Xerxes fragte sich, ob der Mann an seiner Seite jemals das seltsame Flattern im Magen verspürte, das Gefühl von Grauen, das sich an ihn heranschlich und ihn mit einem Keuchen aus dem Schlaf schrecken ließ, während sich noch immer der Mond erhob. Er sah kein Zeichen von Nervosität in Artabazos – eine professionelle Fassade, oder vielleicht Abgestumpftheit durch Opium und Haschisch. Es hieß von seinem General, dass er beidem nachgab, aber wenn es seine Nerven beruhigte, schadete es nicht. Im Gegenteil, die kleinen Bällchen brachten Mut an die Oberfläche und ließen einen Mann sich wie ein Löwe fühlen, zumindest für eine Weile. Xerxes bemerkte, dass eine seiner eigenen Hände bebte, und er ergriff sie mit der anderen. Er würde an diesem Abend ebenfalls seine Ängste besänftigen müssen.
Es half nicht, dass Artabazos sich an Gespräche mit General Mardonios erinnern konnte, der bei Platäa versagt hatte, oder an noch weiter zurückliegende Unterhaltungen mit General Datis, der bei Marathon an Land gegangen und dort abgeschlachtet worden war. Xerxes schauderte bei den Erinnerungen an seine Kindheit und seinen Vater. Persien hatte an den Ufern im Westen mehr Blut und Gold verloren, als jemals gewogen und gezählt werden konnte.
Der König hielt an, und Artabazos verharrte sofort. Er war die Launen und Schwärmereien des Mannes, der das Reich regierte, inzwischen gewohnt. Gut achtzig Wachen und Sklaven folgten dem Paar, um auf das kleinste ihrer Bedürfnisse einzugehen. Sie konnten jederzeit einen Baldachin über ihn heben und ihm kühle Getränke reichen.
Xerxes blickte über einen Fluss hinweg, der sich weiter und weiter in die Berge zurückschlängelte, Meilen von der Küste entfernt, wo keine griechischen Augen jemals hingeblickt hatten. An seinen wildesten Orten war er wie der Hellespont im Norden, wo er Artabazos seine Satrapschaft gegeben hatte. Jeder Teil des Flusses war mit Schiffen angefüllt, die sich bis in den fern liegenden Dunst erstreckten. An manchen Stellen konnte man beinahe auf ihren Decks von einem Flussufer zum anderen laufen, ohne eine Landungsbrücke zu brauchen. Seine Flotte, das Heer seines Reichs. Es hob ihm das Herz, dessen schieres Ausmaß zu sehen. Im morgendlichen Wind stellte er sich vor, er könnte fühlen, wie der Geist seines Vaters ihn umarmte. Das brachte seinen eigenen Schmerz mit sich, aber er hob den Kopf an.
»Es hat Jahre gebraucht, um an diesen Punkt zu kommen«, sagte Xerxes. »Sklaven haben zu Tausenden ihr Leben in freudiger Arbeit hingegeben. Sie sind in größerer Anzahl ertrunken und zerschmettert worden, als irgendjemand sagen kann. Aber wir haben in Schlammflächen tiefe Kanäle gegraben, wo vorher keine da gewesen waren. Wir haben Wälder abgeholzt, um Schiffe zu bauen – und wir haben Männer ausgebildet, um in den Krieg zu ziehen. Sag mir …«
Er konnte es nicht aussprechen, aber Artabazos schien zu verstehen. »Wir können gewinnen, Eure Majestät«, murmelte er. »Ich schwöre es. Ich könnte mein Leben darauf verpfänden, aber Ihr wisst, dass es bereits Eures ist, und das tausendmal. Wir haben von all dem gelernt, was zuvor geschehen ist – von den verfluchten Namen.«
Er würde nicht Marathon oder Platäa erwähnen, nicht in der Gegenwart des Königs. Das waren Worte, die nicht ausgesprochen wurden, wenn sie auch wie Gewichte auf den Schultern des Königs lagen und ihn nach unten drückten.
Xerxes betrachtete den Mann, den er auserwählt hatte, die Streitkräfte des Reiches anzuführen. Artabazos war noch immer dasselbe kleine Fass von einem Mann, obwohl er vielleicht um die Augen herum älter geworden war. Er hatte Niederlage und Schmerz erlebt, aber Xerxes hoffte, dass sie ihn zu jemandem mit Erfahrung gemacht hatten. Dadurch, dass er diese Dinge kannte, würde er besser in der Lage sein, sie zu vermeiden.
