Kimon stand niemals still, wie Perikles klar wurde. Der vollgestopfte kleine Essraum auf seinem Flaggschiff war von einer einzelnen Lampe erhellt, die kaum die Schatten in den Ecken erreichte. Der Mann, der Trierarchen von einem Dutzend Verbündeten befehligte, schritt dessen knappe Länge vor und zurück – vier ganze Schritte, und die waren ein Luxus. Anaxagoras schien fasziniert davon zu sein, wie Kimon seinen Kopf duckte, um scheinbar unbewusst einer mittig hängenden Spiere auszuweichen. Als der größte von ihnen eignete Anaxagoras sich nicht für Treffen unter Deck. Dafür hatte er genügend Kratzer und Beulen auf seinem Scheitel vorzuweisen.
Perikles konnte sehen, wie der Mann, der das Wort an die in den kleinen Raum gezwängte Gruppe richtete, schwitzte. Hesiodos war der König von Thasos und um einige Jahrzehnte der Älteste in diesem Raum. Sein Bart war weiß und seine Zähne dunkel, jedenfalls diejenigen, die er noch besaß. Er stand alleine, ohne Wachen. Vielleicht war er wegen der Gegenwart der athenischen Seemacht nervös, oder es lag einfach an dem engen Raum und der Wärme der Nacht,
Während er sprach, hatte er Kimons Aufmerksamkeit. Der Rest von ihnen richtete die Blicke auf Kimon, der wie ein Wolf in einem Käfig auf und ab marschierte.
»Ich bitte nicht darum, von meinem Eid entbunden zu werden, sondern nur darum, ein einziges Jahr nicht den Tribut zu bezahlen«, sagte Hesiodos. »Wir handeln mit Holz, Marmor und Honig. Dieses Schiff ist wahrscheinlich aus Holz gemacht, das auf Thasos wuchs! Aber Hartholz wächst langsam. Wenn ich wieder die Wälder abholze, um die Bezahlung für Delos hinzubekommen, dann werden wir nächstes Jahr Hunger leiden. Ohne Persien ist der Markt für Marmor zusammengebrochen, und unsere Bienenstöcke wachsen noch an. Wir können nicht jeden Tag Honig essen. Nur ein Jahr, ohne dass wir jede Münze, die wir verdienen, an das Bündnis geben müssen, und wir werden uns wieder erholen. Wir wären vielleicht sogar in der Lage, im nächsten Jahr mehr Geld zu bezahlen, oder im Jahr danach. Das liegt natürlich in den Händen der Götter.«
Kimon hörte auf, hin- und herzulaufen. Alle Blicke an dem Ort waren auf ihn gerichtet. Es gab wirklich keine Frage, wer in diesem Raum oder in diesem Bündnis die Autorität besaß. Von dem Moment an, als die Spartaner gegangen waren, war Athen einmal mehr die Macht in der Ägäis geworden. Kimon war Archon und Strategos, Nauarch für das Bündnis, und er trat in die Fußstapfen von Xanthippos. Perikles hatte ihn das letzte Jahr über gut kennengelernt. Er fragte sich, ob er jemals Männer auf die Art befehligen würde, wie Kimon das tat, die Art, wie sein Vater das getan hatte. Er war sich nicht sicher, ob sie mit dem Alter kam oder auch mit den Titeln der Autorität, obwohl diese eine Rolle spielten. Kimon erlaubte keine Schwäche, und er war ein Meister seines Fachs geworden. Letztendlich war das vielleicht alles, was zählte.
Perikles fragte sich, wie der König von Thasos sie sehen mochte, diesen Haufen junger Kapitäne und Strategoi, an die er an diesem Abend appellierte. Der alte Mann ließ seine Blicke durch den überfüllten Raum schweifen, auf der Suche nach irgendeinem Zeichen von Unterstützung. Doch es gab wirklich nur eine einzige Stimme, auf die es ankam. Sie alle warteten auf sie, doch Perikles kannte Kimon inzwischen gut genug, sodass er die Worte hätte selbst sagen können. Tatsächlich war Hesiodos von Thasos nicht der Erste, der um besondere Konditionen oder Hilfe beim Bezahlen gebeten hatte. Perikles war Zeuge eines halben Dutzends der kleineren Staaten gewesen, die den Anteil ihrer Abgaben, dem sie zugestimmt hatten, nachverhandeln wollten.
