die Begeisterung dort geradezu spüren. Sie lag in der Hast, mit der die Tafeln der Bühnenbilder vorbeigetragen wurden, in den Seilen und den vergoldeten Rüstungen – in den Worten selbst, als sie erklangen.

Auf jeder Seite der Bühne waren niedrige Bauten aus Holz, Kacheln und Leinwand errichtet. Schauspieler konnten zwischen diesen Flügeln auftauchen und wieder dorthin verschwinden, um Kostüme und Masken zu wechseln, wie die Stücktexte es erforderten. Perikles hörte seine Freunde kommen, ehe sie auftauchten. Er grinste beim Anblick von Zenon, der eine Rede schwang und dabei einen Finger erhoben hatte, während er den anderen etwas beschrieb. Anaxagoras war bereits rot angelaufen, doch ob vor Lachen oder aus Frustration, wusste Perikles noch nicht.

Epikleos lächelte, als er Perikles erblickte. Er schien sofort zu begreifen, warum dieser mit einem verträumten Ausdruck dastand, mit sich selbst im Frieden an diesem Ort.

»Perikles! Du musst die neuen Seiten hören!«, rief Epikleos. »Sie sind hervorragend!«

Sie kamen als gemeinsame Gruppe auf die Bühne, schüttelten sich die Hände und gaben zur Begrüßung ironische Kommentare ab. Aischylos gab seine Anweisungen auf, als er mitbekam, dass sein Choregos anwesend war. Er eilte die Leiter der Götter hinab und gesellte sich zu ihnen, wobei er in seinem Bündel nach den Seiten suchte, die er haben wollte.

»Das hier, Perikles«, sagte er, »habe ich letzte Nacht geschrieben. Was hältst du davon?«

»Phrynichos wird seinen eigenen Bart zerkauen, wenn er es hört«, fügte Epikleos grinsend hinzu.

»Hast du die neuen Szenen gelesen?«, fragte Perikles.

Epikleos nickte. »Sie sind gut. Du wirst schon sehen. Aischylos muss jetzt der Liebling der Zuschauer sein.«

Perikles begann die Zeilen zu lesen. Er murmelte sie, um den Rhythmus und das Versmaß jedes Satzes zu hören. Aischylos war gut genug, um eine Chance auf den Sieg zu haben. Sein Talent war ein Wunder, aber das hier … es war anders als alles, was Perikles jemals gelesen hatte. Bei den Dionysios-Festspielen war nur ein Stück aufgeführt worden, das eine tatsächlich historische Handlung gehabt hatte. Die Zuschauer hatten es gehasst, und die Juroren hatten dem Stückeschreiber eine Geldstrafe von einem ganzen Silbertalent auferlegt – eine Summe, um selbst einen wohlhabenden Choregos zum Bettler zu machen.

»Xerxes: Schrei als Antwort auf meine Schreie«, las er. »Der Chor wehklagt laut.«

»Er ist zu Hause, in Fetzen«, sagte Aischylos, dessen Augen mit einem inneren Licht strahlten. »Er steht als gebrochener Mann vor dem Publikum. Das ist der Höhepunkt, Perikles, die letzten Sätze! Sein Vater ist als Geist gekommen und gegangen. Oh, den Teil musst du auch lesen. Man hat seiner Mutter erzählt, was ihr Sohn alles verloren hat. Ich habe die Hälfte von Persien angegeben, und am Ende ist er erledigt … nur der Chor ist noch übrig, und Xerxes, der Großkönig von Persien, ist allein auf der Bühne. Er beginnt einen Satz, und sie antworten ihm, als könne er ihn nicht alleine beenden. Vor und zurück, zurück und vor. Ich sage dir, dieser fette Narr Phrynichos hat nichts wie das hier. Lies weiter, lies weiter …«

Perikles sprach die nächsten Sätze laut.

Chor: Ai! Wir gehen auf scharfen Steinen.

Xerxes: Die Dreiruderschiffe –

Chor: – Sie haben uns vernichtet!

