Perikles fragte sich, ob es jemals eine Zeit geben würde, in der der Anblick der Flotte unter Segeln es nicht schaffen würde, seine Stimmung zu heben. Sie schossen mit einem leichten Wind dahin wie Gänse, während die Steuermänner in den Reihen von Schiffen ihre Positionen hielten. Hopliten in polierten Bronzerüstungen gingen auf den Decks. An all dem war eine Freude und Geschwindigkeit, die er liebte. Nur der Anblick der Schiffe unter Ephialtes’ Befehl konnte seine Laune an diesem Morgen, einige Wochen südlich von Delos, trüben. Der frischgebackene Strategos von Athen hatte es als Sieg verbucht, sechzig Männer zu bekommen, die seine Ruderbänke füllten und seine Segel hissten. Dennoch war es so gewesen, wie Perikles es mit etwas mehr Kenntnis über die Flotte vermutet hatte. Die Hälfte der Kapitäne des Bundes hatte irgendein Mannschaftsmitglied, das sie nicht ausstehen konnten, einen betrunkenen Unruhestifter, der den ganzen Rest aufwiegelte. Sie waren froh gewesen, ihre Schlimmsten zu schicken.
Es hatte sich vom ersten Tag an gezeigt. Die Kriegsschiffe unter Ephialtes hatten erfahrene Männer von bestem Format gebraucht, damit diese die unerfahrenen Mannschaften ausbildeten. Stattdessen trieben sie am Ende der Flotte unter Segeln dahin und schienen nicht in der Lage zu sein, ihre Geschwindigkeit oder ihren Kurs den übrigen Schiffen anzupassen. Was noch schlimmer war: Ephialtes hatte einige der neuen Männer als Offiziere über den Rest eingesetzt. Perikles hatte gehört, dass sie sich als kleine Tyrannen der schlimmsten Sorte herausgestellt hatten. Sie küssten die Sandalen des neu eingesetzten Strategos und quälten diejenigen, denen sie befahlen. Es hieß, dass es jeden Tag Auspeitschungen an Bord gab, sodass die Hälfte der Mannschaften frische Striemen aufwies. Das schien nicht die Disziplin wiederhergestellt zu haben.
Als Anaxagoras sich neben Perikles stellte, sah er die Richtung, in die dieser grimmige Blicke warf. Der hochgewachsene Ionier hielt immer nach einem Geländer Ausschau, auf das er sich lehnen konnte, aber natürlich gab es auf dem offenen Deck keine. Das Heck krümmte sich aufwärts und vornüber, mit ein paar eingesetzten Trittstufen, die der Ausguck ersteigen konnte. Die übrigen Besatzungsmitglieder mussten stehen, bis ihre Füße schmerzten, wenn sie Wachdienst hatten. Anaxagoras spürte das Unbehagen mehr als die meisten, daher rieb er sich hin und wieder das Kreuz. Er tat es gerade, als er die drei Schiffe beobachtete, die weit hinter dem Rest der Flotte trieben. Eines von ihnen nahm seinen eigenen Weg und blieb dabei immer mehr zurück.
»Sag mir noch mal, dass der Mann zum Strategos gewählt wurde«, murmelte Anaxagoras.
Perikles ließ ihm gegenüber ein Grinsen aufblitzen. »Die Volksversammlung setzt jedes Jahr zehn von ihnen ein. Manche werden behalten und wieder und wieder als Vorschlag eingebracht, beinahe wie eine Formalität. Mein Vater war einer von ihnen; Aristides ein anderer. Wieder andere werden fallen gelassen, wenn sie es nicht schaffen, sich auf irgendeine Weise auszuzeichnen. Es ist noch zu früh, um zu entscheiden, wie Ephialtes sich machen wird.«
»Ist es das?«, fragte Anaxagoras.
Perikles lachte leise. Zu seinem Vergnügen hatte er herausgefunden, dass Anaxagoras ein sehr amüsanter Mann sein konnte. Es war leicht, das anfangs nicht zu bemerken. Im Gegensatz zu Zenon lachte Anaxagoras selten, bis ihm der Wein aus der Nase floss. Anaxagoras mochte eine Athenerin geheiratet haben, aber er war noch immer ein Außenseiter, ein Beobachter. Zusammen mit einem außergewöhnlich scharfen Verstand verlieh ihm diese Position eine frische Perspektive. Zenon sagte, es gäbe kein Problem, das der hochgewachsene Mann nicht lösen könne, solange er Zeit und Lust dazu hätte. Es war ein seltenes Kompliment.