»Ihr sprecht, als sei das eine einfache Sache, Eure Hoheit«, sagte Kimon in leisem Ton. Der alte Mann begann zu antworten, aber Kimon hob eine Hand. »Diese Flotte kostet mehr, als Ihr Euch vorstellen könnt, um sie flott zu halten. Habt Ihr eine Vorstellung davon? Zehntausende Männer, die alle bezahlt werden müssen. Essen und Wein, damit sie kräftig bleiben. Dann sind da die Reparaturen – die ständig kaputten Masten, Spiere und Taue. Ja, erst heute Morgen ist uns ein Mann mit dem Fuß durch einen verrotteten Teil der Deckplanken gebrochen. Es muss alles herausgebrochen und mit Holz ersetzt werden, das ein ganzes Jahr trocken gelegen hat, bevor es eingesetzt werden kann. Also müssen wir unsere Vorräte an Land bewachen, bevor all das gute Holz gestohlen werden kann. Und wir müssen unsere Ernten und unseren Viehbestand bewachen. Das muss ebenfalls bezahlt werden, Eure Hoheit. Könnt Ihr Euch das vorstellen? Eine Flotte wie diese ist eine schwimmende Nation, oder ihr rechter Arm.«
Der König, der versuchte, seiner Schlussfolgerung zuvorzukommen, sprach schnell. »Ein einziges Jahr Ausnahme, und wir könnten …«
Kimon schüttelte den Kopf. »Ich habe Euch von dem Bedarf erzählt. Diese Flotte macht die See sicher, für Euer Holz, Euren Marmor und Euren Honig. Die Piraten fangen und verbrennen nicht mehr Eure Schiffe. Die Perser landen nicht mehr, um Eure Frauen zu stehlen oder Eure jungen Männer abzuschlachten. Welchen Preis würdet Ihr für ihre Leben veranschlagen, wenn Ihr hierherkommt, um mit uns zu schachern – wir, die am Horizont nach Feinden Ausschau halten, damit Ihr in Frieden leben könnt?«
Er war zornig geworden, wie Perikles sah. Kimon war immer schnell aufgebracht, wenn er mit Händlern sprach. Wenn er auch begriff, dass sie notwendig waren, so sahen sie doch die Welt in Form von Münzen, wohingegen er etwas anderes sah. Perikles glaubte, dass Kimon sich nichts aus Gold und Silber machte, ebenso wenig wie Aristides daheim. Ihm war die Flotte wichtig – und der Einfluss von Athen. Nichts anderes zählte. Perikles fragte sich, ob bei ihm jemals in den frühen Morgenstunden Geldverleiher an die Tür klopften. Er bezweifelte es.
