22

So wie der große Marktplatz war die Agora ein Ort, an dem Neuigkeiten bekannt gegeben wurden. Man nagelte sie an Anschlagtafeln, die an den Statuen der zehn Sippen befestigt waren. Dort konnten die Gesetze gelesen werden – oder Kriegserklärungen. Auch die Ratsversammlung öffnete sich hier dem Herzen der Stadt, mit gewählten Beamten, die hier zu jeder Stunde geschäftig herumliefen.

Die Perser hatten Athen niedergebrannt, aber die Stadt war neu wiederaufgebaut worden, mit geölten Balken und behauenen Steinen und hellen Ziegeln. Es war etwas in der Luft, ein Anfang, ein Ort von Jugend und Ehrgeiz, unterstützt von Kaufleuten und Kriegsschiffen. Keine andere Stadt hatte eine Seemacht wie diese – oder eine Flut an Silber, um so viele Mannschaften zu unterhalten. Ruderer gaben ihr Geld in Athen aus, und gleichzeitig wurden Handelsabkommen abgeschlossen, die Vermögen und niemals zuvor gesehene Güter brachten. Auf dem Meer setzten athenische Kriegsschiffe während der gesamten Handelssaison für verbündete Kaufleute eine sichere Überfahrt durch. Die Resultate zeigten sich in neuem Wohlstand und Einfluss – in Macht.

An diesem Tag war Perikles nicht auf den puren Lärm vorbereitet. Er und die anderen traten um eine Ecke der Agora, und der Krach schlug wie eine Welle über ihnen zusammen. Athen alleine hatte Mannschaften von zweihundert Schiffen – beinahe vierzigtausend Männer. Ohne sie war die Stadt viel ruhiger, aber sie fuhren nicht im Winter aufs Meer hinaus. Es schien, als hätte Kimon sie alle nach Hause gebracht, zusammen mit ihrem Lohn. Die Agora war voll von singenden oder jubelnden Seemännern – und ihren Frauen, die aufgetaucht waren, um sie willkommen zu heißen. Als Perikles das hintere Ende der Menschenmenge erreichte, warf er einen Blick in eine Gasse und schaute schnell wieder schuldbewusst weg, als er sah, was da vor sich ging. Sie hatten Silbermünzen, und sie waren eine lange Zeit auf See gewesen. Er konnte gebratenen Fisch und Fenchel in der Luft riechen, Knoblauch, Minze, eine Unzahl an Gerüchen. Perikles konnte sich vorstellen, dass Athen aussah, als wäre am Morgen ein ganz anderer Sturm hindurchgeweht.

Als er sich umblickte, war die Straße mit rennenden Leuten angefüllt, die alle gekommen waren, um mitanzusehen, was vor sich ging. Perikles bemerkte, wie Anaxagoras Zenon ergriff, ehe er wie ein Fisch in einer Strömung von ihnen mitgerissen wurde.

»Kommt!«, rief Perikles. Er war unter ihnen der Jüngste und derjenige, der am wenigsten darum besorgt war, sich durch eine riesige Menschenmenge zu drücken. An diesem Ort konnte er das Meer riechen, den gesunden Schweiß von Männern und den feuchten Gestank von Schiffen. Er war in ihren Kleidern und Bärten, sie hatten ihn mit nach Hause gebracht.

Mit einem Lachen tauchte er in die Menge ein, wand seinen Weg durch Lücken und vertraute darauf, dass die anderen ihm folgten. Diejenigen, an denen sie vorbeikamen, waren anfangs gut genug gelaunt, sodass sie ihnen ohne zu viel Geschubse auswichen und nur ein paar Rufe hinter ihnen verklangen. Perikles bemerkte, dass er grinste. Er war sich nicht sicher, ob es die merkwürdige, wie eingefrorene Grimasse war, die ihn in Zeiten von Angst und Anspannung plagte, oder echter Humor. Es half ihm jedoch, die harten Blicke, die sich auf ihn richteten, etwas aufzuweichen. Als er weiterging, griff mehr als nur eine verschlagene Hand nach seinem Chitongewand, um ihn festzuhalten. Perikles reagierte mit einer Drehung und einem Ruck und eilte weiter, ehe wer auch immer es gewesen war, sich zu einer Schlägerei bereit machen konnte.

