23

Der dunkelste Tag des Jahres war vorüber. Die Morgen waren immer noch frostig, ehe die Sonne aufging, aber es gab gelegentlich Tage mit blauem Himmel, die Frühling versprachen. Perikles fand es leichter, das Haus seines Vaters in Athen zu nutzen, anstatt sich jede Nacht zum Anwesen aufzumachen. Über seine Pflichten gegenüber dem Familienbesitz und dem Theater hinaus nahm er, so gut er konnte, an jedem Ausschuss und jeder Diskussion der Volksversammlung teil. Dort war er mit seinen Beiträgen, die sowohl knapp als auch deutlich waren, bereits gut bekannt. Anfangs war er überrascht gewesen, dass niemand sonst die Argumente vorbrachte, von denen er dachte, dass sie die nützlichsten oder relevantesten waren. Manche Männer redeten tausend Worte und sagten beinahe gar nichts, als hätten sie ihr Ziel schon dadurch erreicht, dass sie einfach nur gehört wurden. Perikles hatte begonnen, Befriedigung in einem intensiven Hauptaugenmerk zu finden – in den richtigen Worten und nichts anderem. Es half ihm, dass er so viele Abende damit verbrachte, mit Anaxagoras oder Zenon zu debattieren. Sie spotteten über ungenaues Denken oder Unklarheit. Besonders Zenon pflegte eine Ohnmacht vorzutäuschen, wenn Perikles einen schwachen Punkt vorbrachte.

So erklärte er seine ständige Anwesenheit in der Stadt. Die anderen hätten ihm das vielleicht sogar abgenommen, wenn sie nicht Zeugen der wütenden Wortwechsel mit seiner Frau geworden wären. Einige Frauen fanden, dass die späteren Monate der Schwangerschaft eine Zeit der Zufriedenheit und des Glücks waren. Es schien, als ob Thetis nicht zu dieser gesegneten Gruppe gehörte. Ihr morgendliches Erbrechen hatte vor Monaten aufgehört, aber ihr war immer entweder zu heiß oder zu kalt, während ihr zu jeder Tages- und Nachtzeit der Rücken und die Füße schmerzten. Im Gegensatz zu einer Spartanerin betrachtete sie es offenbar nicht als Tugend, das für sich zu behalten. Sowohl die Bediensteten des Anwesens als auch seine eigene Mutter hatten einen verkniffenen Zug um ihre Münder bekommen, als die Monate sich hinzogen.

Trotz all seiner anderen Interessen stürzte Perikles sich in die Reihe von Theaterstücken, die über sein Ansehen entscheiden würden. Bei der Rolle des Choregos ging es um mehr als nur um das Bezahlen von Rechnungen. Er hatte Aischylos dazu überredet, die Satyrkomödie weiterzuentwickeln, anstatt sie als etwas unter seiner Würde anzusehen. Bei der Erinnerung an eine Szene lächelte Perikles. Manchmal war es ihm peinlich, wie sehr er alles daran liebte – die wunderbaren Masken, die so lebendig wirkten, selbst wenn man sie auf einem Haufen liegen ließ; die Kostüme, die von Weitem wie echt aussahen. Sogar die Schauspieler – die Hypokritai – faszinierten ihn. Er hatte gesehen, wie ein Mann in Lumpen als armer Bote aufgetaucht war, nur um in den Kulissen zu verschwinden und Augenblicke später mit weiß bemaltem Gesicht und bleicher persischer Rüstung als Geist von Darius aufzutauchen. Seine Stimme war anders gewesen und seine Haltung die eines Königs. Perikles hatte die Verwandlung wieder und wieder erlebt, aber sie war immer noch wundersam.

Da war noch mehr, wie er sich in der Stille der Abende eingestehen konnte. Kimons Rückkehr hatte ihm die Wichtigkeit der Dionysos-Festspiele gezeigt. Wenn Perikles und Aischylos gewannen, wäre das wie eine beständige Silbermünze auf den Waagschalen ihrer Leben. Die Menschen würden Perikles für sein Urteilsvermögen preisen – und sein Name würde in der ganzen Stadt bekannt sein. Er würde ein aufmerksamer Gönner sein, ein Mann, der Glück brachte, wenn man ihn auf seiner Seite hatte. Wenn er verlor, wäre er nur ein weiterer vergessener Choregos, der auf das falsche Pferd gesetzt hatte.

