Perikles entrollte ein Weinblatt, um einen flachen Kuchen aus gebratenem Fischrogen und Brotkrumen offenzulegen. Er presste eine halbe Zitrone darüber aus, und bei der Aussicht auf den sauren Geschmack kribbelte ihm der Mund. Vom Ufer der Insel Salamis aus konnte er Piräus jenseits der Meerenge sehen. Der große athenische Hafen war geschäftiger als je zuvor. Dutzende von Schiffen befanden sich an den Anlegern, und zwei- oder dreimal so viele Schiffe lagen vor Anker. Letztere schickten Boote an Land, um einen Anliegerplatz zu verlangen, ehe ein Teil ihrer Ladung verdarb oder seine Käufer verpasste. Im Vergleich dazu war Salamis friedlich, wenn die Insel sich auch seit den Tagen der persischen Invasion verändert hatte. Auf ihrer Nordseite war eine neue Stadt entstanden, wo es Bauern zu günstigem Land und Fischer zu einer geschützten Küste zog. Sie war mit ihren Familien eine aufblühende Gemeinde geworden. Manchmal fiel es Perikles schwer, sich an die Tage der Angst zu erinnern, als er mit seinem Bruder, seiner Mutter und seiner Schwester an diesen Dünen gesessen und persischen Kriegsschiffen dabei zugesehen hatte, wie sie seine Landsleute töteten.
Perikles legte eine Hand auf Lippen und Herz. Salamis war ein Ort für Erinnerungen. Vorhin war er zu einem kleinen Grabmal am Ufer gegangen. Der Name »Conis« war darauf eingraviert. Der Hund seines Vaters lag dort begraben. Er war im Meer ertrunken, als er versucht hatte, ihnen bei der großen Evakuierung hinterherzuschwimmen. Xanthippos selbst hatte den Stein bezahlt. Für einen Mann, der nicht besonders zu Sentimentalität geneigt hatte, war es eine überraschende Tat gewesen. Wann immer Perikles die Insel besuchte, ging er hinab zum Strand und betastete den Grabstein.
»Das ist köstlich. Du solltest es versuchen«, sagte er.
Thetis nickte und nahm das Blatt aus seinen Händen an. Perikles versuchte, sich den steigenden Ärger in ihm nicht anmerken zu lassen. Wo war die Frau abgeblieben, die er geheiratet hatte? Eine Weile lang hatte er geglaubt, Thetis würde seine Mutter in ein frühes Grab schicken. Stattdessen hatten die beiden Frauen eine Art Waffenstillstand erreicht, wenn es sich auch nicht wie eine friedliche Lösung anfühlte.
»Es ist sehr gut«, sagte sie.
Sie gab ihm das leere Blatt zurück, und er warf es in den Wind. Dachte sie, dass er das Stück wollte? Er hatte ihr eine Kostprobe angeboten, aber sie hatte alles genommen. Genauso wie es unmöglich schien, irgendwo im Haus süße Sachen zu lassen, ohne dass sie nachts herunterkam und sie sich schnappte. Er biss sich auf die Lippe, anstatt mehr zu sagen, aber sie erspürte Kritik ohnehin. Er konnte es an der Art merken, wie sie ihn anstarrte, an einer unterschwelligen Änderung in ihren Bewegungen, die von Ärger und Enttäuschung anstatt von Ungezwungenheit zeugten.
In einem Körbchen am Boden wachte jäh sein Sohn auf und begann hungrig zu schreien. Perikles sagte nichts – der Junge schrie schließlich nicht nach ihm.
»Kannst du ihn nicht wenigstens hochheben?«, fragte Thetis gereizt. »Ich bin noch dabei, mit meinem Mittagessen fertig zu werden.«
»Ja«, sagte er.
»Was soll das heißen?«, wollte sie wissen.