Das Seltsamste war, hier so viele Frauen zu sehen. Vielleicht erklärte es den siedenden Ärger in der Menschenmenge, als Männer sich bemühten, ihre Liebsten oder ihre Huren zu beschützen. Es waren sogar Kinder anwesend, die hoch auf den Schultern von Vätern oder Brüdern gehalten wurden. Perikles fand heraus, dass es einen Trick gab, um an ihnen vorbeizukommen. Ein schnelles Klopfen auf eine Schulter brachte sie zum Umdrehen, was ihm erlaubte, durch die Lücke zu flitzen.

Er kam sich wie ein Lachs vor, der seinen Weg stromaufwärts schwamm, obwohl er bezweifelte, dass irgendein Lachs es jemals so schwer damit gehabt hatte. Er erhielt Schrammen von Ellbogen und stampfenden Füßen und bekam sogar einen Schlag auf den Hinterkopf, der ebenso sehr ein harmloser Stoß wie auch ein echter Versuch war, ihm wehzutun. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, die Agora zu überqueren, aber er fand sich schließlich am Rand des Ratsgebäudes wieder, des Bouleuterions. Es war das Herz des Ortes, wo die Menge so dicht gedrängt war, dass er überhaupt keine Lücken mehr sehen konnte. Diejenigen, an denen er vorbeigekommen war, murrten und wogten noch immer hinter ihm wie der Wellengang des Meers, während sie sich vorwärtsschoben oder zurückwichen. Zenon wurde von zwei oder drei sonnenverbrannten Seeleuten blockiert, die fest entschlossen waren, niemanden vorbeizulassen. Anaxagoras und Epikleos zogen an ihm, aber die Seemänner starrten nur geradeaus und taten so, als sähen sie ihn nicht. Aischylos war nirgendwo auszumachen. Perikles hoffte, dass er nicht zu Boden gefallen war. Eine so dicht gedrängte Menschenmasse war ein gefährlicher Ort.

Kimon stand auf dem erhöhten Abschnitt aus neuem weißem Stein. Er sah braun gebrannt und gesund aus. Rechts und links von ihm stand ein Dutzend ranghoher Trierarchen wie eine Ehrengarde von Kapitänen. Perikles war erfreut, als Anaxagoras und Epikleos Zenon an den Seeleuten vorbeizogen. Ein Blick nach hinten zeigte ihm nur wütende Gesichter, daher stieß er Zenon vorwärts und schützte ihn.

Auf den Stufen zum Ratsgebäude standen auch Hopliten, deren Rüstung golden schimmerte. Kimon trug ein einfaches Gewand, und Perikles fragte sich, ob er wohl darauf geachtet hatte, wie die Menschenmenge ihn betrachten würde. Beim Anblick seines lächelnden Freundes, der über die brechend volle Agora hinwegsah, durchfuhr ihn Neid wie ein Stich. So erschuf man sich Ansehen. Perikles wusste nicht, ob es eine bewusste Erwägung gewesen war, die Gebeine von Theseus auszustellen, aber das Ergebnis zeigte sich darin, wie die Masse ihre Hälse reckte und seinen Namen ausstieß. Perikles runzelte die Stirn. Er war ebenfalls mit dabei gewesen, um den großen athenischen König zu finden. Er sollte da oben mit Kimon stehen und den Beifall der Leute entgegennehmen.

Neben ihm tauchte Aischylos auf, als hätte man ihn ausgespuckt. Er sah noch abgerissener und ramponierter aus als Zenon. Ein Auge des Theaterdichters war zugeschwollen, und er hob einen Teil seines Chitongewands hoch, wo die Naht gerissen war, und inspizierte es blinzelnd. Perikles hätte über seinen Zustand lachen können, wenn er nicht seine Gruppe mit der von Kimon verglichen hätte.

Kimons Vater war ebenfalls ein Strategos und Archon von Athen gewesen, der Männer bei Marathon zum Sieg geführt hatte. Mehr noch, Kimon war selbst ein erfolgreicher Anführer von Schlachten. Zypern würde für Griechenland ein Juwel sein, eine riesige neue Insel in einem Meer von kleineren. Perikles schüttelte den Kopf. Choregos für ein Theaterstück in den Dionysos-Festspielen zu sein, erschien ihm gerade nicht so großartig wie heute Morgen, nicht im Vergleich zu Kimon. Er fragte sich erneut, ob er auf das richtige Pferd gesetzt hatte.