Aischylos war die Belastung anzusehen, als er sich abmühte, die abschließende Komödie der Stückreihe zu schreiben. Drei ernsthafte Werke waren von ihm gekommen, Stücke, von denen Perikles glaubte, dass sie wie nichts waren, was jemals eine Bühne beehrt hatte. Das große Geschenk war eine Erzählung von Theseus gewesen – mit einem Abschluss für die nach Hause gebrachten Gebeine. Aischylos war ein Genie, wenn es um Zeilen ging, die ein Publikum schockieren oder zu Tränen rühren sollten. Es zum Lachen zu bringen war eine völlig andere Aufgabe – und eine, die seine Fähigkeiten ziemlich zu übersteigen schien. In seiner Verzweiflung hatte er Zenon und Anaxagoras gebeten, sich Zeilen auszudenken. Als Gruppe zu arbeiten hatte für eine Menge Gelächter gesorgt, aber die Ergebnisse waren gelinde gesagt durchwachsen.

Perikles sah mit an, wie der Chor von einer Seite der Bühne zur anderen sauste. Die Schauspieler übten die Bewegung, um das Publikum an Geister denken zu lassen, die zurückgekehrt waren, um in der Nacht umzugehen. Mit ihren bemalten Tonmasken und schwarzen Umhängen sahen sie mehr wie Eulen oder Krähen als Menschen aus. Es war ein unheimlicher Effekt, sie eine Zeile wie mit einer einzigen Stimme vortragen oder sie sich einfach nur zum Publikum umdrehen zu lassen. Freudlose Gefühle waren leichter hervorzurufen als für Gelächter mit einem riesigen auf und ab wippenden Phallus über die Bühne zu laufen. Einer der Satyrn hatte es sich angewöhnt, an seinem einen Trinkbecher zu hängen, während er seinen Text lernte. Das hatte Perikles tatsächlich zum Lachen gebracht und war jetzt ein Teil des Stücks.

Er hatte die Kosten der Produktion nicht aus den Augen verloren. Sowohl Thetis als auch seine Mutter verschwendeten nie eine Gelegenheit, ihn an den Haufen von Rechnungen zu erinnern, die in Verzug geraten waren. Dem Vermögen der Familie war in den Jahren der Invasion übel zugesetzt worden. Während die Perser Bauern getötet und ihre Herden gegessen hatten, war keine Pacht bezahlt worden. Es hatte lange gedauert, neue Pächter zu finden und Ernten einbringen zu lassen, damit sie in der Stadt verkauft oder verschifft werden konnten. Im Stadtteil Kerameikos hatte er einen neuen Töpferstil, der sich gut verkaufte – Rot auf Schwarz anstatt des traditionelleren Schwarz auf Rot. Er hatte auch von den wilden Ponys auf Skyros eine neue Herde zu Zuchtzwecken hergebracht. Sie verkauften sich so schnell, wie sie entwöhnt werden konnten, an eine Stadt, die auch weiterhin dringend nach Packtieren verlangte.

Für die kommende Generation sah die Zukunft rosig aus, aber in der Zwischenzeit war Perikles gezwungen, Silber zu verwenden, das begraben und versteckt war, die letzten Familienreserven. Es hatte nicht geholfen, dass ein kompletter Satz an Tonmasken zerbrochen war. Der Lohn für eine Wache hätte sie gerettet, aber stattdessen musste er kurzfristig und zu einem hohen Preis einen Meistertöpfer anstellen. Perikles vermutete, dass Phrynichos oder einer seiner Männer hinter der Beschädigung steckte, aber es gab keine Möglichkeit, das zu beweisen. Mit noch einem Monat vor sich sah Perikles sich sogar mit der Möglichkeit konfrontiert, einen Geldverleiher aufsuchen zu müssen, um die Lücke an Geldmitteln zu schließen. Er fragte sich, wie er das anstellen sollte, ohne dass die halbe Stadt es herausfand.

