25

Der Frühling hatte in Athen Einzug gehalten, als hätten die Festspiele ihn herbeigerufen. Aristides, der die Akropolis in seinem Rücken hatte, fand den Platz, der von einem Mitglied des Rats für ihn frei gehalten wurde. An einem anderen Tag hätte er vielleicht über Recht und Unrecht einer solchen Sache debattiert. Zugegeben, er war ein ranghoher Archon und hatte als Strategos und Polemarchos, als Schlachtenführer, gedient – bei Marathon, Salamis und Platäa. Er hatte jedes Amt innegehabt, das Athen anbieten konnte, und ihm war jede Ehre außer einer Statue auf der Akropolis zuteilgeworden. Der hatte er sich verweigert und darauf bestanden, dass alle Geldmittel, die vom Rat dafür bewilligt würden, stattdessen benutzt werden sollten, um die Entwässerungskanäle zu reparieren.

An diesem Tag war er wegen seines schmerzenden Rückens einfach nur froh, dass er nicht mit der Menschenmenge hatte Schlange stehen müssen. Einen Moment lang schloss er die Augen und genoss die Nachmittagssonne auf seinem Gesicht. Die Sitze des Theatrons, die nach Süden blickten, schienen die Wärme einzufangen.

Aristides wünschte sich, Xanthippos hätte es noch erleben können, wie die Stadt auf das Feuer reagiert hatte. Selbst ohne die Männer der Flotte hatte jede Straße der Demen um die Akropolis herum ihre jungen Leute ausgeschickt, um beim Wiederaufbau zu helfen. Tausende waren willens gewesen, zu holen und zu tragen, zu nageln und zu fegen. Das Theater war noch nicht das, was es einmal gewesen war, aber Ruß und Staub waren entfernt worden, und neue Strukturen aus Kiefernholz und Leinen hielten die Schauspieler vom Publikum verborgen. Jedes Brett der Bühne war abgeschmirgelt und wieder eingeölt worden. Aristides konnte den Duft in der Luft riechen, zusammen mit dem von geröstetem Sesamgebäck mit Honig. Er öffnete die Augen und hielt einem der Essensverkäufer eine Bronzemünze entgegen, um sich ein kleines Stück zu sichern. Der Stoff, mit dem man es umwickelt hatte, war grob gewoben, aber als er es ausgepackt und gegessen hatte, steckte er ihn dennoch in seinen Gürtel.

»Stört es dich, wenn ich hier sitze, Archon?«, fragte eine Stimme neben ihm. Aristides blickte auf und beschattete seine Augen vor der Sonne. Es war ein Mann, den er nicht gut kannte, aber er deutete trotzdem auf den leeren Sitz.

»Ephialtes«, begrüßte er ihn.

Aristides wusste, dass der jüngere Mann Choregos für Phrynichos und in diesem Jahr ein Mitglied des Boule-Rats war, aber kaum mehr. Ephialtes, mit rundem Gesicht und schwarzem Bart, hatte das dreißigste Lebensjahr erreicht und war sehr beliebt. Sein Name war ein aufsteigender Stern in Athen. Aristides fragte sich, ob er ein Verbündeter oder eine Bedrohung war. Es schien eine Schande zu sein, dass Perikles einen so stattlichen Mitbewerber hatte, noch bevor der Sohn des Xanthippos wirklich seinen Weg gefunden hatte.

»Ich danke dir«, sagte Ephialtes. »Es freut mich zu sehen, dass du nicht einer von denen bist, die denken, dass Sitzplätze allein durch die Sippe festgelegt werden. Ich mochte diese künstliche Stammeszugehörigkeit nie. Was kümmert es mich, ob du aus Akamantis oder Leontis stammst? Was, bei den Launen des alten Kleisthenes? Wir sind Athener! Das ist alles, was zählt.«

Aristides blickte in die hellen Augen eines jungen Mannes, der zu hart versuchte, ihn zu beeindrucken. Ephialtes hatte den Ausdruck von jemandem, der sich in der Gegenwart seines Helden befand, was Aristides unangenehm war. Mit den Jahren schien er mehr und mehr von diesen Männern zu treffen. Dennoch steckte Wahrheit in allem, was Ephialtes sagte, daher nickte er.