»Es ist erstaunlich, wie viel Zwietracht er in nur ein paar kurzen Wochen gesät hat«, sagte Perikles. »Er fordert Kimon heraus, als würde es um etwas Persönliches dabei gehen, aber ihm fehlt das Wissen, wie man es richtig anstellt. Nein, er ist auf See völlig fehl am Platz, Anaxagoras. Manchmal wählen die Leute einen Dummkopf an die Macht. Der einzige Trost ist, dass sie ihn auch wieder entfernen können. Ein Tyrann würde sich länger halten.«
»Vielleicht wird seine Mannschaft ihn vorher umbringen«, sagte Zenon, der von hinten zu ihnen trat.
Die drei blickten über das Heck hinaus. Kimon war auf seinem eigenen Flaggschiff, keine zweihundert Schritte weit entfernt. Sie fuhren mit demselben Wind in ihren Segeln, es war eine Art Bruderschaft. Noch als Perikles den Gedanken verfolgte, sah er, wie Kimon zum Heck schritt und finster in die Richtung der Schiffe starrte, die weiter und weiter zurückfielen. Es war nicht nötig, sich seine Gedanken auszumalen. Kimon hatte sie sehr deutlich ausgedrückt, wenn auch nicht vor den anderen Kapitänen des Bündnisses.
»Wenn man einen Hund lange genug quält, wird er irgendwann nach seinem Herrn schnappen«, sagte Perikles. »Aber wenn sie rebellieren, wird Kimon sie an Land absetzen müssen, wo ihnen nichts anderes übrig bleibt, als zu hungern oder um eine Rückfahrt nach Hause zu betteln. Und wenn es Gewalt gibt, wird er sie hängen lassen. Sie sind freie Männer. Sie müssen nicht in der Flotte dienen.« Er rieb sich das Kinn und fühlte die Stoppeln dort. »Aber ich denke, Kimon wird handeln, ehe das passiert. Wenn er diejenigen, die mit Ephialtes segeln, unter ein paar Hundert Schiffen aufteilt, könnte er sie immer noch retten. Sie werden lernen, wie eine gute Mannschaft aussieht und was man von ihnen erwartet.«
»Basierend auf der Theorie, dass gute Äpfel schlechte Äpfel in gute verwandeln?«, sagte Anaxagoras. »Vielleicht. Oder sie ruinieren die Disziplin in der ganzen Flotte. Ein schlechter Apfel auf jedem Schiff könnte Chaos anrichten, meinst du nicht?«
»Ein schlechter Apfel kriegt nicht die Zähne ausgeschlagen, wenn er einem erfahrenen Mann dumm kommt«, sagte Perikles. Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Auf jeden Fall sind Männer keine Äpfel.«
»Nicht? Für mich ist unser Freund, der Strategos, trotzdem ein ziemlich fauliges Exemplar«, murmelte Anaxagoras.
Am anderen Ende des Kriegsschiffs schrie der Ausguck aus voller Kehle: »Untiefen voraus!« Er deutete mit seiner linken Hand. Die Steuermänner passten ihren Kurs an und manövrierten sie von einer möglichen Gefahr fort. Sie waren in einem Gebiet zwischen mehreren Inseln und kamen in Richtung Süden und Osten voran, als würden sie zwischen Trittsteinen hin und her springen. Es war eine Route, die Perikles mit seinem Vater und seinem Bruder gefahren war, und einen Moment lang schnürte die Erinnerung ihm die Kehle zusammen. Im Süden lag Rhodos, und als sie die nördliche Spitze der Insel passierten, war der Horizont einfach nur Persien, riesig und unerkennbar.
Der Gedanke erinnerte ihn an den Grund, weshalb sie in diese Gewässer gekommen waren. Seitdem er die Abwesenheit persischer Schiffe bemerkt hatte, hoffte er, nicht wie ein Idiot auszusehen. Auch wenn Kimon davon sprach, wie notwendig es sei, dass ihre Flotte gesehen wurde, wollte Perikles nicht, dass man sein Urteilsvermögen infrage stellte. Das konnte ebenfalls wie Münzen ausgegeben werden, sodass am Ende nichts mehr vorzuweisen war.
Er löste seinen Blick von den wie angeschlagenen Schiffen, die hinter der Flotte herzogen. Sie waren mehr Kimons Problem als seines. Stattdessen beschattete Perikles die Augen und hielt nach einem einzigen persischen Fahrzeug welcher Art auch immer Ausschau. Er kniff die Lider etwas zusammen und drehte den Kopf hin und her, aber die eigenartige Leere schien weiter zu bestehen. In diesem Teil des Südens war nicht ein Segel zu sehen. Weder ein Fischerboot noch ein Handelsschiff, von einem Kriegsschiff ganz zu schweigen.