Er hatte nicht aufgehört, nach einer Gelegenheit Ausschau zu halten. Während sich der Volksauflauf wie im Griff von unsichtbaren Gezeiten bewegte, schob Perikles plötzlich Zenon bis ganz nach vorne durch, wo die Menschenmenge von skythischen Wachen zurückgehalten wurde. Die Männer fühlten sich in der Gegenwart dieser wogenden Masse deutlich unwohl. Perikles sah, wie ihre Hände auf den Schwertknäufen ruhten. Die ausländischen Wachen waren in Athen unpopulär, aber er vermutete, dass es besser war, als eigene Landsmänner anzustellen, um die rauflustige Volksversammlung unter Kontrolle zu halten. Skythen waren diejenigen, die widerstrebende Geschworene mit einem Seil versammelten, das in rote Farbe getaucht war, sodass Athener vorauslaufen mussten, wenn sie nicht markiert werden wollten. Perikles erinnerte sich daran, dass sie ein Volk von Nomaden waren, die von irgendwo weither aus dem Osten stammten. Er fragte sich, ob sie wohl ein Teil des persischen Reichs geworden wären, wenn sie in ihrer Heimatgegend geblieben wären, anstatt weiterzuziehen. Es war ein merkwürdiger Gedanke.

»Ich sagte: Wo sind die Knochen?«, brüllte Aischylos so laut in sein Ohr, dass er zusammenzuckte.

Ehrlicherweise hatte Perikles ihn beim ersten Mal gar nicht gehört. Alle in der Menschenmenge schrien in Sprechchören oder sangen, und die Stimmen vermischten sich mit dem Rauschen des Meers. »Ich weiß es nicht!«, schrie er zurück.

Er bereute schon, dass er sich über die Agora gekämpft hatte – wofür eigentlich? Um Kimon dabei zuzuschauen, wie er zu einem Helden gemacht wurde? Doch als er nah genug war, um den Gesichtsausdruck seines Freundes zu deuten, war da etwas Trauriges oder Bitteres darin. Perikles kam sich wie ein Dummkopf vor. Er erinnerte sich daran, wie Kimons Vater Miltiades im Triumph nach Hause zurückgekehrt war. Perikles war nur ein Kind gewesen, aber diese frühe Erinnerung hatte sich ihm eingegraben. Kimon hatte miterlebt, wie sein Vater erst als der Retter von Athen bejubelt und dann vernichtet worden war.

Auf Kimons Gesicht zeigte sich der Schatten dieses Ereignisses. Miltiades war erneut ausgezogen und von persischen Truppen aus dem Hinterhalt überfallen worden. Er hatte alles Wohlwollen, das er gewonnen hatte, wieder verloren und war als verwundeter und gebrochener Mann nach Athen zurückgekehrt. Perikles’ eigener Vater war sein Ankläger gewesen und hatte dessen Familie dazu gezwungen, eine enorme Summe als Entschädigung zu bezahlen. Wie Perikles gehört hatte, war die halbe Flotte mit dieser Geldbuße bezahlt worden.

Vielleicht erklärten diese Erinnerungen, warum Kimon so freudlos aussah, während andere mit der Menge sangen oder Wein in ihre Münder fließen ließen. Perikles stand völlig still und dachte an ihre Väter. Es machte ihn zu einem Knoten in Ebbe und Flut der Menschenmenge, der Kimon auffiel. Sein herumschweifender Blick bemerkte ihn. Perikles sah, wie er auf ihn deutete und einem Hopliten etwas ins Ohr schrie. Der Mann trat die Stufen hinab und winkte ihm forsch zu. Natürlich mochten die Skythen das nicht, aber sie traten zur Seite und nahmen dem Volksauflauf gegenüber eine drohende Haltung ein, für den Fall, dass jemand es wagte, einen Vorteil daraus zu ziehen.

Perikles schlug Epikleos auf die Schulter und ging die Stufen empor. Ehrfürchtig stand er still, als er über die Köpfe seiner Landsleute hinwegblickte.