»Es bedeutet ›ja‹, Thetis. Was soll es denn sonst bedeuten?«
»Der Ton – der Ton, das weißt du ganz genau.«
»Der Ton von einem einzelnen Wort? Du bist zu empfindlich.«
Während er sprach, streckte er die Hände aus und hob den kleinen Jungen hoch. Das Kind schüttelte seine Fäustchen. Perikles, der ihn wie ein Bündel hielt, blickte ihn an.
»Bist du fertig, Thetis? Ich kann ihn schwer selbst stillen. Wenn du natürlich nicht die Thrakerin weggeschickt hättest …«
»Fein. Gib ihn mir«, stieß sie hervor.
Er händigte ihr das Kind aus und stand auf, um sich den Sand von seinen bloßen Beinen zu wischen. »Ich kann sehen, dass Epikleos und meine Mutter aus der Stadt zurückkommen«, sagte er.
»Warum gehst du dann nicht zu ihnen?«, erwiderte Thetis. Sie hatte das Kind an ihre Brust gepresst und sah doch unerklärlich zornig aus.
Er seufzte. »Du solltest versuchen, dich zu beruhigen«, sagte er. »Du machst noch die Milch sauer.«
Sie sah aus brennenden Augen zu ihm auf und wollte ihm antworten, war aber durch das Kind, das sie stillte, in die Enge getrieben.
»Geh einfach«, sagte sie.
»Du bist immer so verärgert, Thetis! Du hast gesagt, du wolltest vom Haus wegkommen. Also, hier sind wir! Kannst du nicht einfach den Tag genießen? Die Sonne scheint, der Tag ist schön. Wir haben zu essen.«
»Ich dachte, wir könnten alleine sein, Perikles«, sagte sie. »Ich wollte mit dir reden, nur mit dir. Ich dachte nicht, du würdest Epikleos einladen, oder deine Mutter! Und auch noch Manias, damit er ein Auge auf mich hat.«
»Meine Mutter war in der letzten Zeit in schlechter Stimmung, wie du sehr genau weißt. Manias war während der Schlacht von Salamis an Bord eines Schiffs. Er hat niemals die eigentliche Insel gesehen! Und Epikleos konnte ich ja schlecht zurücklassen, wenn der Rest von uns einen Tag lang zum Strand gehen würde.«
»Du hättest es tun können«, murmelte Thetis. »Wann komme ich mal einen Moment von ihnen weg? Du hast deine Arbeit in der Stadt, deine Freunde – und was habe ich? Wo kann ich hingehen? Dieses Haus ist wie ein Gefängnis, und dauernd sind Augen auf mich gerichtet!«
Perikles runzelte die Stirn, als ihre Stimme sich zu einem Schrei erhob. An einem Mann konnte Wut eine furchterregende Sache sein, wie ein Sommersturm. An einer Frau kam ihm Wut immer lächerlich vor, oder vielleicht erbärmlich. Er hatte gelernt, nicht zu lachen, daher sprach er in tadelndem Ton mit ihr, weil er sie beruhigen wollte.
»Also, Thetis, du weißt genauso gut wie ich, dass man sich um ein Kind kümmern muss. Ich habe dir eine Amme gekauft, und du hast darauf bestanden, den Jungen selbst zu stillen! Selbst jetzt noch könntest du das Kind einer anderen Amme überlassen, und du würdest wieder aufhören, Milch zu geben.«
»Das sagt deine Mutter, nicht wahr?«
»Ja. Wenn man bedenkt, dass sie drei Kinder großgezogen hat, würde ich sagen, sie kennt sich mit dem Thema gut genug aus. Mäkle nicht an meiner Mutter herum, Thetis. Sie hat mehr ertragen, als du weißt.«
»Im Gegensatz zu meinem sorgenlosen Leben? Als Kind entführt, mit Gewalt genommen und gezwungen, die Ehefrau eines Mannes zu spielen? Dazu gebracht, von seiner Familie fortzulaufen? Am Hafen von Athen verlassen, dann aus Mitleid verheiratet? Verdammt seist du, Perikles, für all deine Freundlichkeit!«
Sie begann zu weinen, und Perikles betrachtete sie mit schlichter Frustration. Nichts von dem, was er tun konnte, schien sie zu trösten. Er versuchte, sich die Dinge, die sie sagte, nicht zu Herzen zu nehmen, aber sie verletzten ihn und machten ihm noch auf Tage hinaus zu schaffen.
