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Perikles sah mit an, wie die Falten des Segels auf Deck in sich zusammenfielen, eingeholt von einem Dutzend williger Hände. Es war steif von Salz, markiert mit kristallenen Wirbeln und einem glitzernden Schein. Er sah auch die Stellen, an denen man es geflickt hatte. Stoff verschlechterte sich auf See wie alles andere. Es war kein Teil seiner Vision einer großen Flotte, aber die Realität bestand aus ständigem Reparieren. Auf gut geführten Schiffen passierte das für gewöhnlich, bevor irgendein unverzichtbarer Teil zerbrach oder ausfiel. Bei manchen Mitgliedern des Bundes, besonders bei denen mit älteren Schiffen, schien es vorzukommen, wann immer der Wind blies.

Er grinste beim Anblick von Anaxagoras und Zenon, die das Segel gemeinsam zusammenlegten. Obwohl sie unter der Mannschaft keine formelle Stellung besaßen, hatten sie sich nützlich gemacht. Perikles vermutete, dass Anaxagoras inzwischen aus dem Gedächtnis Pläne für ein Triremen-Kriegsschiff hätte zeichnen können, weil er so viel Zeit damit verbracht hatte, das Schiff zu inspizieren. Er hatte bereits die Konstruktion eines neuen Ruders vorgeschlagen, und Kimon hatte versprochen, es bauen zu lassen und auszuprobieren.

Die Ruder gaben ein lautes Rumpeln von sich, als sie unter Deck ausgezogen wurden, Länge über Länge, bis sie ins Wasser hinabgetaucht werden konnten. Früher hatten einzelne Ruderbänke die Schiffe langsam voranbewegt. Drei Reihen mit professionell trainierten Ruderern machten die Schiffe schneller – und Geschwindigkeit war Macht. Das hatten sie bei Salamis unter Beweis gestellt.

Mit dem eingerollten Segel und den dahinstreichenden Rudern schien die Flussmündung offen vor ihnen zu liegen. Perikles hatte eine plötzliche Vorstellung davon, geschluckt zu werden, und lachte nervös auf. Solche Dinge konnten müßige Fantasien oder Botschaften von den Göttern sein. Seine Mutter hatte in der Nacht vor seiner Geburt von einem Löwen geträumt. Er trug das immer noch mit sich, als ein Symbol für seinen Willen. Was auch immer es bedeuten mochte, das schlichte Wissen darum gab ihm Stärke.

Perikles sah mit an, wie der Kapitän zum Bug ging. Der Schiffsjunge war wie ein kleiner Affe den Mast hochgeklettert und hatte sich an der höchsten Stelle festgeklammert. Die gesamte Mannschaft war in fremden Wassern nervös. Perikles konnte das sehen. Unbekannte Strömungen konnten eine Trireme umwerfen, und natürlich verbarg das Wasser Felsen oder die großen Bänke aus Sand und Kieseln, die ein Boot so fest wie ein Liebhaber halten konnten. Mit Kimon und der auf sie wartenden Flotte würde das nur eine Blamage darstellen, aber es war dennoch etwas, das sie vermeiden wollten.

Perikles erkannte, dass die Flussmündung enorm war. Als sie das Meer erreichte, besaß sie die Form eines Fischschwanzes. Die Wasser waren zu brauner Farbe aufgewühlt und dickflüssig von Staub und Schlick, mitgeführt von Bergen, die er niemals kennenlernen würde. Er starrte in die Ferne, während das Schiff in das Frischwasser eindrang. Die Strömung war augenblicklich spürbar, und die Ruderer begannen sich ins Zeug zu legen und zu schwitzen, um ihre Geschwindigkeit zu halten. Sie fuhren hinein, ein einzelner Wurfpfeil im Zentrum des großen Kanals.

Die Strömung erschien weniger heftig, als sie das Meer hinter sich ließen. Als sie auf dem eigentlichen Fluss waren, trieben die Ruder sie in gutem Tempo voran. Die erste Biegung war immer noch weit weg. Zu beiden Seiten des Gewässers erhoben sich Hügel aus etwas, das wie roter Ton aussah, mit alten Bäumen und Gestrüpp, das sich auf stürzenden Hängen ans Dasein klammerte. Über ihnen flogen Vögel hinweg, die sich dicht am Wasser hielten. Es gab Leben hier.