»Das Reich ist riesig, Artabazos. Ich glaube nicht, dass ein Mann sich seine Größe vorstellen kann. Man bringt mir Berichte von Unruhen, von Besatzungen, die von großen Truppenbewegungen meiner eigenen Leute vertrieben werden. Aber wenn mich die Nachrichten darüber erreichen, ist alles bereits eine Erinnerung, als sei es überhaupt nicht geschehen. Und doch …« Er blickte seinen General an und fragte sich, wie viele seiner Ängste er teilen durfte. Der leichte Wind ließ seine Robe wallen, und er dachte wieder an seinen Vater.
Der Thron war ein einsamer Sitz. Wer sonst teilte tatsächlich seine Verantwortlichkeiten? Nicht einer von Tausenden, die in seinem Namen versammelt waren. Xerxes beschloss, nicht zu freizügig in Gegenwart eines Mannes zu sprechen, den seine Schwäche mutig machen konnte. Er brauchte Artabazos, um die Flotte und sein Heer nach Griechenland zu führen, um Jahre mit dem Feldzug zuzubringen und den Sieg nach Hause zu bringen, der ihm zweimal verwehrt worden war.
»Es noch einmal zu versuchen, bringt Gefahren mit sich, General«, sagte er nach einer langen Pause. »Für dich … für die Stabilität des Reichs. Wenn du Segel setzt, wirst du Persien mit dir führen.« Der König streckte die Hand aus und berührte Artabazos über dem Herzen. »Hier … und da.«
Er berührte ihn zwischen den Augen. Artabazos beschloss, sich vor ihm am Boden auszustrecken, aber Xerxes hielt ihn am Arm fest und verhinderte es. Es war eine Geste von überraschender Intimität, die mehr als jede Worte über sein Vertrauen in seinen General sagte.
»Ich werde Euch nicht enttäuschen, Eure Majestät«, sagte Artabazos.
Xerxes sah, dass er schwitzte. Seine Haut glänzte in der Sonne. »Sie wussten schon vorher, dass wir kamen. Mein Vater ließ die Flotte am Hellespont erbauen, und die Griechen sahen es mit an und meldeten unsere Anzahl, unsere Route, alles. Deshalb waren sie auf uns vorbereitet, General. Das wird jetzt unser Vorteil sein. Wie viele Schiffe haben wir dieses Jahr? Wie viele Männer?«
Er lächelte bei seinen Worten. Xerxes mochte es, Artabazos zu sich zu rufen und Fragen auf ihn abzuschießen, sein Wissen zu überprüfen und sein eigenes Unbehagen zu besänftigen.
»Eure Majestät, wir haben dreihundertacht Schiffe, und dreißig weitere werden noch fertiggestellt. Flussaufwärts habe ich Rudermannschaften, die ihre Befehle und Fertigkeiten lernen. Die neuen Flaggensignale sind ein Wunder. Wenn wir die Griechen wiedertreffen, werden wir ihnen ebenbürtig sein, das schwöre ich auf dem Leben meiner Kinder.«
»Und das Training der Männer? Wie geht es inzwischen voran? Unsere Unsterblichen schlugen die Spartaner bei den Thermopylen, General. Wenn ich fünfzigtausend von ihnen gehabt hätte, wären wir damals nicht unterlegen gewesen.«
»Thermopylen« war keines der verfluchten Wörter. Es war der einzige Lichtblick in einem verlorenen Feldzug gewesen, und Xerxes erwähnte ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Dann durchlebte er von Neuem die dramatischen Tage in dem Pass und den Fall von Leonidas.
»Ich würde sagen, dreißigtausend sind bis zum Grad von Unsterblichen trainiert – oder dem von Spartanern, Eure Majestät. Weitere sechzigtausend nähern sich dieser Stufe.«
Artabazos dachte nicht, dass der König einige der Geschichten über das Chaos schätzen würde, dessen Zeuge er geworden war. Die Wahrheit war, dass es mehr als nur Zeit und Willen brauchte, um eine Streitmacht wie die Unsterblichen aufzubauen. Es brauchte Glauben an sich selbst. Die riesige Armee, die er bis aus den entferntesten Ecken von vierzig Königreichen versammelt hatte, besaß diesen Glauben noch nicht. Trotzdem hatte er ihnen körperliche Ertüchtigung vermittelt, und es stimmte, dass er Tausenden beigebracht hatte, ein Schwert und ein Schild zu halten – mit Beinschienen und Helmen. Sie hatten wirklich von den Griechen gelernt, und mitten in seiner Furcht fand er doch auch die Gelegenheit reizvoll, ein letztes Mal gegen seine Feinde anzustürmen. Egal, ob Sieg oder Katastrophe, es würde der finale Akt seines Lebens sein, da war er sich sicher. Wenn er gewann, würde Xerxes ihm schwerlich noch mehr geben, als er das bereits getan hatte. Es gab wirklich nur eine begrenzte Menge, die ein Mann verbrauchen konnte, und er war bereits zu schwer und steif in den Hüften. Er wusste, wenn er verlor, würde er sich lieber das eigene Leben nehmen, als sich in irgendeine griechische Stadt schleifen, anspucken und malträtieren zu lassen. Dennoch lächelte er. Es war das Leben, das er gewählt hatte. Im Vergleich dazu war Persien ein viel größerer Schatz und mehr wert als sein einzelnes schlagendes Herz.