»Oder noch mehr, was die Symmachie angeht«, fügte Aristides hinzu. »Weißt du, ich sah, wie das große Bündnis auf Delos seinen Anfang nahm. Ich war Zeuge, wie Eide auf Schiffseisen geschworen wurden, die man im Meer versenkte. Eine Sprache, ein Volk. Es war … es ist ein herrlicher Traum. Du bist jung, Ephialtes. Vielleicht werden Männer wie du und Kimon dieses Bündnis in Stein und nicht nur auf Wasser schreiben.«

Ein Schatten schien über das Gesicht des stämmigen jungen Mannes zu ziehen. »Vielleicht«, sagte er. »Obwohl Kimon auf dem Rat des Areopag das Amt des Archons annahm. Ich … riet ihm, es nicht zu tun. Ich hatte gehofft, er würde sich weigern. Ich hatte Besseres von ihm erwartet als das.«

Aristides setzte sich gerader. Die Menschenmassen kamen immer noch herein und fanden ihre Plätze. Die meisten von ihnen nahmen tatsächlich auf den Abschnitten für die zehn Sippen Platz – mit zwei mehr für Frauen und Sklaven. Diese letzten beiden waren so brechend voll, dass nicht das schmalste Gebäck zwischen die Körper gepasst hätte. Er erinnerte sich an ein Treffen der Volksversammlung vor ein oder zwei Jahren, als Ephialtes sich gegen den Rat der Archonten ausgesprochen hatte. Aristides begriff, dass er einer von denen war, für die Tradition eher eine Kette als eine Umarmung war. In jeder Generation gab es ein paar wie ihn. Einen Moment lang sammelte er seine Gedanken. Plötzlich fühlte er sich alt. Mit mehr als sechzig Wintern hinter sich wusste er, dass er nicht mehr viele weitere erleben würde. Miltiades war fort, ebenso wie Xanthippos und Themistokles. Aristides war ungefähr der Letzte seiner Generation, der bei Marathon gekämpft, einem Imperium getrotzt – und gewonnen hatte, wie er sich selbst ins Gedächtnis rief. Seine größten Schlachten waren Erinnerungen; seine größten Erinnerungen waren Schlachten. Doch vielleicht hatte er etwas Zeit, um mit einem jungen Mann zu debattieren, der das Wort »Archon« spöttisch belächelte.

»Ist Archon ein Wort, das du hasst?«, fragte Aristides. »Du behauptest, ein Athener zu sein, aber du weist unsere Geschichte und Traditionen zurück? Wir werden nicht mit jeder Generation neu erschaffen, indem all unsere Vergangenheit umgestürzt wird. Diejenigen, die vor uns gingen, halten uns aufrecht! Sie erheben uns – und wegen ihnen stehen wir größer. Oh, was wussten sie schon, diese alten Männer? Sie sind nicht faltenlos und stark und neu wie wir! Und doch vergossen sie ihr Blut für Athen. Unsere Pflicht ist einfach genug – dieses Opfer nicht zu beschämen.«

»Der Rat der Archonten hat in einem modernen Athen keinen Platz«, erwiderte Ephialtes. Er war genug Athener, um sich für ein Streitgespräch zu erwärmen. Die Hälfte der Zuschauer um sie herum lauschte ihnen, während sie Sesamgebäck kauten und einander anstießen.