»Wisch dir die Augen«, sagte er rau. »Ich gehe und rede mit meiner Mutter und Epikleos.«
Er hielt inne, als er davonschritt, weil er sich plötzlich schuldig fühlte. Egal, wie gereizt er in ihrer Gegenwart wurde, kehrte seine Gutmütigkeit zurück, sobald er wegging. Es war erschöpfend.
Er kam zurück und stand verlegen da, während sie das Kind stillte. »Er sollte ohnehin inzwischen zerdrücktes Gemüse essen können. Wenn deine Milch versiegt, wirst du glücklicher sein.«
»Geh einfach«, schnappte sie.
Ein zweites Mal ging Perikles fort. Über die Dünen hinweg sah er Epikleos. Der ältere Mann beschattete seine Augen und starrte über die Meerenge hinweg. In die Helligkeit blinzelnd, folgte Perikles seinem Blick.
»Was siehst du?«, fragte er, als er näher kam.
Epikleos nickte ihm zu. Er musterte die einsame Gestalt der zurückgelassenen Thetis. In seinen Augen lag Traurigkeit, aber Perikles sah sie nicht, als er über die Meerenge hinwegblickte.
»Eine Trireme … die in den Hafen einläuft. Da drüben. Eine von unseren – eine von Kimon jedenfalls.«
Perikles fühlte, wie sein Herz schneller zu schlagen begann, als er das Schiff ausmachte. Triremen des Bundes waren seit dem Frühling ein seltener Anblick gewesen, obwohl sie alle Berichte und Geschichten von der Flotte vernommen hatten, die als Gerüchte und leeres Gerede nach Hause gebracht wurden. Kimon setzte die Streitmacht, die man ihm gegeben hatte, effektvoll ein, und das auch ohne Schiffe aus Sparta und Korinth. Das Ergebnis war Handel, da mehr und mehr Kaufleute ein Meer riskierten, das zum ersten Mal seit Generationen frei von Piraten und Persern war.
Perikles dachte an seine Gebete an Hermes vor den Festspielen zurück. Der Sieg war sicher ein Geschenk von Dionysos gewesen, aber die Wahrheit war, dass sein Geschick sich von dem Moment an zum Besseren gewendet hatte, als die Juroren Aischylos zum Gewinner erklärt hatten. Er erinnerte sich noch immer an den Moment von übelkeiterregendem Schrecken, als er gedacht hatte, alles sei schiefgegangen. Die letzte deklamierte Zeile war verklungen. Der Schauspieler, der Xerxes darstellte, war von der Bühne verschwunden, und die Lichter waren eines nach dem anderen ausgelöscht worden. Das Publikum hatte so lange in Dunkelheit und völligem Schweigen gesessen, dass Perikles gedacht hatte, es würde ihm schlecht werden. Doch es war eine Art Trance gewesen. Sie begannen zu jubeln, mit den Füßen zu trampeln, wild Beifall zu klatschen und aus voller Kehle zu brüllen. Perikles wusste, dass es eine Erinnerung war, die er niemals vergessen würde.
Drei der älteren Juroren hatten Phrynichos als Sieger erwählt, aber der Rest hatte für Aischylos gestimmt. Der Gott Hermes war auch ein Bote – er brachte gute Neuigkeiten und Wohlstand.