»Bilde sie aus, bis sie bluten, Artabazos, bis sie vor Schmerzen schreien und ihr Atem wie das Feuer einer Esse ist. Mach sie fähig und schnell und tödlich, jeden Einzelnen. Sie sollen meine neuen Unsterblichen werden … oder sollte ich ihnen andere Namen geben? Namen von Tugenden oder furchterregenden Bestien? Indische Tiger vielleicht, oder Leoparden?«
Einen Moment lang überlegte sich Artabazos seine Antwort, obwohl es kein Vorschlag war, wenn der Großkönig so etwas sagte. Er vermutete, dass Xerxes an diesem Tag nur zu ihm gekommen war, um die Idee weiterzugeben. Es war einer der Gründe, warum dem General vor dem monatlichen Auftauchen des Königs am Fluss graute. Xerxes hatte ständig irgendeinen neuen Gedanken, wie man das Training oder die Rüstung verbessern konnte. Er hatte nur äußerst widerstrebend die Idee aufgegeben, Tiger auf dem Schlachtfeld loszulassen, als könnte man sie wie Pfeile auf den Feind richten. Die Flucht von nur einem von ihnen hatte dazu geführt, dass zwei seiner Männer körperlich ruiniert waren und einer sein Leben gelassen hatte. Das Tier hingegen war schließlich in den Hügeln verschwunden.
»Das ist ein schöner Gedanke, Eure Majestät«, sagte Artabazos schließlich.
Er hatte seine Antwort so lange hinausgezögert, bis der König die Stirn gerunzelt hatte, aber das war alles, was er tun konnte. Es war nicht einmal eine schreckliche Idee, aber er mochte es nicht, wenn Xerxes sich in die Vorbereitung des Heers einmischte. Es war für ihn zweifellos eine Quelle von Sorgen. Artabazos konnte sich an kein Treffen ohne versteckte Hinweise auf Unruhe im Reich oder eine versiegende Schatzkammer erinnern. Der General war sich nicht sicher, ob der Großkönig sich jemals darüber Sorgen machen musste, dass seine Untertanen rebellieren könnten. Er war immerhin der Erwählte von Ahura Mazda, er war von seinem göttlichen Blut. Und doch gab es Momente, in denen Artabazos durch ihn hindurchsah und jenseits von Gold und Juwelen einen verängstigten Mann erkannte. Xerxes musste gewinnen. Er hatte alles auf die letzte Gelegenheit eines Siegs über die Griechen gesetzt. Wenn er kam, würde er zweifellos ein großartiges letztes Kapitel in der Geschichte darstellen. Artabazos berührte in stummem Gebet seine Lippen und sein Herz.
»Gott sei mit uns«, sagte er.
Ephialtes zeigte kein Zeichen von Gefühlsregung, als die Stimmen gezählt wurden und man die Entscheidung verkündigte. Nach dem Altersrücktritt von zwei Uralten und dem Tod von einem, den er nicht gekannt hatte, war er zu einem von zehn Strategoi von Athen gewählt worden. Ephialtes würde mit drei neuen Schiffen ausfahren und junge Mannschaften in sicheren Gewässern ausbilden. In Kriegszeiten hätte der Titel bedeutet, die Befehlsgewalt über einen Teil des Heers oder der Flotte zu haben. Zwei der anderen Männer, die an diesem Tag gewählt worden waren, würden die Besatzung zur Verteidigung der Stadt und der Wachen auf der Stadtmauer überwachen. Geringere Posten, für Friedenszeiten.
Im Krieg hätte Ephialtes genug Ruhm gewinnen können, um der Volksversammlung seinen Namen wie mit goldenen Lettern einprägen zu lassen. So wie es Männer wie Aristides getan hatten, oder Xanthippos und Themistokles. Sie waren mit Gelegenheiten schier überhäuft worden, dachte er. Ohne angreifende Perser würde sein Weg härter werden.