Perikles konnte sehen, dass der Kapitän am Bug ruckartige kleine Bewegungen vollführte. Er wirkte beinahe selbst wie ein Vogel, während er sich genau umsah. Perikles empfand Mitleid mit ihm. Das Wasser war immer noch voller Schlamm; sie mochten einen Felsen noch nicht einmal erspähen, bevor er ihnen den Schiffsrumpf aufriss. In einem Moment von stolzem Andenken rief sich Perikles etwas ins Gedächtnis, das sein Vater einmal gesagt hatte. Wenn nichts anderes übrig blieb, gab es keinen Grund, Furcht zu zeigen. Wenn die Krise vorbei war, erinnerten sich die Menschen an diejenigen, die ihrem Tod mit Gemütsruhe begegnet waren. Er stand aufrecht auf Deck und blickte auf eine andere Welt hinaus als die, die er kannte.

Sie ruderten auf die erste große Flussbiegung zu. Die Uferbänke waren bis auf ein paar wilde Ziegen leer. Sie stoben auseinander, als sie das einzelne Schiff erspähten, was vermuten ließ, dass sie die Gestalten von Menschen oder menschliche Geräusche kannten. Perikles runzelte darüber die Stirn. Das Land war völlig verlassen. Er würde mit einer Entschuldigung zu Kimon zurückkehren müssen …

Der Junge am Mast stieß einen Warnruf aus. Perikles sah zu ihm hoch, weshalb er einen Moment zu spät das erblickte, was seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Der Kapitän hatte ebenfalls zum aufgewühlten Wasser hinabgeblickt. Er stierte mit offenem Mund, während der Keleustes rief, man solle ihm sagen, was sie sahen. Ein momentanes Durcheinander entstand, und immer noch konnte Perikles nur starren.

Jenseits der Flussbiegung wartete eine Flotte, deren Schiffe zu beiden Uferseiten verankert waren. Persische Heerscharen waren zu sehen, die marschierend im Dunst verschwanden. Noch als Perikles vor Erstaunen aufkeuchte, brüllte der Kapitän bereits Befehle, dass sie sich davonmachen sollten. Boote waren im Wasser, die bereits wie Raubtiere auf sie zuschossen, schmale kleine Dolche mit je sechs Ruderern. Perikles sah, wie sich ein Haufen von ihnen mit außergewöhnlicher Geschwindigkeit in ihre Richtung bewegte. Ihre Absicht war klar. Er fuhr herum, um seinen Schild zu holen, und da war Epikleos, der ihn ihm reichte. Mit dem Helm hoch auf seinem Haarbüschel ergriff Perikles Schwert und Speer, als sie ihm ebenfalls ausgehändigt wurden. Der Rest der Hopliten bewaffnete sich und stand bereit, um das Schiff zu verteidigen. Sie waren eine disziplinierte und erfahrene Mannschaft, und sie hatten lange Speere bereit, ehe die ersten Boote sie erreichten.

Unter Deck brüllte der Keleustes den Ruderern neue Befehle zu. Es war ein schwieriges Manöver, aber sie hatten es tausendmal geübt. Eine lange, langsame Wende mit komplett durchgezogenen Rudern würde sie noch weiter in feindliche Gewässer bringen. Stattdessen zogen auf einer Seite alle drei Ruderbänke hart zurück und kehrten ihre übliche Bewegung um. Die andere Seite zog weiterhin vorwärts. Es bedeutete, dass das Schiff sich beinahe um sich selbst drehte, aber in unbekannten Gewässern war es ein gefährliches Manöver. Die Trireme zitterte und knirschte, während sie sich umkehrte, wobei sie sich schrecklich weit ins Wasser lehnte.

Perikles stand auf dem offenen Deck und sah die messerschmalen Bote die Wasseroberfläche durchschneiden, um sie zu erreichen. Ebenso wie Ruderer beförderten sie Krieger, die auf einer Art mittigen Spiere knieten, Männer in persischer Rüstung, die er seit Zypern nicht mehr gesehen hatte. Er fühlte, wie ihm allein bei ihrem Anblick Kälte in den Magen drang. Männer wie diese hatten seinen Bruder getötet, an einem Ufer nicht besonders weit weg von dem, an dem sie waren. Er sagte sich, dass er nicht sein Gesicht abwenden würde, wenn sie auch Hunderte Male seine Albträume gefüllt hatten.