Perikles machte eine Pause, als ihn ein Gefühl von Ehrfurcht überkam. Er sprach mit der Stimme eines persischen Königs. Er wusste, dass eine athenische Zuschauerschaft jede einzelne Zeile lieben würde. Das war für die Sieger von Salamis geschrieben worden!

»Und er sackt zusammen«, sagte Aischylos begeistert, während er mit seinem Zeigefinger, den er wie einen Vogelschnabel zusammengekrümmt hatte, in die Luft stach. »Der Schauspieler zeigt seine Niederlage mit jeder Zeile, wenn er sagt: ›Geleitet mich jetzt zu meinem Palast.‹ Es sollte mit Verzweiflung dargeboten werden. Die Lampen werden eine nach der anderen ausgelöscht … und Dunkelheit senkt sich herab.«

Perikles blickte von dem Papyrus auf. »Das ist wunderbar. Aber bist du dir wirklich sicher? Die Hälfte der Zuschauer wird bei Salamis oder Platäa gewesen sein. Die Sitzbänke sind aus dem Holz von zerstörten persischen Schiffen gemacht. Es hat alles erst vor Kurzem stattgefunden. All die anderen Stücke sind über Götter und Legenden. Ich höre, dass Phrynichos an irgendeiner Geschichte über die Schicksalsgöttinnen arbeitet.«

»Wenn er das macht, dann wird er es nicht gut machen«, sagte Aischylos mit höhnischem Lächeln. »Der Mann ist ein Straßendichter, kein Stückeschreiber. Aber das hier? Das sind alle unsere Leben, neu gemacht an diesem Ort. Ich schwöre, Perikles, die Zeilen flossen wie Wein aus mir heraus, wie ein Gesang, als hätte ich selbst dabei gar kein Mitspracherecht gehabt. Ich wurde von einer unsichtbaren Hand geführt – und das Publikum wird mit uns sein.«

»Und die Juroren?«, fügte Anaxagoras trocken hinzu. »Diejenigen, die tatsächlich den Preis vergeben? Die sind es, die du bewegen musst, Aischylos, nicht das Publikum.«

Aischylos lächelte und schüttelte den Kopf. »Du liegst falsch, mein Freund. Wenn ich zum Publikum spreche, wenn ich es schaffen kann, dass ihnen der Atem stockt und ihre Herzen nur ein wenig schneller schlagen … wenn sie die Figuren mögen, die ich schreibe, wenn sie sie lieben … dann spielt es keine Rolle, was die Juroren denken. Nicht für mich.«

Er sprach mit ungewöhnlicher Leidenschaft, und Perikles fragte sich, ob eine Reihe von Stücken das Publikum für sich gewinnen und dennoch die Dionysos-Festspiele verlieren konnte. Es war kein angenehmer Gedanke.

»Aber wir werden doch versuchen, auch die Juroren für uns zu gewinnen, Aischylos?«

Perikles sah, dass der Mann Tinte an seinen Fingern hatte. Die Flecken waren tief in seine Haut eingedrungen, so als ob sie nie wieder entfernt werden könnten. Er hoffte, dass keine Abdrücke zurückblieben, als Aischylos ihm auf die Schulter klopfte, auf ein neues weißes Chitongewand.

»Das werden wir. Ich habe gehört, das Phrynichos ein paar magere Stücke hat. Seine Komödien werden immer gut aufgenommen, aber seine Legenden und Tragödien sind schwach – und er hat nichts, was so gut ist wie das hier.« Aischylos nahm das kostbare Blatt wieder an sich, das Perikles gelesen hatte. »Ich werde eine Szene an einem persischen Hof stattfinden lassen, und es wird echt sein.«

»Was ist schließlich Realität?«, murmelte Zenon.

Aischylos nickte. »Ja. Genau, ja! Weil es keine größere Geschichte als das reale Leben gibt. Soll der fette Phrynichos versuchen, sich damit zu messen!«

Jenseits des Theaters erhob sich ein Rauschen, das beinahe wie der Klang des Meeres war. Ihr Lachen erstarb, als sie sich ihm zuwandten und es sogar noch wuchs. Jubel und Gesang gleichermaßen erklangen von Süden her und wurden jeden Moment lauter.