Er seufzte, während er dasaß und die Proben des Satyrstücks mitansah. Aischylos hatte nicht deutlich gemacht, dass ein Choregos zu sein bedeutete, eine komplette Theatergruppe den ganzen Winter über mit Essen, Kleidung und Kostümen zu versorgen, mit Farben und Schreinerarbeiten, mit großen zügellosen Festessen, die damit endeten, dass sie gefrorene Straßen entlangschlitterten oder schnarchend in der Gosse einschliefen. Perikles lächelte über einige der Erinnerungen. Es hatte ihn ein Vermögen gekostet, aber es hatte ihn auch von zu Hause ferngehalten.

Phrynichos trat von der Stadtseite des Theaters aus ein und unterbrach einen der Satyrn beim Deklamieren seiner Zeilen. Perikles erkannte den Mann anhand seines Körperumfangs und eilte hinunter, um ihn abzufangen, bevor Aischylos ihn bemerkte. Seit der Zerstörung der Masken führten sich die beiden Stückeschreiber wie Kampfhähne auf, wenn sie aufeinandertrafen. Ein verschwendeter Probentag war nichtsdestotrotz ein weiterer, den Perikles finanzieren musste. Vier Theaterstücke waren Wahnsinn, dachte er, während er die Sitzreihen entlangstürmte.

Ausnahmsweise einmal schien Phrynichos nicht nur da zu sein, um zu stören oder seine Konkurrenten zu verhöhnen. Perikles hielt auf der hölzernen Bühne an, als er sah, dass Kimon ebenfalls anwesend war. Der jüngere Mann schritt neben Phrynichos her und blickte zur Akropolis hoch, als sie ins Tageslicht hinauskamen.

»Das ist meine Bühne«, sagte Phrynichos, »auch wenn andere Anspruch auf sie erheben. Dieses Jahr bringe ich eine Reihe von Stücken heraus, die neu sind – und außergewöhnlich. Zu Ehren deines Vaters möchte ich ihm gerne meine erste Tragödie widmen – auf Miltiades von Marathon.«

Kimon erwiderte nichts, als hätte er ihm nicht zugehört. Es verwirrte den Theaterdichter, sodass er die Stirn runzelte und sich auf die Lippe biss. Im selben Moment hielt Perikles an. Er genoss den Anblick von Phrynichos, der um den neu geschaffenen Archon der Stadt herumscharwenzelte. Der Reichtum von Kimons Familie war natürlich gut bekannt. Für Phrynichos war es einleuchtend, jemandem gegenüber jede Höflichkeit zu erweisen, der vielleicht in späteren Jahren sein Choregos sein konnte.

»Ich denke, er hätte das gemocht«, sagte Kimon nach einem Schweigen, das keine große Begeisterung erkennen ließ. »Ah, Perikles! Ich habe mich gefragt, ob du heute Abend wohl Zeit für ein gemeinsames Essen hast. Dein Freund Zenon ist ein außergewöhnlicher Kerl. Bring ihn mit – und den Großen. Wir werden die Nacht durchmachen.«

Perikles, den die gute Laune seines Freundes angesteckt hatte, grinste. Er konnte sehen, wie Phrynichos von einem Fuß auf den anderen trat, während er nach einem Weg suchte, sich wieder in die Unterhaltung einzubringen. Mit einigem Stolz auf seine eigene Reife nickte Perikles dem Stückeschreiber zu. »Ich nehme an, deine Proben gehen gut voran, Phrynichos?«

»Als ob die Götter selbst zuschauen würden«, erwiderte der Mann, der sofort misstrauisch wurde.

Allen fiel auf, wie Aischylos sie in diesem Moment bemerkte. Die kantigen Bewegungen des Mannes fesselten ihre Aufmerksamkeit. Phrynichos zog ein mürrisches Gesicht. Im Gegensatz zu Aischylos hatte er nie als Soldat gedient, und die Androhung von Gewalt löste eine heftige Bosheit in ihm aus. Aischylos’ Herannahen war in der kleinen Gruppe spürbar.