Persien war ein Reich, das sich über Land erstreckte, das stimmte. Dennoch war es seltsam, genau entlang der Küste seines südlichen Zentrums leeren Ozean zu sehen. Perikles merkte, dass ihm vom vielen Starren ins blendende Sonnenlicht die Augen tränten, aber er war zufrieden, dass er Kimons Zeit nicht mit einer falschen Warnung vergeudet hatte. An dieser Abwesenheit war etwas sonderbar. Er konnte es fühlen wie einen sich nahenden Sturm.
Während die Flotte sich übers Meer bewegte, erstarb der Wind zu einem Nichts. Beinahe im Gleichtakt wurden die Segel gerefft, und Ruder rasselten hinaus, um zeitig ihre Geschwindigkeit zu erhöhen, schneller als noch zuvor. Perikles konnte nicht anders, als den Schiffen unter Ephialtes einen Blick zuzuwerfen. Sie mühten sich ab, als seien sie auf eine unbemerkte Sandbank aufgelaufen oder als wälzten sie sich in unsteter See. Ruder tauchten auf und wurden ohne ersichtlichen Grund wieder zurückgezogen. Wenn diese Art Chaos nicht jeden Abend ausgepeitschte Besatzungsmitglieder zur Folge gehabt hätte, wäre es vielleicht amüsant gewesen. Unter den gegebenen Umständen ballte Perikles die Fäuste.
Zu Hause auf der Pnyx sprach Ephialtes klar und deutlich, mit einem guten Gefühl für seine Überzeugungen. Wenn er Land unter sich hatte, war er ausreichend zuverlässig, aber das Meer war anders und unerbittlich. Auf dem Meer wurden Menschen bloßgelegt. Zweifellos würden sie ein Dutzend neue Beschwerden von Ephialtes hören, wenn Kimon an diesem Abend die Offiziere zusammenrief.
Perikles schüttelte den Kopf, als er sich abwandte. Es kam ein Punkt, an dem es beinahe unanständig war, weiter zuzusehen. Er bemerkte, dass Zenon immer noch wie gebannt schien, aber Anaxagoras blickte in eine neue Richtung. Seine Aufmerksamkeit war auf etwas jenseits der Flotte gerichtet.
Am persischen Ufer gähnte eine Flussmündung, die weiter und weiter wurde, als sie an ihr vorbeifuhren. Einen Augenblick lang dachte Perikles, er sähe am Rand seiner Wahrnehmung Umrisse. Er hob beide Hände, um seine Augen zu beschatten, aber es war wie der Flügelschlag eines Vogels gewesen, ein Flattern, das im Dunst verschwunden war. Die Sonne stand tief, und er dachte, Kimon würde bald den Befehl geben, auf dieses Ufer zuzuhalten und für die Nacht vor Anker zu gehen. Zypern lag von ihnen aus gesehen im Süden, aber er erinnerte sich, dass es einen ganzen Tag unter Segeln dauern würde, um die Küste zu erreichen.
»Ich frage mich, wie weit dieser Fluss geht«, sagte Anaxagoras verträumt. »Als ich in Ionien lebte, sagten einige persische Händler, das Reich hätte kein Ende, dass es einfach für immer und immer weiterginge. Sie beschrieben tausenderlei Berge, Täler und Städte, die allen von uns unbekannt waren.«
»Glaubst du, sie haben die Wahrheit gesagt?«, fragte Zenon.
Anaxagoras zuckte mit den Schultern. »Wer kann das sagen. Wir sind jetzt schon seit Tagen an ihrer Küste entlanggesegelt. Hast du diesen Fluss gesehen? Seine Mündung war so weit wie der Hellespont, aber ich habe ihn noch nie auf einer Landkarte gesehen, oder seinen Namen gehört. Es gibt so viel von der Welt, auf das ich niemals auch nur einen Blick werfen werde! Es ist ein Gedanke, der einen Demut lehrt. Für dich gilt das umso mehr, Zenon.«
»Warum für mich?«
»Wegen deiner Größe, mein Freund. Du wirst niemals so viel von der Welt sehen wie ich, weil dein Blickwinkel um so vieles kleiner ist.«
Zenon starrte ihn mit offenbarem Erstaunen an, obwohl Perikles viele Male gehört hatte, wie sie auf genau dieselbe Art debattierten.
»Du denkst, ein Mann auf einer Leiter ist weiser als einer ohne sie?«, begann Zenon.