»Du siehst gut aus, mein Freund!«, schrie Kimon. »Die Ehe hat dir gut getan.«

Er schien mühelos die richtigen Worte zu finden. Perikles nickte nur. In Gegenwart von Kimon kam er sich wie ein verlegener junger Bursche vor, aber er war erfreut, dass er nach oben gerufen worden war. Er konnte sehen, wie die Menschenmenge in Wirbeln aus Farben und Lärm wogte. Die große Akropolis war immer die Kulisse der Stadt, zusammen mit der Pnyx und dem Areopag und den anderen Hügeln von Athen. Er erinnerte sich daran, was Aristides gesagt hatte. Seine Bemerkung darüber, das Bündnis zu lieben – alle Hellenen, nicht nur die Volksmassen zu Hause. In diesem Moment, als sie »Athene« zu singen begannen, schien das ein sehr ferner Traum zu sein.

Uneinsehbar aus dem Blickwinkel der Menge lag tief in den Schatten des Säulengangs hinter Kimon eine Bahre. Perikles konnte sich anhand der Länge des goldenen Tuchs denken, wessen Gestalt unter ihm lag. Ein Bronzehelm lag auf ihm. Er besaß einen neuen Kamm und war tiefgehend poliert worden, sodass er golden glänzte.

Kimon sah seinen Blick. »Theseus«, bestätigte er. »Du warst da, als ich ihn gefunden habe. Du solltest daran teilhaben.«

Perikles lächelte seinen Dank, obwohl sich seine Augen ein wenig verengten. Es schien, als ob Kimon der Einzige war, der Theseus »gefunden« und ihn nach Hause gebracht hatte. Alle anderen waren nur zugegen gewesen. Er fand, dass er nicht mehr ganz so begeistert war wie zuvor.

Perikles blickte über die Leute hinweg, als Kimon seine Hände erhob und Schweigen eintrat. Es dauerte eine lange Zeit, aber endlich standen sie still da. Nur an manchen Stellen gab es Gemurmel und Ausbrüche von Gelächter.

»Am heutigen Tag sage ich Athene für den Segen, den sie ihrem auserwählten Volk gewährt hat, meinen Dank«, rief Kimon über ihre Köpfe hinweg. Er wartete, bis ein lauter Aufschrei verklungen war, ehe er fortfuhr. »Ich danke auch für die Symmachie – für das Bündnis, das uns Zypern zurückgebracht hat, für die erste Flotte, die das Meer patrouilliert, die uns beschützt und dafür sorgt, dass die Kaufleute ehrlich sind.«

Seine letzte Bemerkung verursachte eine Welle von Gelächter. Überrascht blickte Perikles ihn an. Irgendwie war Kimon lebendig geworden, indem er zu der Menge wie zu Freunden sprach. Die meisten Männer zitterten und schwitzten, wenn sie aufgefordert wurden, öffentlich an andere das Wort zu richten. Wenige genossen es, aber es schien, dass Kimon einer von ihnen war. Perikles versuchte, sich für seinen Freund zu freuen.

»Ihr wisst, dass wir das Glück hatten, das Grabmal von Theseus zu finden. Der König und Gründer dieser Stadt, der Freund von Herkules und den Argonauten, der Bezwinger des Minotaurus – der Sohn des Poseidon. Der Seemann.«

Das letzte Wort rief in der Hälfte der Menge ein gewaltiges Aufbrüllen hervor, bei dem Perikles zusammenzuckte. Kimon grinste.

»Ich präsentiere den Menschen von Athen seine Knochen und verlange nur, dass er als Sohn dieser Stadt geehrt wird. Wir sind nach Hause gekommen. Er ist nach Hause gekommen.«

Für eine Weile hatte es keinen Zweck, weiterzusprechen, nicht nach diesen Worten. Kimon machte eine beschwichtigende Geste, aber sie waren in ausgezeichneter Stimmung. Einige von ihnen begannen, »Archon« zu skandieren, und er wurde rot. Als der Lärm schließlich erstarb, richtete er einmal mehr das Wort an sie. »Meine Mannschaften sind bis zum Frühling zu Hause. Unsere Schiffe und unsere Männer sind etwas abgenutzt. Die Letzteren wollen gerne ihre Frauen und Familien sehen. Diejenigen von euch, die Theseus ihre Ehre erweisen wollen, können das machen, nachdem sie freigestellt wurden. Jetzt, Athener, steht gerade!«

Er bellte das letzte Wort heraus, obwohl er lächelte. Perikles sah, wie Tausende von kräftigen Ruderern in der Menschenmenge auf einmal ihre Füße gerade nebeneinander stellten und ihre Arme seitlich fallen ließen. Auf seinen Befehl hin standen sie aufrecht und mit gereckter Brust.