»Du hast die Rolle eines Archons teilweise beschrieben, als sie Kimon ehrte«, konterte Aristides. »So wie sie mich mit einem Sitzplatz geehrt hat.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Oh, früher einmal hatte der Titel Macht, aber Kleisthenes hat ihm Schwert und Schild weggenommen. Wir alle wissen, dass die wahre Macht inzwischen bei der Volksversammlung liegt, wie es auch sein sollte. Die Volksversammlung könnte schließlich dafür stimmen, den Rat des Areopags aufzulösen. Das Gegenteil ist nicht der Fall.«

»Nein, der Titel ist mehr als nur ein Schatten der Vergangenheit«, sagte Ephialtes hartnäckig. »Wenn Männer vor Archonten das Knie beugen, wenn sogar der Kalender nach Männern aus ihrem Kreis benannt ist, sodass die Leute sagen können, ›Das ist das Jahr des Aristides‹ oder ›des Kimon‹, dann werden Archonten über den Rest von uns erhoben!«

»Einige Männer erheben sich selbst«, sagte Aristides mit einem schiefen Lächeln. »Es ergibt also schlicht Sinn, sie für ihre Dienste zu ehren. Oder denkst du etwa nicht, dass Kimon es verdient hatte, zu einem Archon gemacht zu werden? Für seine Siege, dafür, dass er Theseus nach Hause gebracht hat, dafür, Zypern eingenommen zu haben? Oder willst du vielleicht sagen, dass ich meinen Sitzplatz hier nicht verdiene?«

Er wartete ab, aber Ephialtes, der sich aller Zuhörer um sie herum bewusst war, kaute nur auf seiner Lippe. Aristides nickte und fuhr fort, ehe der jüngere Mann seine Erwiderung formulieren konnte. »Es gab eine Zeit, Ephialtes, als Athen von Tyrannen regiert wurde. Die Archonten waren seine Kriegsherren, seine Adligen. Wenn das heute immer noch so wäre, würde ich dir vielleicht zustimmen. Aber was für Macht haben die Archonten tatsächlich, verglichen mit dem Boule-Rat der Sippen oder der Volksversammlung? Wir sind keine Spartaner, Ephialtes – ich vermute, es schadet unserem Einfluss und unserer Macht nicht, einen Titel zu haben, um unsere berühmtesten jungen Männer damit zu belohnen. Letzten Endes geben Archonten doch nur Rat – nach Jahrzehnten der Erfahrung. Die Macht liegt bei der Volksversammlung von frei geborenen Athenern. Es ist, wie es sein sollte

Beinahe wie ein Echo seiner Worte ertönte ein anerkennender Beifall um ihn herum, genau wie er es erwartet hatte. Er hatte von Anfang an seine Antworten ebenso sehr an die Menge wie auch an Ephialtes gerichtet. Neben ihm zu sitzen und auf die Archonten herabzuschauen! Die Jungen waren immer arrogant, obwohl sie natürlich ohne dieses Selbstvertrauen niemals all das erreichen würden, was sie tun mussten. Er begriff das! Wenn jede Generation zu sehr in Ehrfurcht vor denen wäre, die vor ihnen gelebt hatten, würde sie niemals aus dem Bett kommen. Das war der Lauf der Dinge.

Rund um seinen Platz breitete sich der Beifall aus. Aristides blickte Ephialtes an und hob seine Augenbrauen. Er ließ die Leute für sich sprechen. Natürlich stimmten sie zu! Sie waren die Volksversammlung! Außerdem warteten sie darauf, dass das Theaterstück anfing, daher waren sie gelangweilt und freuten sich über jede Ablenkung. Das Geräusch verwandelte sich in ein Brüllen, das sich über das gesamte Halbrund an Sitzreihen ausbreitete. Ephialtes versuchte es zu übertönen, ehe sein Standpunkt verloren ging.

»Aber einfache Leute sind keine Archonten, nicht wahr? Oder ist es nur ein Zufall, dass Kimon ein Eupatride ist, ein Landeigentümer, wie sein Vater, wie der ganze Rest?«

Aristides hätte einfach nur eine Hand an sein Ohr legen und so tun können, als hätte er ihn nicht gehört. Die Schauspieler des ersten Chors kamen gerade auf die Bühne. Phrynichos fegte wie ein Kriegsschiff heran, um sich auf einen Platz direkt in der Mitte der ersten Reihe niederzulassen. Die Juroren, die rot vor Aufregung waren, kamen ebenfalls herein, einer aus jeder der Sippen, die Ephialtes angeblich so geringschätzte. Das Stück war dabei, zu beginnen, und das Publikum ließ sich nieder, aber Aristides konnte seinen Standpunkt nicht aufgeben. Er war schließlich ebenfalls Athener.