»Es heißt, dass dein Satyrstück sehr amüsant ist«, fuhr Perikles fort, »aber deine Tragödien? Ich habe gehört, dass sie noch ein wenig überarbeitet werden müssen.«

»Du hast gehört …? Sie müssen …?« Phrynichos stand der Mund offen, dann fuhr er zu seinem Rivalen herum, der über die Bühne zu ihnen trat. Er antwortete, ohne seinen Blick von Aischylos abzuwenden. »Sie werden die Akropolis zum Erzittern bringen! Meister Aischylos hat nichts, um es mit meinem neuen Minotaurus oder meinem Narziss aufzunehmen!«

Er wandte sich Kimon zu, um einen zusätzlichen Moment für sich herauszuholen, ehe Aischylos sie erreichte. »Ich weiß nicht, ob ich noch mehr als ein Jahr oder zwei in mir habe, Kyrios. Mit der richtigen Förderung … aber nein, die Ehre ist mir genug. Vielleicht könnte ich mehr tun, wenn …«

»Bettelst du um Geld?«, wollte Aischylos laut von ihm wissen. Er packte tatsächlich Phrynichos’ Arm, und der andere Mann riss ihn fort.

»Ich mache nichts dergleichen!«, schnappte Phrynichos. Er lief rot an, als Kimon die Augenbrauen hochzog.

»Ich könnte deinen Chor in ein paar Szenen brauchen, wenn du in Schwierigkeiten steckst«, fuhr Aischylos, der das Messer in der Wunde herumdrehte, fort. »Oder deine Satyrn-Schauspieler. Ich habe gehört, dass ihre hölzernen Phalli dieses Jahr besonders lang sind. Was für eine wunderbare Neuerung.«

»Du wirst schon sehen«, sagte Phrynichos, »ein glückliches Jahr macht einen noch nicht zum Dichter, Aischylos. Das wirst du begreifen, wenn die Juroren mir den Preis verleihen.«

»Nein. Du wirst nie wieder gewinnen«, sagte Aischylos. Sein Lächeln hatte beinahe etwas von Mitleid, obwohl er den Mann verabscheute. »Du hattest deine Zeit, Phrynichos. Und dieser Probentag ist meiner, also verlass meine Bühne.«

Phrynichos stand mit offenem Mund da. Aischylos wartete nur einen Moment, ehe er weitersprach. »Keine Worte? Du hattest sie einmal. Mein lieber Kollege, wohin sind sie gegangen?«

Phrynichos fuhr herum, schritt fort und überließ Aischylos seinem Triumph.

»Was für ein wirklich ärgerlicher Mann«, sagte er.

»Aber was ist, wenn er gewinnt?«, fragte Kimon mit ernster Stimme. »Wird er sich nicht an das erinnern, was du gesagt hast?«

Aischylos zuckte die Achseln. »Das wird er nicht. Aber wenn er es tut, werde ich ohnehin am Trauern sein. Ein weiterer Schlag kann dann kaum noch mehr schmerzen. Und wenn ich gewinne, werden meine heutigen Worte natürlich wie heiße Asche sein, die auf seinen Kopf gekippt wird.«

Einen Moment lang sah er verlegen aus. »Ich sollte es nicht genießen, ihn derartig in die Nase zu zwicken, aber er hat so etwas Pompöses an sich. Oh, er hat seine Anhänger. Sowohl er als auch sie glauben, er sei besser, als er eigentlich ist. Manchmal ist das … irritierend.«

Perikles sah, wie der Ausdruck des Mannes sich änderte, als er bedachte, wem er antwortete. »Denkst du darüber nach, ein Choregos zu werden, Archon Kimon? Vielleicht nächstes Jahr, jetzt, da du in den Areopag gewählt wurdest. Perikles hat in diesen Monaten mehr gelernt, als er sich hätte vorstellen können. Er sagt, die Ratsversammlung hat einen Mann aus ihm gemacht.«

»Ich habe nichts dergleichen gesagt«, schnaubte Perikles, obwohl Kimon nur lächelte.