Als die Boote wie flackernde Schatten herankamen, wurden von ihnen aus Speere geworfen. Perikles hob sein Schild mit dem Rest der Hopliten an, sodass sich die Ränder überlappten. Er fühlte, wie der Aufprall ihn zurückschwanken ließ, als hätte er einen Schlag erhalten. Ein Dutzend mit Widerhaken versehener Dinge polterten auf Deck, rutschten und rollten unter ihre Füße. Ohne Warnung schlug Epikleos plötzlich eine Faust auf seinen Helm und trieb ihn nach unten, sodass er über seine Nase schrammte. Doch Perikles war dankbar. Die Welt durch diesen Bronzeschlitz zu betrachten war der Blick eines Soldaten. Er ließ ihn zu einer kälteren, tödlicheren Version seiner Selbst zurückkehren, in der jede Schwäche erstickte. Er hob den rechten Arm, um den Doryspeer zum Wurf bereitzuhaben, schleuderte ihn aber nicht. Seine momentane Aufgabe war es, das Schiff zu verteidigen. Die Nachricht über das, was sie gesehen hatten, musste zu Kimon zurückgebracht werden.

Obwohl sie bereits umgedreht waren, entstand immer noch eine atemlose Pause, während der die Ruderer sich bereit machten. In dieser Zeit hatten die Perser eine Flottille der schlanken Boote auf den Weg gebracht, die ihr Entkommen blockierten. Mehr Speere flogen in weitem Bogen von beiden Seiten auf sie zu, und einer der Hopliten wurde im Rücken getroffen. Mit einem Ächzen fiel er zu Boden, und Perikles hatte keine Zeit, um herauszufinden, ob seine Rüstung ihn gerettet hatte, denn noch mehr kam durch die Luft geschwirrt, und er musste sich unter seinem Schild ducken. In blinder Wut hätte er beinahe seinen eigenen Speer geworfen, aber da ertönte die Stimme des Lochagos, ruhig und leicht gereizt.

»Wartet ab! Niemand wirft, bis ich es sage. Jeder verlorene Speer kommt aus eurem verdammten Sold.«

Perikles ertappte sich dabei, dass er grinste, bis ihn die Wangen schmerzten. Anaxagoras und Zenon waren an seine Seite gekommen. Jeder von ihnen trug einen alten Schild, der von etwas wie Draht und Nägeln in dem Holz zusammengehalten wurde. Sie hatten in tausend Stunden mit Schwert und Speer auf Deck geübt, aber die Realität von bewaffneten Persern, die es auf ihren Tod angelegt hatten, war etwas Neues. Perikles begriff, dass sie Anweisungen von ihm erwarteten.

»Bewahrt nur die Ruhe«, sagte er.

Ein paar der Hopliten hörten ihn und nickten. Panik war der Feind, und das in größerem Maße als die Perser. Es war die erste Lektion, die sie alle gelernt hatten, und die eine, die Perikles sich gemerkt hatte: Panik tötete mehr Menschen als Pest, Pocken oder unerwiderte Liebe zusammen. Perikles holte tief und langsam Luft und fühlte sich in der Lage, seinen Freunden zuzulächeln.

»Unsere Aufgabe ist es, zurück zur Flotte zu kommen«, sagte er, »nicht diese kleinen Boote zu bekämpfen.«

Während er noch sprach, rief der Keleustes nach einem schnelleren Takt. Die Ruder tauchten tief ein, und die Männer zogen sie gleichzeitig durch, um ein größeres Tempo zu erzwingen. Sie waren eingekreist, mindestens ein Dutzend der dolchartigen Boote schwirrten und knarrten um sie herum. Pfeile flogen zwischen den schwankenden und ins Wasser tauchenden Hüllen hin und her, dabei musste gutes Zielvermögen beinahe unmöglich sein. Perikles dankte Poseidon dafür, oder vielleicht war es Artemis, die sie ihr Ziel verfehlen ließ.

Einige der Angreifer hatten die Trittstufen an der Außenwand des Schiffs erreicht und kletterten daran hoch. Sie verließen sich auf Geschwindigkeit, um den Feind zu überwältigen, wurden aber mit vergoldeten Schilden empfangen und von unerbittlichen Hopliten durchbohrt. Sie fielen zurück ins Wasser. Andere packten die Ruder, doch es war schwer zu sagen, ob sie versuchten, von ihnen aus weiterzuklettern oder einfach nur den Ruderschlag zu verderben. Wegen der Kletterer, die plötzlich überall waren, hatte Perikles die Vorstellung von einem Löwen, der zuckte und mit seinen Tatzen nach einer Horde beißender Ameisen schlug.