»Ich besitze kein Land«, schrie er über den Lärm hinweg, wobei er sich vorbeugte. »Ich habe alles weggegeben, was mir gehört hat.«

Er legte seine Hand auf ein Gewand, das so abgerissen und alt aussah, wie er sich an manchen Morgen fühlte. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Ephialtes sich ihm aufs Neue zuwandte.

»Deshalb dachte ich, du könntest es verstehen«, erwiderte Ephialtes. »Ich dachte, du seist ein Mann mit Urteilsvermögen, der die Wahrheit sehen könnte.«

Er hielt seine Stimme leise, aber das Publikum beruhigte sich endlich und wartete auf die Musik, die die Eröffnungsszene ankündigte.

»Wenn du meinem Urteil vertraust, dann nimm auch meine Schlussfolgerung daraus an«, sagte Aristides, der sich getroffen fühlte, in kühlem Ton. »Ich habe Tyrannen, Ephoren und Könige gesehen, die alle über ihre Mitmenschen erhoben wurden. Unsere Volksversammlung ist ein nobles Unterfangen, mit dem Rat der Boule, um die Stadt zu verwalten, alle per Los erkoren, und mit Archonten als Ratgeber. Was zählt am meisten? Dass es funktioniert.«

»Das wird es«, sagte Ephialtes mit einem Lächeln. »Wenn wir niemanden mehr über uns erheben. Wenn alle Menschen gleich sind.«

»Menschen sind nicht gleich«, sagte Aristides etwas zu laut und drehte sich überrascht um. Stille hatte sich auf das Theater gesenkt, und man warf ihrer gezischten Unterhaltung stirnrunzelnde Blicke zu. »Einige sind tapfer, andere sind Feiglinge! Manche können ein ganzes Volk vor dem Untergang retten, während andere nur jammern und weinen und sich das Haar raufen. Wie willst du sie in deiner glänzenden neuen Stadt erkennen?«

»Das brauche ich gar nicht«, sagte Ephialtes. Trotz seines Deckmantels von kühler Verachtung war er im Griff von starker Gefühlsregung rot geworden. »Jeder Einzelne von uns ist auch ohne einen Titel nobel genug. Es tut mir nur leid, dass du das nicht sehen kannst. Dein Ruhm ist vorbei. Du bist eindeutig ein Geschöpf der alten Welt.«

Erstaunt und verärgert wandte Aristides sich dem jüngeren Mann zu. »Ich glaube, dein Sitz ist bereits besetzt, Choregos«, sagte er deutlich. »Such dir einen anderen Platz dort unten, bei Meister Phrynichos. Schnell jetzt. Ich habe dir nichts mehr zu sagen.«

Ephialtes achtete nicht auf die Blicke der anderen um ihn herum, sondern erhob sich und schritt den Mittelgang zur vordersten Reihe hinab, wo man tatsächlich einen Sitz für ihn frei gehalten hatte. Aristides schüttelte den Kopf und versuchte den Ärger des jungen Mannes beiseitezulegen. Die Sonne ging unter, wofür er dankbar war. Das Stück würde jeden Moment beginnen.

 

Der Eintritt zu den Dionysos-Festspielen hätte in diesem Jahr gegen Gold eingetauscht werden können. Die Rivalität zwischen Phrynichos und Aischylos war bereits gut bekannt, aber der Brand des Theaters und die Arbeit, um es wiederherzustellen, hatten die gesamte Stadt an die Wunder erinnert, die in ihm verrichtet wurden. Sie hätten jeden Sitzplatz ein Dutzend Mal verkaufen können, und in jeder Vorstellung saßen die Zuschauer so dicht gedrängt wie Ruderer, während alle Straßen um das Theater still waren. Hoch auf der Akropolis versammelten sich morgens und abends Tausende mehr, nur um zuzusehen. Obwohl sie nicht die Worte hören konnten, waren sie dennoch in der Lage, die Kostüme und Masken zu sehen oder ein paar Klänge der Musik und der Trommeln zu erfassen. Zehn Tage lang waren die Festspiele das Herz von Athen – vier Hauptwettbewerber und sechzehn Stücke.