»Was ist das?«, fragte Anaxagoras die Athener um ihn herum.

Perikles schluckte. Vielleicht weil er seit Monaten auf diesen Moment gewartet hatte, wusste er sofort, was der Klang bedeutete. Er hatte eine Menge auf Zypern zurückgelassen – seine Unschuld und etwas von seinem Blut. Mit einem einzigen Schiff nach Athen zurückzukehren, hatte diese Welten auseinandergehalten. Hier war er ein Choregos der Festspiele, der Erbe einer edlen Familie, der Sohn eines athenischen Helden. Dort drüben, wo Ruderer und Hopliten ihre Stimmen in gemeinsamem Rhythmus erhoben, konnte er beinahe die See in der Luft riechen. Dort war er jemand anderes.

»Es ist die Flotte«, sagte Perikles leise. »Die Flotte ist heimgekehrt.« Der große Mann warf ihm einen Blick zu, verwundert über den seltsamen Ton in seiner Stimme.

Es war die Angewohnheit der örtlichen Straßenkinder, eine Obolus-Münze für Nachrichten anzunehmen. Sie rannten durch die wohlhabenderen Bezirke, um Neuigkeiten zu verbreiten, wobei sie sich auf ihre Geschwindigkeit und Energie verließen, um als Erste dorthin zu gelangen. Als die Gruppe das Theater verließ und auf die Straße hinausging, erblickte Aischylos einen von ihnen. Er pfiff und hob einen Obolus zwischen seinen Fingern hoch. Der Junge sauste zu ihm wie ein Fisch zu einem Haken. Um ihn davon abzuhalten, wieder zu verschwinden, hielt Aischylos im selben Moment seine Tunika fest.

»Also?«, fragte Aischylos.

Der Junge, der bereits versuchte, sich wieder loszuwinden, grinste ihn an. »Schiffe im Piräus«, sagte er. »Hunderte Schiffe.«

Aischylos wandte sich Perikles zu, aber der Junge war noch nicht fertig. »Kimon ist nach Hause gekommen, Kyrios. Es heißt, dass er die Gebeine von Theseus heimgebracht hat, dass jeder sie berühren kann.«

Aischylos ließ ihn gehen, und der Junge raste davon, während er schrie, er hätte Neuigkeiten für jeden, der dafür zahlen wolle. Beinahe hätte der Theaterdichter da etwas gesagt, aber sie alle hörten das Schlagen von Trommeln und Trompetenschall. Die Geräusche kamen die Straße entlang näher. Es war ein Klang, den Aischylos nur zu gut kannte, und er behielt mit angespannter Miene für sich, was auch immer er gerade hatte sagen wollen.

Anaxagoras und Zenon stöhnten. Perikles sah an ihnen vorbei und klopfte mit der Hand auf seinen Oberschenkel. Er wollte auf die Agora gehen und Kimon sehen. Es war das Richtige, und wenn auch nur, um sich im reflektierten Licht dieser ganz bestimmten Sonne zu wärmen. Er hatte sich schließlich seinen Platz zur Rechten Kimons verdient. Stattdessen sah er mit an, wie die enorme Figur von Phrynichos auftauchte.

Der Theaterdichter war von zwanzig oder dreißig Männern und Frauen umringt. Einige von ihnen trugen kleine Trommeln unter dem Arm und schlugen Rhythmen, um den Pulsschlag zu erhöhen. Andere ließen lange Metallrohre misstönendes Geheul von sich geben. Es brachte alles, was auf dieser Straße beim Theater vor sich ging, zum Halten. Vorübergehende Menschen gafften oder lachten. Einige winkten mit ihren Mützen.

Phrynichos hielt so abrupt an wie ein Kriegsschiff, dessen Anker ausgeworfen wurde. Er war ein hochgewachsener Mann, einen Kopf größer als Perikles, obwohl zumindest Anaxagoras auf ihn herabblicken konnte. Doch seine Masse strapazierte die Nähte seines Gewands und verlieh ihm die Art Gewicht, die schwer aufzuhalten war – und die in Athen seltsam wirkte.