Perikles lachte leise und überließ sie ihrem Geplänkel. Er ging zurück zum Heck, um seine Blase mit dem Wind zu entleeren. Die einzigen Schiffe, die er sehen konnte, waren die des Bündnisses von Delos, die große Flotte selbst. Seine Leute.
Das Signal, um für die Nacht beizudrehen, kam viele Male. Kimon traf die Entscheidung immer mit genügend Platz und Licht, sodass seine Kapitäne seichtes Wasser erreichen und die Anker auswerfen konnten, ohne ihre Schiffshüllen zu riskieren. Seine Kapitäne waren erfahren darin, unter Rudern mit der langsamsten Geschwindigkeit in Gewässer hineinzufahren, die so klar waren, dass der Junge am Bug die Tiefe allein mit seinen Augen ausmachen konnte. Als der Abend kam, lag die große Flotte ruhig. Die Mannschaften ließen sich nieder, um zu reden, zu essen und zu würfeln oder um Ausrüstung zu reparieren. Ein paar erzählten Geschichten, und andere zupften an Instrumenten, die sie selbst hergestellt hatten, und führten den Rest in Lieder, die älter waren als die Zeit. Ehe das Licht verblasste, schwammen einige ans Ufer, um nach Früchten zu suchen oder Fallen zu stellen, andere nahmen dafür kleine Boote. Sie machten sich bewaffnet auf den Weg, aber es gab keine Anzeichen von Hirten oder Dorfbewohnern, nicht auf diesen blanken braunen Hügeln.
Für diejenigen, die ruderten, war es eine Zeit der Ruhe und der Stille. Dasselbe galt jedoch nicht für ihre Offiziere. Nachdem er einen Tag lang die drei Schiffe mit Ephialtes beobachtet hatte, war Perikles nicht gerade überrascht, auf das Flaggschiff gerufen zu werden. Nicht, dass er in der Flotte einen höheren Rang innegehabt hätte. Unter dem Alter von dreißig Jahren konnte er weder Strategos noch Archon sein, auch kein Epistates für die Volksversammlung oder Richter. Er konnte zu jeder Angelegenheit ein Votum abgeben oder in einer Jury sitzen. Er konnte sich dafür entscheiden, jeden Rechtsfall gerichtlich zu verteidigen oder zu verfolgen, wenn alle Parteien zustimmten. Aber ihm waren noch nicht die Leben anderer anvertraut, nicht, bis er Praotes gelernt hatte, die Besonnenheit eines reifen Mannes.
Daher hatte Perikles auf den ersten Zusammenruf der hochrangigen Offiziere nicht reagiert. Er war ihm erst nachgekommen, als Kimon ein Boot ausgeschickt hatte, um ihn zu holen. Seitdem hatte er begriffen, dass er gegenüber seinem Freund ein Vertrauen genoss, das dieser nur wenigen anderen schenkte. Vielleicht war das so, weil Perikles ähnliche Erfahrungen gemacht hatte – an einige wollte er nicht gerne zurückdenken –, oder vielleicht einfach, weil ihre Väter einander gekannt hatten. Perikles kümmerte es nicht, was es war. Ihm war klar geworden, dass Kimon die Art Mann war, der er selbst sein musste. Perikles versuchte mit ihm wie ein Gleichberechtigter umzugehen, weil er spürte, dass es das war, was Kimon von ihm brauchte. Doch die Wahrheit war, dass er ihn verehrte. Kimon mochte recht jung gewesen sein, um das Bündnis von Delos anzuführen. Kapitäne und Archonten akzeptierten allerdings seine Autorität als ihr Nauarch. Perikles runzelte bei dem Gedanken die Stirn. Die Ironie war, dass nur Ephialtes, ein in Athen Geborener, diese Autorität infrage stellte.
Im letzten Licht des Tages konnte Perikles sehen, wie Ephialtes sie begrüßte und mithilfe eines Taus die Trittstufen zum Deck hinaufstieg. Er seufzte angesichts des finsteren Ausdrucks, den der Mann aufwies. Wahrscheinlich lag es an dem Tag, den er in konstantem Streit mit seiner Mannschaft verbracht hatte, aber Ephialtes war eindeutig ziemlich wütend. Er hatte ein Besatzungsmitglied mitgebracht, jemand, der das Gewand des Strategos und dessen Umhang richtete, während er auf Deck stand. Ephialtes warf Perikles einen Blick zu und blendete ihn sofort mit kräuselnder Lippe gedanklich aus.
»Wo ist Nauarch Kimon?«, richtete er seine Frage an das offene Deck. Er blickte Perikles nicht an, als er sprach, daher sagte dieser nichts. Der Strategos irritierte Perikles auf eine Weise, die er sich nicht zu erklären bemühte. Manche Männer waren einfach Narren. Perikles sah, wie das Besatzungsmitglied, das als Ephialtes’ Bediensteter agierte, aus dem Schatten seines Herrn heraustrat. Ihm stockte der Atem in der Kehle.
