Pausanias holte tief Luft und fühlte, wie sich Ruhe in ihm ausbreitete. Er wechselte einen Blick mit seinem Seher, dann richtete er sich aus der knienden Haltung auf und schritt die Halle ab. Ausnahmsweise war er einmal völlig alleine. Spartas königliche Halle war nach der morgendlichen Hitze kühl. Seine Rüstung klirrte und klapperte, während er durch den Mittelgang trat. Dank seiner Schutzgötter Ares und Apollo war er unverletzt. Er würde keine verkrüppelnde Entstellung behalten, kein Fieber würde ihm schleichend den Verstand stehlen. Da er in der Blüte seiner Jugend stand, hatte er sich bereits von den Strapazen des Feldzugs erholt. Natürlich sorgte ein Sieg dafür, Schmerzen und Hunger zu vermindern. Nur diejenigen, die eine große Schlacht verloren, mussten Erschöpfung durchleiden. Jene, die gewannen, stellten oft fest, dass sie gleich für zwei tanzen und trinken konnten.
Pausanias war zufrieden damit, dass er es geschafft hatte zu baden, ehe er vorgeladen wurde. Sein Haar war feucht, und ihm war trotz der Hitze kühl. Er war jedoch noch nicht lange zurück in Sparta. Seine persönlichen Heloten hatten immer noch seinen Umhang gereinigt, als der Bote kam. Das meiste an getrocknetem Blut und Staub war herausgebürstet worden, ebenso die salzigen Linien, die sein Schweiß zurückgelassen hatte. Es würde reichen. Im Gehen warf er eine Bahn des Stoffs, die mit einer eisernen Spange befestigt war, über seine Schulter.
Als Pausanias zuvor in das kalte Becken eingetaucht war, hatte er beobachtet, wie auf dem Wasser ein öliger Dreckfilm von ihm fortgetrieben war. Er hoffte noch immer, dass dies ein gutes Omen darstellte. Er hatte von den seltsamen Mustern aufgeblickt und plötzlich die blutunterlaufenen Augen und zitternden Hände seiner Heloten erblickt. Da begriff er es deutlicher als zuvor. Sie trauerten.
Er hätte sie fortschicken können, weil sie sich in seine Gedanken drängten; er hatte es jedoch nicht getan. Sie hatten ebenfalls in Platäa gekämpft, hatten Tausende der ihren an die persischen Fußtruppen verloren. Es war eine Art Wahnwitz gewesen, und er gab noch immer den Athenern die Schuld dafür. Sie hatten sie angespornt. Pausanias hatte Aristides davor gewarnt, Sklaven denken zu lassen, sie seien freie Männer!
Als er den langen Mittelgang abschritt, dachte er, dass die Heloten dieses Jahr nicht dezimiert werden mussten. In normalen Zeiten pflegten die jungen Spartaner sie durch die Straßen und in die Hügel zu jagen, wobei sie um die Anzahl der Tötungen und Trophäen wetteiferten. Doch als er sich im Becken zurückgelehnt hatte, war ihm der Gedanke gekommen, dass er etwas Neues in den Augen der Heloten gesehen hatte, etwas Beunruhigendes. Einen kurzen Moment lang hatte er gedacht, sie würden ihn betrachten wie wilde Hunde einen verwundeten Hirsch.
Er schüttelte den Kopf. Vielleicht würde er dennoch anordnen, sie zu dezimieren, um sie an ihre Stellung zu erinnern. Der verfluchte Aristides! Heloten waren zu zahlreich, um jemals frei zu sein. Es war ein Tanz auf Messers Schneide, den Sparta gewählt hatte – die ständige Bedrohung, die sie stark bleiben ließ.
Er ertappte sich bei seinen Gedanken. Er würde keine Tötungen anordnen. Seine Autorität hatte in dem Moment geendet, als er wieder spartanisches Herrschaftsgebiet betreten hatte. Nein, der Mann, der ihn zu sich beordert hatte, würde Entscheidungen dieser Art treffen.
Als Pausanias das Ende der Halle erreichte, ließ er sich auf ein Knie nieder und starrte auf die polierten Steinplatten. Irgendwie war er nicht überrascht, als sich die Stille ausdehnte. Der jüngere Mann wollte, dass er verstand, wer von ihnen an diesem Ort die Macht besaß. Pausanias schärfte sich ein, vorsichtig zu sein. Es gab mehrere Arten von Schlachtfeldern.
»Steh auf, Pausanias«, sagte Pleistarchos schließlich.
Der junge König hatte noch einen Monat bis zu seinem achtzehnten Geburtstag. Aber an den massigen Unterarmen, die mit dichtem schwarzem Haar übersät waren, konnte man sehen, dass er ein Sohn von Leonidas war. Pleistarchos hatte unbedingt das Kommando in Platäa haben wollen, aber Spartas Ephoren hatten es verboten. Sie hatten bereits ihren Schlachtenkönig bei den Thermopylen verloren. Sein Sohn war die kostbarste Ressource, die Sparta besaß.