Den König traf es sichtlich, dass er von einem jüngeren Mann so belehrt wurde. »Archon Kimon«, sagte er förmlich, »das Volk von Thasos ist der Flotte dankbar – wenn ich dich auch daran erinnere, dass wir keine Bittsteller sind. Wir haben das Unsere getan und jede Familie besteuert, um unseren Anteil aufzubringen. Du siehst nicht, wie die Familien in Lumpen gehen, um diese Zahlung zu leisten. Die jungen Mütter weinen, während sie ihre letzten Münzen hergeben!«
»Was denkt Ihr, würde es ihnen als persische Sklaven besser ergehen?«, fragte Kimon. »Würden sie dann erst recht weinen? Wenn wir keine Flotte hätten, würden diese Gewässer nicht uns gehören, nicht wirklich. Das ist es, was ich gelernt habe, Eure Hoheit. Handel und Freiheit gedeihen, wenn es Männer wie mich gibt, die jeder Bedrohung begegnen. Wenn die Wölfe kommen, sind wir hier. Alles, was Ihr wertschätzt, resultiert daraus, wirklich alles. Denn ohne diese Stärke hängt es völlig vom Zufall ab, ob alles, was Ihr liebt, Euch genommen wird.«
»Diese Wölfe, sind das diejenigen, die um Thasos herum vor Anker liegen? Oder sind es nur Bündnisschiffe, die meine Händler pfänden?« Der König war rot im Gesicht geworden, aber er beherrschte sich mit Mühe. »Ihr habt jetzt beinahe ein Jahr lang Schiffe um Thasos herum festgesetzt. Nichts bewegt sich! Wenn wir hungern müssen, was spielt es dann noch für eine Rolle, wer das Getreide daran hindert, an Land gebracht zu werden?«
Kimon begann wieder auf und ab zu gehen, als zöge er Stärke oder Ruhe daraus. »Ihr habt auf die Götter und auf Eisen geschworen, Hesiodos, zusammen mit allen anderen. Barren, die wir geprägt und bei Delos dem Meer übergeben haben. Das sind unsere Eide, die bis zum Ende der Welt weiter andauern. Dass, wenn einer von uns angegriffen wird, wir alle angegriffen werden. Dass wir zusammenstehen und zu diesem Zweck jedes Jahr Silber oder Schiffe mit Männern hergeben. Athen hat dieses Jahr drei neue Schiffe im Wasser – und drei mehr werden gerade gebaut. Wir bilden unsere Mannschaften aus, Krieg und Krankheit zu riskieren, und wir beklagen uns nicht. Was ist mit Thasos? Hattet Ihr nicht einmal eine Goldmine?«
Der Blick, den Hesiodos dem jüngeren Mann zuwarf, war voller Zorn, den er schnell erstickte. Perikles erinnerte sich daran, dass Kimons Familie im Norden Minen besessen hatte, irgendwo in Thrakien, das vor der Küste von Thasos lag. Der Reaktion des Königs nach zu schließen, war dies nicht allgemein bekannt.
»Die Mine gibt nichts mehr her«, sagte er schließlich. »Ihre Ausbeute ist beinahe wertlos.«
»›Beinahe‹ ist alles andere als wertlos, wenn es um eine Goldmine geht«, sagte Kimon. »Euer Tribut bestand aus acht Silbertalenten pro Jahr. Ein Goldtalent würde Eure Schulden begleichen, Eure Hoheit. Ihr seid ein Jahr im Verzug, und Ihr spielt mit Eurem Eid, als würden wir auf dem Markt herumfeilschen. Denkt Ihr, ich bin ein Händler?«
»Nein, natürlich nicht …«
»Dann hört auf, mich wie einen zu behandeln. Zahlt, was Ihr zu zahlen geschworen habt. Ihr seht die Folgen um Euch herum – und Ihr werdet diese Schiffe weiterhin in Euren Gewässern sehen, bis Ihr Euren Verpflichtungen nachgekommen seid. Wenn ich muss, Eure Hoheit, dann lande ich mit zehntausend Männern und lasse sie zu Eurem Palast marschieren, um die Schuld einzufordern – von Euch oder Eurem Nachfolger.«
»Ich bin ein Mitglied des Bündnisses«, sagte Hesiodos schockiert. »Wie soll das nicht eine Kriegsdrohung sein? Du würdest wegen ein paar Talenten unsere Bestimmungen verletzen?«
Kimon trat so dicht an den anderen Mann heran, dass er ihn hätte schlagen können. Hesiodos wich zurück, aber Kimon drängte vorwärts.