Zwei Männer tauchten neben ihm über der Bordwand auf, rollten auf das offene Deck und kamen auf die Beine. Sie waren tropfnass und sahen so ramponiert aus, als hätten sie versucht, auf einem Ruderblatt zu reiten, und seien ein Dutzend Mal untergetaucht worden. Perikles stieß seinen Speer mit Ausfallschritt und Rückzug in die Brust des ersten. Er schickte ihn über die Bordwand, ohne dass dieser überhaupt nur einen Schmerzensschrei von sich gab. Der andere wurde von einem Hopliten angegriffen. Drei krachende Schläge ertönten, aber der Ausgang des Kampfs war nie zweifelhaft, und das Blut des Mannes spritzte hell über die Bordplanken und tropfte zum Unterdeck darunter hindurch.

Vor ihnen ertönte ein lautes, krachendes Geräusch. Perikles duckte sich hinter seinen Schild, um zu erspähen, wo es herkam. Er sah, wie sich das Ende von einem der Boote aus dem Wasser hob, als die Ramme des Kriegsschiffs es zerschmetterte. Entsetzte Männer sprangen auf den Bug und verfehlten ihn. Sie fielen ins Wasser und wurden unter den Kiel gezogen.

Perikles schauderte bei der Vorstellung, wie sie sich in diesem dunklen Gewässer wieder und wieder überschlugen. Doch es bedeutete, dass das athenische Schiff frei war. Die Flussmündung und die offene See lockten sie. Perikles bemerkte, dass die Boote zurückgerufen wurden. Ein trauriges Horn erklang am Ufer, und mit Flüchen und deutlichen Gesten gaben die Perser die Verfolgung auf.

Keuchend sah er mit an, wie Anaxagoras und Zenon dabei halfen, das Schiff von einem halben Dutzend Leichen freizuräumen. Pfeile und Speere ragten aus Bug und Deck. Sie wurden losgerissen und über Bord geworfen oder als Trophäen behalten.

Epikleos war einer von denen, die zu Boden gefallene Ausrüstung aufsammelten, bevor wertvolle Dinge über die Bordwand rutschten. Ausnahmsweise einmal war Perikles nicht in der Stimmung, dabei zu helfen, wenn er auch dem älteren Mann auf die Schulter klopfte, während er an ihm vorbeiging. Die Gewalttätigkeit war aus dem Nichts gekommen, aber es war das, was er gesehen hatte, was ihm einen Schock versetzt hatte. Perikles hatte schon einmal zuvor eine persische Flotte gesehen, vom Ufer der Insel Salamis aus, mit seiner Mutter, Schwester und seinem Bruder an seiner Seite. Damals hatte der Anblick das Ende der Welt bedeutet, mit Athen in Flammen. Er wusste nicht, was das hier bedeutete, aber es füllte ihn mit einem kalten Zorn, der ihn mit seiner Intensität überraschte.

Vier ihrer Hopliten waren getötet worden. Sie wurden unter Deck getragen, um dort in Segeltuch gehüllt und mit Würde behandelt zu werden. Ein Dutzend Perser wurde ins Meer geworfen. Es hatten mehr das Deck erreicht, als Perikles aufgefallen war. Alles war viel knapper ausgegangen, als er gedacht hatte. Während er es mitansah, wurde der Letzte von ihnen über die Bordwand gerollt und fiel auf die Ruder darunter. Für eine Weile schien der Leichnam dort beinahe zu tanzen, zerschmettert und taumelnd, jedoch weiterhin aufgehalten. Während Perikles vom Deck aus hinunterstarrte, fiel der Mann endlich zwischen den Rudern hindurch und mit dem Kopf voran in die Tiefe.

 

Die Neuigkeiten verbreiteten sich in der Flotte wie vom Wind angefachte Funken. Offiziere des Bündnisses und hochrangige Kapitäne kamen so schnell zum Flaggschiff, wie man sie hinüberrudern konnte. Sie wurden ebenso schnell mit neuen Befehlen zurückgeschickt, während die Flotte sich auf den Krieg vorbereitete.