»Wir dienen der Stadt auf verschiedene Weise. Fürs Erste ist mein Platz auf See. Archon und Nauarch des Seebundes zu sein ist mehr, als ich mir je erträumt hätte.«

Aischylos schien das zu verstehen. Er streckte die Hand aus und ließ sie von Kimon mit dem Griff eines Soldaten ergreifen. Perikles fragte sich, wie viele seiner Freunde Kimon gegenüber ihm vorziehen würden oder ob das nur seine Frau tat. Seine gute Laune gerann bei dem Gedanken wie saure Milch.

»Erst einmal werden die Tage wieder heller«, verkündigte Aischylos, der einen Blick auf die Bühne und die Sonne warf, die bereits hinter der Akropolis zu versinken begann. »Ich habe gerade noch genug Zeit, um die Szene noch einmal mit meinen Satyrn durchzugehen. Eselsohr! Ja, du! Wo sind deine verdammten Eselsohren?«

Er schritt davon und deutete mit dem Finger auf ein unglückliches Mitglied des Chors, das ohne sie auf die Bühne gekommen war.

»In Tragödien ist er besser«, stellte Perikles fest.

Kimon, den die Eskapaden der Satyrn auf der Bühne amüsierten, lachte. »Um seinetwillen hoffe ich das!«

»Was denkst du? Wirst du Choregos für Phrynichos werden? Er hat dieses Jahr in Ephialtes einen Gönner, aber es sieht nicht nach einer glücklichen Abmachung aus.«

Perikles ertappte sich dabei, dass er erleichtert war, als Kimon den Kopf schüttelte.

»Ein andermal vielleicht. Ich wollte dir erzählen, dass …« Er traf eine Entscheidung und fuhr fort. »Ich werde nicht für die Festspiele hier sein. Die Flotte ist ausgebessert und mit Vorräten angefüllt – und wir müssen gesehen werden. Sobald wir eine Reihe guter Tage haben, bin ich wieder weg.« Er streckte die Hand aus und berührte einen Holzbalken, um Unglück abzuwenden. »Du wirst ein Vater sein, bevor ich zurückkomme.«

»Das hoffe ich … oh, du weißt, was ich meine.«

Perikles fragte sich, ob Kimon wollte, dass er mitkam. Die Frage schien im Raum zu stehen, aber er stellte sie nicht laut, aus Angst, die Antwort könnte ihn von hier fortbringen. Einen Moment lang blickte Kimon in die Ferne, als ob etwas seiner guten Laune den Glanz geraubt hätte.

»Komm schon, Per. Du musst dir doch bestimmt nicht jede Probe ansehen? Trommel die anderen zusammen. Neulich Nacht sagte Zenon etwas über den großen Achill, der nicht in der Lage war, eine Schildkröte in einem Wettrennen einzuholen. Irgendein herrlicher Unsinn. Ich habe darüber nachgedacht – und ich glaube, ich sehe den Fehler. Ich möchte die Geschichte gern noch einmal hören. Dieses Mal mit mehr Wein, damit ich sie verstehen kann!«

Perikles lachte. Er war einer der wenigen, die wussten, dass Kimon nur Ein-Sechstel-Wein trank anstatt etwas Stärkeres. Kimon, der sich selbst eine eiserne Disziplin auferlegte, war seit dem Jahr, in dem sein Vater gestorben war, nicht mehr richtig betrunken gewesen. Es bedeutete, dass er einen ernsthaften Kern besaß. Der Sohn seines Vaters, dachte Perikles. Vielleicht war das alles, was sie jemals sein konnten.