»Geht in Frieden«, rief Kimon über ihre Köpfe hinweg. »Ihr seid freigestellt! Für Winterarbeit oder ausstehende Bezahlung sucht den Hafenmeister auf.«

Sie schwenkten wieder ihre Mützen und jubelten, sogar noch fröhlicher als zuvor. Die Skythen ließen die Ersten durch und erlaubten es ihnen, in Ehrfurcht an den Gebeinen des Theseus vorüberzulaufen. Perikles sah, wie sie die Hände ausstreckten und das Tuch berührten, das tätschelten, was darunter lag. Ein Teil der Menge drängelte, um durchgelassen zu werden, und die Skythen blickten jeden finster an, der sich zu lange vor der Bahre aufhielt. Während viele davonwanderten, was die Spannung verschwinden ließ, konnte Perikles nur erstaunt dreinblicken. Er hatte gedacht, sie seien gekommen, um Kimon oder die Gebeine zu sehen, aber es schien so, als ob es mehr um eine formelle Freistellung gegangen war. Er begriff, dass es verschiedene Formen von Theater gab.

Aischylos und Epikleos blieben, mit Anaxagoras und Zenon hinter ihnen. Perikles machte Kimon auf sie aufmerksam, als sie hindurchkamen.

»Epikleos kennst du natürlich«, sagte Perikles, der ihn herbeirief.

Kimon schien zu wissen, wie er mit jedem der Männer sprechen musste. Er schüttelte Hände und sagte ein paar Worte, die Lächeln hervorriefen. Zenon und Anaxagoras waren beide miteinbezogen. Als Kimon Aischylos’ Namen hörte, vollführte er eine Verbeugung vor ihm. »Natürlich kenne ich dich, Kyrios«, sagte er. »Ich freue mich darauf, dein nächstes Werk zu hören. Hoffentlich ist Perikles mit seinen Geldmitteln so freigebig, wie er sein sollte – ›Trierarchie‹ ist eine noble Idee. Theater und Kriegsschiffe – gibt es sonst noch etwas?«

Aischylos begann leise zu lachen. »Ja, ja, das habe ich … das habe ich auch gesagt!«

Kimon lachte und klopfte dem älteren Mann auf die Schulter. Soweit Perikles es beurteilen konnte, nahm Aischylos nicht im Geringsten daran Anstoß.

»Kommt!«, sagte Kimon. »Lasst mich euch einen König zeigen.«

Ihre Augen weiteten sich, als er auf die eingehüllte Gestalt deutete. Die Skythen hielten die Menschenmenge zurück, um Kimon Platz für seine Gäste zu verschaffen.

In Stoff eingehüllt sahen die Umrisse der Knochen noch mehr wie ein liegender Mann aus, als sie es in dem Grab getan hatten, umwunden von fadenförmigen Wurzeln. Perikles konnte sich beinahe vorstellen, wie der uralte Athener von dem Lager aufsprang, auf dem er ruhte.

Er und die anderen versammelten sich um die Bahre und blickten auf die Gebeine hinab. Kimon nickte zwei Hopliten zu, die Wache standen. Einer hob den Helm auf, und der andere zog unendlich vorsichtig das Tuch ab und legte Knochen frei, die gesäubert und poliert worden waren. Um sie herum seufzten Hunderte von Stimmen andächtig auf.

»Ich habe darum gebeten, morgen auf der Pnyx angehört zu werden«, sagte Kimon. »Es würde der Stadt gut anstehen, für eine Statue und ein ordentliches Grab zu bezahlen, vielleicht auf der Akropolis, wo Theseus seinen Palast hatte. Dein Vater, Perikles, sagte, dass er so etwas unterstützen würde. Wenn nicht, bringe ich selbst das Geld dafür auf.«

»Das werden sie dir nicht verwehren«, sagte Epikleos. »Ich glaube, du könntest sie heute so ziemlich um alles bitten.«

»Vielleicht«, sagte Kimon. Seine Stimme war angespannter geworden, und erneut fragte sich Perikles, ob er sich an alte Wunden erinnerte. Er schüttelte sich und lächelte, als er sah, dass Perikles ihn anstarrte.