Kimon verspürte eine grimmige Freude, da er endlich in seinem Element war. Tausend unterschiedliche Dinge mussten entschieden und Hunderte von Befehlen erteilt werden. Befriedigung ging von ihm wie Hitze aus. Eine Weile fragte sich Perikles, ob man ihn nur als Zeuge auf das Flaggschiff gerufen hatte. Dann schritt Kimon zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Der Mann hatte gerade ein Dutzend Kapitäne mit Befehlen weggeschickt, ihre Hopliten am Ufer landen zu lassen und sie unter die Befehlsgewalt des ranghöchsten Mannes zu stellen.

»Du hattest also recht. Dein Instinkt, Perikles! Jetzt haben wir eine Gelegenheit, unser Jagdrudel gegen den alten Feind auszusenden.«

»Wir greifen sie an?«, fragte Perikles.

Kimon nickte. »Jede Stunde, die wir verlieren, ist eine mehr für sie, um sich vorzubereiten. Ich könnte einen Monat lang einen Überfall planen und trotzdem scheitern.« Er schluckte, mit einem Mal war sein Blick düster. »Erzähl es mir noch einmal – wie viele haben sie?«

»Ich konnte sie nur kurz sehen, aber es waren viele Tausend. Mehr als wir.«

»Dann muss ich unsere Mannschaften ebenfalls landen lassen. Sie sind alle trainiert und fit wie Hunde. Wenn sie Schwerter haben, werden sie kämpfen, nicht wahr?«

Perikles erkannte, dass Kimon seine Zustimmung für die Entscheidungen haben wollte, die er traf. Er konnte ihn nicht dafür tadeln, dass er deren Gewicht verspürte. Kimons Vater war überstürzt gegen eine persische Stellung vorgerückt und war überwältigt worden. Der Strategos war als verwundeter und gebrochener Mann nach Athen zurückgekehrt, wo die Bewohner der Stadt zuvor seinen Namen skandiert und ihm Blumen vor die Füße geworfen hatten. Der Gedanke daran, dass die Geschichte sich wiederholen mochte, musste entsetzlich sein, aber Perikles stimmte seiner Schlussfolgerung zu. Es kam ihm in den Sinn, dass er das tatsächlich sagen sollte, dass Kimon es hören musste.

»Sie werden begeistert sein, ja. Es ist die richtige Entscheidung.«

Er sah das leichte Flackern in Kimons Blick, das bedeutete, dass er gehört und verstanden hatte. Die Antwort lag darin, wie schnell er ihn am Arm ergriff, der einzige Dank, den er bekommen würde.

»Ich kann ihre Schiffe verbrennen, wenn wir ihr Heer gebrochen haben«, sagte Kimon. »Ich schicke ein paar von unseren den Fluss hinab, um sie da beschäftigt zu halten – Feuerpfeile werden Panik verursachen.«

»Denk an diese kleinen Boote. Die werden sie einsatzbereit haben.«

»Dann werden unsere Kapitäne sie abwehren müssen, so wie ihr das getan habt. Ich kann nicht alles selbst machen. Sag es allen weiter, Perikles. Alle Mannschaften müssen an Land – fahrt mit höchster Geschwindigkeit an die Ufer.«

»Wir werden Schiffe verlieren«, erwiderte Perikles.

»Wir werden alles verlieren, wenn wir es nicht tun. Heute zählt Geschwindigkeit. Wenn ich meine Mannschaften in guter Ordnung an Land gehen lasse, eine nach der anderen, werden sie warten – und wir werden abgeschlachtet. Unsere beste Chance liegt in einem Massenangriff, alle gemeinsam und alle zur gleichen Zeit. Also: Hopliten und Mannschaften in Schiffsformationen. Den Befehl haben Lochagoi, Strategoi und Offiziere des Bundes. Mein Befehl ist endgültig. Haltet nach meinen Boten Ausschau, wenn ihr eure Stellungen bezogen habt. Für eine Weile wird Chaos herrschen, aber …«

Er brach ab und packte einen Boten, als der Mann versuchte, an ihnen vorbeizueilen. »Du. Alle Kapitäne sollen zum … wie heißt dieser verdammte Fluss, weiß das jemand?«