Perikles hatte in der Nacht vor dem Feuer zum letzten Mal durchgeschlafen. Seitdem hatte er nur in kleinen Dosen Schlaf bekommen, so wie man dem Chor einen Becher Wein oder einen Happen zu essen brachte. Es war nicht zufriedenstellend, aber es ließ sie alle weitermachen.

Jeder neue Tag verging in einer Art wohlüberlegtem Chaos, das überhaupt keinen Sinn ergab und dennoch völlig wahrhaftig war. Außerhalb der Hauptbühne war Aischylos wie eine Wildkatze. Er raste überall hin, sammelte sich beklagende Schauspieler ein wie Gänse oder Kinder und schob sie zum richtigen Zeitpunkt auf die Bühne. Die ersten beiden Tragödien waren gut gelaufen, aber Phrynichos hatte ebenfalls seinen Anteil am Beifall genossen. Sie waren zumindest die beiden Anführer des Wettbewerbs und den geringeren Werken weit überlegen. Doch sie lagen zu nahe beieinander. Aischylos hatte gehofft, zu diesem Zeitpunkt schon weit vorne zu liegen. Nur seine Perser und sein Satyrstück mussten noch aufgeführt werden.

Auf der Bühne hatte Phrynichos’ Truppe einen Höhepunkt erreicht, eine Szene, in der Narziss ertrank und die lange blaue Bänder beinhaltete, die über ihn geschüttet wurden. Perikles hielt es für einen unbeholfenen Effekt, aber die Zuschauer schienen hingerissen zu sein, und der darauf folgende Applaus und der Jubel waren real genug.

Perikles konnte durch eine Lücke zwischen den Aufstellern aus Leinenstoff blicken, mit denen die verbrannten Seitenflügel ersetzt worden waren. Was er sah, machte ihn nervös. Die Juroren saßen nahe genug an der Bühne, dass er ihre Gesichtsausdrücke erkennen konnte. Zwei von ihnen wischten sich tatsächlich die Augen. Der Rest nickte und lächelte. Bei dem Anblick bekam er ein flaues Gefühl im Magen. Perikles erinnerte sich daran, dass Phrynichos schon viermal zuvor bei den Festspielen gewonnen hatte. Der Gedanke, ihn schlagen zu können, war immer eine Herausforderung gewesen. Er versuchte sich das einzureden, aber in Wahrheit hatte er gedacht, dass Aischylos dieses Jahr von den Göttern inspiriert worden war. Der Gedanke, dass sie so viel ertragen hatten – so viel ausgegeben hatten – und trotzdem verlieren könnten, verschaffte Perikles regelrecht körperliche Übelkeit. Was hätte sein Vater dazu gesagt, dass er seine Familie wegen bloßer Theaterstücke an den Bettelstab brachte? Leider dachte er, dass er die Antwort kannte. Xanthippos hätte gesagt, dass er ein Kriegsschiff hätte finanzieren sollen, dass eine gute Trireme die Meere überall für Hellenen sicher machte.

Trotz allem sah er ein, dass er es nicht bedauerte. Was auch immer sein Vater gesagt haben könnte, Perikles hatte in den Stücken und der Theatertruppe etwas Großes gesehen, etwas, das ihm das Gefühl gegeben hatte, lebendig zu sein. Er fragte sich, ob er wohl genau dasselbe fühlen würde, wenn er dabei zusehen musste, wie man Phrynichos als Gewinner hochleben ließ, bejubelt und gepriesen von der ganzen Stadt.