Der Anblick eines einzelnen Kriegsschiffs ließ Perikles keine Ruhe, und Epikleos ging es ebenso. Seine Mutter blickte von einem zum anderen und seufzte, weil sie sah, wohin das führte. Ihr gefiel der Gedanke nicht, einen Nachmittag alleine mit Thetis zu verbringen. Agariste dachte, wenn die Frau noch ein einziges Mal ihre wunden Brustwarzen erwähnte, würde sie sie womöglich erwürgen. Der Junge sollte inzwischen ohnehin zerdrücktes Essen zu sich nehmen können! Es war nicht ihre Schuld, dass Thetis die Amme im Zorn weggeschickt hatte, weil ihre Brüste geschmerzt hatten. Sie waren so voll mit Milch gewesen! Agariste hatte damals nichts gesagt, aber es war schwer gewesen, nach dieser Entscheidung die Monate voller Klagen zu ertragen.
»Warum fährst du nicht mit dem Boot zurück zum Hafen und siehst nach, was sie wollen?«, fragte sie ihren Sohn.
Voll wilder Vermutungen blickte er sie an, gefangen zwischen Pflichterfüllung und Neugier.
Agariste seufzte dramatisch. »Du nützt mir nichts, solange du abgelenkt bist. Nimm Epikleos und fahr hinüber, dann komm zu uns zurück. Manias ist irgendwo in der Nähe und sucht nach seinen wilden Feigen. Er ist zwar ziemlich taub, aber wir sind nicht in Gefahr.«
Epikleos schlug ihm auf den Arm, und Perikles grinste. Er blickte zu Thetis zurück, die immer noch dasaß und seinen Sohn stillte.
»Ich gebe ihr Bescheid«, sagte Agariste. »Lass sie eine Weile in Ruhe. Wer weiß, vielleicht hebt es ihre Laune.«
Perikles zögerte, als er sich abwandte. »Du wirst gut zu ihr sein, ja, Mutter? Über mich ist sie schon verärgert.«
»Ich würde nichts tun, um deine liebe Frau zu verstimmen.«
Agariste sprach ohne irgendeine Betonung, aber Perikles runzelte dennoch die Stirn. Es half nicht, dass seine Mutter noch eine Art gertenschlanke Anmut besaß, eine beinahe jungenhafte Gestalt verglichen mit seiner Frau. Thetis schien diese Gegenüberstellung als einen ständigen Tadel zu empfinden. Er seufzte.
»Danke. Komm, Epikleos.«
Er und sein Freund trotteten zum Strand hinunter, wo sie ein kleines Boot festgemacht hatten. Sie lösten die Leine, kletterten hinein und hissten mit der Mühelosigkeit von alten Seemännern das Segel. Epikleos stieß sie aus dem seichten Wasser ab und sprang an Bord, dann drehte er das Ruder, sodass sich das bauschende Segeltuch straffte.
Als Perikles und Epikleos einen Platz an den Kais von Piräus ausgehandelt hatten, hatte auch das Kriegsschiff eine Anlegestelle gefunden und ließ einen Laufsteg herab. Im Vergleich zu ihrem Boot war es riesig, ein Symbol athenischer Macht, die Perikles grinsen ließ. Ebenso wichtig war, dass gerade drei Triremen mehr gebaut wurden – der athenische Bündnisbeitrag zur Flotte in diesem Jahr. Perikles kletterte eine eiserne Leiter zu einer empor, die beinahe fertig war, und stieg auf Deck, wo er zusah, wie der Trierarch Hopliten versammelte und sie fortschickte.
Es war die Welt, die er gekannt hatte, ehe er auf das Anwesen seines Vaters zurückgekehrt war, und es schmerzte ihn beinahe, sie wiederzusehen. Jedes Schiff war seine eigene kleine Welt, mit all den Männern, die die Stärken und Schwächen ihrer Kameraden kennenlernten. An Bord eines Kriegsschiffs konnte man sich nirgendwo verstecken, aber für jene, die dieses Leben liebten, gab es auch nirgendwo sonst etwas Vergleichbares.
