In den letzten Tagen hatte es Augenblicke gegeben, in denen seine Entscheidung, alles stehen zu lassen und wieder zur See zu gehen, beinahe bis zu seiner Zerrüttung auf die Probe gestellt worden war. Perikles hatte eine tränenreiche Unterhaltung mit seiner Frau ertragen, bei der sie sich schließlich gegenseitig angeschrien hatten. Thetis hatte ihm vorgeworfen, sie ein weiteres Mal geschwängert zu haben, um sie dann alleine zu lassen. Seine Mutter schien die Neuigkeit seiner Abreise ebenfalls als eine Art Verrat zu betrachten. Aus Verzweiflung hatte Perikles ihr für die Dauer seiner Abwesenheit das Stadthaus angeboten. Daraufhin war Agariste schmallippig geworden und hatte gesagt, dass sie niemals das Zuhause ihrer Familie für Thetis aufgeben würde, nicht, solange noch ein Atemzug in ihr sei. So oder so hatte er das Angebot offengelassen.
Während der Kapitän das Schiff mit Vorräten befrachtete, war Perikles zumindest in der Lage gewesen, an den letzten Debatten auf der Pnyx teilzunehmen. Sein Beschluss, für ein permanentes Hoplitenlager an der thrakischen Küste zu argumentieren, bekam eine etwas größere Dringlichkeit, als er die Entscheidung selbst treffen konnte und auch die Gelder dafür bekam. Die Volksversammlung hatte ein Votum voll des Lobes für ihn abgegeben, obwohl ihm nicht entging, dass sie auch jede Silberdrachme, die an das Kriegsschiff gesendet wurde, zählten und verzeichneten.
Trotz all der Schnelligkeit seiner Entscheidung dauerte es noch einige Zeit, seine Angelegenheiten zu regeln und Männer, denen er vertraute, zu beauftragen, in seinem Namen zu handeln. In vier Monaten würde die nächste halbjährliche Zahlung seiner Schulden fällig werden. Wenn das Schicksal ihn von zu Hause fort hielt, würde es schwierig oder unmöglich für seine Mutter und seine Frau werden, diese Zahlungen ohne ihn zu leisten. Er machte sich darüber noch immer Sorgen, aber was auch immer Kimon mit »Komm und sieh« gemeint hatte, es würde sicher nicht viel länger dauern.
Es war sowohl ein Vorteil als auch seine ganz eigene Verzweiflung, dass das Kriegsschiff so wenig Platz für persönliche Ausrüstung hatte. Abgesehen von der Hoplitenrüstung, die er von seinem Vater und seinem Bruder geerbt hatte und die einen Schild mit einem aufgemalten Löwen mit einschloss, konnte Perikles nur Umhänge und zusätzliche Sandalen, sein Rasiermesser und Wetzsteine, seine Kopisklinge und einen Beutel mit Silbermünzen mitbringen. Der Kapitän hatte zugestimmt, ihn auf dem Dienstplan als bezahlten Hopliten anstatt als Passagier einzutragen, was half. Das stellte ihn natürlich auch unter die Befehlsgewalt des Kapitäns, was heikel war. Epikleos war ebenfalls dem Dienstplan des Schiffs hinzugefügt worden, aber Anaxagoras und Zenon waren untrainiert und mussten ihre Überfahrt bezahlen.
Sie verließen die Docks von Piräus ohne großes Aufsehen, obwohl Thetis und seine Mutter darauf bestanden hatten, zum Hafen zu kommen, um seine Abreise zu sehen. Sie standen mit Manias und einem jungen Stallburschen vom Anwesen am Kai. Perikles winkte ihnen zum Abschied zu.
Das Schiff wendete sich langsam, während eine Ruderbank sein massives Gewicht herumbewegte. Perikles hatte keine Lust, das Gefühl von Erleichterung, das ihn in diesem Moment überkam, in Augenschein zu nehmen. Er war immer noch besorgt, dass er einen Fehler gemacht hatte, aber es gab keinen Zweifel – ein Teil von ihm fieberte darauf hin, wieder einmal das Schlagen der Ruder zu vernehmen.
Der Kapitän, der ein Auge auf seine Offiziere hatte, während sie in tieferes Wasser hinausfuhren, schlich sich neben ihn. »Ich, äh … ich hoffe, ich habe dich bei unserem ersten Treffen nicht mit meinem Benehmen beleidigt, Kyrios«, sagte der Mann.