»Ihr seid der Erste, der dabei ist, den Eid von Delos zu brechen, Eure Hoheit. Ich weiß, dass Eure Minen nicht erschöpft sind, dennoch würdet Ihr gerne die Vorteile von sicherer See genießen, ohne dafür zu bezahlen. Wenn Athen die Kosten trägt, könnt Ihr gedeihen, nicht wahr? Wärt Ihr ein weiser König, wenn Ihr so ein Geschäft gemacht hättet?«
»Wenn du einen Fuß auf Thasos setzt, werden alle deine Verbündeten sich fragen, wann sie die Nächsten sind. Es wird alles zerstören, was ihr aufgebaut habt.«
»Nein«, sagte Kimon, »wenn ich einen Fuß auf Thasos setze, dann um ein Exempel an denen zu statuieren, die vor den Göttern geschworene Eide brechen.«
Eine Ruhe war in ihm, und der König schluckte, sodass sein Adamsapfel auf und ab hüpfte.
»Ich gebe Euch drei weitere Monate Zeit, um zwei Goldtalente aufzubringen – eines für dieses Jahr und eines für nächstes. Aber danach werde ich zu Eurem Palast marschieren.«
»Das würdest du nicht wagen«, sagte der König. »Auf mein eigenes Land? Ich werde jeden vernichten, der ohne meine Erlaubnis einen Fuß auf Thasos setzt.«
»Geht von hier fort, Hesiodos«, sagte Kimon. »Erfüllt Eure Pflicht, und ich ergreife Eure Hand als Freund und Verbündeter.«
Der König formte schweigend Worte, als würde er sie abschmecken. Schließlich schüttelte er den Kopf. Er konnte kein Nachgeben in Kimon sehen, und auch nicht in den Gesichtern derer, die ihn anstarrten. Dennoch fragte Perikles sich, ob der alte Mann die Bedrohung wirklich begriff. Kimon glaubte an den Bund von Delos – und an die Eide, die sie geschworen hatten, um ihn zu erschaffen. Wenn er Thasos völlig niederbrennen musste, um die Zukunft des Bundes zu sichern, dann würde er es Perikles’ Ansicht nach tun.
Als Hesiodos sich steif umdrehte, um sie zu verlassen, ging Perikles mit ihm durch die kleine Tür und schloss sie hinter ihnen. An den Stufen zu Licht und frischer Luft über ihnen streckte Perikles eine Hand aus, um den Arm des Mannes zu stützen. Sie wurde losgeschüttelt, als würde seine Berührung brennen.
»Ich bin ein König«, stieß Hesiodos hervor, während er die Stufen emporstieg. Er bebte noch immer vor Ärger oder vielleicht vor Furcht. »Rühr mich nicht an. Ich habe genug Beleidigungen für einen Tag ertragen.«
»Ich habe keine gehört«, erwiderte Perikles. »Nur Besorgnis um das Bündnis.«
Der König richtete einen verächtlichen Blick auf ihn, als er das Deck erreichte. Jetzt, da sie aus der Enge und der Düsternis heraus waren, fiel ihm das Atmen leichter. »Dein Freund Kimon übertreibt es. Er führt sich wie ein Perser oder ein König auf, nicht nur wie ein Verwalter von Schiffen und Geschäften. Das ist alles, was er ist! Sag ihm, er soll das nächste Mal, wenn er einen Mann von königlichem Blut trifft, mit seinen Drohungen aufpassen. Oder jemand wird ihn dazu bringen, jedes seiner schlauen Worte zu bereuen.«
Der König, der auf Deck mehr Mut riskierte, als er es unten in der Gegenwart von Kimon getan hatte, stach mit einem Finger in die Luft. Die Veränderung in ihm war bemerkenswert, als ob er mehr Mut hätte, zu denen zu sprechen, deren Rang er für niedriger hielt.