Als er und Epikleos an den Kapitän herantraten, betrachtete der Mann gerade eine Liste der Vorräte und plante eine neue Lieferung für sein Schiff. Eine Schar Kaufleute kümmerte sich um ihn. Stirnrunzelnd warf er den Neuankömmlingen einen missbilligenden Blick zu. Perikles und Epikleos waren nach einem Tag auf der Insel sonnenverbrannt, sie trugen ihr Haar offen, und ihre Tuniken wiesen Salzflecken auf. Vielleicht dachte der Mann, dass es Hafenarbeiter waren, Perikles wusste es nicht. Er trat um die Händler und ihre Männer herum, obwohl sie das Deck überfüllten.
»Guten Tag, Trierarch!«, rief er. »Gibt es Neuigkeiten von Nauarch Kimon?«
»Ich wüsste nicht, was dich das angehen sollte«, erwiderte der Mann, ohne aufzublicken.
»Vielleicht«, sagte Perikles ohne Groll, »obwohl Kimon mich normalerweise findet, wenn er ankommt. Du könntest ihn wissen lassen, dass die Gebeine des Theseus ein Zuhause auf der Akropolis gefunden haben – ein schönes Grabmal und eine Statue.«
Der Kapitän kaute einen Moment auf seiner Lippe, während er über das nachdachte, was er gehört hatte. »Ah, ich bitte um Entschuldigung, Kyrios, ich war abgelenkt. Ich bin Trierarch Philander vom Schiff Horcos. Darf ich erfahren, wie du heißt?«
»Perikles aus der Sippe der Akamantiden und dem Demos Cholargos – Sohn des Xanthippos und Choregos für Aischylos«, erwiderte er mit einem Lächeln.
Zu seiner Überraschung lachte der Kapitän leise auf. »Du bist derjenige, den ich treffen sollte, Kyrios. Ich werde die Boten zurückrufen lassen müssen, die ich nach dir ausgeschickt hatte.«
Er drehte sich um, und wie er es gesagt hatte, befahl er weiteren seiner Männer, die Straße nach Athen entlangzulaufen.
»Was für Neuigkeiten bringst du?«, fragte Perikles.
Der Kapitän sah erfreut darüber aus, dass seine Arbeit sich erledigt hatte. Er lächelte sogar noch breiter. »Keine Neuigkeiten, Kyrios. Nur drei Worte. Nauarch Kimon hat mich ausgeschickt, um dir zu sagen: ›Komm und sieh.‹«
»Das ist alles?«, fragte Perikles blinzelnd. »Nichts weiter?«
»Nichts, was er mit mir geteilt hätte, Kyrios. ›Komm und sieh‹ war alles.«
Perikles dachte an seine Frau und seine Mutter, die noch auf der Insel waren. Es gab an diesem Abend ein Treffen auf der Pnyx, bei dem die Volksversammlung über den Fortschritt von Kolonien wie der Nea Polis südlich von Rom debattieren und abstimmen würde. Diese Stadt blühte, aber offenbar gab es in Thrakien andere, denen es nicht so gut ging. Zehntausend Freiwilligen waren Werkzeuge und Saatgut gegeben worden, um sich dort ein neues Leben aufzubauen, im Austausch für ihre Mühen. Wie Perikles gehört hatte, waren sie ständigen Angriffen ausgesetzt. Er hatte vorgehabt, sich dieses Themas anzunehmen und dafür zu stimmen, dass ein paar Jahre lang ein Kontingent von Hopliten dort stationiert werden sollte, bis die Siedler sich eingerichtet hatten. Solche Dinge kosteten Zeit und Geld, aber er hatte erwartet, die Debatte voranzutreiben …
Er kratzte sich am Kopf. Er realisierte, dass er die See riechen konnte. An diesem Morgen war er vom Strand der Insel aus schwimmen gegangen. Salz war auf seiner Haut getrocknet, und er fühlte seine Gegenwart mit jeder Bewegung, wie ein Jucken, das ihn an glücklichere Zeiten erinnerte. Doch Thetis würde ihn zurückerwarten, und seine Mutter würde ihn brauchen, um zwischen sie zu treten, damit ihre bissigen Kommentare nicht in offenen Krieg ausbrachen.