 

Zenon leerte einen weiteren Becher Rotwein. Sein Lächeln zeigte Zähne, die sich im Verlauf des Abends rot verfärbt hatten. Der kleine Mann hatte nicht das Trinkvermögen von jemandem wie Anaxagoras, der in der Lage zu sein schien, die ganze Nacht über zu trinken und deutlich zu sprechen, bis er plötzlich schlafend zusammenbrach. Im Vergleich zu ihm wurde Zenon sehr schnell betrunken und verlor sich irgendwo nahe am Boden einer einzigen Amphore in wildem Gelächter. Es war immer noch früh am Abend, und Perikles hatte die Gruppe versammelt, von der er stolz war, sie seine Freunde zu nennen. Ihm fiel auf, dass Aischylos sich gelegentlich unter den Tisch beugte und etwas mit einem Stück Blei schrieb, aber das war seine Art.

»Noch mal?«, fragte Zenon. »Also gut! Achill rennt los. Freundlicherweise hat er unserer Schildkröte einen Vorsprung gegeben, aber er und die Schildkröte fangen den Wettlauf gemeinsam an. Vielleicht mit Trompetensignal, wenn du dir das vorstellen kannst. Nun, Achill ist ein großartiger Läufer …«

»Das ist bekannt«, unterbrach ihn Anaxagoras mit einem Grinsen.

Zenon nickte.

»Das ist bekannt

»Und die Schildkröte ist sehr langsam. Das sehen wir alle ein.«

Sie alle nickten ein wenig benommen. Mit seinem gut gewässerten Wein war Kimon der Scharfsinnigste. Er runzelte die Stirn.

»Also … Achill rennt der Schildkröte hinterher. Binnen Kurzem hat er die Hälfte der Distanz hinter sich gebracht. Die Menge ringt nach Atem, aber was ist das? Die Schildkröte ist nicht reglos geblieben! Sie hat sich ebenfalls voranbewegt. Achill legt einen großen Spurt hin. Schweiß tropft ihm von der Stirn – und ein weiteres Mal halbiert er die Distanz zwischen ihnen. Doch die Schildkröte hat sich erneut bewegt. Versteht ihr?« Triumphierend blickte Zenon in die Gesichter der anderen. »Egal, wie viele Male Achill die Entfernung zwischen ihnen halbiert, er wird niemals in der Lage sein, die Schildkröte zu erreichen.«

»Wenn das stimmen würde …«, begann Kimon. Während er sprach, zog er auf der Tischoberfläche in verschüttetem Wein Kreise.

»Es ist wahr!«, sagte Zenon sofort.

Kimon schüttelte den Kopf. »Dann könnte niemand irgendjemanden erreichen! Kein Läufer könnte den vor ihm einholen, kein Heer könnte gegen ein anderes voranschreiten und sie zum Kämpfen bringen. Da ist irgendwas falsch mit der Art, wie du es beschreibst!«

»Das glaube ich nicht. Es ist eine simple Teilung, wenn man darüber nachdenkt – eine unendliche Abfolge.« Zenon strahlte sie alle an.

»Erzähl ihnen die Geschichte über den Pfeil …«, sagte Epikleos. »Nein, die über das Stadion! Wegen der hab ich mir aus Frustration auf die Knöchel gebissen.«

Er machte es vor, was Aischylos zum Lachen brachte. Kimon fischte ein paar Bohnen aus einer Schale mit Eintopf und schob eine über den Tisch, was eine Spur hinterließ.

»Jetzt schau – wenn diese Bohne die Schildkröte ist …«, begann er.

Die Tür zur Taverne schwang auf, was einen Haufen von Gästen in der Nähe murren ließ. Der Mann, der eingetreten war, beäugte die Anwesenden. Offensichtlich hielt er nach jemand Bestimmten Ausschau. Er eilte weiter nach drinnen, als er die sitzende Gruppe sah, hielt bei Perikles an und verbeugte sich vor ihm.

»Kyrios, ich bin ausgeschickt worden, um dir zu sagen, dass deine Frau ihr Kind erwartet. Die Hebamme ist bei ihr.«

Mit weit aufgerissenen Augen sah Perikles sich unter seinen Freunden um. »Jetzt?«, sagte er mit schwacher Stimme.