»Eure Hoheit, es gibt dieses Jahr ein Dutzend Bitten an die Flotte. Wir sind überfordert, mehr als Ihr wissen könnt.«
»Die Perser geben Ruhe, Junge. Wann habt ihr das letzte Mal überhaupt eines ihrer Schiffe gesehen? Sie haben ihre Krallen eingezogen. Es gibt inzwischen kein Bedürfnis für eine so riesige Flotte, könnt ihr das nicht einsehen? Während des Krieges mussten wir diese hohen Kosten tragen, aber die Perser lecken weit weg von hier ihre Wunden. Sie werden nicht zurückkommen. Soll ich mich an den Bettelstab bringen, nur damit eure Mannschaften zu essen bekommen, wenn niemand sie braucht? Nein.«
Der Mann winkte dem Boot, das ihn zurück ans Ufer bringen würde. Seine beiden Ruderer setzten sich augenblicklich in Bewegung. Mehr bewaffnete Hopliten erwarteten ihren König auf Thasos, keine zweihundert Schritte entfernt. Der König stand allein an Deck. Er war hinreichend mutig, wie Perikles fand. Nur sein Urteilsvermögen war zweifelhaft. Er bemühte sich, Worte zu finden, die er an jemanden richten konnte, der seine Jugend und seinen Status mit Geringschätzung behandelte. Ehe er etwas sagen konnte, fuhr der alte Mann fort, als ob ihm plötzlich die Geduld gerissen sei. »Sag deinem Freund, dass er seine Schiffe aus meinen Gewässern fortschaffen soll. Wenn er andere Bitten an die Flotte hat, dann soll er denen nachkommen! Ich bin ein König von Thasos – ein Verbündeter und ein Hellene, kein Gefangener. Kein Feind! Die Arroganz der Athener! Wenn Sparta das Kommando behalten hätte, würden sie diese Ungerechtigkeit nicht zulassen.« Er drehte sich zu Perikles um, und seine Augen funkelten. »Und ich werde es auch nicht.«
Perikles konnte nur den Kopf schütteln, als der alte Mann zu seinem Boot hinunterstieg und ans Ufer gerudert wurde. Er wusste, dass Kimon seine Meinung nicht ändern würde, aber der König scheinbar ebenfalls nicht. Die Schlussfolgerung daraus gefiel ihm nicht. Es war eine Sache, einen Feldzug gegen eine persische Festung zu führen. Es war eine andere, darüber nachzudenken, eine Klinge gegen das eigene Volk zu ziehen.
Ein wenig später kam Kimon an Deck, zusammen mit der hochgewachsenen Gestalt von Anaxagoras, der eine Ewigkeit zu brauchen schien, um aus dem Schiffsbauch emporzusteigen. Dem Ionier war die athenische Staatsbürgerschaft gewährt worden, was Aischylos und Perikles gefördert hatten. Er hatte Kimon gebeten, ihn als Hopliten auszubilden, damit er im Fall einer Schlacht von Nutzen sein könne.
Kriegsfertigkeiten wurden niemals leichtfertig vermittelt. Doch Kimon war generös, und er hatte keinen Schaden darin gesehen. Jeden Abend hatte er ein oder zwei Stunden Schwertübungen angesetzt, die ein ums andere Mal wiederholt werden mussten, die Art Übungen, die ein junger Krieger ab etwa dem zwölften Lebensjahr an beigebracht bekam. Er hatte zuvor schon etwas Ähnliches mit Bootsmannschaften auf Skyros getan, daher wirkte es ganz selbstverständlich, als ein Dutzend Ruderer fragte, ob sie mitmachen könnten. Epikleos hatte eine Rolle als Ausbilder übernommen, und Perikles war der vierte Mann, als Zenon sich ebenfalls anschloss.
Die harte Arbeit des Trainings half Kimon dabei, den düsteren Ausdruck zu verlieren, den sein Gesicht die meisten Tage über aufwies, sodass er lachte und sich entspannte. Perikles dachte, dass es die einzige Zeit war, in der es ihm so zu gehen schien. Dafür war Anaxagoras verantwortlich. Mehr noch, es war für alle auf den Schiffen der Bündnisflotte ein gewöhnlicher Anblick geworden, jeden Abend Männer mit Schwertern an Deck für den Ernstfall trainieren zu sehen. Es gab natürlich Verletzungen, aber das war immer der Fall, wo eine große Anzahl von Männern zusammenkam und Schwerter in Händen hielt. Perikles war sich sicher, dass die Übungen sie zu einer noch gefährlicheren Truppe gemacht hatten. Er fragte sich nur, ob sie jemals einen würdigen Gegner für einen Kampf finden würden. Wenn es stimmte, was Hesiodos gesagt hatte, dann hatte Persien das Schlachtfeld tatsächlich aufgegeben …
Er fing ein Schwert auf, das Epikleos ihm zugeworfen hatte. Das war genau die Art unbesonnener Bewegung, die mit einem verlorenen Finger oder einem für einen Monat bandagierten Arm enden konnte. Dennoch jubelte er innerlich darüber.