Der Trierarch wartete auf eine Antwort. Perikles nickte und wandte sich an seinen Freund.
»Epikleos? Wenn ich das Boot zurück zur Insel nehme, kannst du Anaxagoras und Zenon zum Hafen hinunterbringen? Ich möchte gerne, dass sie mit mir kommen.«
»Was ist mit mir?«, fragte Epikleos beleidigt.
»Deine Anwesenheit wollte ich nicht als gegeben voraussetzen«, sagte Perikles steif. »Du bist nicht mehr länger jung und …«
»Legt bloß nicht ohne mich ab!«, sagte Epikleos, der bereits losrannte, über die Schulter hinweg.
Perikles sah mit an, wie er davoneilte. Er vermutete, dass Thetis und seine Mutter wütend sein würden. Wenn er ihnen alles erzählte, bevor er wieder bei Piräus an Land ging, würde es eine sehr frostige Fahrt werden. Irgendwie beschädigte diese Aussicht nicht die Freude, die sich in ihm bei dem Gedanken erhob, wieder einmal zur See zu gehen.
»Komm und sieh …«, murmelte er vor sich hin. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.
Als Agariste sich zu Thetis setzte, hielt die jüngere Frau ihr Kind und wiegte sich vor und zurück, während ihr Tränen übers Gesicht flossen. Thetis gab kaum einen Laut von sich, aber ihr Kummer rührte die Frau, die sie mit ihrer Reizbarkeit und ihren Ansprüchen beinahe verrückt gemacht hätte.
»Was ist mit dir, Liebes?«, fragte Agariste.
Thetis schüttelte den Kopf, obwohl sie ihr einen Blick zuwarf. »Oh, Perikles ist mit Epikleos gegangen, um nachzuschauen, was irgendein Boot macht. Sie werden zurückkommen oder auch nicht, und wir werden ein Fischerboot nach Piräus hinüber nehmen. Ich fürchte, mein Sohn ist einer, der sich wild für etwas begeistert. Er denkt nicht immer alles bis zum Ende durch …«
Sie realisierte, dass Thetis denken könnte, sie spräche über seine Heirat, daher biss sie sich auf die Lippe. In der Nähe konnte sie Manias sehen, der mit seinem Essensmesser rötliche Feigen zerschnitt.
»Soll ich das Kind eine Weile nehmen?«, fragte Agariste freundlich.
Thetis nickte und überreichte es ihr. Agariste ließ den kleinen Jungen an ihrer Schulter ruhen, wo er rülpsen und in der Sonne schlafen konnte.
»Also … ich habe gesehen, wie du dich mit Perikles gestritten hast«, sagte sie. »Er ist sehr jung, Thetis. Ein Mann und ein Ehemann, aber … mit seinem Vater war es anders. Xanthippos war bereits ein reifer Mann, als er mich heiratete, ein Strategos in den Dreißigern, ein Archon. Perikles wird all das mit der Zeit werden, aber in manchen Dingen ist er immer noch wie ein Jugendlicher.«
»Es ist nicht seine Jugend!«, sagte Thetis scharf. »Ich versuche, mit ihm zu reden, aber er hört einfach nicht zu.«
»Ja, na damit ist er nicht alleine. Manias ist auch nicht der Einzige, Liebes. Alle Männer werden taub, wenn ihre Frauen mit ihnen sprechen, zumindest manchmal.«
Thetis lächelte und wischte ihre Tränen fort, was ihre Haut erröten ließ. »Ich dachte …« Sie würgte, als versuchte sie zu schluckten. »Meine Mutter erzählte mir, wenn eine Frau damit fortfahren würde, ihr Kind zu stillen, könne sie nicht schwanger werden.«
Agaristes Lächeln verblasste, und sie saß schweigend da, niedergedrückt von ihren eigenen Erinnerungen. »Ich glaube, es ist schwieriger, aber wenn du mit einem Mann … intim bist, gibt es keinen echten Schutz.«
»Letzten Monat gab es ein paar Blutflecken, aber inzwischen nichts. Also habe ich ihn weiterhin gestillt, obwohl meine Brustwarzen wund wurden, weil ich dachte, es könnte helfen. Aber jetzt denke ich, dass ich schwanger bin!«
Bei ihren letzten Worten arbeitete es in ihrem Gesicht. Agariste zog sie zu sich und hielt das Baby zwischen sie. Sie waren ein warmer Knäuel, der das Kind aufweckte und es aus Verwirrung und Bedrängnis zum Weinen brachte.