»Wo ist Darius?«, rief Aischylos von dem zeltartigen Seitenflügel herüber. »Nein, niemand darf jetzt gehen. Es ist mir egal, was du vergessen hast! Es wird eine kurze Pause geben, um die Bühne frei zu machen, und dann sind wir dran. Na, dann wirst du eben ohne das weitermachen müssen, nicht wahr? Schaff mir Darius her!«

Perikles’ Unruhe schwoll an. Mit einem schiefen Lächeln dachte er, dass er nicht so furchtsam gewesen war, als er in Zypern auf persische Soldaten zugerannt war. Vielleicht war der Einsatz damals geringer gewesen. Er hatte immer das Gefühl gehabt, er könnte sein Leben wegwerfen, wenn es sein musste, wenn der Moment es verlangte. Jetzt, da er einen Sohn hatte und das Vermögen seiner Familie vom Ausgang der Festspiele abhing, lagen die Dinge anders.

Die Volksversammlung hatte Gelder für den Bau eines provisorischen Theaters bewilligt, wenn sie auch Ratsmitglieder beauftragt hatte, die jede ausgegebene Münze überprüfen sollten. Aber selbst dann wären die Festspiele ohne Hunderte von Freiwilligen nicht eröffnet worden. Perikles hatte sich für neue Masken und Kostüme Geld zu einem brutalen Zinssatz geliehen. Einen ganzen Morgen hatte er damit verschwendet, von einem Geldverleiher zum nächsten zu gehen. Es war beinahe so, als hätten sie seine Verzweiflung ebenso wie den Ruß auf seiner Haut gerochen. Oder sie sprachen sich untereinander ab, wenn sie ihre Zinssätze festlegten.

Er schüttelte den Kopf. Er würde das Geld zurückgewinnen. Seine Töpfer waren gezwungen gewesen, ihre neuen Entwürfe eine Weile zur Seite zu legen, aber er würde ihre Brennöfen bald wieder am Glühen haben, und das würde ihm Silber einbringen. Mit der Zeit würde er seine Schulden tilgen, bevor der Haufen wie eine große Kröte zu sehr anwuchs. Er betete zu Hermes, den Gott der Kaufleute und Händler an allen Orten.

Phrynichos’ Truppe kam mit leuchtenden Augen und glücklich über den Beifall des Publikums zurück. Sie strahlten, als sie ihre Mitbewerber nervös im Halbdunkel warten sahen, und tauschten im Vorüberkommen fröhliche Beleidigungen und Scherze aus. Aischylos fuhr einen von ihnen an, als der Mann zu lange herumtrödelte, und schob ihn weiter. Die Zuschauer standen in ihren Sitzen auf. Sie streckten ihre Beine, sprachen darüber, was sie gesehen hatten, und machten sich auf den Weg zu den Tontrögen, wo ihr Urin für die Färber und Sattler aufgesammelt wurde. Festspieltage waren lange Tage, und die Hälfte der Zuschauer pflegte zum Schluss ein Badebecken in einem Gymnasion oder den Fluss aufzusuchen, um sich abzukühlen und sauber zu werden. Die Tavernen würden sich mit Licht und Leben füllen, während sie zu Abend aßen und später schlafen gingen. Die ganze Stadt feierte das Fest des Dionysos, und sie alle würden einen Becher mit Rotwein auf ihn erheben, dem Stoff aus Blut und Leben. Perikles lächelte bei dem Gedanken. Er hatte das in den vergangenen Monaten oft genug selbst getan. Es wurden allerdings nur wenige tatsächliche Gebete gesprochen, nicht zu dem Gott des Weins. Die Theaterstücke selbst waren Gebete, allein schon der Akt, sie aufzuführen, eine Art der Verehrung. Auf diese Weise waren die Festspiele eine heilige Angelegenheit.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sich die Zuschauer wieder niedergelassen hatten und für das letzte Stück des Abends bereit waren. Aischylos und die anderen Theaterdichter hatten zu Beginn Lose für die Reihenfolge gezogen und dann ausgewählt, welche ihrer Werke jeden Platz einnehmen würden. Es war reines Glück gewesen, dass Aischylos den letzten Platz bekommen hatte. Die Satyrn mit ihren ausgefallenen Kostümen würden am letzten Tag drankommen. Das bedeutete, dass sein Chor in dieser Nacht der letzte sein würde, der die Aufmerksamkeit der Juroren besitzen würde – und die von ganz Athen, Reiche wie Arme. Die Menschenmasse auf der Akropolis würde ihn von Fackeln erleuchtet sehen, ein Auge aus Gold.