»Aristides hat für heute Nacht ein Fest geplant. Wenn deine Freunde gerne kommen wollen, wäre ich geehrt, sie als meine Gäste mit dabeizuhaben. Aber der Tag ist noch immer jung. Wenn es für dich in Ordnung ist, Perikles, dann würde ich gerne am Grab deines Vaters ihm meinen Respekt erweisen.«

Perikles öffnete sich vor Überraschung der Mund. Er hatte Kimon als einen Rivalen betrachtet. Von einem Moment zum anderen fielen all diese Gedanken von ihm ab. »Das ist … freundlich von dir. Danke, ich würde mich geehrt fühlen.«

Die anderen schienen zu begreifen, dass es Zeit für sie war, zu gehen. Einer nach dem anderen blickten sie ein letztes Mal auf Theseus’ Gebeine, dann stiegen sie die Stufen hinab. Aischylos war der Letzte, der ging. »Ehrfurcht gegenüber den Eltern ist eine noble Sache«, sagte er. »Ich bin froh, dass du nach Hause gekommen bist, Strategos. Wenn es zu einem Votum kommt, dich als Archon einzusetzen, werde ich dir meine Unterstützung zukommen lassen.«

Kimon verneigte sich, und der Theaterdichter wandte sich ab. Perikles sah ihm nach, als er ging. Mehr als die Hälfte des Volksauflaufs war in die Stadt davongezogen. Einige warteten noch immer darauf, die Gebeine des Theseus zu sehen, aber nicht viele. Sein Volk blickte vorwärts, nicht zurück. Er folgte Kimon hinaus in den Wintersonnenschein. Es fröstelte ihn, als ein leichter Wind seinen Weg durch die sich ausdünnende Menge fand.

Er runzelte die Stirn, als er sah, dass Epikleos zurückkehrte. Der ältere Mann trottete zum Fuß der Stufen. Die Skythen sahen ihn herankommen und machten sich bereit, ihm den Weg zu verwehren.

»Perikles!«, rief Epikleos. Er sah erleichtert aus, ihn noch dort anzutreffen. »Deine Frau ist gekommen.«

Perikles fühlte, wie sich in seinem Magen ein saurer Knoten bildete, als hätte er zu viel getrunken oder zu schnell gegessen. Er war ein bestimmter Mann zu Hause, aber ein anderer in der Außenwelt. Oder vielleicht lag es einfach an dem Wissen darüber, dass die Menschen etwas über ihn erfuhren, wenn er mit seiner Frau zusammen war, etwas, das er für gewöhnlich behütete und privat hielt. Es war ein Aufeinandertreffen von Welten, und er versuchte, sein Missfallen nicht zu zeigen, als er Epikleos dankte.

Thetis war natürlich nicht alleine gekommen. Weder ihr neuer Status als die Ehefrau einer noblen Familie noch ihre besondere Verfassung hätten das zugelassen. Frauen, die in die Eupatriden einheirateten, schoben sich nicht durch Massen von betrunkenen Seemännern, die frisch von der Flotte freigestellt worden waren. Nein, sie hatte ein Dutzend Sklaven vom Anwesen mitgebracht. Der weißhaarige Manias war zu alt für die Rolle, die sie ihm gegeben hatte, aber in diesem Gefolge brauchte es einen freien Mann. Sklaven würden die Herrin ihres Hauses verteidigen, aber sie konnten von jedem Hopliten oder Wachmann zur Seite gestoßen werden.

In stiller Wut sah Perikles zu, wie seine Frau über die sich leerende Agora herankam. Thetis hatte ein Pferd mitgebracht, wenn sie selbst auch ging. Sie wusste sehr gut, was ihre Pflichten als seine Frau und als ein Mitglied ihrer Klasse war. Unabhängig von ihrer Vergangenheit war ihr Leben auf dem Anwesen, anstatt wie eine mittellose Frau durch die Stadt zu ziehen. Er hatte gedacht, sie hätte das verstanden. Ihre Anwesenheit alleine war ein Tadel, eine Blamage.

Als Kimon ihn ansah, schien er zu verstehen. »Weißt du … meine Frau ist nicht wegen mir in die Stadt gekommen«, sagte er.

Perikles lächelte knapp, während er Thetis beobachtete, wie sie herankam. Die Skythen reagierten auf eine dezente Eingebung und traten zur Seite, sodass sie geradewegs hindurchgehen konnte. Kimon und Perikles gingen die Stufen zu ihr hinab.