»Ich weiß es nicht, Kyrios. Es tut mir leid.«

»Mach dir keine Gedanken darüber. Gib nur die Nachricht weiter. Ich habe Ephialtes noch nicht gesehen. Bring diese Befehle zu ihm. Jedes Schiff soll mit größter Geschwindigkeit flussaufwärts fahren. Formiert euch am Ufer und wartet auf weitere Befehle. Sowohl Ruderer als auch Hopliten sollen an Land gehen. Verstanden?«

Der Mann nickte, dann eilte er seinen vorherigen Weg weiter, auf der Suche nach einem Boot, das ihn vom Flaggschiff fortbringen würde. Während die Nachrichten sich verbreiteten, war die Flotte nahe an die Flussmündung herangekommen. Sie blockierten den Fischschwanz, und niemand würde hinauskommen, nicht bevor sie nicht ein weiteres Mal auf die persische Streitmacht getroffen waren.

Perikles ertappte sich wieder dabei, dass er grinste, wenn es auch freudlos war und sein Mund schmerzte. Er hasste Chaos, aber Kimon hatte recht. Es gab Zeiten, in denen ein guter Anführer eine Handlung mit Umsicht und Zeit planen musste, wobei das Terrain und die Versorgung zu berücksichtigen waren. Es gab andere Zeiten, wenn es besser war, einfach loszustürmen und auf den Feind einzuschlagen. Perikles rieb sich das Kinn. Natürlich war das Schwierige daran, zu beurteilen, welche Zeit die richtige war.

Der Mann, den Kimon fortgeschickt hatte, war plötzlich wieder da.

»Eurymedon, Kyrios.«

Verwirrt blickte Kimon ihn an. »Was?«

»Der Name des Flusses, Kyrios. Ich hörte, wie ihn einer der Männer so nannte. Du wolltest es wissen.«

»Der Eurymedon«, sagte Kimon.

Der Mann nickte und verschwand, während Kimon sah, dass eine völlig neue Gruppe an Deck kletterte. Er ging, um sie zu treffen, und Perikles winkte dem Boot zu, das am Bug wartete.

Er und seine Mannschaft gingen, um die Perser ein weiteres Mal zu stellen. Während die Sonne sich noch erhob, würde er im Zorn sein Schwert ziehen und sein Leben aufs Spiel setzen. Als er an dem Trupp von Naxos vorbeikam, merkte er, dass er zitterte. Es ärgerte ihn, als hätte sein Körper ausgerechnet diesen Moment gewählt, um ihn im Stich zu lassen. Nein, es war Freude, sagte er sich, oder Aufregung. Sein eigener Vater hatte bei Marathon gestanden, während Männer wie Aristides und Pausanias die Perser bei Platäa zurückgeworfen hatten. Wenn sie sich ein drittes Mal in solcher Anzahl versammelten, dann konnte das nur bedeuten, dass sie einmal mehr vorhatten, in ihr Land einzufallen. Allein daran teilzuhaben erfüllte ihn mit Entschlossenheit. Er hatte sein ganzes Leben lang dafür trainiert.

Er stieg zu dem wartenden Boot hinab und saß am Bug, während es zu seinem eigenen Schiff hinübergerudert wurde. Seine Mannschaft würde inzwischen auf Nachrichten brennen. Sie waren die Einzigen in der ganzen Flotte, die vom Kampf gezeichnet waren. Er konnte sehen, wie sie an Deck standen und ihre Augen abschirmten, um ihn beim Herankommen zu beobachten. Er zwang sich, den Knauf der Kopis in seinem Gürtel zu packen, bis das Zittern aufhörte.

Als er sein eigenes Deck erreichte, kam ihm kurz das Theater in Athen in den Sinn, die Menschenmassen, die allein durch Worte zu Tränen gerührt oder zum Lachen gebracht wurden. Wenn Kimon an diesem Tag verlor, würde all das aus der Welt verschwinden. Perikles erinnerte sich daran, dass Aischylos mehr als nur ein Theaterdichter war. Der Mann hatte bei Marathon gestanden. Sein eigener Bruder war dort getötet worden.

Athen war die Pnyx und das Volk. Es waren auch dessen Geschichten und Gedanken und Erfindungen. Dennoch konnte das alles in Flammen aufgehen. All diese Dinge konnten verloren gehen, solange es nicht gewalttätige Männer gab, die willens waren, auf ein weitaus größeres Heer als ihr eigenes zuzumarschieren.