Als alles fertig war, hatte sich Dunkelheit herabgesenkt. Aischylos war bereit, das Wort an seine kleine Truppe zu richten, und Perikles stand als sein Choregos neben ihm. Ihm wurde klar, dass er inzwischen jeden Einzelnen von ihnen kannte. Die Schauspieler hatten Monate an Proben und Neufassungen ihrer Texte ertragen, ebenso wie den Brand und mehr betrunkene Nächte, als er sich erinnern wollte. Anaxagoras und Zenon hatten Plätze im Chor. Perikles hatte dort Freunde gefunden, wo er zuvor nur Verbündete gekannt hatte. Er sah, dass sie lächelten. Sie waren bereit.

»Darauf läuft es hinaus«, sagte Aischylos. Die Mitglieder des Chors trugen ihre Masken hochgeschoben, sodass sie normal genug aussahen. »Meiner Meinung nach liegt Phrynichos leicht vorne. Aber er hat alles gezeigt, was er anzubieten hat, wohingegen wir diese letzte Chance haben. Das Satyrstück morgen wird nichts verändern. Das ist der Höhepunkt, der Moment, auf den wir hingearbeitet haben. Ihr kennt eure Zeilen. Wenn es gut geht, dann werdet ihr sie vor euren Kindern und Enkelkindern sprechen. Also … nehmt eure Plätze ein. Ist der Chor bereit? Der Segen von Dionysos sei auf euch allen.«

Er ging hinaus zu den Sitzreihen, und Perikles ging mit ihm, wobei er alle Augen von Athen auf ihnen fühlte. Epikleos würde bleiben, um sich um Auftritte und Abgänge oder irgendwelche Katastrophen zu kümmern. Der Theaterdichter und sein Choregos würden als Mitglieder des Publikums Platz nehmen, zusammen mit den Juroren. Perikles fragte sich, ob er einen einzigen Moment des Stücks genießen oder ob die Aussicht auf ein finanzielles Desaster es für ihn ruinieren würde.

Das Publikum sah, dass sie kamen, und wurde allmählich still. Nur das Knistern der Fackeln, deren Licht sich über die Bühne ausbreitete, war zu hören. Diesen Raum betrat der Chor, der weiße Masken sowie Umhänge trug, sodass die Schauspieler wie Krähen aussahen. Sie glitten als eine einzige Person über die Bühne, und Perikles spürte, wie ihm die Haare im Nacken zu Berge standen. Aischylos hatte Tag für Tag mit ihnen geübt, bis sie sich in perfektem Einklang bewegten. Das Resultat hatte etwas Unheimliches. Sie strömten, ein umherziehender Flecken Nacht.

Die Musikanten eröffneten die Szene mit einer Weise im persischen Stil, die an diesem Ort eigenartig war. Die Zuschauer flüsterten und lächelten, als sie erkannten, dass es stimmte: Sie würden auf dieser Bühne den persischen Hof sehen, mit Xerxes, dem König, einem Mann, der bei Piräus am Ufer gestanden hatte, der die Stadt um sie herum verbrannt hatte, nicht nur einmal, sondern zweimal. Sie lehnten sich in ihren Sitzen vor, Hände waren auf Münder gepresst.

Der Chor sprach wie ein einziger Mann, was die Zeilen verstärkte, sodass sie deutlich über den weiten, offenen Raum hinweg zu hören waren.

Von den Persern, da sie abreisten

In das Land namens Griechenland …

Mit einer einzigen Zeile hielt Aischylos die Menge in seiner Hand. Die Perser waren fort, aber sie waren nicht in ihrer Heimat! Nein, das hier war damals, damals während der Zeit der Invasion. Sie waren abgereist, um Athen anzugreifen. Die Thermopylen, Salamis und Platäa lagen noch vor ihnen. Perikles ertappte sich dabei, wie er sich vorlehnte und das Kinn auf seine verschränkten Hände stützte.