»Es ist schön zu sehen, dass es dir so gut geht«, sagte Thetis zu Kimon. »Und dir, mein Ehemann.«

Sie küsste Perikles auf beide Wangen, dann tat sie das Gleiche mit Kimon. Sie hob eine behandschuhte Hand, um sein Kinn anzuheben und zu senken. Ihr Blick ruhte mit einer Art Faszination auf ihm.

»Thetis«, sagte Kimon verlegen, »weißt du … ohne dich hätten wir die Gebeine niemals gefunden. Möchtest du … äh, möchtest du sie sehen?«

Für einen Moment verzog sie das Gesicht. Perikles konnte sehen, dass Thetis nicht auf die Agora gekommen war, um sich alte Knochen anzuschauen. Er hatte das dumme Gefühl, dass sie sich auch nicht wegen ihm dem Gewühl ausgesetzt hatte. Perikles hatte angefangen, die Scherben ihrer Freundschaft aufzusammeln, aber in seiner Brust breitete sich Kälte aus, als er sah, wie seine Frau Kimon betrachtete.

Die Schwangerschaft war ihr anzusehen. Kimon wurde sichtbar bleich, als sein Blick an ihr hinabwanderte und er begriff. Perikles war gezwungen, dazustehen und einfach abzuwarten, während ein anderer Mann in Gedanken ausrechnete, ob er der Vater des Kindes im Schoß seiner Frau war. Er sah, wie Kimon sich entspannte, und schüttelte den Kopf. Der Tag war ruiniert, und wenn er seinen Ärger auch nicht wirklich in Worte hätte fassen können, war er dennoch vorhanden.

»Du solltest nach Hause gehen, Thetis«, sagte Perikles. »Die Stadt ist kein sicherer Ort, nicht in deinem Zustand.«

Sie wandte ihm ihren Blick zu, und es lag keine Freude darin. »Du erinnerst dich vielleicht noch, Perikles, wie ich auf dem Hafengelände herumgelaufen bin, als du die Flotte zum Auslaufen bereit gemacht hast. Ich bin kein Kind, das man nach Hause schickt.«

»Ich glaube …«, begann Kimon, der sich deutlich unbehaglich fühlte, »ich glaube, jemand ruft nach mir …«

Er verschwand und überließ es Perikles und Thetis, einander zuzuzischen. Die Skythen vernahmen jedes Wort, das konnte er ihren sorgsam ausdruckslosen Gesichtern ansehen.

»Geh nach Hause!«, fuhr Perikles sie an. »Wenn du dich schon nicht um deine eigene Sicherheit kümmerst, dann denk wenigstens an das Kind!«

»Warum machst du das?«, wollte sie wissen. »Um Kimon zu beeindrucken? Ich habe Manias mit mir – und Sklaven von zu Hause. Ich bin in keiner Gefahr. Oder willst du mich einsperren, Perikles? Geht es darum? Darf ich nicht raus, außer mit deiner Erlaubnis?«

»Und warum nicht?«, sagte er wütend. »Oder siehst du Kimons Frau hier?«

»Ich sehe einige Frauen«, sagte Thetis.

»Huren und Händlerinnen«, erwiderte er mit einer Geste über die Agora. »Diejenigen, die keine eigenen Sklaven haben.«

»Ich war frei genug auf Skyros«, gab sie zurück. »Und bevor ich dich geheiratet habe.«

»Na, vielleicht ist das der Preis dafür«, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen.

»Oh? Dafür, dass ich von deiner kostbaren Familie aufgenommen und zu einem Teil von ihr gemacht wurde, ja? Dafür, von deiner Mutter für mein Benehmen verspottet zu werden?«

»Der Preis dafür, in Sicherheit zu sein? Nicht hungern oder für andere Männer herumhuren zu müssen?«

Sie versuchte ihn zu schlagen, aber er war zu schnell und schlug ihre Hand weg. An der Art, wie sie sie hielt, sah er, dass er ihr wehgetan hatte. Scham durchflutete ihn und mischte sich wie Säure mit seinem Ärger. Sie zersetzte seine Sicherheit.