Stattdessen war es Pausanias gewesen, der Spartas Heer stellvertretend für den König angeführt hatte. Er hatte einen außerordentlichen, schier unmöglichen Sieg errungen, indem er die große Invasion beendet und endlich die Träume des persischen Königs zum Platzen gebracht hatte.
Pausanias schluckte mit jäher Erschöpfung. Sein Triumph hatte ihm kein Wohlwollen eingebracht, das konnte er sehen. Er hob seinen Kopf und begegnete dem kalten Blick des Königs. Was auch immer kommen mochte, es würde wenigstens schnell passieren. Athener schienen mit all ihrem Gerede zu drei Vierteln aus heißer Luft zu bestehen. Seine eigenen Landsleute gebrauchten Worte mit größerer Sorgfalt.
»Du hast deine Pflicht getan«, sagte Pleistarchos. Pausanias senkte zur Antwort seinen Kopf. Es war genug, und doch mehr, als der junge König hatte sagen wollen.
Zwei der Ephoren drückten ihre Unterstützung durch Nicken aus. Dass drei es nicht taten, spielte eine größere Rolle. Sie beobachteten nur den Mann, der jeden Spartiaten und Heloten zum Sieg geführt hatte.
»Ich werde die Namen der geehrten Toten verkünden«, sagte Pausanias in die Stille hinein. Die Heloten würden natürlich nicht aufgeführt werden, nur gefallene spartanische Krieger. Deren Anzahl war dank Apollos und Ares’ Segen wenigstens gering.
Pausanias versuchte in diesem Moment, dem grimmigen Stolz zu widerstehen, der trotz der förmlichen Worte in ihm aufstieg. Er war ein Teil dieses außergewöhnlichen Tages gewesen! Er hatte Männer in Staub und Chaos zurückgehalten, bis es an der Zeit gewesen war, sie wie einen goldenen Stein in der Flut einzusetzen, damit sie sich den persischen Generälen entgegenstemmten. Die Ephoren waren an jenem Tag nicht da gewesen. Der Sohn des Leonidas war nicht da gewesen!
Pausanias fühlte, wie sich ein Gewicht auf seine Schultern niederließ. Das war genau das Problem, mit dem sie konfrontiert waren, der Grund, warum sie starrten, als wollten sie ihn wie eine Frucht aufbrechen und seine Eingeweide begutachten. Die Ephoren hatten Pleistarchos verboten, Sparta zu verlassen – und damit hatten sie ihm den größten Sieg in der Geschichte des Stadtstaates verweigert. Der junge König musste sie dafür hassen, oder vielleicht …
Pausanias fühlte, wie sein Mund trocken wurde. Er war allein an diesen Ort beordert worden. Der Seher war nur mitgekommen, weil er zu dem Zeitpunkt bei ihm gewesen war. Würde es beiden gestattet werden, die Halle lebend zu verlassen? Er versuchte zu schlucken. Spartas Herz war Peitharchia, absoluter Gehorsam. Dieser Sohn des Leonidas hatte äußerste Qual ertragen, als er zusehen musste, wie das Heer seines Vaters von einem anderen als ihm selbst in den Krieg geführt wurde. Er hatte nicht ein Wort der Klage geäußert, wie Pausanias sich erinnerte. Es wies deutlich darauf hin, was für eine Art König er sein würde.
»Ich habe entschieden, was mit dir zu tun ist«, sagte Pleistarchos.
Pausanias fühlte, wie sich Kälte in ihn schlich. Wenn der junge König seinen Tod anordnete, würde er diesen Raum nicht verlassen. Ob durch seine eigene Hand oder die eines anderen, sein Leben war in den Händen eines jungen Mannes, der einen Groll gegen ihn hegte, in den Händen der Ephoren, die die Schlacht bedauerten, die sie alle gerettet hatte. Ob Sieg oder Niederlage, es schien, als hätte es keinen Weg zurück gegeben. Pausanias, der fühlte, dass sein Leben in der Waagschale hing, sprach schnell. »Majestät, Ephoren, ich möchte gerne das Orakel von Delphi besuchen, um zu erfahren, was die Zukunft bringt.«
Dies wurde gut aufgenommen. Selbst Spartas Ephoren pflegten keine Bitte zu ignorieren, mit der Beauftragten von Apollo selbst sprechen zu dürfen. Die pythische Priesterin saß über Dampf, der von der Unterwelt aufstieg, und sprach mit der Stimme des Gottes. Pausanias fühlte, wie sein Herz einen Sprung machte, als zwei der Ephoren Blicke tauschten.