»Pass für mich auf, ja?«, sagte Epikleos. »Ich zeige ihnen noch mal die ersten drei Kombinationen.«
Jede von ihnen dauerte vier Bewegungen lang an, alles in allem ein Muster aus zwölf Abfolgen, das von zwei Männern, die einander vertrauten, in hitziger Geschwindigkeit ausgeführt werden konnte. Die Kombinationen gingen so ins Gedächtnis über, dass der Körper reagieren konnte, ohne nachzudenken. Der Unterschied zwischen einem geübten und einem ungeübten Mann war schließlich in einem Kampf der Unterschied zwischen Leben und Tod. Er begriff, dass er seinem Vater für die mehr als tausend Stunden Kampftraining zu danken hatte. Doch er war fort, genauso wie die Perser … Der Gedanke nagte an ihm, wie etwas, das er nicht richtig in sein Blickfeld bringen konnte. Epikleos begann mit der ersten Abfolge und endete mit einem Stoß gegen die Schulter, die ihn herumdrehte, dann mit einem Hieb gegen seinen ungeschützten Hals. Schließlich schrie Epikleos auf, was Perikles aus seinen Gedanken riss.
»Zweite Variante!«, kündigte Epikleos für diejenigen an, die zusahen. Mit zuckenden Muskeln nahmen Zenon und Anaxagoras alles in sich auf, während sie die Bewegungen zuerst in Gedanken ausübten, ehe sie diese tatsächlich durchführten.
»Und … eins …« Epikleos führte einen niedrigen Schlag aus, aber Perikles bewegte sich nicht von der Stelle. Der alte Mann fiel beinahe hin, als er den Schlag abbremste, bevor er ihm in den Oberschenkel hieb.
»Perikles! Zweite Variante! Bei den Göttern, ich hätte dich beinahe …«
»Es tut mir leid. Zenon, komm und nimm bitte meinen Platz ein«, sagte Perikles. Er wandte sich ab, als Zenon schnell wie immer einsprang.
»Kimon?«
Der Nauarch der Flotte erklärte gerade einem der Ruderer eine Bewegung, wobei er die Klinge langsam in der Luft drehte, um ihm einen bestimmten Winkel zu zeigen, und seine Füße auf die gleiche Art bewegte. Als Perikles sich näherte, blickte er auf. »Was gibt es?«
»Der König von Thasos hat etwas Merkwürdiges gesagt, während er auf sein Boot wartete.«
Kimon hob kurz die Augenbrauen. »Er ist ein alter Narr. Wie ich gehört habe, gibt es mehr als nur eine Goldmine auf Thasos. Der Mann ist reicher als die Hälfte der Mitglieder des Bundes. Er könnte die Abgaben für das Seebündnis auf hundert Jahre im Voraus zahlen, aber trotzdem hält er das Geld zurück. Na, das wird er bereuen.«
»Er sagte … dass sich die Perser zurückgezogen hätten – und das stimmt ja auch. Wie lange haben wir schon kein persisches Schiff mehr gesehen, nicht einmal einen Händler? Seit sechs Monaten, oder mehr?«
»Und wenn schon? Wer von ihnen würde es wagen, die Ägäis zu befahren, solange wir Wache halten?«
»Ja, ich weiß, aber … gar nichts? Kommt es dir nicht seltsam vor, dass Persien auf einmal so ruhig ist?«
Kimon zuckte mit den Achseln, aber er ließ sein Schwert sinken, während er nachdachte. »Es gab ein paar Truppenbewegungen um den Hellespont, erinnerst du dich? Wir haben diese Mannschaft von Fischern aufgegabelt, und sie haben gesagt, dass Artabazos dort Statthalter ist – nein, Satrap. Fette kleine Biene, der Mann. Ich hätte ihn auf Zypern töten sollen, als ich die Gelegenheit hatte.«