»Geh nach Hause, Thetis«, sagte er wieder.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an, dann drehte sie sich jäh um und ging davon. Er sah mit an, wie sie ein paar Worte an Epikleos richtete. Er fuhr zurück, als hätte sie ihn geschlagen, dann rieb er sich das Kinn. Perikles wusste, dass er dafür bezahlen würde, wenn er sie wiedersah. Er wusste auch, dass er härter mit ihr umgesprungen war, als er gewollt hatte. Es hatte ihn verletzt, wie sie Kimon betrachtet hatte. Er glaubte nicht, dass er ihr das erzählen würde. Es war so gewesen, als hätte nur Kimon auf der verdammten Treppe gestanden, als wäre Perikles gar nicht da gewesen.

»Na, ich würde lieber gehasst als ignoriert werden«, murmelte Perikles vor sich hin.

Es war keine noble Meinung, aber er war auch nicht in nobler Stimmung. Er betrachtete die Gebeine des Theseus und fragte sich, was der vorzeitliche König an seiner Stelle getan hätte. Die Knochen waren abermals bedeckt, aber es war noch immer ein außergewöhnlicher Anblick. Aus einem plötzlichen Impuls heraus änderte sich seine Laune. Er beschloss, sich bei seiner Frau zu entschuldigen. Vielleicht sogar ihr zu erklären, weshalb er auf Kimon eifersüchtig war.

Er sah sich nach dem Mann um, der absichtlich tief in ein Gespräch mit einem seiner Offiziere vertieft war. Da diese keine anderen Pflichten besaßen, hatten sie ebenfalls begonnen, sich zu entfernen. Perikles kannte ein paar von ihnen, und er begrüßte sie, als er sich näherte.

»Bist du … fertig?«, fragte Kimon.

»Ja. Das eben tut mir leid.«

»Ich habe nichts gesehen und nichts gehört«, sagte Kimon. »Komm, ich habe eine Amphore mit Wein aus Zypern. Mit deiner Erlaubnis will ich gern etwas davon auf das Grab deines Vaters gießen.«

Perikles, den die Geste rührte, lächelte ehrlich erfreut. Er war sich noch nicht einmal sicher, wo Kimons eigener Vater beerdigt war oder ob sein Grabmal die Perser und ihre Hämmer überlebt hatte. »Ich bin froh, dass du zu Hause bist«, sagte er. »Die Stadt ist zu ruhig ohne die Flotte.«

Kimon lachte. »Soweit es mich betrifft, sind die Wintermonate dazu da, diese Schiffe seetauglich zu machen und wieder aufzustocken, damit ich im Frühling in See stechen kann. Ich habe eine Art zu leben gefunden, die ich liebe, Perikles. Ich schwöre dir, sie werden mich umbringen müssen, um mir das wegzunehmen.«

»Selbst wenn sie dich zu einem Archon machen?«, fragte Perikles. Er konnte die Schärfe in seiner Stimme hören, wenn es Kimon auch scheinbar nicht so ging.

»Selbst dann. Mein Platz ist auf See, mein Freund. Nicht hier. Ich verbringe den Winter, um Reparaturen wie neue Kiele zu beaufsichtigen, dann bin ich wieder fort.«

»Wirst du wenigstens bis zu den Dionysos-Festspielen hierbleiben?«

Kimon sah ehrlich hin- und hergerissen aus, als ihm klar wurde, wie gern Perikles es gehabt hätte, dass er sich die Aufführungen anschaute.

»Ich werde es versuchen, aber wenn man mich fortruft … das Bündnis funktioniert, Perikles. Es hat etwas völlig Neues geschaffen. Vielleicht haben die Perser mit ihrer Invasion dafür gesorgt, aber dein Vater hatte die Vision. Es könnte womöglich wirklich mein Lebenswerk sein.«

Er sah die Enttäuschung in Perikles und legte ihm die Hand auf den Nacken. »Komm schon, zeig mir Xanthippos’ Grab, damit ich einem großen Athener die Ehre erweisen kann. Lass mich das tun. Heute Nacht werden wir trinken und essen, singen und Geschichten erzählen. In Ordnung?«

Perikles nickte. Die halbe Stadt hätte sich auf so eine Einladung gestürzt. Er drückte den Schmerz und den Ärger in ihm nieder und zwang sich zu lächeln. Kimon war ein ehrenhafter Mann, rief er sich ins Gedächtnis. Vielleicht spielte es keine Rolle, ob Thetis in ihn verliebt war.