Perikles schüttelte den Kopf. Er blickte noch immer zu seiner Frau und seiner Mutter am Kai zurück und fragte sich müßig, ob er sie wohl im Auge behalten musste, bis sie seinem Blick verloren gingen, oder ob er sich schon vorher abwenden konnte. Während er noch dabei war, sich zu entscheiden, beugte sich der Kapitän näher zu ihm und murmelte in sein Ohr.
»Um die andere Sache habe ich mich gekümmert. Da musst du dir keine Sorgen machen.«
Beinahe ließ Perikles es dabei bewenden. Zenon und Anaxagoras waren auf Deck. Beide waren einfach begeistert, an Bord eines athenischen Kriegsschiffs zu sein. Der silberhaarige und ernst aussehende Epikleos trug die Rüstung eines Hopliten. Er kehrte zurück zur Flotte – oder doch zumindest fort von seiner Verantwortung, es war ein Moment von klarem Himmel und Freude. Doch die Worte des Kapitäns nagten an ihm.
»Was für eine andere Sache?«, sagte er schließlich.
»Ich hoffe, ich sollte kein Stillschweigen darüber bewahren, Kyrios?«, erwiderte der Kapitän. »Der, von dem du wolltest, dass ich ihn an Bord nehme, um dir einen Gefallen zu tun?« Der Kapitän sah nur Verwirrung in Perikles’ Gesicht. »War das in Ordnung? Er hat mir zu verstehen gegeben, dass du ihn an Bord haben wolltest, aber im Geheimen. Ich hoffe …«
Da wusste Perikles mit einer Art klarer Gewissheit Bescheid. Er schritt zu den Stufen am Heck und schwang sich zum Unterdeck hinab, wo die Ruderer bereits am Arbeiten waren und die Ruder vor und zurück zogen. Köpfe wandten sich ihm zu, um zu sehen, wer da in ihre Domäne eindrang. Er musterte sie mit suchendem Blick.
Der Kapitän stieg hinter ihm hinab und wechselte einen besorgten Blick mit seinem Keleustes. Er war sich nicht sicher, was schiefgegangen war, nur dass er einen Fehler begangen hatte. Ein Sohn des Xanthippos und Freund von Kimon war nicht jemand, den er erzürnen wollte.
Ohne Warnung stieß einer der Ruderer jäh einen Fluch aus. Perikles sah, wie der Mann mit hektischen und zornigen Bewegungen ein tropfendes Ruder einzog, ehe er aufstand. Er trug einen Lendenschurz und nichts sonst. Perikles hätte ihn überall wiedererkannt. Immerhin hatte er den knochigen Körper eine Klippe hinaufgetragen.
»Attikos, komm an Deck«, sagte Perikles.
»Das war nicht der Name, den er mir …«, begann der Kapitän.
Perikles ignorierte ihn und machte sich auf den Weg zurück an die frische Luft und die Sonne. Seine Freunde hatten sich dort versammelt und schauten ihn fragend an. Unter Deck wies der Kapitän die Ruderer an, zu pausieren. Das Schiff begann sich in den Wellen zu wiegen, als dessen Geschwindigkeit nachließ. Es verstärkte das Gefühl, dass etwas falsch war, als Perikles den Mann konfrontierte, der aus der Düsternis herausgestiegen kam.
»Ich kenne ihn«, sagte Anaxagoras. »Vom Theater. Hat er das Feuer gelegt?«
»Hast du das getan?«, fragte Perikles.
»Ich hab gar nichts getan«, sagte Attikos.
Er war sich der Blicke bewusst, die sowohl die Hopliten als auch die Offiziere auf ihn richteten. Perikles konnte sehen, wie er sein Auftreten änderte, um zu denen mit Befehlsgewalt zu sprechen. Attikos hatte die Augen wie auch die Schultern gesenkt. Er sah nicht aus, als würde er für irgendjemanden eine Bedrohung darstellen.
»Ich bin wegen Arbeit zu dir gekommen, Kyrios«, sagte Attikos. »Das war alles, was ich wollte. Ich habe dich um eine Stellung als Wache gebeten, oder als Ruderer. In meiner Armut hast du mich weggeschickt.«
»Und das Theater wurde niedergebrannt«, sagte Perikles.