König Pleistarchos schüttelte stirnrunzelnd den Kopf. »Vielleicht wirst du das tun, wenn deine Pflichten es dir erlauben. Aber zunächst einmal habe ich dich heute Abend hierherbeordert, um dir den Oberbefehl über die Flotte zu geben, Pausanias. Du wirst unsere Befehlsgewalt unter die Städte und ihre Schiffe bringen. Es gibt immer noch persische Stützpunkte. Sie dürfen nicht wieder aufgebaut werden oder noch einmal erstarken. Sparta führt an, Feldherr. Also führe an – und das weit weg von hier.«
Die Botschaft hinter seinen letzten Worten war deutlich genug. Pausanias fühlte, wie ihn Erleichterung durchströmte. Er hatte abwechselnd Stolz und Schrecken empfunden, und er spürte, wie er errötete, während sein Herz hämmerte. Es war eine gute Lösung. Der Sieger von Platäa würde sich weit von dem jungen König entfernen, der Spartas Streitmacht tatsächlich beherrschte. Es würde kein heikles Aufeinanderprallen von Loyalitäten geben, kein Risiko eines Bürgerkriegs. Menschen verehrten diejenigen, die sie anführten, Pausanias wusste das sehr gut. In diesem Moment hätte er den Ephoren das gesamte Heer entgegenschleudern können. Bestimmt mussten sie ihn fürchten. Er glaubte, dass er es in ihren Augen sah, in der Art, wie sie ihn beobachteten. Dennoch war er gehorsam.
»Ihr ehrt mich, Majestät«, sagte er. Es gefiel ihm, dass Pleistarchos lächelte. Er musste sich wegen der Rückkehr seines kampferfahrenen Feldherrn, der einen Sieg aufweisen konnte, Sorgen gemacht haben.
»Es ist mehr als nur eine Belohnung für deine Dienste, Pausanias«, sagte der junge König. »Athen trachtet nach der Herrschaft auf dem Meer, so wie wir an Land herrschen. Sie haben sich bei Delos versammelt, aber ich will nicht, dass sie unsere Verbündeten anführen. Sparta hat unter den Hellenen den Vorrang, und so wird es immer sein. Du wirst sechs Schiffe zu ihnen bringen, mit vollzähligen Besatzungen von Spartiaten und Heloten als Ruderer. Deine Befehlsgewalt ist dir von meiner Hand verliehen, um sie daran zu erinnern. Du wirst die Flotte der Verbündeten anführen, hast du verstanden?«
»Das habe ich, Majestät«, sagte Pausanias. Er konnte fühlen, wie seine Haut zuckte, wie sich ihm die Haare im Nacken aufrichteten. Er fragte sich, wie es den Athenern damit gehen würde.
Er erhob sich und war erfreut, als der junge König ihn bei den Schultern ergriff und ihn auf beide Wangen küsste. Es war ein Zeichen von königlicher Anerkennung und bedeutete, dass er überleben würde. Er fühlte, wie er als Reaktion darauf zu zittern begann. Der Schweiß ließ seine Haut glänzen.
»Deine Schiffe liegen im Hafen von Argos vor Anker, Pausanias. Du kannst als deine Befehlshaber einberufen, wen auch immer du willst. Ich überlasse das ganz deinem Ermessen.«
Pausanias verneigte sich zur Antwort. Natürlich. Der junge König trachtete danach, jeden loszuwerden, der Pausanias in seinem eigenen Recht auf die Herrschaft unterstützen könnte. Pausanias zwang sich zu kühler Praotes, der perfekten Gelassenheit spartanischer Männer. Er nahm die Hand des Königs in seine eigene und erhob sie über seinen Kopf.
»Du hast Sparta gut gedient«, sagte ein Ephor.
Es war keiner von denen, die irgendeine Form von Rückhalt für ihn gezeigt hatten, wie Pausanias bemerkte. Trotzdem verneigte er sich noch tiefer. Die fünf alten Männer sprachen immerhin für Spartas Götter und Könige.
Hocherhobenen Hauptes schritt Pausanias den langen Mittelgang zurück. Er sah, dass Tisamenos dort auf ihn wartete, beide Augenbrauen fragend hochgezogen. Der Seher war nicht sicher, in was für einer Stimmung Pausanias war, was auch immer man ihm gesagt hatte.
Pausanias klopfte ihm im Vorbeigehen auf die Schulter, wobei er sich ein knappes Lächeln erlaubte. »Komm mit, mein Freund, wir haben eine Menge zu tun.«
»Du bist also zufrieden?«, fragte Tisamenos.
Pausanias überlegte einen Moment und nickte. »Ja, es gibt gute Neuigkeiten. Sie haben mir die Flotte überlassen!«