Attikos nickte ihm zu, als ihre Blicke sich trafen. Der Mann tauchte ständig auf wie ein Fluch. Perikles hatte ihn seit Wochen nicht gesehen, wenn auch ein paar Dinge sofort Sinn ergaben. Zum einen, dass der Kapitän, der Perikles zu Kimon gebracht hatte, die Gelegenheit ergriffen haben würde, einen Mann loszuwerden, den er bereits hatte auspeitschen lassen müssen – und dass Attikos unter jemandem wie Ephialtes aufsteigen würde. Der Mann sah sich ein wenig nervös auf Deck um, was durchaus zu erwarten war. Perikles fragte sich, wie viel Ephialtes über ihre gemeinsame Geschichte gehört hatte. Kimon würde ebenfalls interessiert sein, Attikos zu sehen, wenn auch nicht erfreut.
»Ich fragte, wo Nauarch Kimon ist«, wiederholte Ephialtes. »Grüßt er nicht mehr länger seine Kollegen?«
Dieses Mal redete er Perikles direkt an. Der jüngere Mann löste seinen Blick von Attikos, um zu antworten. »Das Treffen hat bereits begonnen, Strategos.« Er biss sich für einen Moment auf die Lippe, dann konnte er nicht anders, als hinzuzufügen: »Schon vor einer Weile. Nauarch Kimon ist unter Deck in seinem Versammlungsraum, zusammen mit den Strategoi und den Offizieren des Bundes. Du bist der Letzte, der eingetroffen ist. Er bat mich, auf dich zu warten.«
Ephialtes lief rot an. Er war der Letzte, weil seine Schiffe sich stundenlang hinter den anderen abgemüht hatten. Seine Männer hatten vor Einbruch der Dunkelheit keinen sicheren Ankerplatz erreicht, sodass sie sowohl Schiffsrümpfe als auch die Mannschaften gefährdet hatten. Sie hatten sich auch nicht besonders beeilt, um Ephialtes zum Flaggschiff hinüberzuschaffen. Dennoch schien es, dass das Wissen darum den Groll des Mannes bloß vertiefte.
»Dann hältst du mich nur noch länger auf!«, blaffte Ephialtes. »Geh schon!«
Perikles drehte sich um und führte den Mann die Treppenstufen ins Unterdeck hinab. Dort konnte er das Gemurmel und leise Gelächter der Flottenoffiziere hören, das wie das zufriedene Summen von Bienen klang. Das würde sich bestimmt ändern, dachte er. Er brachte eine Wespe mit sich.
Perikles öffnete Ephialtes die Tür, und dieser trat ein, Attikos blieb zurück. »Ich hoffe, Kyrios …«, begann der sehnige kleine Mann zu sagen.
Ehe er weitersprechen konnte, schloss Perikles vor ihm die Tür. Es war ein kleinliches Verhalten, aber er lächelte dennoch, als er sich dem Inneren des Raums zuwandte.
Das Summen der Unterhaltung war verstummt. Die meisten Männer hielten Becher mit Wein, und es herrschte gute Stimmung vor, die abkühlte, als Ephialtes das Kinn hob und sie anfunkelte.
»Ich habe dich schon vor einiger Zeit erwartet«, sagte Kimon.
Sein Ton war milde genug, aber Ephialtes fasste ihn eindeutig als Zurechtweisung auf.
»Man hat mir nicht rechtzeitig Bescheid gegeben, Nauarch Kimon.«
»Wirklich? Na, es spielt jetzt keine Rolle mehr. Du bist hier. Es gibt keine ernsten Probleme mehr, die erörtert werden müssten. Tatsächlich denke ich, wir können unsere Becher auf einen guten Tag heben. Dann könnt ihr zurück zu einem Abendessen und einem erholsamen Schlaf.«
Kimon hob seinen Becher, und alle, die in den kleinen Raum gedrängt waren, taten es ihm nach. Die Stimmung war heiter, und nur Ephialtes stand wie ein Gewittersturm an der Tür. Die versammelten Offiziere der Flotte unterhielten sich ungezwungen, während sie zu gehen begannen, und stellten so wieder den Klang von Zufriedenheit und Freundschaft im Raum her.
»Ich möchte gerne, äh … Strategos Ephialtes?«, sagte Kimon. »Ich möchte mich gerne mit dir unterhalten.«
Ephialtes nickte knapp und wartete, während die anderen an ihm vorbeigingen. Eine Anzahl von ihnen warf ihm Blicke zu, von denen einer oder zwei belustigt waren. Er selbst starrte nur, so finster er es vermochte, zurück.