»Wenn das stimmt, ist es eine gute Nachricht!«, sagte Agariste. »Wirklich. Perikles wird begeistert sein. Ich weiß, dass er einen Bruder für den kleinen Xanthippos haben möchte, so wie er selbst einen hatte. Oder eine Tochter, wie seine Schwester Eleni.«
»Ich kann das nicht noch einmal tun«, sagte Thetis schluchzend.
Agariste tätschelte das Kind mit einer Hand und strich mit der anderen der jüngeren Frau über den Rücken. Gleichzeitig richtete sie ihren Blick zum Himmel und allen Göttern, die ihnen zufällig zuschauen mochten.
»Natürlich kannst du das«, sagte Agariste grimmig. Sie würde ihr Wissen um bestimmte Kräuter bestimmt nicht mit der Mutter ihrer Enkelkinder teilen. »Also warst du seit der Geburt … mit meinem Sohn zusammen? Ich frage, weil manche junge Frauen das nicht zu verstehen scheinen.«
»So jung bin ich auch wieder nicht«, erwiderte Thetis, die ihren Kopf schüttelte. »Ein paarmal, ja. Wir streiten, und manchmal vergehen ganze Tage, an denen er so kühl zu mir ist, als ob ich ihm egal wäre. Das Bett zu teilen ist die eine Sache, die wir beide … Ich glaube, er bereut es, mich geheiratet zu haben.«
Sie begann wieder zu schluchzen, und Agariste sprach, um sie abzulenken.
»Also, ich bin mir sicher, dass das nicht stimmt. Jetzt hör mir zu. Du weißt es nicht genau. Deine Blutung ist vielleicht noch nicht gekommen, aber du weißt, dass ein Kind zu stillen sie manchmal fernhält. Vielleicht ist das alles nur in deinem Kopf. Oder es wird einen Bruder oder eine Schwester für Xanthippos geben! Das ist auch ein guter Ausgang! Also wisch deine Tränen fort, Liebes. Heb dein Kinn und zwick dir in die Lippen und Wangen, damit ein wenig Farbe in sie fließt, wenn Perikles zurückkommt. Du bist zu blass. Er wird denken, dass du krank bist.«
»Er findet mich nicht mehr attraktiv«, sagte Thetis. »Noch ein Kind wird mich zugrunde richten.«
Agariste schüttelte den Kopf. Perikles brauchte ein halbes Dutzend Söhne und Erben. Es schien, dass er immer noch seine häuslichen Pflichten erledigte, was alles war, das zählte. Ihre Gedanken waren bei Thetis, wobei Agariste sich an die junge Ehefrau erinnerte, die sie selbst einmal gewesen war. Doch sie hatte diese Jahre überlebt. Was das betraf, hatte sie ihren Ehemann überlebt. Das war nicht die Art Trost, die sie Thetis anbieten konnte, aber es war dennoch der Trost einer Frau. Sogar geliebte Tyrannen wurden schließlich zu Grabe getragen – und ihre Frauen waren frei.