Der Mann, der es sichtlich kaum erwarten konnte, wieder zu verschwinden, nickte. »Ja, Kyrios.«

»Du gehst besser«, sagte Kimon mit einem Lächeln. »Mögen die Götter die Geburt segnen, Perikles. Viel Glück!«

Langsam kam Perikles auf die Beine. Er konnte den Lärm in der Taverne nicht richtig hören. Er war irgendwie gedämpft, während ihm seine Gedanken nur langsam kamen. Er wusste, dass er laufen konnte, was alles war, das zählte. »Also gut«, sagte er. Sie grinsten alle, was merkwürdig war. »Ich sollte, äh …«

»Geh! Sieh nach deiner Frau!«, sagte Aischylos.

Als Perikles durch die Tür verschwand, hob Zenon erneut seinen Becher. »Weil niemand sonst darauf Lust hat«, sagte er.

Sie alle hatten während der vorangegangenen Monate Thetis getroffen. Eine Weile schien es das Lustigste zu sein, das sie je gehört hatten. Aischylos schrieb es sogar auf, obwohl es ihn am nächsten Morgen nur verwirrt die Stirn runzeln ließ.

 

Als Perikles das Anwesen außerhalb der Stadt erreichte, atmete er schwer. Er hatte in der Dunkelheit zu rennen begonnen, aber graue Dämmerung erhellte die Mauer und das Tor. Einer der Haussklaven wartete dort auf ihn, damit er nicht seine Faust gegen das Eisen schlagen musste und den ganzen Haushalt weckte. Das Tor schwang auf, und er wurde kaum langsamer, als er hindurcheilte.

Aus dem Inneren des Gebäudes hörte Perikles ein Baby schreien. Es war ein langes Klagen, das ihn aufkeuchen und anhalten ließ, während er scheu starrte. Er holte tief Luft und ging ins Haus.

»Thetis?«, rief er.

»Sie ist hier drin«, erwiderte seine Mutter, in deren Stimme eine tiefe Sanftmut lag.

Perikles betrat den Raum, in dem Thetis in einem Bett lag. Sie hielt ein gewickeltes und schreiendes Kind. Die Hebamme war ebenfalls da, eine weißhaarige Frau mit einem milchigen Auge und großer Erfahrung. Sie sammelte ihre Sachen ein und legte sie in ein Bündel.

Das Haar seiner Frau war zerzaust und feucht. Als Perikles Mutter und Kind einen Blick zuwarf, dachte er, dass sie ein wenig kuhartig aussah.

»Ist es ein Junge?«, fragte er.

Die Hebamme nickte, während sie ihre Sachen einsammelte. Die alte Frau klopfte ihm auf die Schulter, dann nahm sie im Hinausgehen von seiner Mutter zwei Silbermünzen entgegen und flüsterte ihren Dank. Aus irgendeinem Grund sah Thetis unwirsch aus, als hätte seine Frage sie verärgert. Dennoch spürte er, wie ihm das Herz aufging.

»Danke dir, Athene. Danke dir, Hera. Danke dir, Thetis! Ich nenne ihn Xanthippos – das blonde Pferd. Sieh dir sein helles Haar an!«

Seine Mutter, Agariste, tupfte sich die Augen. Einen Moment lang umarmte sie Perikles, aber er stand wie ein Pfosten da, unsicher, was er als Nächstes tun sollte.

»Wirst du denn deine Frau küssen?«, fragte Agariste und schob ihn vorwärts.

Aufgeschreckt setzte Perikles sich in Bewegung und beugte sich über Thetis. Er roch Blut und Schweiß oder die Säuerlichkeit von Milch. Dennoch küsste er sie. Das Kind beruhigte sich.

»Der Junge ist gut gemacht«, sagte seine Mutter. »Wenn die Götter freundlich sind, wird er dein Erbe sein – und meiner. Erbe einer langen Linie von Archonten und Strategoi und Ratgebern von Königen.«

Sie sprach, als ob sie wollte, dass Thetis begriff. Was auch immer zwischen den beiden Frauen während der Geburt vorgefallen war, es schien sie nicht besänftigt zu haben. Perikles war dankbar dafür, dass er all die schwierigen Stunden verpasst hatte.