Dennoch war es ein Schritt. Ephialtes wünschte, seine Eltern wären noch am Leben gewesen, um es zu sehen. Früher einmal hatte er Armut gekannt, aber nun nicht mehr. Es erstaunte ihn immer noch, wie wohlhabende Männer aufstrebende Persönlichkeiten in der Volksversammlung umwarben, selbst diejenigen, die behaupteten, dass sie Wohlstand gering schätzten. Ihm waren Teilhaberschaften an Geschäften angeboten worden, an einer neuen Silbermine und einem Gestüt. Wenn er die Großzügigkeit infrage gestellt hatte, dann hatten gute Männer, die er bewunderte, Überraschung ausgedrückt. Was war der Sinn von Wohlstand, wenn nicht der, in eine neue Generation zu investieren? Sie glaubten schließlich an eine gerechte Gesellschaft.
Einige seiner Gönner saßen auf Bänken über der Versammlung. Sie waren gekommen, um mitanzusehen, wie er in sein Amt eingesetzt wurde. Es war seiner Aufmerksamkeit nicht entgangen, dass es alles Männer waren, die sich nach dem Krieg erhoben hatten. Seine Ansichten über die Abschaffung des Rats der Archonten waren gut bekannt. Er hatte keine Gönner unter den Eupatriden oder Familien wie der von Perikles und Kimon. Nein, seine Leute hatten hart für das gearbeitet, was sie besaßen – und sie waren dadurch umso stärker.
Er schaute sich um und sah Aristides, der geduldig darauf wartete, dass er ihn anblickte. Der alte Mann war ebenfalls da, um zu beobachten. Seine Stimme bestimmte nicht mehr Debatten auf der Pnyx oder in der Ratshalle. Sie war zu einem schwachen Pfeifen geworden. Er trug noch immer sein notorisch schmuddeliges Gewand, wie Ephialtes sah. Einst hatte der jüngere Mann dies als eine schöne Aussage von Ehrlichkeit betrachtet. Doch nun erschien es ihm irgendwie künstlich, oder als eine reine Zurschaustellung. Sein eigenes Gewand war weiß und gut hergestellt – und es veränderte nichts an ihm, wenn es auch das beste war, das er je besessen hatte.
Aristides neigte den Kopf, und Ephialtes nickte zurück. An diesem Morgen konnte er es sich leisten, liebenswürdig zu sein. Er hatte Schiffe bereitliegen, die fertig zum Ausfahren waren, und genügend Unterstützung, um ihn im Rat als Anführer der Männer einzusetzen. Das war sein Tag. Er blickte zu den anderen hinüber, die man zu Strategoi gemacht hatte, aber sie waren lediglich Platzhalter. Beide von ihnen hatten mehr Erfahrung als er, in Krieg und im Rat oder auf der Pnyx. Trotzdem war er ihnen ebenbürtig geworden, und in den kommenden Tagen würde er sie noch übertreffen. Er hatte jede Rede, die veröffentlicht war, und jedes formulierte Argument gelesen. Er hatte seinen Geist wie seinen Körper trainiert, hatte an seinem Geburtstag und an Feiertagen in dem Wissen gearbeitet, dass keiner seiner Mitbewerber es ihm gleichtun würde. Man konnte Erfolg wie Metall in einer Esse oder wie ein wildes Pferd bearbeiten und sich untertan machen. Das war seine Offenbarung gewesen, und sie hatte ihn noch nicht im Stich gelassen.
»Ihr Männer von Athen, in meinem Schiff werde ich einen Teil dieser Stadt mit mir nehmen, wenn ich abreise«, begann Ephialtes. Er lächelte. Ein wenig Humor würde dafür sorgen, dass sie ihn liebten. »Obwohl ich froh darüber bin, dass der Kapitän mehr Erfahrung als ein neu eingesetzter Strategos hat.«
Der Rat lachte, und er lächelte in echter Freude über die Dauer und die Lautstärke, die er ihnen entlockt hatte.
»Ich begrüße die Ehre, ihr Männer von Athen. Auf See werde ich diesen Rat und die Volksversammlung gegenüber den Inseln und Flotten unserer Verbündeten repräsentieren. Ich leiste meinen Eid, unsere Prinzipien aufrechtzuerhalten – die Prinzipien von Integrität, von Mut und der Herrschaft des Volks. Diejenigen von euch, die mich kennen, können meinen Glauben bestätigen. Ich danke euch für euer heutiges Votum.«
Sie jubelten, als er zurücktrat. Nur aus Spaß und Bosheit streckte er einem der anderen beiden Strategoi die Hand entgegen, was den Mann dazu zwang, ohne Vorbereitung durch eine Rede zu stammeln. Sie fiel ziemlich flach aus, aber Ephialtes applaudierte ihm dennoch. Der Rat löste sich zum Mittagessen auf, und er ging auf die Agora hinaus, wo alle Offiziere der drei Triremen versammelt waren.
»Männer, ihr sollt mich als Strategos zur Flotte bringen«, sagte Ephialtes.