Über ihnen konnten sie gedämpfte Rufe nach den wartenden Booten und die Schritte von über das offene Deck gehenden Männern vernehmen. Der enge Raum war nur ein Teil des Frachtraums am Heck. Perikles sah, dass an einem Ende Säcke mit Mehl gestapelt waren, die vorher nicht da gewesen waren. Der Raum war selbst für die ranghöchsten Männer zu klein, aber als sie Kimon und Perikles mit dem Strategos von Athen allein ließen, schien er dennoch mit einem Echo widerzuhallen.
Perikles verbeugte sich und trat zu Tür, um den beiden ihre Privatsphäre zu lassen. Er konnte sich vorstellen, was Kimon sagen würde, und er war sich nicht sicher, ob er ein Zeuge dessen sein wollte, vielleicht einer, an den Ephialtes sich später erinnern würde. Er hatte die Tür schon halb geöffnet, als Kimon sprach.
»Bleib bitte hier, Perikles«, sagte Kimon. »Ich möchte gerne, dass du bestätigst, was hier passiert.«
Perikles sank das Herz. Er konnte Attikos im offenen Türrahmen sehen. Der Ausdruck des Mannes war verwirrt. Zweifellos würde er lauschen, dachte Perikles.
Ephialtes spürte scheinbar ebenfalls, dass Ärger in der Luft lag. Seine Reaktion darauf war, dass er in die Offensive ging und sprach, bevor Kimon fortsetzen konnte.
»Was bedeutet das alles? Die Männer wegzuschicken und mich hierzubehalten? Mir zu spät Bescheid zu geben und das Treffen zu beenden, wenn ich ankomme! Ich bitte mir nur den Respekt aus, der mir meinem Rang nach zusteht, Nauarch, nichts weiter.«
»Wenn ich dich von deinen Pflichten entbinde, Ephialtes, wirst du niemals einen Namen in Athen haben.«
Ephialtes verengte die Augen. »Wenn du so etwas ohne guten Grund wagen würdest, Archon Kimon, dann zwänge ich dich selbst vor Gericht. Ist dir das klar? Du stehst nicht über dem Gesetz! Ich bin überrascht, dass ich das einem Sohn des Miltiades sagen muss! Wenn du vorhast, meinen Namen aus Bosheit oder Neid zu zerstören, dann wirst du dem Schaden, den du anrichtest, nicht entgehen!« Ephialtes warf Perikles, der angesichts dessen, was er hörte, wie vom Donner gerührt dastand, einen Seitenblick zu. »Egal, wer deine Freunde sind.«
Perikles beobachtete Kimon. Praotes war eine Form von Ruhe, aber keine Ruhe unter Freunden oder an einem sonnigen Tag. Männer riefen Praotes im Sturm herbei, wenn sie am meisten zählte. Diejenigen, die sie besaßen, rühmten sich, einer Katastrophe mit einem freundlichen Lächeln zu begegnen. Kimon setzte sie eindeutig jetzt ein.
»Ich befehlige die Flotte, Ephialtes. Nein, erlaube mir zu antworten. Wir haben mit Persien keinen Frieden geschlossen. Wir bleiben in Kriegsbereitschaft, zumindest für den Moment. Daher werde ich nicht versuchen, dich von meiner Sicht der Dinge zu überzeugen. Was auch immer der Grund für deine Feindseligkeit ist, ich teile sie nicht. Ich bin ebenfalls ein Athener, aber ich bin auch Nauarch einer größeren Flotte und verantwortlich für die Disziplin und das Verhalten aller Kapitäne unter meinem Befehl. Männer wie du, Strategos. Ich könnte erfahrenere Kapitäne auf deine Schiffe beordern – und vielleicht sollte ich das.«
Ephialtes begann wieder zu sprechen, verstummte aber, als Kimon seine Hand hob. Sein Gehorsam schien ihn zu kränken, sodass sich seine Gesichtsfarbe noch weiter zu ziegelrot vertiefte.