»Das hatte nichts mit mir zu tun, Kyrios, auf meine Ehre. Ein Mann muss arbeiten oder hungern. Wir haben nicht alle Väter wie den deinen, mit Häusern und Zedern und Pferden … all das.«
Kälte breitete sich in Perikles aus. Auf dem Anwesen gab es tatsächlich Zedern, die seine Mutter nach dem Verschwinden der Perser gepflanzt hatte. War das eine Botschaft für ihn? Er wusste, dass Attikos rücksichtslos war. Wenn er Perikles’ Familie bedrohte, dann würde Attikos herausfinden, dass er nicht der Einzige war, der drohen konnte.
Perikles erstickte den Ärger, der in ihm aufflammte. Er konnte Attikos über Bord werfen. Er zweifelte, dass der Kapitän ihn aufhalten würde. Wenn der Mann ertrank, wäre es natürlich Mord. Was auch immer für eine List er angewandt hatte, um an Bord zu kommen, Attikos war einer der Ruderer auf dem Schiff. Das schützte ihn vor der Art harter Gerechtigkeit, die Perikles’ Fantasie ausfüllte. Ruderer saßen in Athen als Geschworene und hatten Positionen im Rat inne. Sie mussten keine guten Männer sein, nur starke.
Er schob seine Gedanken an Vergeltung zur Seite. Söhne von Archonten konnten sich nicht selbstherrlich gegenüber einem Ruderer aufführen, nicht ohne eine Karriere zu ruinieren, ehe sie tatsächlich begonnen hatte. Am Ende würde die Volksversammlung davon erfahren, und jedes Gerichtsverfahren konnte eine grausame Wendung nehmen.
Es war noch nicht zu spät, um nach Athen zurückzukehren, aber er zögerte. Wenn er Attikos zurück zum Hafen brachte, wäre das so, als würde man eine Ratte freilassen. Trotz der Anwesenheit von Manias und den Sklaven auf dem Anwesen konnte ein entschlossener Feind seine Frau oder Mutter erreichen … oder seinen Sohn. Als Attikos kurz aufsah, war sein Blick völlig kalt. Perikles zwang sich zu einem Lächeln, obwohl es das Schwierigste war, das er je getan hatte. Er begriff, dass der Kapitän, der immer noch bestürzt war, dass er einen Mann aufgrund falscher Behauptungen aufgenommen hatte, sein Urteil erwartete.
»Also gut, Attikos«, sagte er ernst. »Ich werde keinem Mann seinen Lebensunterhalt verweigern. Ich glaube an zweite Chancen. Vergeude die hier nicht.«
Der kleine Affe von einem Mann machte eine Geste, als wollte er sich Tränen aus den Augen wischen. »Das ist freundlich von dir, Kyrios, sehr freundlich. Ich wusste, dass du ein guter Mann bist, wirklich. Ich werde dich nicht enttäuschen, das schwöre ich.«
»Danke, Kyrios«, sagte der Kapitän zu Perikles. Er verbeugte sich vor ihm, doch da dieser einer der Hopliten unter seinem Kommando war, unterlief ihm da vielleicht ein Fehler. Der Kapitän wurde rot, als er sich wieder aufrichtete.
»Bindet den Mann da an den Mast«, sagte er und deutete auf Attikos.
Anaxagoras und Zenon standen am nächsten und ergriffen ihn, gerade als Attikos zu stammeln begann.
»Warum packt ihr mich? Weg mit euren Händen! Was soll das jetzt?«
»Du hast einen falschen Namen angegeben und gelogen, um meiner Mannschaft beizutreten«, sagte der Kapitän. »Das geht mich und dich an. Niemanden sonst.«
Er sagte die letzten Worte für Perikles, vermutlich für den Fall, dass dieser protestierte. Es fiel Perikles schwer, nicht zu grinsen, während er zusah, wie Attikos an den Mast gebunden wurde. Der Rücken des Mannes war eine Masse an Narben, hervorstehenden Knochen und Zeichen, die ihm unter die Haut tätowiert waren.
Attikos sah sich unter den Anwesenden auf Deck um, als wollte er sich ihre Gesichter einprägen. Er packte den Mast, wie um ihn zu umarmen, und legte seine Wange gegen das raue Holz. »Na gut. Schaut gut hin, Jungs«, sagte er, wobei er seine Zähne fletschte. »Das wird euch eine Lehre sein.«
Perikles dachte, dass sie zum ersten Mal, seitdem sie ihn bei den Ruderbänken gefunden hatten, das wahre Gesicht dieses Mannes erblickten. Er sah, wie der Kapitän vor Überraschung blinzelte.
»Bringt mir eine Peitsche«, befahl er.