»Ich dachte, der Bote würde dich niemals finden«, sagte Thetis plötzlich in verdrossenem Ton. Das Baby wand sich unruhig brabbelnd mit fest geschlossenen Augen. Seine kleinen Hände griffen ins Leere. Sein Sohn – sein Sohn!

»Er hat mich gefunden«, erwiderte Perikles. »Ich bin, äh … die Abrechnung für die Festspiele durchgegangen.«

»Ja, das kann ich an deinem Atem riechen. War Kimon da? Ist er mit dir hergekommen?«

Er wusste, dass sie fragte, um ihn zu verletzen, weil er in dieser Nacht nicht da gewesen war. Ausnahmsweise einmal fühlte er weder Eifersucht noch Ärger. Die Sonne war an diesem Frühlingsmorgen aufgegangen, und Perikles wusste, was das bedeutete.

»Nein, Thetis. Die Flotte war bereit, in See zu stechen. Kimon ist fort.«

Ihre Miene war die eines Kindes, dem Honig oder etwas anderes Süßes verweigert wurde. Er fragte sich, ob sie jemals wieder schlank werden würde. Er öffnete den Mund, um die Frage zu stellen, fing sich aber gerade noch. Ein bissiger Kommentar würde in Gehässigkeit und brodelnder Wut zum Nächsten führen. Das war nicht der richtige Tag dafür. Er hatte einen Sohn. Stattdessen atmete er tief durch und küsste Thetis auf die Stirn. Da begann das Kind zu jammern.

»Komm, Thetis. Gib mir das Kind. Die Amme wartet.«

Seine Mutter machte eine Geste, und eine der Haussklavinnen, eine Thrakerin, trat ein. Perikles wusste, dass man sie für diese Funktion erworben hatte. Sie hatte gewaltige Brüste, und ihr Kittel war mit dunklen Flecken übersät. Er sah auch, dass ihre Arme Tätowierungen mit verschlungenen Mustern in schwarzer oder dunkelblauer Farbe aufwiesen. Die Frau streckte ihre Hände aus, aber Thetis übergab ihr das Kind nicht.

»Ich konnte spüren, wie die Milch einschoss«, sagte sie. »Ich kann ihm die Brust geben.«

»Das kann Erca hier machen«, sagte Agariste langsam, als würde sie mit einem Kind reden. »Wir werden deine Brüste abbinden, und es wird aufhören. Du musst dich um das Anwesen kümmern, meine Liebe. Dein Anwesen, wie du es dauernd nennst. Oder denkst du, du kannst das tun und gleichzeitig ein Dutzend Mal am Tag einen Säugling stillen? Erca hat schon zwanzig Kinder gestillt, nicht wahr?«

Die thrakische Sklavin errötete und nickte. Irgendwie unbeholfen in ihrem Bedürfnis, das Baby zu halten, streckte sie noch immer die Hände aus. Das Kind hatte wieder angefangen zu schreien, ein außergewöhnlich durchdringender Klang, der Perikles zusammenzucken ließ.

»Komm schon, Thetis«, sagte er. »Lass mich ihn nehmen.«

Obwohl sie zu protestieren begann, griff er nach unten und nahm ihr das Kind ab. Er konnte das Gewicht und die Wärme seines kleinen Sohns spüren, ehe er ihn der Sklavin aushändigte. Die Thrakerin ließ sich in der Ecke des Raumes nieder und öffnete einen Teil ihres Kittels mit den Zähnen. Perikles merkte, dass er nicht den Blick abwenden konnte, als eine enorme Brust herausfiel, aus der bereits Milch tröpfelte. Am Ende trat seine Mutter zwischen die beiden und scheuchte ihn aus dem Zimmer.

Als er sich auf die Suche nach etwas zu essen machte, dachte er, er hörte Thetis weinen, und schüttelte den Kopf. Frauen waren wirklich eigenartige Kreaturen. Ein Kind in sich wachsen zu lassen – und dann tatsächlich Nahrung für es hervorzubringen, das waren sicher die Wunder dieser Welt. Während er in der Stille der Dämmerung träge an einem Hühnerbein kaute, das er gefunden hatte, war er froh, dass seine eigene Rolle einfacher war.