»Als Nauarch will ich unsere Seemacht aufrechterhalten … und als Athener möchte ich nicht sehen, wie einer meiner eigenen hochrangigen Männer in der Flotte gedemütigt oder lächerlich gemacht wird! Daher wirst du die schlimmsten unter deinen Männern auf ihre früheren Schiffe zurücksenden. Ich hätte bei denen, die zu dir hinübergeschickt wurden, auf eine bessere Auswahl bestehen müssen, sodass es nicht nur der Bodensatz war.«
»So kam das also alles zustande!«, sagte Ephialtes. »War das aus Spaß oder um mir eine Lektion zu erteilen? Ich hätte wissen müssen, dass …«
Kimon ging über ihn hinweg, als hätte dieser nichts gesagt. »Ich werde vier Dutzend von den besten, die wir haben, zu deinen Mannschaften schicken. Wenn du dann immer noch zu wenige Männer hast, wirst du mit ihnen auskommen müssen. Du wirst feststellen, dass diejenigen, die ich dir schicke, eine völlig andere Qualität besitzen als die, die du jetzt hast. Wir werden den Austausch auf Zypern durchführen, und zwar morgen Abend, wenn Poseidon uns gewogen ist.«
»Ich denke nicht, dass …«
»Das ist ein Befehl, Strategos Ephialtes. Wenn du dich ihm verweigerst, wird keine Gerichtsverhandlung auf der Pnyx dich retten, wie mein Vater Miltiades herausfand. Es war Xanthippos, der an diesem Tag sein Widersacher war, wusstest du das? Perikles’ Vater, der für Athen handelte, um einen Mann zu belangen, der sich übernommen und viele das Leben gekostet hatte. Denk daher nicht für einen Augenblick, dass mir die Konsequenzen von Versagen oder Ehrlosigkeit nicht bewusst wären. Ich war da an jenem Tag. Ich verstehe es – und ich begrüße dennoch die Verantwortung, der Nauarch dieser Flotte zu sein. Begreif das, Ephialtes – und wir werden gut miteinander auskommen.«
Perikles sah mit an, wie ein weiterer Mann begriff, dass Kimon sich an einen höheren Standard hielt als beinahe jeder andere. Ephialtes klappte der Mund auf wie einem Fisch im Netz, während er Kimons Worte aufnahm. Als er nickte, war sein Gesicht sehr kalt.
»Ich vermute, du wirst niemals die Männer in meinen Mannschaften verstehen, Nauarch Kimon. Sie haben nicht deine Vorteile gehabt. Sie haben auch nicht gelernt, vor Macht zu knien, wie manche es bevorzugen würden. Dennoch akzeptiere ich deine Autorität in Gegenwart deines Zeugen. Du wirst nicht sagen können, dass ich das nicht getan hätte. Bin ich entlassen?«
Perikles konnte sehen, dass Kimon von der Gehässigkeit des Mannes verletzt war. Der Nauarch senkte den Kopf und drehte sich gleichzeitig weg, sodass er nicht sah, wie Ephialtes ging. Perikles stand einen Moment verlegen da, unsicher, ob er sich ebenfalls hinausschleichen sollte oder ob er noch immer gebraucht wurde.
»Ich muss ihn wirklich nicht für mich gewinnen«, sagte Kimon schließlich. »Ich will nur, dass seine Schiffe mit dem Rest mithalten.« Er lächelte, aber es lag Schmerz darin. »Was die Sache betrifft, ihn seines Kommandos zu entheben, so hat er wahrscheinlich recht. Ich könnte es vielleicht tun, aber die Volksversammlung würde mir womöglich alles wegnehmen, was mir etwas bedeutet.«
»Können sie das?«, fragte Perikles. »Der Bund ist inzwischen mehr als nur Athen. Vielleicht könntest du Nauarch bleiben.«
»Nicht, wenn sie jemand anderen als Befehlshaber der athenischen Flotte einsetzen«, erwiderte Kimon. »Wenn es zum Beispiel Ephialtes wäre …« Er schüttelte den Kopf. »Nein, ich werde vorsichtig vorgehen …«
Er brach ab, als Perikles zur Tür trat und sie öffnete. Attikos war da und sprang von seinem Horchposten auf. »Hab mir nur einen Riemen an meiner Sandale festgebunden«, sagte Attikos, dessen verschlagener Witz immer nahe an der Oberfläche war.
»Geh zu deinem Herrn zurück«, sagte Perikles kalt.
Der Mann verneigte sich und verschwand. Perikles schloss die Tür und seufzte.