»Ah, Aischylos«, sagte Phrynichos. Er lehnte sich vor, als wollte er den Atem dessen riechen, an den er das Wort richtete. Perikles fragte sich, ob er schwache Augen hatte.

»Phrynichos«, erwiderte Aischylos. »Du weißt, dass ich noch nicht meine ganze Zeit aufgebraucht habe. Für noch mindestens eine weitere Stunde gehört das Theater mir. Wenn du willst, wird die Ratsversammlung das bestätigen.«

»Oh, es stört mich nicht zu warten, mein Lieber. Wenn du willst, kann meine kleine Truppe sich damit unterhalten, deinen Proben zuzusehen. Alles, worum ich bitte, ist ein ruhiger Sitzplatz, um meine Zeilen zu schreiben. Ganz ehrlich, ich kann überall Verse machen.«

Finster starrte Aischylos den Theaterdichter an. Er hatte vorgehabt, zur Agora hinüberzugehen, um zu sehen, ob Kimon zurückgekommen war, vielleicht sogar, um einen Blick auf die Knochen des Theseus zu erhaschen. In der Nähe stieg der Lärm immer noch an, und die halbe Stadt würde hinüberströmen, um zu sehen, was vor sich ging. Stattdessen ertappte Aischylos sich dabei, dass er keine Lust verspürte, einem Konkurrenten das Spielfeld zu überlassen. Es war kindisch und unter seiner Würde, aber etwas an diesem aalglatten Theaterdichter ging im auf die Nerven.

»Wie geht es mit deinen Stücken voran?«, fuhr Phrynichos fort. »Ich habe in den letzten paar Wochen einen wirklich wunderbaren Fortschritt gemacht. Zwei sind fertig – oder preisgegeben, wenn du so willst.«

Er lachte über seinen eigenen Witz, und Perikles merkte, dass er verlegen lächelte. Die Spannung hing dick in der Luft. Aischylos war auf die Straße gekommen, um vom Theater fortzugehen. Nur seine Sturheit hielt ihn dort.

»Ich habe eines beendet«, sagte Aischylos steif. »Für ein weiteres habe ich die Handlung und ein drittes in Notizen. Mein Satyrstück wird natürlich zuletzt kommen. Ich mag es nicht, meine Zeit für die zu verschwenden.«

»Ja, ich habe deine Werke gesehen«, sagte Phrynichos leichthin. Ein Moment von Kälte entstand auf der Straße. Phrynichos’ Gesichtsfarbe vertiefte sich, als er rot anlief. »Ich meine, deine Stärken liegen mehr in den edlen Emotionen, Aischylos – in der Beschreibung von Angst, und Kummer und Wut. Aber ich finde, eine Komödie ist genauso schwer zu schreiben wie Liebe, oder sogar noch schwerer. Na, ich sehe, dass ihr Herren für die Straße angezogen seid. Geht ihr fort? Ich freue mich, mit meiner Probe anzufangen. Ich habe meinen Chor mitgebracht.«

Perikles fragte sich, ob der Mann das Treffen geplant hatte. Aischylos sagte, dass er Spione dafür bezahlte, alle Proben und Neufassungen seiner Konkurrenten anzusehen. Der Einsatz hätte immerhin nicht höher sein können. Im Frühling würde Ansehen geschaffen oder vernichtet werden, sowohl für die Theaterdichter selbst als auch für welchen armen Narren auch immer, der die Stücke finanziert und für sie ein Vermögen ausgegeben hatte.

»Geh ruhig, Phrynichos«, sagte Aischylos. »Ich vermute, eine Stunde mehr oder weniger wird im Frühling keinen Unterschied machen. Heute gehört die Bühne dir.«

In den Augen des anderen Mannes erschien ein Glitzern, wenn Phrynichos sich auch dankend verneigte und davoneilte. Seine Trommler fingen wieder mit ihrem Lärm an, als sie das Theater betraten und auf der anderen Seite der Bühne ins Tageslicht hinausgingen.

»Heute dir, aber mir für immer«, murmelte Aischylos.

Perikles lachte leise mit den andern, als sie sich der Menschenmenge anschlossen, die auf die Agora und die heimkehrenden Schiffsmannschaften zuhielten.