»Das ist es, glaube ich«, sagte Perikles langsam. »Im Norden sind sie umtriebig, um die Küste von Byzanz herum. Sie treiben dort Handel, und wir sehen ihre Schiffe, wenn sie die Küste entlangfahren. Aber keine Truppenbewegungen nahe Zypern? Das ist auch eine Küste unter persischer Kontrolle. Sie haben dort Garnisonen, Fischerdörfer, Flüsse und tiefe Häfen, aber wir haben seit unserer Zeit dort keinen Bericht über auch nur ein Segel gehört.«
»Stimmst du also dem König von Thasos zu? Ich muss schon sagen …«
»Nein, er ist ein Narr, aber es lässt mir keine Ruhe, und irgendetwas ist merkwürdig. Wir sehen manchmal immer noch phönizische Kaufleute um Thrakien herum, die persische Waren geladen haben. Sie halten an, lassen sich durchsuchen und bezahlen ihre Steuern und Hafengebühren, und warum auch nicht? Es kommt uns allen zugute. Aber im Süden? Nicht ein Segel. Kein einziges Schiff.«
Er blickte Kimon an, und beiden kam derselbe Gedanke.
»Es muss nichts bedeuten …«, sagte Kimon. Er blickte bereits über die Insel hinweg und verteilte in Gedanken Truppen. »Aber sie haben nie versucht, Zypern zurückzuerobern. Ich frage mich … was, glaubst du, verbergen sie?«
»Ich denke, sie wollen vermutlich nicht, dass wir dort patrouillieren und nachschauen. Wenn das stimmt, dann müssen wir es sehen, was auch immer es ist.«
»Ich habe dem alten Dummkopf drei Monate gegeben«, sagte Kimon. »Ich kann die Flotte jetzt nicht abziehen, oder er denkt, dass er gewonnen hat.«
»Dann eben nur ein Dutzend Schiffe«, sagte Perikles. »Die Chance besteht, dass da gar nichts ist. Eine Abwesenheit ist kein Beweis. Zenon würde es lieben. Ich liege wahrscheinlich falsch. Sende einfach ein paar Schiffe aus, die um Zypern herum die Küste absuchen. Vielleicht ist es nur so ruhig, weil es eben ruhig ist.«
Kimon blickte immer noch über die Hänge von Thasos hinweg. Er schüttelte den Kopf. »Nein. Ich bin kein Kerkermeister, wie der alte König Hesiodos mich gerne darstellen würde. Ich habe ihm mein Ultimatum gegeben – und ich habe ihm erlaubt, dafür seinen Eid zu umgehen. Entweder wird er seiner Ehre genügen, oder eben nicht. Ich werde nicht dabei zuschauen, wie er scheitert. Komm, Perikles. Ruf meine Kapitäne zusammen.«
»Alle?«
»Jeden Einzelnen von ihnen. Ich habe die Hälfte der Laderäume voll mit den Abgaben, die dieses Jahr nach Delos gebracht werden. Wir werden dort vor Anker gehen, und wenn das Wetter hält, fahren wir weiter nach Zypern.«
Er sah, wie Perikles die Stirn runzelte, und lachte leise auf.
»Was ist?«
»Ich mache mir Sorgen, dass ich dich überredet habe, die Flotte von Thasos abzuziehen, und das alles wegen eines Verdachts.«
Kimon lächelte und schüttelte den Kopf. »Das ist der Grund, weshalb das Bündnis existiert, Perikles, warum wir die Flotte haben. Selbst wenn du falschliegst, weiß jeder kleine König, der uns vorbeifahren sieht, dass die See uns gehört. Komm, lass uns herausfinden, ob unsere Instinkte gut sind.«