»Du könntest Ephialtes den Fluss aufwärts schicken, an dem wir vorbeigekommen sind. Das würde ihm ein paar Tage lang etwas zu tun geben. Ich dachte, ich hätte da ein Segel gesehen, und Anaxagoras sagte, dass wir keine Landkarten der persischen Küste haben.«
Kimon blickte interessiert auf, obwohl er bereits den Kopf schüttelte. »Ich habe noch nie einen Mann erlebt, bei dem es wahrscheinlicher ist, dass er eine Meuterei durchmachen muss oder vielleicht sein Schiff in einem schlammigen Flussbett verkeilt. Nein, auch wenn es verführerisch ist, ich habe ihm das Angebot nicht leichtfertig gemacht. Ich werde ihm erstklassige Mannschaftsmitglieder geben – Männer, denen ich wirklich vertrauen kann. Ich hätte lieber seine Feindseligkeit, wenn ich dafür drei gute Kriegsschiffe bekäme, als seine Zufriedenheit und ihren Verlust.«
Perikles sah es kommen, bevor die Worte ausgesprochen werden konnten. Er öffnete den Mund, um zu widersprechen, und schloss ihn dann. Er ließ den Schlag herabfallen.
»Männer, denen ich vertraue … so wie dir, Perikles«, sagte Kimon.
Er hatte den Anstand, ein wenig verlegen auszusehen. Monate an Bord eines Schiffs mit Ephialtes würden brutal werden, aber das war die Natur des Heeresdienstes – und die Natur von Praotes. Perikles schluckte unbehaglich.
»Ich hätte gerne Anaxagoras, Zenon und Epikleos mit dabei«, sagte er.
»Du brauchst nicht zu handeln, Perikles. Ich gebe dir, was auch immer du willst. In sechs Monaten wird die Flotte stärker sein – und unser neuer Strategos wird gelernt haben, die See zu lieben.«
»Das hoffe ich.«
Kimon lächelte, aber dann veränderte ein Stirnrunzeln völlig sein Gesicht. »Du dachtest, du hättest ein Segel gesehen? Heute?«
Perikles machte eine abwehrende Geste. »Wahrscheinlich nicht. Auf die Entfernung hätte es ein Vogel sein können.«
»Niemand sonst hat die Sichtung von etwas gemeldet.«
»Ich ja auch nicht«, erwiderte Perikles mit einem Achselzucken.
Kimon nickte. Er traf eine schnelle Entscheidung. »Rudere bei Sonnenaufgang zurück, ja? Bevor wir die Segel hissen. Kundschafte alles bis zur ersten Flussbiegung aus und komm dann zurück.«
Artabazos wartete in der Dunkelheit. An den Uferbänken des Eurymedon gab es keine Feuer, nicht, solange die Griechen entlang dieser Küste vor Anker lagen. Auf Deck wie auch an Land aßen seine Heerscharen schweigend kaltes Essen. Es war, als ob in der Nähe ein Leviathan auf Beutejagd schwimmen würde. Er fühlte, wie ihm Schweiß die Wange hinablief, so als würde ihm eine Linie auf seine Haut gemalt. Er verrieb ihn und spürte, wie steif seine Muskeln geworden waren. Als er ein Junge gewesen war, hatte er einen Teller zerbrochen, den sein Vater geliebt hatte. Er hatte darauf warten müssen, dass er nach Hause kam, und sich stundenlang vor dessen Zorn und dem Riemen gefürchtet. Es war schlimmer als die eigentliche Bestrafung gewesen, da war er sich sicher. Das hier fühlte sich wie ein Echo dieser Angst an, mitanzusehen, wie das Tageslicht schwand, darauf zu warten, dass der Sturm zu grollen begann, die Entrüstung, die wachsende Wut und die Gewalt. Er merkte, dass er zitterte, und verfluchte seine Nerven. Er hatte ein Heer mit Scharen von Unsterblichen, eine größere Flotte als die der Griechen! Der König war bei ihnen, in einem Zelt, das mehr ein Palast als das Lager eines Soldaten war. Warum fürchtete er sich also? Gewiss war Artabazos doch sein Vater, der mit seiner Wut und seinem Riemen in der Hand nach Hause kam! So konnte man es sich besser vorstellen. Er holte tief Luft und griff nach einem klebrigen Bällchen. Eines mehr, um seine Nerven zu beruhigen und ihm beim Einschlafen zu helfen. Morgen früh würde die Flotte verschwunden sein.
Er zuckte zusammen, als in der Dunkelheit Geräusche laut wurden. Er hätte es lieber gehabt, dass Fackeln das Lager erhellten, aber sein eigener Befehl verbat sie. Es hatte sich wie der Schritt seines Vaters auf der Treppe angehört, der langsame Tritt, der ihm Angst einjagte. Er war nach Griechenland gegangen und hatte Athen in Schutt und Asche gelegt. Als Erwiderung darauf waren sie ihm nach Zypern gefolgt. Jetzt waren sie erneut gekommen, immer jagten sie ihn, quälten ihn in seiner Angst. Lasst mich schlafen, betete er. Ich werde gut sein. Bitte, lasst mich einfach schlafen.